NnttthaltungsSlatt des Horwärts Nr. 4 Dienstag den 7. Januar. 1913 4z GelcKicbte einer Bombe. Von Andreas©trug. Von draußen hörte man bereits Wagengerassel, Schritte vorübergehender Menschen, und bleiches Licht drang durch die verhängten Fenster ins Zimmer. Der Arzt erhob sich, löschte die Lampe, verwahrte die Bombe an dem gewohnten Ort in der untersten Schublade des Schreibtisches und verschloß sie sorgfältig. Er ging dabei vorsichtig zu Werke, wie es sich gehörte, ohne dabei irgendwelche ungewöhnlichen Eindniefe zu empfangen. Dann wusch er sich, kleidete sich an und ging in die Stadt. In der Konditorei, wo er zu frühstücken Pflegte, trank er Kaffee, las die Zeitung und fuhr dann mit der Elektrischen ins Krankenhaus. Er war aufmerksam, beob- achtend, wie immer. Einer seiner alten Patienten, der ihm sehr zugetan war, begrüßte ihn mit den freundlichen Worten: Wann werden Sie endlich dauernd bei uns bleiben? Seine Diagnosen waren klar und scharfsichtig, seine Behandlung der Kranken taktvoll wie immer und von einer Wärme, die bei Spitalärzten selten ist. Der alte Ordinarius beobachtete an diesem Tage ver- stöhlen seinen jüngeren Kollegen. Mit erfahrenem Auge studierte er seine Bewegungen und Blicke: besonders fiel ihm ein gewisses, wie ein Schatten flüchtiges Lächeln auf, das oft zur Unzeit über das Gesicht seines Gehilfen huschte. Der alte Arzt schüttelte in einer traurigen Erkenntnis den Kopf, denn er liebte seinen Assistenten. Um die gewöhnliche Zeit begab sich der Arzt zum Mittag- essen, doch kaum, daß man bei der Suppe war. sprang er plötzlich auf und stürzte zur Verwunderung der Tischgenossen und der Pensionswirtin aus dem Hause. In größter Erre- gung trieb er den Kutscher zur Eile an und sprang atemlos die drei Treppen zu seiner Wohnung hinauf. Er öffnete vor- sichtig die Tür und blickte in das Arbeitszimmer hinein. Das Zimmer war unverändert, olles befand sich auf seinem Platz. Mit zitternden Händen schloß er den Schreibtisch auf, wobei ihm das Klirren der Schlüssel förmliches Entsetzen einflößte. Er sah hinein und beruhigte sich sogleich. Er setzte sich hin und schrieb in einigen Sätzen die Beob- achtungen dieses Tages in sein Heft. Er war sich genau bewußt, wie er jetzt war, wie er in der Nacht und vor einem Augenblick noch gewesen. Dann kehrte er zum Mittagessen zurück und fragte sich verwundert: Wozu habe ich mir eigentlich einen Wagen genommen, da es doch so nahe ist? Es war verschieden, er war oft noch schlimmer. Er er- innert sich auch ruhiger Nächte und an ungestörten Schlaf. Plötzlich reißt ihn etwas in die Höhe. Er macht Licht und horcht. Er schleicht sich vorsichtig unter die verschlossene Tür des Arbeitszimmers und reißt sie plötzlich weit auf. Mutig erhebt er die 5kcrze— nichts. Was erwartet er eigentlich zu finden? Er weiß es nicht. Mißtrauisch sucht er die Ecke» ab, und der eigene Schatten, der sich an den Wänden bewegt, erschreckt ihn. Dann geht er durch alle drei Zimmer mit der Kerze in der Hand. Er löscht das Licht aus, öffnet ein Fenster und sieht auf die Straße. Er holt die Bombe und trägt sie vorsichtig anS Fenster, wo er sie hinstellt. Er wartet. Endlich hört er Schritte, Stimmen.... Betrunkene kehren nach Hause zurück und grölen mit versoffenen Stimmen. Von ferne hört er einen Wagen,— auch das ist es nicht. Er wartet geduldig. Endlich kommen mitten auf dem Straßen- dämm drei Schatten näher. Sie bewegen sich langsam, man hört oft ihr breites und lautes Gähnen, die Schritte sind hart, schwer. Die Bajonette blitzen. Der Arzt hat gar keine Absichten. Er bricht in ein aus- gelassenes Hohngelächter aus. Er fühlt eine maßlose Be° sricdigung über etwas, er kann sich kaum fassen vor Freude. Inzwischen gehen jene laugsam. ruhig vorbei. Zuweilen nahm er das Etui an sich, trug es ins Kranken- haus, nahm es zum Mittagessen mit und bewegte sich damit so unbefangen, daß er es mitunter ganz vergaß: dabei