Nnlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 243. Sonnabend den 14. Dezember. 1912 tüZatddruck herdol«».) 101 JilbcYtim. Roman von C h i i st i a n K r o h g. Z n Hanse. Das Wetter war jetzt wärmer geworden, und in der Stube bei Kristiansens war es heller und traulicher. Die Sonne hatte jeden Tag hineingeschtenen und blaue Schatten auf der Halbgardine abgesetzt und war über Alber- tine und die Nähmaschine geströmt und hatte das ganze, blau- gestrichene Zimmer erhellt und erwärmt. Sie saß da und nähte. Warm und goldig glitt die Sonne über sie hin und glitzerte in den Enden der flaumigen Haare im Ltacken. Willst Du hören, was sie heute im Studentenhain spielen?" fragte Eduard und hustete. Nein, das is mir ganz schnuppe!" Sie war seit jenem Abend nichl dort gewesen, und sie scherte sich den Kuckuck auch um das alles nein, ickch die Bohne. Und in der Kirche ack nein sie war am Sonntag darauf da gewesen, denn sie hatte gedacht, es würde sie ein wenig aufmuntern. Sie war ihrer selbst so überdrüssig gewesen, aber auch damit hatte es jetzt ein Ende', das einzige, dessen sie sich noch erinnerte, war, daß sie so häßlich gesungen hatten, alle die alten Weiber, und dann war da ein anderer Pastor gewesen, der gar nicht so gut sprach. Ja. das war sicher und gewiß, sie war ihrer selbst so überdrüssig. Erst jetzt war sie ihrer selbst überdrüssig früher? Ach, das war nichts gewesen. Nein, jetzt wußte sie auch, was es war. wenn die anderen davon redeten, daß sie so unglücklich waren. Früher, wenn sie von jemand las, der so sehr unglücklich war, hatte sie diese Aermsten inimer beneidet, denn sie fand, daß das so gut klang. Jetzt beneidete sie sie nicht mehr. Und wenn es auch nicht mehr nützte, in die Kirche zu gehen, wenn sie den Frieden nicht mehr finden konnte, den nian findet, wenn man ein Kind Gottes ist dann hatte sie da auch nichts mehr zu suchen. Sie hatte es satt, daheim zu sitzen, und ausgehen wollte sie nicht Otinens Regenmantel sollte nicht wieder auf ihren Leib kommen, und Jossa wollte sie nie wieder vor Augen sehen was sollte sie mit sich selbst ansangen? Nirgends, nirgends mehr in der Welt gab es Freude und nähen und arbeiten konnte sie ja auch nicht mehr wenn sie nur eine Stunde bei ihrer Arbeit gesessen hatte, waren ihr die Hände und die Füße schon müde, und die Maschine ging so schwer, und auf einmal sagte sie Stopp und wollte nicht weiter, und dies geschah nicht einmal, sondern fort- während. So eine jammervolle Maschine hatte sie auch nock nie gesehen, und wenn es mit der nun auch noch schief ging, dann verdiente sie ja keinen roten Heller mehr, und dann war es ganz arg und doch am Ende war es gar nicht so arg! Sie hatte sich zurückgelehnt. Die Sonne strömte auf sie nieder sie war magerer geworden und hatte schärfere Züge uni den Mund bekommen sie hatte jetzt viel mehr Aehnlichkeit mit Mutter Kristiansen. Der Busen war auch nicht mehr so hoch wie sonst, die Schultern waren nicht mehr so rund, und die Hände waren viel zu groß. Ach! Ihr konnte es ja ganz schnuppe sein, was sie im Studentenhain spielten sie konnte gar nicht begreifen, daß sie früher so erpicht darauf gewesen war. Schönes Wetter? Ja. freilich war es schönes Wetter aber sie wollte viel lieber Regenwetter haben und Wind das paßte so viel besser, wenn man seiner selbst so überdrüssig war wie sie. Diese ewige Sonne ärgerte sie auch aber sie mußte ja hier am Fenster sitzen, wenn sie nähen wollte. Ja, mit dem Nähen wurde es jetzt auch nichts mehr. Ich glaub, es wird nu auf einmal Sommer!" sagte Mutter Kristiansen.es wird bald zu warm, um hier in der