Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 225. Dienstag c>en 19. November 1912 lNachdruck v»rv!-l«n.> 13) Die Oberwälden Von A l f r e d B o ck. Ich möchte im voraus gar nichts sagen, Herr Rendant. Ich bringe einen Sachverständigen mit. Wenn ich etwas in die Hand nehme, muß ich ganz sicher gehen, sonst laß ich die Finger davon." Als sich der Krämerskarl bei dämmerndem Abend auf den Heimweg begab, rechnete er bereits mit der Tatsach?, daß der Steinbruch in Betrieb gesetzt werde. Der Herr Bisping war ein prächtiger Mensch. Unverstellt und ausbündig ge° scheit. Der würde der Gemeinde unschätzbare Dienste leisten. Fünfzig, auch hundert Arbeiter fanden durch ihn ihr Brot. Geld kam in Fluß. Auch die Kasse würde ihren Vorteil davon haben. Wie sich das getroffen hatte! Großartig! Aber den Zufall beim Schopf zu fassen, da lag der Hund be- graben. Er, der Krämerskarl, hatte den Mann mit der Nase auf den Steinbruch gestoßem Er war's wieder, der die Kegel schob.--- Die alte Bauernregel traf zu: Wie's wettert um Bartho- lomä, so wettert's im ganzen Herbst. Ter Regen hörte nicht auf. Bei all der Nässe wollte das Getreide nicht reifen. Auch die Kartoffelstauden zeigten die unheilkündenden braunen Flecken. Uebertrug sich der Krankheitsstoff auf die Knollen, war die Ernte großenteils vernichtet. Daß aber der Land- mann nicht ganz verzagte, lieferten die Wiesen und Weide- flächen eine Ueberfülle von Futter. Wohl dem, der sagen konnte: Gibst du deinem Vieh, so gibt es dir wieder! Auf seiner Gewann am hohen Rain mühte sich der Mar- golfspeter, einen Graben zu ziehen. Der Regen schlug ihm ins Gesicht und mischte sich mit dem Schweiß, der ihm aus allen Poren drang. Gerade hielt er mit seiner Arbeit inne, sich ein bißchen zu verschnaufen, als ihn der Daniel Moll ansprach, der, den Karst auf der Schulter, vom Nachbarfeld kam. Heut braucht man kein' Staubwein zu trinken, Peter." Nee." Ich sein vor lauter Ruinierung ganz steif und hilft kein Gurgeln und Mergeln. Das Wasser tut die Arbeit fressen." Der Margolf nahm die Mütze ab, trocknete mit seinem Schnupftuch die feuchte Stirn und sagte:Was von der Frucht bleibt, wird stockig und mürb." Der Daniel trat näher. Das Heu hat, scheint's, dies Jahr auch seine Raupen. Da erzählt mir vorhin der Kaspar Benner. He steckt gcst' abend die Raufen voll und geht aus'm Stall. Auf einmal macht sich das Vieh los und springt und tobt wie narrig erum. He wüßt sich gar net zu helfen. Zum Glück kam der Jöckels- Heinrich dazu. Der kennt sich in den Sachen aus. Und schlug den Tieren dreimal auf die Schnut. Und macht ein Gesahn. Da waren sie fromm wie die Lämmer." Ich sein dadrllber gar net verstaunt," sagte der Peter Margolf,der Kaspar hat die Wiesen im Totengrund gepacht'. Vater selig is dort emal auf Jrrkraut getappt und fand bei hellichtem Tag net heim." Er nahm den Spaten zur Hand, den Graben weiter ab- zuböschen. Der Daniel Moll setzte seinen Karst auf den Boden. Ich bätt noch was mit dir zu schwätzen, Peter." Ter Margolf blickte auf. No?" Ich wüßt deiner Marie ein'." Wen dann?" Dem Selzer sein' Hannbast." Den Afrikaner?" <a. He spielt gern den Prahler und macht sich vor den Lent' dick, daß er nach Gott und der Welt nix fragt. Das gefällt mir net. Sonst hätt ich nix gegen ihn einzuwenden." Der Daniel Moll war vom alten Selzer beauftragt, den Margolfspeter auszuforschen, wie der die Freite des Hann- bast aufnehmen würde. Der Jung," trat er für seinen Schützling ein,is mit dem Militär über der Pfütz gewest. Das hat ihn ein wink verzwirbelt gemacht. Aber das gibt sich. He is hinter seinem Werk her und schafft für zwei. Das muß ihm der gelbe Neid lassen. Und daß seinem Vater der Mehlsack stäubt, das weißt du so gut wie ich. Der Hannbast kriegt ein' Buben mit." Der Peter schnäuzte sich und sagte:Beim Heiraten tragen alle Aecker Weizen. No, so schnell schießen die Preußen net. Ich will's net verreden, aber ich möcht das Mädchen jetzt noch net entbehren." Der Daniel hob die Hand. Peter, werf's net fort!" Der Margolf wandte sich ab. 