Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 223
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Freitag den 15. November
( Rachdruck berboten.)
Die Oberwälder.
Von Alfred Bod.
Der Polenschmied, der der Debatte ein Ende gemacht wissen wollte, sprang auf den Tisch und schrie:
Wann ihr so weiter. Spettafel macht,
hostRehm ich mein' Plohkrug
Und sag gute Nacht!"
Es hätte des Burufs nicht erst bedurft, denn schon stürmten die Burschen herein und zwangen die Männer, das Feld zu räumen. Rasch wurden Tische und Stühle heraus geschafft, und der Tanzboden war frei. In einer Ede faßten die Musikanten Posto. Die Violine fing zu jubeln an: Lauter Freud' und Herrlichkeit!" Der Brummbaß aber mahnte: 3 wird schon kommen,' s wird schon kommen!" Das Brautpaar führte den Reigen an, dahinter drehte sich alt und jung. Der Lehrer holte die Marie herbei. Vielmal tanzten sie miteinander. Die Weiber, die rundum auf den Bänken saßen, pisperten:" Die zwei sein einig!"
Die Luft war zum Erstiden heiß. In grauen Wolfen wirbelte der Staub empor. Um Mitternacht geleitete Weilandt die Marie ins Freie hinaus.
Der Regen hatte aufgehört. Aus zerrissenem Gewölf blinkten die Sterne hervor. Auf der Basaltkuppe lag ein seltsamer Schein. Vielleicht, daß die wilden Männer ihr Wesen trieben, vielleicht, daß droben ein Geldfeuer brannte. Die jungen Leute schritten den Bach entlang, der vom Regen geschwellt über die Ufer schäumte. Vom Heerhain drang der Duft der Orchideen herüber, die dort in bunter Fülle gediehen.
Weilandt erzählte, welch erfreuliche Wendung die Sache der Spar- und Darlehnskaffe genommen, und daß ihr Bustandekommen gesichert sei.
Ich weiß, Sie haben Ihr Herz drangehängt," sagte die Marie, und kann mir's denken, wie froh Sie sein. Ich sein aber noch ein wink förglich debei. Daß ein Mensch für den andern was übrig hat, das geht hier so leicht feinem in den Kopf. Windbald wird's heißen:„ Der Lehrer is net umsonst bei der Kass'. Der will sein Schäfchen ins Trockne bringen." Guden Sie, wo Sie's so ehrlich meinen, tät mir das schredlich leid!"
Er drückte ihre Hand.
Sei ganz ruhig. Ich sorg vor. Sobald der Wagen im Rollen ist, zieh ich mich zurück. Auch wenn mir meine Behörde die Erlaubnis gäb, ich nähm kein Sassenamt an."
Sie atmete auf. Sie hatte sich schon Gedanken gemacht, daß ihm aus seinem selbstlosen Tun Undank und Verdruß erwüchsen.
Lustig wie eine Bachstelze trippelte sie neben ihm her. ,, Gelt, du möchtst noch einmal tanzen?" fragte er. " Ja, ein Schleifer," lachte sie. Nir für ungut, Herr Lehrer, wo haben Sie dann den auf einmal so gut gelernt?" Er legte den Arm um ihren Hals.
Das war gar nicht so einfach, Marie. Weißt du's noch? Auf der Kirmes vorm Jahr hab ich nur Bolta gekonnt. Und die noch schlecht. Daß ich beim Walzer zugucken mußt, war mir sehr arg. Und nahm mir's vor, ein andermal wollt ich besser vor dir bestehen. Nun ließ ich mir den Tanzlehrer Sprud aus Lauterbach kommen. Der bracht mir den Walzer bei. Und statt seiner Geige hat er zu meinem Solo gepfiffen. Daß niemand was merkte, haben wir die Vorhänge im Schulhaus heruntergelassen. Die Matternslene ist aber doch dahinter gekommen. Und ist ein paar Tage ganz scheu um mich herumgegangen. Ich glaub, sie hat mich für narrig gehalten."
Der Marie hüpfte das Herz vor Freude. „ Das haben Sie für mich getan?"
Sa!" sagte er warm. und tät's gleich noch einmal." ' s gedenkt mir," plauderte sie glückselig, wie der Schulinspektor Sie bei uns eingeführt hat. Und wie ich Sie alsfort hab angucken müffen. Sellemal fein ich ganz verzwergelt geweft. Die Selzerslina hat Ihnen als die Hefte hinauf
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tragen dürfen. Ich hätt ihr demwegen die Augen auskragen mögen. Und mocht doch nir sagen. Und konnt mir net anders helfen, daß ich Ihnen manchmal heimlich Blumen durchs Fenster in Ihre Stub' werfen tat. Von wem die waren, das haben Sie nie net gewußt."
