Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 172.
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Donnerstag, den 5. September.
Nachdrud yerboten.)
Pelle der Eroberer.
Von M. Andersen Nero. Uebersetzt von Mathilde Mann . Er hätte sich schon durchschlagen wollen, wenn da nur was zum Bugreifen gewesen wäre.- Der Tarif war ordentlich genug! Er hatte nur den verhängnisvollen Fehler, daß er nicht gegessen werden konnte. Alles in allem schien eine Verschiebung zum Nachteil des Handwerkers eingetreten zu sein, und um es noch unheimlicher zu machen, hatten ihm die Großbetriebe den Ausweg versperrt, sich niederzulassen und selbständig zu werden. Da war nicht einmal eine kleine Hintertür mehr offen! Belle konnte sich die Sache ebensogut gleich wie später aus dem Kopf schlagen; um jetzt Meister zu werden, hatte man Kapital und Kredit nötig. Das beste, was die Zukunft jest in ihrem Schoß hatte, war eine endlose und aussichtslose Wanderung nach der Fabrik und wieder zurück von der Fabrik.
Er war auf einmal wieder mitten hinein verfekt in die alte Frage; der ganze Zustand entrollte sich ganz von selbst vor ihm, es nutte nichts, die Augen zu schließen. Er hatte den besten Willen, sich nur seiner eigenen Angelegenheiten anzunehmen und fümmerte sich um nichts weiter; aber das eine führte das andere mit sich, und er mochte nun wollen oder nicht, es sammelte sich zu einem Ueberblick über den Zustand. Der Zusammenschluß hatte nach außen hin die Probe bestanden, die Arbeiter waren gut organisiert und hatten ihr Koalitionsrecht behauptet, man konnte ihre Organisationen nicht mehr umgehen. Die Löhne waren auch beträchtlich geStiegen, und der Sinn für das Heim hatte bei den Arbeitern selbst zugenommen, viele von ihnen waren aus ihren Höhlen in neue Zwei- und Dreizimmerwohnungen gezogen und hatten hübsche Möbel bekommen. Ihre Ansprüche an das Dasein waren gestiegen, aber alles war auch teurer geworden, und das Leben war beständig das gleiche, von der Hand in den Mund. Er konnte sehen, daß die soziale Entwickelung nicht mit der mechanischen Schritt gehalten hatte; die Maschinen trieben sich still aber unerbittlich zwischen die Arbeiter und die Arbeit hinein und warfen immer mehr Männer auf die Straße hinaus. Die Arbeitszeit war nicht wesentlich verkürzt, der Staat schien fein besonderes Interesse daran zu haben, die Arbeitenden zu beschüßen. Aber er nahm sich der Invaliden der Arbeit jezt mehr an als früher, in die Armenversorgung war Schwung gekommen. Er fonnte nicht ein Gesetz entdecken, das regulierend eingriff, dahingegen eine ganze Reihe von Gefeßen, die den Zuständen ein Pflaster auflegten. Es wurden eine Menge verschiedener Unterstüßungen ausgeteilt, immer hart an der Hungergrenze; immer mehr mußten ihre Zuflucht dazu nehmen. Das beraubte sie nicht ihrer bürgerlichen Rechte, machte sie aber zu einer Art politisch ausgehaltenem Proletariat.
So sah die Märchenwelt, an deren Eroberung Belle teil. genommen hatte, jest aus, wo er zurückkehrte und sie mit neuen Augen ansah. Die Welt war nicht neugeschaffen, etwas Starkes, menschlich Tragendes schien die Bewegung nicht abgesezt zu haben. Es sah so aus, als wenn sich die Arbeiter ruhig aus dem Spiel ausscheiden ließen, wenn sie nur ihr Geld zum Spazierengehen erhielten. Wo war ihr alter Stolz geblieben? Sie hatten sich offenbar die bürgerliche Moral zugelegt, da sie sich gutwillig aufs Altenteil seßen ließen. An Macht fehlte es ihnen nicht, die ganze Welt fonnten sie dahin bringen, daß sie hinwelfte und hinstarb, ohne auch nur einen Blutstropfen zu vergießen nur durch ihren ZuSammenschluß. Was ihnen fehlte, war Verantwortung. Die tragende Idee der Bewegung war scheinbar spurlos an ihnen borübergegangen!
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Belle grübelte darüber hin und her, aber er schliff die Pflastersteine in vergeblichem Suchen. Der Ueberblick drängte sich ihm von selbst auf, und da waren Kräfte in ihm selber und von außen her, die darauf hinarbeiteten, ihn in die Bewegung hinüberzudrängen und vorwärts in die Führerstellung. Aber er schob das von sich, jest wollte er für seine Familie arbeiten.
