Anterhaltungsblatt des Horwärts
Nr. 10
Mittwoch den 15. Jcmtmr
1915
10]
Gerchichte einer Bombe» Von AndreaSStrug.
.. Ja. wenn ich so wärel So stark I Solche Menschen aber gibt es bei uns nicht I In unserer Zeit, in unserem höllischen vernichtenden Kampf ist es nötig, daß der Kämpfer an nichts anderes denkt als an das, was die Arbeit von ihm fordert.„Die Arbeit", wie wir das in unserer Sprache nennen. Wir— sind nur Werkzeuge, Maschinen zum Schleudern von Bomben. Spione, die den Feind aus dem Hinterhalt überfallen. Ritter der Nacht.... So sagt man von uns. Und in der Tat, ist denn alles schön, romantisch in unserem Kampf? Wird der Strick, dem wir nicht ent- gehen werden, oder die Zwangsarbeit alles sühnen, alles aus- streichen? Gibt es denn nicht schreckliche, widerwärtige Not- wendigkeiten, vor welchen der normale anständige Mensch zu- rückzuckt? Wir aber dürfen uns nicht davor scheuen. Manch- mal kann das nur irgendein sehr besonderer, vielleicht nicht ganz einwandfreier Mensch leisten. Und wir müssen ihn unter uns ertragen, ihn benutzen, so lange er nicht verrät, wenn er den Strick um den Hals hat, oder bis man ihm eine Kugel in den Kopf schießt... Was weißt Du? Was kennst Du, Mädchen?" Der Wagen fuhr langsam weiter. Sie fuhren, ohne zu wissen wohin, wie durch ein fremdes Land. Etwas Unbe- kanntes schien Kama plötzlich zu umgeben. Als hätte sie jetzt erst erkannt, was sie tat und was sie wagte. Dinge, die man sonst von Tag zu Tag als gewöhnlich nahm, zeigten sich plötzlich in ihrer innersten Wahrheit. Es war überraschend. Wohl wußte sie, daß sie in den Tod gegangen war, aber jetzt erst erkannte sie, was es heißt, in den Tod gehen, was es heißt, töten. Sie hatte an mancher unheilvollen, blutigen Ange- legenheit teilgenommen. Sie trug Bomben und Waffen hin und her. leistete Kundschafterdienste, jagte die Meuchelmörder- Ritter auf das ausersehene Opfer. Und noch nie war es ihr in den Sinn gekommen, Abscheu zu fühlen, zurückzuzucken oder auch nur Zweifel zu hegen. Jetzt aber, als sie hörte, wie dieser ungebrochene und menschlichen Gefühlen angeblich un- zugängliche Mensch sprach, erschauerte sie, als wäre sie aus einem Traum erwacht, fühlte sie sich wie von den glatten Windungen eines kalten Reptils eingeschnürt. Finster, schrecklich wie die schwarzen.Schatten auf dem Hintergrunde einer roten Feuersbrunst zeigten sich ihr die bekannten und lieben Gestalten der Kampfgenossen: im Schatten der Nacht, beim fernen Feuerschein eines Brandes, bewegt sich ein Haufen schwarzer Gestalten. Sie sind zu Boden gebückt, sie kriechen an der Erde hin und scheinen sich durch die Nacht hinzustehlen. Auw sie ist unter ihnen I Ter bleiche Tod geht vor ihnen ein- her und streckt seine knochigen Arme aus: mit der einen Hand weist er auf etwas hin, mit der anderen macht er gleichmäßig langsame Bewegungen, und jedesmal stürzt eine von den dunklen menschlichen Gestalten als Leiche hin. Ucber ihnen steht drohend aufgerichtet, lauernd die Stille. Die Seele ahnt in schrecklicher Nähe eine donnernde Stimme... Mit einem Schauer der Angst wandte sich Kama von der grausigen Vision ab. Und Leo sprach weiter: „Ja, der Seele ist es eng. Unsere Mittel sind elend,— ebenso elend ist unser Ziel. So viel Anstrengungen, Mützen, Gefahren— wofür? Man sagt:— für die Zukunft. Glaubt an den kommenden großen Krieg... Aber jetzt? Was ist mit uns, welche bei dieser Arbeit inzwischen zugrunde gehen? Für uns bleibt als höchstes Ziel„seine Exzellenz" der elende Beamte. Uns bleibt nichts als die Vernichtung dieser kleinen Polizeihenker. Darin erschöpft sich unsere ganze Arbeit.. Dafür geben wir unseren Kopf hin. Bleib dabei ein Ritter mit der Aureole des Ruhms um die Stirn! Trage im Herzen freudige männliche Begeisterung!... Düster ist unser Kampf. Eine schreckliche Plage diese unsere blutige Arbeit— Und unser Tod? Auf dein Schlachtfclde stirbt der Ritter, Kanonen donnern, Pferde stampfen � er sieht, während er sich in seinem Blute wälzt, das gewaltige Bild der kämpfenden Massen, und mit diesem Bilde in der Seele verläßt er die Welt... Und wir? Wir werden in dem schimitzagen Wachtlokal des Polizeireviers mißhandelt.
