Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Mittwoch, den 1. Januar.
Nr. 1.
Geschichte einer Bombe.
Von Andreas Strug.
1]
1913
Einfluß eines unbekannter Körpers, den wir mit X bezeichnen wollen, bildete sich im Gehirn dieses Sonderlings die Hypothese: daß eben dies, was jetzt im Vaterlande so blutig und stürmisch begonnen hatte, ihm keineswegs gleicheltig sein dürfe. Nach kurzer Zeit schritt der Chemiker zu einer genauen Lange hatte diese Frucht gereift... Jahre gingen dahin, vernichteten das Leben und ver- quantitativen und qualitativen Analyse dieser neuen Ververbindung, die man im gewöhnlichen Leben Sehnsucht nach der zehrten die Seelen der Menschen. Es stürmte gegen den Feind Heimat nennt, und deren Bestandteile so flüchtig, so verschieden die Idee und der Haß, es schlugen auf ihn ein die Aufopfe- und so überraschend sind. Diese Verbindung hatte offenbar rung vieler Menschen und ihr geduldiges Ausharren in der ein großes spezifisches Gewicht, denn sie lastete auf der Seele Bein. Geheimnisvoll, wie auf dem Boden des Meeres, des Chemikers, bedrückte ihn und ließ ihm keine Ruhe. Die sammelten sich schichtweise die Niederschläge kleiner Taten, Analyse fiel einem Gehirn, das durch Experimentalmethoden wie kaum wahrnehmbare Lebewesen. mit ihren Röhrchen, Retorten, Wagen und Reagentien verdorben war, ziemlich schwer; nach allen noch so gründlichen Untersuchungen blieb auf dem Boden ein hartnäckiger und unauflöslicher Niederschlag zurück, mit dem man gar nichts mehr anfangen konnte!-
Bis der Tag tam, da der Wille aus dem Bereich des Wünschens trat. Der Wille wollte Tat werden. Der entflammte Mensch schlug mit dem Kopf gegen die Mauerer versuchte ihre Kraft mit der nackten Faust. Das war das erste Blut.
Für alles hat der Arbeiter ein Gerät: es gibt ein Gerät für Eisen, für den Stein und für jede andere Sache. Es gibt den Hammer und den Meißel, es gibt die Sense und die Art. Aber diese Arbeit, die wie eine Mauer vor dem ewigen Arbeiter stand, war neu und unerhört. Man mußte zer stören, man mußte töten...
Man baute dieses zerstörende tödliche Gerät unter vielfachen Ueberlegungen und hißigem Streit. Es wurde er wogen von dem kühlen Verstand und von der überströmenden Leidenschaft. Es kamen dabei zu Wort: Politik und Rachsucht, Ueberlegung und Wut, alte erfahrene Weisheit und neuer Wahnsinn.
Es stritten miteinander: der Glaube an das bekannte Heut und der Glaube an den ungewissen Morgen.
Bis eines Tages die Dynamitbombe auf dem Straßen
damm rollte.
Es war eine Büchse aus Gußeisen mit einem fest zugeschraubten Deckel. Sie sah nach einem halben Pfund Kakao oder nach einem Kilo ausländischer eingemachter Früchte aus. Sie wog etwa zehn Pfund und war leicht in der Tasche unterzubringen, die sie jedoch unbarmherzig beschwerte. Ihr Inhalt war äußerst kompliziert, ihr Aussehen verblüffend gewöhnlich und ihre Bestimmung befannt.
Wo ist der Meister geblieben, der sie einst gemacht hatte, oder ist er ganz und gar verschollen?
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Es war ein in der wissenschaftlichen Welt ziemlich unbefannter Chemifer, ein finsteres Individuum, das sich in großer Bedürftigkeit einft in den verschiedensten Universitätslaboratorien von ganz Europa herumgetrieben hatte. Er wollte weder Karriere machen noch Ruhm erwerben, sondern er suchte Wahrheit oder vielmehr: die chemische Formel für eine gewisse ungewöhnliche Verbindung, die farblos, wie ein gasförmiger Körper, geruchlos, unsichtbar, dennoch überall gekannt war; in den Fachzeitschriften besprochen, studiert, gemessen, gewogen und verfolgt durch viele Doktoren Schulze und Müller, entrann fie und hielt sich irgendwo in dem großen chemischen Reich versteckt, und ihre Formel war zurzeit nur dem bekannt, der die Sterne des Himmels und die Wasser der Ozeane zählte.