's pressiert mir net." Weiter ward über die Sache nicht verhandelt. Als der Freiersmann sich entfernt hatte, sprach der Mar- golf zu sich:Der Hannbast ist von vermögenden Leut'. Gleich sucht sich, gleich findet sich. Ich werd' emal mit der Marie schwätzen,'s mag aber laufen, wie's will, ich tu mich net ehnder aus, ehnder ich mich leg." Beim Mittagläuten kam er heim und ging in die Wohn» stube, wo die Marie sich anschickte, den Tisch zu decken. Der Daniel Moll," sing er an,is vorhin bei mir gewest. He spricht, dem Selzer sein Hannbast hat ein Aug' auf dich. Wie is es dann mit dir?" Sie sah ihn frei an und sagte:Nee." Eine Unmutsfalte trat auf des Bauers Stirn. Du hast dasNee" ja merkwürdig schnell parat." 'ie Röte überflammte ihr Gesich:. Ich nehm nur ein', den ich gern Hab, Vater." Das Ueberzwerche sein ich von dir gewohnt." Ich bin. wie ich bin. Dater." Larifari! Letzt hat die Walkmüllern ballatscht, du hätt'st dir ein Gerenn mit dem Lehrer angesckafft. Ich Hab ein' Lach getan. So ein hungriger Schulmeister bild't sich ein, er braucht nur den Finger auszustrecken, und's hängt ein reich' Mädchen dran. Prostemahlzeit!'s könnt sein, du hätt'st dir was in Kopf gesetzt. Daß du's nur weißt: da- draus wird nix. Und wann du anhältst wie das kanäisch Weib!" Er ging mit schweren Schritten hinaus. Krachend fiel die Tür hinter ihm ins Schloß. Die Marie stand wie an den Boden gewurzelt. In ihren Zügen drückte sich ernste Ent- schlossenheit aus. Sie hatte Weilondt Schweigen gelobt. Daran hielt sie unverbrüchlich fest. Wenn die Stunde kam, würde er für sie beide sprechen. Und es war ihr, als ver- nähme sie seine Stimme:Die Marie und ich, wir gehören zusammen. Uns wird keine Macht der Erde trennen!" Ein warmer Strom drang ibr ans Herz. Der liebe Mann! Mochie kommen, was da wollte. Für ihn war ihr kein Opfer zu groß. vn. Bald nach der Unterhaltung, die er mit dem Krämers- karl in Herbstein gepflogen, besichtigte der Bauunternehmer Bisping in Begleitung eines Sachverständigen den Steinbruch am Hornerhang. Eine volle Stunde kletterten die beiden hin und her, nahmen Gesteinsproben, die sie eingehend unter« suchten, und begaben sich dann in das Haus des Bürger- meisters, wo sich die Vertreter der Gemeinde versammelt hatten. Der Sachverständige, ein beweglicher älterer Herr, um dessen Lippen ein Zug versteckten Spottes schwebte, hielt eine Ansprache, die von den Bauern mit offenem Mund an« gehört wurde. Die oberhessische Basaltindustrie, sagte er, habe im vergangenen Jahre Hundertdreißigtausend Tonnen Bausteine und Schotter verschickt. Wenn sie erst die Aus- dehnung gewonnen habe, deren sie fähig sei, werde man un- schwer die doppelte Ziffer erreichen. Der Augenschein habe ibn gelehrt, daß die Ausbeutung vielfach mangelhaft und hinter der Zeit zurückgeblieben sei. Was den Bruch am Hornerhang angehe, so könne er Erscheinungsform und Lage- rung des Gesteins als günstig bezeichnen. Freilich dürfe er nicht verschweigen, daß der Sonnenbrand dem Basalt ge- jährlich werde. Doch könne man sich hier mit Schutzdächern helfen. Im großen ganzen sei das Material vorzüglich. Er begrüße es daher mit Freuden, daß ein Mann wie Herr Bisping den Bruch nach langem Stillstand wieder aufschließen