Er zog sie fester an sich.
" Du Närrchen, freilich hab ich's gewußt. Aber ich war murremausstill. Guck, Marie, du warst noch ein halbes Kind. Und warst mir heilig. Abstand mußt sein zwischen dir und mir. Sonst wär ich ein trauriger Lehrer gewesen. Jezt fann ich dir's ja sagen. Am liebsten wär ich immer vorn, wo dein Play war, stehen geblieben. Und deine Augen sind mir nachgegangen. Wie du nun größer und größer wurd'st, hab ich bei mir gedacht: Die soll's einmal fein!" Und was ich am Tag gedacht hab, hab ich nachts geträumt. Dann bist du aus der Schule gekommen. Und ich hab gemeint, wir müßten's reifen lassen. Denn was nicht reifen fann, hat feinen Bestand. Heut wissen wir, wie wir miteinander stehen. Sag selbst, war's nicht am besten so?"
ihr.
Ja," wisperte fie,' s war am besten so."
Er hörte, wie das Herz ihr pochte. Und neigte sich zu Und ihre Lippen fanden sich im ersten Ruß.
Der Himmel begann sich im Osten zu röten, als Weilandt in das Schulhaus trat. Er legte sich nicht mehr nieder, sondern wanderte in seinem Zimmer auf und ab. Der Ab glanz köstlicher Stunden lag auf seinem Gesicht. Vieles batte er mit der Marie beredet. Es war ein voller Einklang gewesen. Vor allem darin, daß sie fest zusammenhalten und ihr Glüd verteidigen wollten. Dem Peter Margolf würde Der arme Schulmeister als Eidam nicht passen. Darüber gaben sie sich keiner Täuschung hin. Gerade darum wollte Weilandt zeigen, daß er auf eigenen Füßen stand. Die Negierung, hieß es, bereitete einen Gesezentwurf vor, der den Volksschullehrern eine Gehaltsaufbesserung in Aussicht stellte. Der Vorstand des Lehrervereins hatte mit den Abgeordneten bereits Fühlung genommen. Ging, woran nicht zu zweifeln war, die Vorlage durch, for nte es Meilandt mit gutem Gewissen wagen, einen Hausstand zu gründen. Sie beschlossen daber, ihr Verlöbnis geheim zu halten, bis die Entscheidung im Landtag gefallen war. Sie waren beide noch jung, und das Warten verschlug ihnen nichts.
Weilandt öffnete das Fenster. Hinter dem Geiselstein fam die Sonne herauf und überstrahlte Heide und Wald. Das melodische Flöten der Amseln erfüllte die Luft. Ueber dem Steinkopf freiste ein Häherpaar.
Er umfing das Landschaftsbild mit Auge und Seele. Sier hatte er sein Belt aufgeschlagen, und er gedachte es sobald nicht abzubrechen. Schatten und Licht hatte er unter den Kindern des Vogelsbergs gefunden. Mehr Schatten wie Licht. Aber doch auch Licht. Ging nicht ein Leuchten von dem lieben Mädchen aus, dem er sich für immer verbunden? Und ruhten nicht tausend Steime in ihr, die der Blüte harrten? n ihr verkörperte sich ihm das Volk, dem er Helfer und Führer sein wollte. Ein paar Wochen weiter, und die Sparund Darlehnskasse wurde zur Wirklichkeit. Damit war der erste Schritt getan, die Kluft zwischen den Großen und Kleinen auszufüllen. Aber es war noch mehr zu tun. Daß Bildung und Gefittung hier oben Wurzel schlügen, durfte kein leeres Traumbild bleiben. Freilich, den Aberglauben und die Unwissenheit zu bekämpfen, dazu brauchte es Geduld und Opferwilligkeit. Eine reich ausgestattete Bibliothek, Vorträge und Unterhaltungsabende schwebten ihm vor. Ein Programm, so groß, ein Leben damit auszufüllen. Bauen wollte er, nicht niederreißen. Das Volk verstehen und lieben lernen, das war doch das Höchste!
6.
Die Gründung der Spar- und Darlehnskaffe war in einer gut besuchten Gene.alversammlung zum Beschluß erhoben worden. Vorstand und Aufsichtsrat wurden nach der Liste gewählt, die der Lehrer aufgestellt hatte. Nachdem die Tagesordnung erledigt war, sprachen die meisten sich dahin aus, daß man das Ereignis feiern müsse. Der Ritterwirt sorgte für die nötigen Getränke, und ein fröhliches Zechen hub an. Der Födelsheinrich, der als Direktor zeichnen sollte, sagte im Einverständnis mit seinen Vorstandskollegen zum Krämers