Stube zu stehen und auf dem Ofen Essen zu kochen. Ja, wir sind ja auch schon weit in das Jahr hinein. Nu> haben wir bald Pfingsten und den siebzehnten Mai*)." Albertine erwiderte nichts und Eduard sing an zu husten. Sie hatte ja gemerkt, daß die Alte in der letzten Zeit sa redselig geworden war aber das kam wohl nur daher. weil sie selbst so still geworden war und den ganzen Tag da saß und kein Wort sagte die Alte war wohl bange, daß sie Kummer hatte und fand wohl, daß es jetzt zu Hause so langweilig wurde, und meinte, sie müsse das ihre tun, damit es nicht zu traurig würde, sie glaubte wohl, daß sie sie wieder auf den Damm bringen könne aber sie konnte doch nicht da sitzen und schwatzen, bloß um was zu sagen sie konnte doch» wohl schweigen, wenn sie wollte. Ne. sollt man's wohl glauben, da is schon'ne Fliege!" sagte Mutter Kristiansen und lächelte mit dem verweinten Gesicht, so daß der eine Zahn sichtbar wurde. Ich glaub, es wird ans einmal Sommer!" Ist denn das so was Merkwürdiges hier sind. schon lange Fliegen gewesen." Eine ganze Weile hörte man nur das Rasseln der Ma» schine und hin und wieder Eduards Husten und das Brodeln des Wassers auf dem warmen Ofen. Wenn das Wetter nu so gut wird, Eduard, dann kannsö Du ja auch ein bißchen mehr ausgehen das is Dir gewiß gut dann kannst Du bald wieder gesund werden!" Ja," sagte Eduard und hüstelte und sah vomTag" auf,denn kann ich ein bißchen mehr draußen sein, und denn werd ich auch wohl bald wieder gesund werden." Albertine nähte schnell. Bald wieder gesund? Hatte man je solchen Blödsinn gehört? Was für Einfälle die Alte hatte! Was konnte es wohl nützen, sich selbst und dem Jungen einzureden, daß er bald wieder besser werden würde? Er fing wieder an zu husten er hatte in der letzten Zeit angefangen, so in einem fort zu hüsteln: die blauen! Linien an den Schläfen waren noch schärfer sichtbar geworden. und in den Adern gm Halse pochte es unablässig: es war. als sei er kleiner geworden als früher und so, daß mau quer durch ihn hiiidurchsehen konnte. Die Schultern senkten sich vornüber, und es war, als seien ibm die Kleider zu groß geworden. Das Tageslicht warf einen starken, warmen Schein auf das kleine, schmale Gesicht, und das Haar war an der Seite gescheitelt und lag glatt und dunkel an. gleichsam auf deini Gehirn selber. Ja. es stand schlecht mit Eduard sie konnte deutlich sehen, wie er aussehen würde, wenn er tot war. Es war im Grunde gut für ihn, wäre sie es doch, die von> dem Ganzen fort sollte, dann käme sie doch auf alle Fällo fort von diesem Platze hier am Fenster und fort von all diesem Elend und dann brauchte die Polizei' ihr doch nichb niehr aufzupassen, und dann brauchte sie sich nicht mehr alle diese dummen Gedanken zu machen, die sie immer und ewig verfolgten! Ja. das war gewiß er mußte sterben aber ihr war das im Grunde einerlei sie würde nicht dar» über trauern aber sie würde gern an seiner Stelle voir bannen gehen. In der Stube war es still geworden, man hörte nur daS Husten nmd das Rasseln der Maschine: eine halbe Stunde laug hatte niemand ein Wort gesagt. Mutter Kristiansen sah sich mehrmals um, aber keiner sagte auch nur ein Wort. Selbst Eduard ließ eine Weile das Husten nach nur die Maschine das war das einzige, was man hörte. Nein, weiß Gott , da ist noch eine Fliege hereingckommeir ja, nu kriegen wir bald Sommer." sagte Mutter Kristiausen."' Die Sonne stand setzt mitten vor dem Fenster und zog sich langsam nach Westen hin die blauen Striche ans der Halbgardinc singen an. in der anderen Richtung zu fallen. Ter 17. Mai ist da» norwegische Naiionalfest.