Ilnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 177. Donnerstag, den 12. SeptemEer. 1912 (NachdruS vervoien.» 16] pelle der Gröberer Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann . Eines Abends schmiß er das Schurzfell hin und ging aus. Es wurde spät, ehe er nach Hause kam, Ellen stand in der Tür und erwartete ihn mit verwundertem Gesicht. Sieh, hier ist Geld, mein Kind, was gibst Du mir da- für?" sagte er flott und zahlte einhundertachzig Kronen in Scheinen vor sich auf. Ellen starrte überrascht das Geld an: ein so großes Kapital hatte sie noch nie in Händen gehabt. Wo hast Du doch nur einmal all das Geld herbe- kommen?" fragte sie endlich. Ja, ich bin auch den ganzen Tag von dem einen zu dem anderen gerannt," sagte Pelle vergnügt,aber schließlich wurde ich an einen Mann in der Blaagaardsttaße gewiesen. Der gab niir zweihundert Kronen gegen Pfand auf das Mobiliar." Aber hier sind doch nur einhundertachtzig Kronen." Na ja, er zog ja gleich zwanzig ab. Das Darlehen soll mit zwanzig Kronen den Monat in fünfzehn Monaten abge- zahlt werden. Ich mußte unterschreiben, daß ich dreihundert Kronen geliehen habe, aber dann brauchen wir auch keine Zinsen zu bezahlen." Ellen starrte ihn wie vom Blitz getroffen an.Drei- hundert Kronen, und wir haben nur einhundertundachtzig bekommen, Pelle!" Aber plötzlich schlang sie die Arme um 'einen Hals und küßte ihn heftig.Hab' Dank!" flüsterte sie. Sr war ganz verwirrt, es sah ihr gar nicht ähnlich, so gewalt- fam zu sein. Sie machte sich geschäftig daran, den Saal zu mieten und instand setzen zu lassen: die losen Balken mußten doch befestigt und die Wände ausgeflickt und ein wenig getüncht werden. Der alte Bauer wollte gern vermieten, aber von Unkosten wollte er nichts hören: und schließlich bekam Ellen ihn doch dahin, daß er die Hälfte der Instandsetzung bezahlte, wohin- gegen sie auf ein Jahr mieten und im voraus bezahlen mußte.Wir können meinen Bruder Frederik bitten, daß er es Sonntag vormittags ein wenig zurecht macht." sagte sie zu Pelle,dann kommen wir selbst am Ende gratis davon." Sie war überhaupt sehr auf ihren Profit aus. Aber das tat auch not, die Miete verschlang die hundert Kronen, und dann waren da alle die Anschaffungen. Sie kaufte billigen Kattun in einer Unmenge von Ellen und bängte ihn auf, so daß eine Reihe kleiner Kojen längs der einen Seite des Saales entstanden, in jede Koje kam ein ge- brauchtes Bett mit einer Heumatratze und ein Waschgeschirr- ständer.Artisten nehmen es nicht so genau." sagte sie. Und ich glaube wirklich, daß ihnen der Saal zu ihren Hebungen sehr willkommen sein wird!" Endlich waren da die beiden kleine Anrichtezimmer, die ein wenig hübsch aus- gestattet werden sollten für besonders anspruchsvolle Artisten. Das Geld reichte nicht annähernd, man mußte eine Menge auf Kredit nehmen. Aber dann war auch das Ganze bereit, die freien Vogel aufzunehmen: und ganz flott war es im Verhältnis zu den Mitteln: Pelle mußte ihre Geschicklichkeit bewundern, viel aus wenig zu machen. Jetzt galt es nur. die Vögel einzu- fangen. Aber hier versagte Ellens praktischer Sinn, sie ver- mochte den Pfiff nicht zu ersinnen.Wir müssen inserieren," sagte sie und zählte ihre Schillinge nach. Pelle lachte sie aus. Inserieren, um Leute cinzufengen, die sich, der Teufel weiß wo, auf Eisenbahnen und Dampfern befanden, das sollte wohl nützen!Was machen wir denn nur?" sagte sie und sah ihn ängstlich hilfesuchend an. Jetzt tvar er doch der Mann, der für das Ganze einstehen mußte. Ja, zu allererst mußte ein denftches Schild an der Haus- tür angebracht werden, und dann mußte man das Logis lv- kannt machen. Pelle hatte sowohl Deutsch als auch Englisch im Gefängnis gelernt und setzte selbst das Schild zusammen. Er ließ Karten drucken, die er in die Artistenkneipen oben an der Ecke der Westerbrückcnstraße legte, ging auch selbst ein paarmal nach Mitternacht dahin, wvnn sich die Artisten nach beendeter Arbeit versammelten und stellte sich an den Hinter- türen des Varietes auf. Das ward bald zu einer Aufgabe. wie alles, womit er sich beschäfttgte, und