fühlte er sich wohl und ruhig. Die Bombe in dem gelben Futteral blieb zehn Tage bei ihm. Gegen Ende dieser Zeit hatte der Arzt völlig irrsinnige Augen, und Stunden der Unbefangenheit, wenn er mit Met » schen zusammen war, wechselten mit ganz krankhaften AuS« brächen«b: er notierte sie in seinen Beobachtungen, indem efl sie mit aller Genauigkeit der wissenschaftlichen Terminologie bei Namen nannte. Eines Tages gegen Abend hing sich der Arzt das Etuil mit der Bombe am Riemen über die Schulter und ging damit einige Stunden in der Stadt herum. Er spazierte auf der Marschalkowska hin und her, trat in ein Kaffeehaus ein, befahl sich die Auslagen der Läden. Er stellte sich hin und sah wie! ein Neugieriger zu, wie die Patrouillen die Passanten revi« dierten, blickte den Polizisten herausfordernd ins Gesicht, aber man ließ ihn in Ruhe. Der Arzt wartete auf etwas, bereitete sich auf ein un- gewöhnliches Erlebnis vor— da aber nichts geschah, kehrte er nach Hause zurück.--- Er kam gerade zurecht. Er hatte kaum abgelegt und das fatale Etui wieder in den Schreibtisch verschlossen, als eS dreimal läutete. Auf der Schwelle stand eine fremde Dame in prachtvoller Toilette. Mit großer Verwunderung und mit noch größerer Höflich. keit bat er sie einzutreten und schob ihr einen Sessel hin. Statt sich zu setzen, brach die Dame in Lachen aus. Als seine Ver- wunderung den Höhepunkt erreicht hatte, erkannte er endlich die Genossin 5wma. Er konnte einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. Vor ihm stand eine Dame aus der großen Welt, in einem prachtvollen Pelzjackett, fabelhaften Hut, seiden- rauschend, duftend, mit Juwelen geschmückt, ein kokettes Lächeln auf den Lippen. Er verbeugte sich tief. „Meine Hochachtung der Frau Gräfin!" „Mein lieber' Kammerherr, es ist sehr unvorsichtig von mir, so spät am Abend in eine Junggescllenwohnung ein- zutreten, aber ich vertraue Ihrer Ehrenhaftigkeit und Dis- kretion. Es ist eine ernste Angelegenheit." „Ich stehe der Frau Gräfin zur Verfügung." „Ich komme persönlich, die Kronkleinodien holen, tvclche die allergnädigste Fiirstin durch eine Vertraute, wenn auch von geringer Herkunft, Ihnen übergeben hatte. Es tvar in diesen Tagen." „Dem allerhöchsten Befehl soll entsprochen werden, aber Sie werden vielleicht etwas ausruhen wollen, Frau Gräfin? Ich bemerke Spuren der Ermüdung." „Ich kann keinen Augenblick länger bleiben, die Königin wartet auf die Kleinodien. Die Königin kann nicht warten, ebensowenig jener, dem sie zugedacht sind. Der am aller- wenigsten." „Der Glückliche!" „Die Gnade der Königin ist unendlich. Ucbrigens hat sie der Mann längst verdient, und eS schickt sich nicht, ihn warten zu lassen...." „Also heute____" „Ich bedauere, keine Auskunft geben zu können. Ge- heimnis des Hofes... Der Arzt bemerkte jedoch die ungewöhnliche Blässe auf Kamas Gesicht und wie auffallend ihre Augen hinter dem Schleier glänzten. Sie war verändert, sie war ungewöhnlich schön. Und wie seltsam war auch dieser plötzlich improvisierte Dialog! Der Arzt in ihm meldete sich. „Sie müssen eine Weile ausruhen. Das ist ja alles sehr schön, aber schon des Erfolges wegen... „Ich weiß nicht, was Sie wollen. Sie sehen, ich habe es eilig.... Geben Sie mir nur ein Glas Wasser." Als der Arzt mit dem Wasser zurückkam, sagte er: „Wasser, gewiß, aber dieses euer Warschauer Wasser... � Da gehört noch was dazu— für den Wohlgeschmack...." „Ach, lassen Sie nur, ich glaube nicht an Ihre Pulver, Herr Doktcir—" „Pulver, Pulver," murmelte der Arzt bei seiner Apotheke beschäftigt, und fuhr fort:„Wenn ihr die Leute an jene Pillen glauben lasset, mit denen ihr euren Kranken, genannt zarisches Regiment, vergiftet, so glaubt nur auch an meine Pulver. Sehen Sie, Genossin, ich bilde mir nicht ein, die Krankheiten der Gesellschaft mit Bomben heilen zu können,
Ausgabe
30 (7.1.1913) 4
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