Der geringste Spitzel spuckt uns ins Gesicht. Dann warte! Man wird Dich versuchen, man wird in Dir die Gemeinheit mästen— man wird alles tun, daß Du Dir selbst zum Ekel wirst... Man sagt, der Provokateur ist eben ein Pro- vokateur, ein gemeiner Hund. Ach, das ist nicht so... Nicht einer von denen, die verraten haben, würde, ohne zu zucken, als Ritter im schönen offenen ritterlichen Kampf ge- fallen sein. Aber bei uns ist es schwierig. Bei uns ist es düster. Glücklich, wer blind ist und es nicht sieht. Ja, die Jugend... Aber die junge Seele verbrennt in einer Tat, in der ersten Probe. Unter unseren höllischen Umständen verwelken die Seelen— wie Blumen. Sie laufen un? da- von, reiben sich auf, gehen zugrunde. Es bleibt der Harte, Rücksichtslose, Bewußte. IHnd dieser harte, ausdauernde Mensch kann verschieden sein. Er ist finster, sieht die Welt nicht, sieht seinem Tod entgegen. Einem solchen muß man ver- zeihen, man muß ihn verstehen,— denn siehst Du, Mädchen, auf diesem Unmenschen beruht unsere ganze Arbeit. So bin ich. Solcher gibt es noch einige, die Du nicht kennst: wir haben diese ganze Last auf uns genommen. Wir halten alles aus und werden bis zu Ende aushalten. In dem, was uns er- wartet, ist nichts, was uns überraschen kann. Keine Nieder- läge, keine Kränkung, nichts, und wäre es auch noch so schrecklich. Wir träumen weder von Schönheit noch von Ruhm, wie Du und viele, viele noch unter uns. Denn wir wissen, daß bei uns kein Platz ist für das, was man schön nennt. Tief und für lange vergraben ist diese unsere Wahr- heit— die Wahrheit von unserer Sache, von unserer Qual. von diesem blutigen Verzicht auf alles, was jeder lebendige Mensch in sich schont. Was er schützt und bis zuletzt verteidigt, und was er nie und niemandem preisgibt. Wir aber geben es preis... Es ist leicht, das Leben zu opfern, aber nicht die Seele.. Kama hörte zu, den Blick starr auf Leo gerichtet. Sie konnte die Augen nicht von ihm abwenden. Wenn der Wagen dunklere Gegenden durchfuhr, wurde Leo unsichtbar. und seine Stimme schien dann aus einem tiefen Nebel, auS einer düsteren Höhle zu kommen. Dies entsetzte sie, denn dann schien es ihr, als wäre sie an einem unfaßbaren Ort. in einer unbegreiflichen Welt, daß die Stimme eines ge- spenstischen, übermenschlichen, unmenschlichen Wesens zu ihr dringe. Tic Eindrücke dieses Tages waren zu heftig. Kama ver- lor jeden Augenblick sich selbst und kam wieder zu sich, schlief ein, als würde sie weit fortgetragen, und kehrte, wie aus dem Traum erwachend, zurück. Zuweilen flog ein blitzartiger Gedanke durch ihren Kopf und verschwand wieder. Aber dieser Augenblick war dann anch so blendend, daß sie nichts von dem verstand, was Leo zu ihr sprach. Dann schien es ihr, daß dieser Moment— dieses Jetzt— etwas sei, das ans einer jenseitigen Welt herausgerissen wurde. Alle? war bereits so geschehen, wie es sollte. Ihr zer» fetzter Körper lebt nicht mehr. Die Seele hat diese Erde schon verlassen, schwebt in unermeßlicher Ferne zwischen den Sternen. Und jetzt ist sie irgendwo im Nebel verirrt, in ein enges Gäßchen eines geheimnisvollen Landes, jenes Landes, das von Geburt an auf jeden wartet, und an welches die nüchternen Menschen auf der Erde nicht glauben. O Ewig- keit! O Unsterblichkeit! Bedeutete das, daß sie nun für ewig in diesen dunklen Winkel eingeschlossen bleiben sollte, in unbeschreiblicher Angst vor irgendeinem bedrückenden Rätsel?... Zu stark waren die Eindrücke dieses TageS. Und hätte jener böse Augenblick auch nur eine Viertelsekunde noch länger gedauert, dann wäre das dünne Haar gerissen, an welchem über Kamas Haupt das zerschmetternde Gewicht des Irrsinns hing. Wahrheit und Täuschung wären durch- einander gekommen, und ein Abgrund voller Schreckgestalten hätte sich vor ihr geöffnet. Noch einen Augenblick länger, und es hätte rings um sie von Zaubern und Wundern gewimmelt, die Lippen hätten sich sinnlos bewegt vor Anstrengung, das Unsagbare, das weder Form noch Sein hatte, zu erfassen und auszusprechen. Licht drang in das Innere des Wagens und ließ das Gesicht Leos wieder sichtbar werden. Die Wirklichkeit kehrte