Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 232.
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Freitag den 29. November.
( Nachdrud berboten.)
Solange sie denken konnte, hatte sie's nicht übers Herz gebracht, sich gegen den Vater offen auszusprechen. Nun hatten ihr Drang und Not das Siegel von den Lippen genommen. Die Hände auf die Brust gepreßt, harrte sie seiner Antwort. Eine innere Stimme sagte ihr, in dieser Stunde würde sich ihr Schicksal entscheiden.
Der Bauer war ans Fenster getreten. Das Gesicht der Straße zugekehrt, hatte er nur widerwillig zugehört. Nun wandte er sich um. Seine Miene verriet Abgunst und Unversöhnlichkeit.
,, Du hast kein Tropfen Blut von mir," sagte er schroff. Das Gewelsch hast Du umsonst gemacht. Der Lumpenstecher, der mich mein halb Vermögen kost', soll in der Höll' Läussupp fressen! Ez rechen ich mit Dir ab. Willst Du von ihm laffen oder net?"
Ich will auf'm Fled sterben, wann ich von ihm lass'!" sagte sie unerschütterlich.
Dem Beter schwollen die Adern an der Stirn. ,, Dann sein wir geschiedene Leut, und Dein Platz is bor der Tür!"
,, Gut, Vater, ich geh," gab sie zurück. Und wann Ihr wollt, morn am Tag."
Du seist et null für mich, packst Dich sofort!" Sie ward bleich wie der Tod.
,, Ez in der Nacht seht Ihr mich auf die Gass'? Das kann
Euer Ernst net sein."
Mein völliger Ernst!"
Das tut man ja feinem Hund!"
Seine Fäuste ballten sich.
1912
traum war ausgeträumt. Seine Rechnung war in die Brüche gegangen.
Es klopfte. Er fuhr auf. Würden sie ihn bis in die Stube verfolgen? Von diesen Raufbolden fonnte man alles erwarten. Nur zu! Er würde sein Leben teuer verkaufen. Es pochte wieder.
Herein!"
Die Tür öffnete sich. Auf der Schwelle erschien die
Marie.
Er wollte seinen Augen nicht trauen. „ Du bist's, Marie?"
Sie sah die Wunde an seiner Stirn, sah das blutüber strömte Gesicht und stieß einen Schreckensruf aus. Ja, Marie, so haben sie mich zugerichtet!" „ Herr Jesses im Himmel! Du Armer, Du Lieber!" In diesem Augenblick hatte sie all ihr Leid vergessen, 3erging in Erbarmung und Mitgefühl. Helfen, nur helfen wollte sie dem, der ihr der Liebste war auf der Welt.
Tauchte ihr
Sie lief hinaus. Brachte Wasser herbei. Sacktuch hinein und wusch ihm Stirn und Gesicht. Du Armer, Du Lieber! Wann's nur net schlimm is!" „ Ach, was Du denkst! 3 ist nicht schlimm." An der Wand hing ein Handtuch. Das legte sie ihm um die Stirn.
Ich hab sonst immer Verbandzeug im Kasten," sagte er. ,, Gestern hab ich das letzte dem Lipps Menz gegeben."
Die Wunde mußte doch wohl tiefer reichen, denn das Blut rieselte unter dem Handtuch hervor.
Drunten im Schulsaal, fiel ihm ein, lag im Schrank noch ein wenig Watte. Auch eine Mullbinde würde sich da finden. Gleich war sie fort und holte beides herauf.
Während sie die Wunde aufs neue wusch und verband, beschloß sie, Weilandt noch nicht zu sagen, was zwischen ihr und dem Vater vorgefallen. Es würde ihn ganz durcheinander bringen. Sie blieb ja bei ihm. Hatte er sich erst
Du Schnippel! Du weißt ja, wo Du hinzugehn hast." ein bißchen erholt, erfuhr er's immer noch früh genug. Bater!" schrie sie verzweiflungsvoll.
Seine Füße stampften den Boden. „ Enaus!"
Ein Krampf erschütterte ihren Körper. Ihr Blick ging wie irr in der Stube umber. Dann sagte sie mit erstickter Stimme:„ Ich hab nur noch ein' Weg. Das weiß ich: he jägt mich net fort!"
Sprach's und schritt hinaus.