Mit der Beharrlichkeit eines Verrückten, von der ganzen übrigen Welt abgeschnitten, saß der Chemifer, fern von der Heimat, umgeben von Röhrchen, Glasballons, Destillatoren, mitten im stinkenden Atem der Chemikalien elend sich ernährend und einzig mit der hißigen Jagd nach seinem geruch und farblosen, unsichtbaren Ideal befaßt; von Jahr zu Jahr immer wunderlicher werdend und immer mehr von seiner Manie besessen. Er wußte buchstäblich nicht mehr, was in der Welt geschah, und am allerwenigsten war er neugierig zu erfahren, was sich irgendwo in der Ferne, in seinem VaterLande ereignete. Doch vor dem endgültigen Irrsinn errettete ihn die Nevolution.
Bu eben dieser Zeit reiste ein gewisser Genosse als Agent der Revolution durch Europa , auf der Suche nach einem Manne der Wissenschaft, der geneigt wäre, seine Kenntnisse, aber mit ihnen auch sein Leben, dem Dienste der Revolution zu weihen. Er hatte unendliche Besprechungen, und seine Art, zu überzeugen, hinters Licht zu führen und die Leute, die er brauchte, zu terrorisieren, war sehr mannigfaltig. Aber da es sich nicht bloß darum handelte, eine Wohnung zu Parteizwecken abzugeben, nicht um eine Geldunterstüßung, noch um die Hergabe eines Passes, sondern um einen Dienst, der einem gleich fam den Strick um den Hals legte, so ergab es sich, daß jener Genosse, obwohl ein genialer Agitator, in ganz Europa unter den vielen weit bekannten Männern der Wissenschaft nicht einen fand, der bereit gewesen wäre, seine fachlichen Kenntnisse der Revolution zu widmen. Der Agitator jedoch ließ nicht locker und machte sich daran, ihm völlig unbekannte Chemiker aufzusuchen, deren Adressen er sammelte wo er sie bekam. In Göttingen warf ihn einer einfach zur Tür hinaus; es war nämlich ein konsequenter und überzeugter nationaler Demofrat. Ein anderer in Berit erklärte fich gleich einverstanden, versprach alles, verpflichtete sich aufs feierlichste, und das mit einer solchen Blizgeschwindigkeit, daß der Agitator am Ende der Konferenz erriet, daß man ihn für einen Verrückten hielt und sich seiner auf die rascheste und einfachste Weise entledigen wollte. Ein Dritter es war in Paris - hatte kaum den Vorschlag gehört, der ihm vor dem unbekannten Plagegeist auf die natürlichste Weise vorgetragen wurde, blieb sprachlos bor Entseben und vergaß in seinem tödlichen Schrecken, daß er einen Flacon mit einer stickstoffhaltigen Säure in der Hand hielt( die Konferenz fand nämlich im Laboratorium statt). Das Resultat war, daß der Gelehrte sich schmerzlich am Fuß berbrannte und sich sechs Wochen kurieren mußte. Doch inzwischen hatte der unermüdliche Agitator endlich das gefunden, was er brauchte.
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Die Genossen in der ausländischen Kolonie gaben ihm die Adresse eines gewissen Chemikers, meinten aber zugleich, es sei ausgeschlossen, daß dieser Verrückte, der seine Muttersprache fast vergessen hatte, zu irgend etwas noch taugen sollte. Der Agitator begab sich zu ihm, ohne Hoffnung, aber auch ohne Zweifel, getreu seiner Methode, auf irgendeine Weise die Sache einzuhaken.
Und siehe da, der Chemiker ging auf alles ein, als hätte er nur auf die Einladung gewartet. Wie es geschah? Wie so grundverschiedene Menschen miteinander sprachen und sich endlich verstanden, warum sich der Chemiker vom Fleck weg in ein Abenteuer stürzte, von dem er keinen Begriff hatte und von dem er nie, auch nicht im Traum, geahnt haben mochte- wie das geschah? Wer weiß es? In jenen Zeiten geschahen eben noch seltsamere Dinge."
Eines schönen Tages beendigte der Gelehrte noch einen letzten Kampf mit seinem geruch- und farblosen Feind und Es wäre unmöglich aufzuklären, wie das eigentlich verschob den weiteren Feldzug auf unbestimmte Zeit. Er geschah. legte seinen weißen Kittel und seine Arbeitsschürze ab, packte Vermöge sehr verwickelter und kaum wahrnehmbarer seine gesamte Habe, bestehend aus Jahrgängen verschiedener Assoziationen, durch Umbildungen, Diffusions-, Absorptions-, Fachzeitschriften in mehreren Sprachen, zugleich mit seinem Verdichtungs-, Verdünnungs- und Kristallisationsprozesse, einzigen publizierten Werk zusammen, das eine halbe Druckdurch irgendeinen besonders hohen Druck, durch die geheimnis- seite chemischer Hieroglyphen umfaßte, und reiste in das Land, volle Verwandschaft diffuser Elemente und endlich durch den das zu jener Zeit ein brodelnder Tiegel geheimnisvoller