1912
Er fischte sich eltvas Flidarbeit bei den Nachbarn auf und half im übrigen Ellen Wäsche aufhängen und die Rolle drehen, man mußte die Ehre beiseite seßen und froh sein, daß sie etwas hatte. Sie freute sich über die Hilfeleistung, fonnte es aber nicht leiden, daß jemand es sah, daß er sich mit Frauenarbeit befaßte.
Das ist nichts für einen Mann," sagte sie und sah ihn mit Augen an, die besagten, wie glücklich sie über seine Ge ſellschaft war.
Sie liebten es, zusammen zu sein, genossen es auf eine eigene, stille Weise, ohne viele Worte. Es war viel geschehen, aber Belle wie auch Ellen ließen sich Zeit. Keins von beiden war schnell mit dem Wort bei der Hand, aber sie tasteten fich durch Pausen zum Verständnis und rückten einander während des Schweigens näher. Jeder wußte, was der andere gelitten hatte, ohne daß es gesagt zu werden brauchte; die Zeit hatte an ihnen beiden gearbeitet.
Ueber ihrem neuen Zusammenleben wehte kein Sturm, die Tage glitten still dahin, schwer gemacht von den verflosse nen Jahren. Ellens Gemüt barg weder Jubel noch Bor würfe. Sie war ihm gegenüber vorsichtig, fast scheu wie das erstemal, als sie einander begegneten; hinter all ihrer Güte und Fürsorge lag derselbe Schimmer jungfräulicher Unnahbarkeit wie damals. Sie nahm seine Liebkosungen still hin, selbst gab sie zunächst, indem sie etwas für ihn war. Er merkte, wie jede kleine häusliche Arbeit, die sie für ihn verrichtete, aus ihr herauswuchs gleich einer mütterlichen Lieb fosung und ihn in ihr Herz einschloß. Er war dankbar da. für, aber das war es nicht; dessen er am meisten bedurfte. Wenn sie in der Dämmerung zusammensaßen und die Kinder im Zimmer umherkrochen und spielten, schwieg sie am liebsten und beobachtete ihn verstohlen; sobald er das bemerkte, verkroch sich das Tiefe in den Augen. Forschte sie wieder nach seinem verborgenen Wesen wie in ihrer ersten Beit? Es war, als rufe fie nach etwas in ihm, wolle sich selbst aber nicht zu erkennen geben. So konnte eine Mutter auch dasigen und nach der Zukunft ihres Kindes spähend hinausstarren. Liebte sie ihn denn nicht? Sie hatte ihm all das Ihre gegeben, ihm Kinder geboren und getreulich dagesessen. und auf ihn gewartet, als die ganze übrige Welt die Hand von ihm gezogen hatte, und doch war er nicht sicher, daß sie ihn jemals geliebt hatte.
Belle war der Liebe nicht als etwas Unbändigem be gegnet, die Bewegung hatte den Ueberschuß seiner Jugend aufgezehrt. Aber nun stand er hier gleichzeitig mit dem Frühling von neuem geboren und empfand es plöglich wie Straft in sich. Jetzt wollten er und Ellen anfangen, denn jetzt war fie alles! Das Leben hatte ihn Ernst gelehrt, und das war nur gut. Er entsegte sich darüber, wie leichtsinnig er Ellen zu sich genommen und sie erst zur Mutter gemacht hatte, ohne sie zuvor zur Braut zu machen. Das Frauenherz mußte grundlos sein, da sie darüber nicht zerbrochen war, sondern beständig dastand und noch immer ebenso unberührt darauf wartete, daß er sie gewinnen würde. Sie hatte sich darüber hinweggeholfen, indem sie Mutter war!
Und würde er sie denn jemals gewinnen? Wartete fie wirklich noch oder hatte sie sich beruhigt?
Er liebte sie so heftig, daß alles an ihr verklärt wieder fehrte, glücklich in dem Bewußtsein, daß sie sein Schicksal war. Nur ein Band oder eine gewürfelte, dünngeschliffene, baumwollene Schürze und jeder kleine Gegenstand, der zu ihr gehörte, nahm eine wunderlich warme Farbe an und erfüllte den Sinn mit Süße. Ein Blick oder eine kleine Berührung machten ihn schwindelig vor Glück und ließen seinen Sinn in Wogen von heftiger Wärme gegen sie anstürmen. Sie lächelte ruhig und drückte freundlich seine Hand, es zündete nicht. Sie hatte ihn lieb und versagte ihm nichts, aber er hatte trotz alledem ein Gefühl, als wenn sie ihm ihr innerstes Wesen vorenthalte. Wenn er da hineinsehen wollte, verschloß sie sich mit Freundlichkeit.
4.
Belle war wie jemand, der nach jahrelanger Land. flüchtigkeit heimkehrt und wieder versuchen muß, sich in ein persönliches Verhältnis zu dem Ganzen zu bringen. Die Am nestie galt nur bis zur Türschwelle, für das eigentliche musta