Der Stein, der Weilandts Stirn getroffen, hatte einen Flaffenden Riß hinterlassen. Das Blut rann ihm über das Geficht. Sein Kopf ruhte schwer auf der Brust. Er stöhnte laut. Nicht weil ihn die Verlegung schmerzte. Die würde bald heilen. Die fümmerte ihn nicht. Die Wunde, die ihm die Unmenschen ins Herz geschlagen, verharschte nie.
Ich
Der Dürrhannes am Hegweg, erzählte fie, hatte sich beim Mähen einmal mit der Sense verlegt. Da nahm er einen Feldstein, bestrich dreimal die Bunde damit und sprach: gebiet dir Blut durch Christi Blut, steh still!" Und wirklich, das Blut stand still. Der Rühlsadam hatte sich das Knie aufgefallen, legte zwei Strohhalme kreuzweise darüber, und das Bluten hörte auf. Meist waren es alte Leute ,, die sich auf die Dinge verstanden. Dieser und jener besaß auch ein Buch, worin man allerlei Merkwürdiges über Wundbehandlung las. Reiner gab's aber aus der Hand.
So plauderte sie.
Er sah nach der Uhr und sagte:„ Ich dank Dir, Marie, daß Du gekommen bist. Aber ich bitt Dich. jetzt geh!" ,, Du brauchst eins," sprach sie zutraulich, und ich sein Dir die Nächst' dezu."
Das
Ich brauch niemand, Marie. Ich bitt Dich, geh!" Sie schlang ihren Arm um seinen Hals.
Ich laß Dich net allein. Ich bleib bei Dir!" Er machte sich von ihr los.
,, Das kannst Du nicht, das darfst Du nicht. Du gehst! bist Du mir schuldig, Marie."
Nicht eben freundlich fuhren ihm die Worte heraus. Sie war überrascht, ja höchlich betroffen. Jetzt, da sie ihn pflegen, da sie ihm beistehen wollte, hieß er sie gehen?
Nein, daß sie ihm nicht unrecht tat. Die Wunde war schmerzhaft und machte ihn hißig. Er war gar zart. Er hielt nicht viel aus.
Gedanken famen in schwarzen Schwärmen und nisteten sich bei ihm ein. Acht Jahre war's, daß er sein Amt hier angetreten hatte. Mit all seiner Kraft, mit ganzer Seele hatte er seine Berufspflicht erfüllt. Er war den Kindern ein treuer Lehrer gewesen. Als etwas Hohes, Heiliges war's ihm erschienen, die man ihm anvertraut, zu tüchtigen Menschen heranzubilden. Nicht zufrieden damit, daß er das Licht in der Schule entzündet, war er auch zu den Eltern ge gangen. Aufrütteln, emporheben wollte er sie. Und er hatte fich redlich gemüht, immer von der Hoffnung getragen, daß sie den Geist der Zeit begreifen lernten. Er hatte wenig Dank geerntet. Dank kostete doch nichts. Aber sie brachten ihm noch Argwohn entgegen. Dessenungeachtet hatte er geglaubt, er dürfe den Mut nicht sinken lassen. Fanden sich ein paar Gutgesinnte, war die Freude doppelt groß. Freilich nur eine Kurze Freude. Er hatte ihnen die Kasse gegründet. Nun sagten sie, die sei bankrott. Er hatte noch keinen Beweis dafür. Dem einzigen, der Aufschluß geben konnte, hatte ihre Noheit den Mund geschlossen. Er hatte dem Krämerskarl blindlings hier gewesen." vertraut. Aber hatten sie's nicht alle getan? Daß er, Weilandt, das Beste gewollt, wer durfte ihm das strittig machen? Und doch waren sie wie die Bluthunde über ihn hergefallen, hatten ihn an Leib und Leben bedroht, hatten seine Menschen- alles würde mit Füßen getreten. O über die Einfalt, daß er ge- Er redete sich in immer größere Erregtheit hinein: wähnt, hier oben eine Heimat zu finden! Sein Heimats. bin mir zu gut für das Bauernvolt. Ich find auch anderswa
"
Ich hab in den schrecklichen Stunden Jahre durchlebt," sprach er heftig weiter. So ein paar Stunden können gar viel ändern. Sie haben mir die Flügel beschnitten. Jeder soll sehen, wo er hingehört. Und ich gehör nicht hierher. Das ist mir nun alles flar geworden. Die längste Beit bin ich
Du willst fort?" stieß sie heraus. Ja," versetzte er, ich will fort!"
" Großer Gott," schoß es ihr durch den Kopf.„, et is aus!"
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