Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 7.

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Freitag den 10. Januar.

Gefchichte einer Bombe.

Von Andreas Strug.

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1918

in vielen sah man deutlich ein Schauen in die unergründliche Tiefe des Todes. Der General empfand kein Mitleid, noch sonst irgendeine menschliche Regùng; denn wenn er die Todes­urteile unterschrieb, erfüllte er nur seine Pflicht, und im übrigen waren die Revolutionäre tben das für ihn, was er für sie war.

Er kannte den russischen Soldaten. Er kannte seine dumpfe tote Seele. Er wußte, daß dieser Mann auf das Gebrüll des Kommandos hin gegen Vater und Mutter ins In dieser Galerie der Verurteilten befand sich ein junges Feuer geht wie eine Maschine. Er zog also die Schraube der Gesicht, das er bei der Durchsicht stets vermied. Alzu er­Disziplin fester an, und bis vor kurzem hörte man in dem regend, allzu scharf sahen diese Augen geradeaus in die seinen. ihm unterstellten Kreise nichts von soldatischen Verschwörun- Man konnte sich an diese Augen, die von jenseits der Welt gen und Unruhen. Hier umgab den Soldaten von allen herübersahen, unmöglich gewöhnen. Auf den ersten Blick Seiten ein feindliches, fremdes Volk, Gegen diesen Erbfeind, hatte ihm dieser Knabe gefallen, und so sehr, daß er fast den Polen , hette man ihn in der Kirche, in den Kasernen, geneigt war, ihn zu begnadigen. Aber er war allzu vieler in den Unteroffiziersschulen mit patriotischen Flugschriften. Verbrechen überführt, und der General liebte es, gerecht zu Aber es half nichts. Der Soldat verbrüderte sich mit den sein. Der Knabe starb und begann nach seinem Tode sich zu polnischen Verschwörern und Meuchelmördern rächen.

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Woran sollte man unter solchen Umständen noch glauben? Der General begann zu trinken. Er trank einsam die Abende hindurch. Das erhielt ihn noch aufrecht und er fonnte wenigstens die Nacht fest durchschlafen. Sonst raubte ihm der Gedanke, daß Nußland untergeht, die Ruhe und machte ihn wahnsinnig.

Er blickte den Soldaten, die Wache vor dem Schloß standen, mit Schrecken in die Augen. Und wenn er ihre ver­störten, erschreckten Blicke sah, die dienstlich starr auf ihn ge­richtet waren, glaubte er ihnen nicht.

Er durchsticht mich mit diesem verdammten Bajonett!" dachte er.

Da es gegen eine solche Gefahr fein Mittel gab, verließ er sein Arbeitszimmer und die anstoßenden beiden Gemächer nicht mehr. Dafür begann er mit großem Eifer Berichte zu verfassen, und die zentralen Gewalten bekamen auf Grund dieser Dokumente die entsprechende Vorstellung von seinem Amtseifer. Einst erschrat er, als er die offizielle Benach­richtigung aus Petersburg erhielt, daß ein Großfürst und seine Gemahlin nach dem Auslande zu reisen beabsichtigen und Warschau passieren würden.

Dies allein hätte ihn zwingen können, seine Festung zu berlassen. Aber der geniale Direktor seiner Kanzlei legte ihm sofort das Konzept eines Telegramms vor, folgenden Inhalts: Seine Person sei unausgesetzt von den Revolutio­nären verfolgt, daß angesichts dessen selbst ein so kurzer Augenblick wie die Begrüßung Ihrer Kaiserlichen Hoheiten auf dem Bahnhof geeignet wäre, Ihre Hoheiten durch ein verräterisches Attentat, das dem Warschauer Generalgouver­neur drohte, zu gefährden; daß die anarchistischen Elemente selbst davor nicht zurückschrecken würden, die geheiligten Per­sonen Ihrer Hoheiten zu opfern; daß er es also unter solchen Umständen für seine heilige Pflicht hielte usw.

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Als der General nach einiger Zeit seine Photographie betrachtete, blickten ihn die Augen gespenstisch an. Sie waren klar, durchdringend, unerbittlich alles wissend und alles aussprechend. Zum erstenmal im Leben durchzuckte den General etwas wie ein entsetzlicher Zweifel. War das, was er tat, auch gut? War es notwendig?-. Aus den Augen des Gehenften traf ihn Wahrheit, jene urewige Unfehlbarkeit, welche dort herrscht, wohin der verurteilte Knabe gegangen war. Mit Mühe gewann darauf der General das Gleich­gewicht zurück, und eine Zeitlang wurde niemand gehenkt. Aber eines Tages fam er wieder zu sich und zur Erfüllung seiner Pflichten. Mit der Kraft der Logik, mit angespannte­ster Willensarbeit, mit erzwungenem Hohn und mit Trunken­heit überwand er die geheimnisvolle Macht seines Feindes aus dem Jenseits. Und als alles wieder im alten Geleise war, nahm er das Album heraus und fragte den Schatten mit einem höhnischen Lächeln: Und was sagst du jetzt?