nun sollte dies durchgedrückt werden. Ellen sah verwundert und hilflos zu. Sie war auf einmal ganz bange geworden und verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit eine jede seiner Bewegun�n. Aber bald begann Leben in die Sache zu kommen. Die Mädchen, für die Ellen gewaschen hatte, interessierten sich für das Unternehmen und schickten ihr Logiergäste zu, und Lasse Fredrik, der in den Zirkusställen verkehrte, kam häufig mit irgendeinem russischen Stallknecht angezogen, der als Bauern- tänzer oder Kosakenreiter auftrat. Es kam vor, daß Leute von der ganz entgegengesetzten Seite des Erdballs bei ihr wohnten, da, wo sie mit dem Kopf nach unten gehen: Fakire und Zauberkünstler aus Indien und Japan, Schlangen- bündiger aus Tetuan, Leute mit blank geschorenen Schädeln oder mit einem langen, schwarzen Zopf, mit schiefen, melan- cholischen Augen, losen Hüsten und einer Haut, die Äehnlich- keit mit dem grünlichen Leder hatten, das Pelle zu Damen- stiefeln verwendete. Schwester war bange vor ihnen/ aber für Lasse Fredrik war dies ein Herrenleben. Es kamen auch dicke Tirolermädel immer zu dreien die in den Tingel- tangel jodelten und den ganzen Tag schrecklich aussahen. Die waren Ellens Verzweiflung. Und hin und wieder kamen ganze Trupps. Dann knarrten Trapeze und Ringe in dem großen Saal, spanische Tänzer trainierten, und der Jongleur übte neu Tricks ein. Es waren das alles Leute, die man am liebsten nicht außerhalb der Bühne sehen durfte. Ellen kam jetzt oft in den Zirkus und in die Varietäs, konnte aber nie so recht begreifen, daß die Auftretenden dieselben waren, die daheim in Schmutz und Unordnung herumgingen und ärger aussahen als das Unglück. Die meisten machten keine Ansprüche, sondern wollten nur alles billig haben, sie beköstigten sich selbst und lebten zuweilen Gott weiß wovon. Einige zündeten ganz einfach ein Feuer auf einer eisernen Platte auf dem Fuß- boden an und manschten sich etwas zusammen. Reis oder dergleichen. Sie könnten kein dänisches Essen vertragen, sagte Pelle. Zuweilen machten sie sich aus dem Staube, ohne zu be- zahlen, es geschah auch wohl, daß sie etwas mitnahmen, und ruinieren taten sie fürchterlich. Seide war nicht dabei zu spinnen, aber Ellen war vorläufig zufrieden, wenn die Sache nur ging, so daß sie die Miete herausschlug und die Ab- Zahlungen und ein wenig für ihre Mühe. Es war ihr stolzer Plan, die schlechten Elemente auszuschalten und das Ganze ein wenig vornehmer anzulegen, sobald nur die Sache gut in Schwung gekomnien war. Nun könntest Du recht gut die schlimmste Arbeit ab- weisen und Dich ein wenig sckwnen," sagte sie zu Pelle, wenn er dasaß und sich mit abgetragenem Fabriflchuhzeug ab- mühte, an dem weder Sohlen noch Oberleder war. DaS meiste Schuhzeug hatte anderswo Dienste geleistet, ehe es hier strandete, und wenn Pelle es in Behandlung bekam, war nicht mehr viel davon übrig.Sag doch nein dazu." meinte Ellen, das ist ein viel zu saurer Verdienst für Dich! Und nun können wir uns ja durchschlagen, ohne alles mitzunehmen!" In ihrer Herzensgüte fand sie, daß er Zeit haben müsse, sich seinen Büchern zu widmen, da das ja nun einmal seine schwache Seite war. Sie meinte es gut genug mit ihm, aber Pelle wollte nichts davon wissen, ein ästhetischer Tagedieb zu sein, ein Mann, der sich von seiner Frau ernähren ließ und den Gelehrten spielte. Von der Art gab es hier in der Gegend genug, und die Bewohner des Viertels sahen zu ihnen auf, aber sie waren nicht amüsant. Es waren im Grunde eine andere Sorte von Trunkenbolden. Für ihn waren die Bücher eine neue Kraft, schwer heraus- gewachsen aus dem Aufenthalt im Gefängnis. Er hatte einsam da drinnen mit seiner Arbeit gesessen, darauf an- gewiesen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und hatte seine Person gründlich erforscht. Es war ja geradezu, als bekomme er Gesellschaft, wenn er das Neue und Frenide in sich an den Tag hcrvorgrub: und eines Tages stieß er auf den Neoel seines eigenen Wesens und entdeckte, daß der aus Erfahrungen bestand, die andere vor ihm gemacht hatten. Die Bibel, die