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Du stirbst!" antworteten unmittelbar die Augen. Es war in diesem Blick wieder jene durchdringende un­erbittliche Wahrheit. Und das spöttische Lächeln auf dem er­bleichten Gesicht des Generals erstarber sah seinen eigenen Tos, sein eigenes Grab. unmittelbat vor Augen. Er sah sein feierliches Reichenbegängnis, wie es sich durch die Straßen von Warschau hinzog. Die gaffende Menge, das Militär­spalier. Seitdem öffnete er das Album nicht mehr und hörte auf, die Bilder der Verurteilten zu sammeln.

Und eben an diesem Abend sollte nach langen Monaten endlich das epochale Ereignis vor sich gehen: er sollte in der Tat ausfahren. Die Vorbereitungen wurden im tiefsten Ge­heimnis getroffen. Die ganze Geheimpolizei war zusammen­gezogen. Die Straßen besett. Eine ganze Husareneskadron sollte im letzten Moment herbeigerufen werden. Der General bereitete sich wie ein Held zu diesem Auftreten vor. Er sollte Unter diesen Umständen reiste der Großfürst über Wir- auf einem von der polnischen Aristokratie veranstalteten ballen, oder er reiste gar nicht, und der General hatte Ruhe. Wohltätigkeitsbasar erscheinen. Er mußte sich zeigen. Dies Zuweilen hatte er Anfälle von Widerstand, höllischer war für ihn wichtig, zugleich wollte er selbst schrecklich gern Langeweile und Scham. Er fuhr aus, er fuhr dennoch aus! wieder belebte Straßen sehen, Menschen, Leben. Es war in Die gepanzerte Equipage aus dem Kaiserlichen Marstall fuhr ihm jene unwiderstehliche Sehnsucht eines Gefangenen, der bor , eine Kavallerieabteilung, die mit ihren Körpern und ein halbes Leben dafür hingeben würde, um nur einen ihren Pferden ihn vor den Kugeln decken sollte, stand bereit. Augenblick in der Freiheit, unter Menschen zu sein. Alles Er zog den protegè corps invulnerable an, fabriziert von war bereit. Der Oberpolizeimeister und der Chef des Ge­den französischen Schwäßern zum Schuß der russischen heimdienstes verbürgten sich für die Sicherheit und hoben. Bureaukratie. Er fuhr aus. Aber seit einem halben Jahr hervor, daß niemand außer ihnen beiden das Ziel dieser Vor­fam er nicht weiter als bis zum Tor. Im letzten Moment bereitungen kenne. zog sich das Herz in sich zusammen; es padte ihn ein Krampf. Es war die Angst.

Gegen neun Uhr kam die alarmierte Husaren- Abteilung herbeigesprengt. Der Wagen, von zwei Adjutanten mit über­trieben fühnen Mienen begleitet, stand bereit. Der General fam fchon im Belz die Treppen herab, heimlich unter dem Mantel sich befreuzigend. Das Herz schlug ihm heftig, immer heftiger. Er wankte und stürzte bin.

Und die Zeit verfloß. Immer noch erhob die Hoffnung ihr Haupt. Immer noch stellten sich für einen, der gebenkt wurde, zehn neue in die Reihe. Die Menschenmassen wogten, Der herbeigerufene Arzt konstatierte Symptome ciner und immer heftiger erbebte der Unterbau des Reiches. In dem geheimen Album des Generals hatten sich die Photo- nervösen Herzerkrankung. Es wurde ein Konsilium abgehalten und ihm strikteste graphien der verurteilten Revolutionäre, deren Todesurteile er bestätigt und die er in ein befieres Jenseits befördert hatte, Rube empfohlen. Und der General begann zu überlegen, wie zu Dubenden angesammelt. Zuweilen in gewissen bösen er sein Gesuch um einen zweimonatigen Urlaub abfassen sollte. Augenblicken, saß er da und betrachtete diese jungen Gesichter.

Es waren Augen darunter, die ihn herausfordernd wie Das Orchester spielte lärmend das letzte Stüd. Es flang, einen Feind ansahen, solche, die gedankenlos, gleichgültig als seien die Musikanten froh, endlich nach Hause gehen zu blidten, in mandjen lag die Erstarrung des Schreckens, und können. Es war ein sehr geräuschvoller Marsch. Vor einer