AnterhaltungMatt des vorwärts Nr. 15 Mittwoch den 22. Januar. 1913 15] Gefcincbte einer Bombe. Won AndreasStrug. .. Was soll sie, die Unglückliche, dann tun? Ihr kindliches, entsetzliches Unglück steigert sich, denn auf ihrem Gedächtnis lastet eine Kette langer quälender Jahre, eines alten Lebens voller Elend, Schmerzen. Mißhandlung und unglaublicher Ueberarbeitung. Schon einmal war dieses ganze Unglück gewesen, hatte sich iiberlebt und hat alle Kräfte, alles Blut und alle Tränen mit sich genommen. Und jetzt sollte sich alles noch einmal wiederholen! So war schon ihr Schicksal. So war Gottes Wille. Eine Strafe Gottes, flüsterte sie. Eine Strafe Gottes. Wofür, gerechter Gott, strafst du ein unwissendes Kind? Warum schlägst du es so unbarmherzig, strenger Vater? Warum sind die Menschen ringsum schlecht, wütend, gemein? So ist die Welt. So ist nun einmal die Welt. Dagegen läßt sich nichts tun. Leide und ertrage. Wenn du stirbst, dann wirst du auf ewig Nuhe haben unter dieser heiligen Erde. Es saust der Hammer. Schlag fällt auf Schlag. Der Keil dringt langsam, langsam ein und spaltet etwas sehr Hartes auseinander. Es knirscht, es kracht etwas im Kopf. Bald wird dieses harte Nichtverstehen gespalten sein. Und schließlich wird der Mensch doch etwas erfahren.... So wurde die Alte durch die Welt geschleift, durch ein Labyrinth fremder Gedanken. Man befiehlt ihr. man der- bietet ihr. Der eine macht sich in aller Güte über sie lustig, wie der Reiche über den Armen. Ein anderer beklagt sie wie ein himmlischer Engel, zuweilen auch mag sie eine gütige Hand berühren, und der Schutzengel sprechen: Konun, Seele, fort von dieses sündigen Erde, komm in den Himmel zu ewigem Ruhe! Aber, ach, noch lange nicht. Teufel stellen sich ihr in den Weg, höhnen, lästern, mißhandeln sie, nicht anders als die Menschen. Es ist noch nicht Feierabend. Du hast noch viele Stunden vor dir. Krümme dich, halte dich und klebe an dieser Maschine hier fest. Die Maschinen brausen, stampfen. Es drehen sich die großen und kleinen Räder. Endlos summen die Treib- riemen. Es ziehen sich die dünnen Fäden ohne Ende, entknoten sich, drehen sich zusammen und ziehen die Seelen in ihr Netz, wie die Spinne die summende Fliege. Der Arbeitstag läuft, läuft ohne Ende. Die Maschine läßt nicht ruhen, läßt nicht atmen. Du darfst kein Auge von ihr lassen, kannst den Rücken nicht gerade richten und die Hand nicht loslassen. So sieh zu, gib acht.... Und alles was ist, alles, was nur sein kann, verschwindet. Die Welt ist erfüllt von diesem Sausen und Stampfen, und es bleibt nichts als dieser dünne Faden, der unausgesetzt aus der wie eine Wolke gewaltigen Spinnmaschine läuft, ver- schwindet, und der angestrengte Kopf achtet nur auf eins: daß der Faden nicht reißt.... So sitzt die alte Frau spät in der Nacht und wackelt an ihrem Fenster. Die gedankenleeren Augen sind in den Licht- glänz, der aus der Fabrik kommt, versenkt, und die wie eine Maschine geschickten Hände, die alten abgearbeiteten Finger, greifen immer wieder nach den durchlaufenden Fäden, reg»- jieren den Gang der Maschine. Das Restchen menschlichen Verstandes, dos ihr geblieben ist, zehrt sich in der letzten Sorge auf, daß dieser verfluchte Faden nicht reißt. Wann ist Stasiek*) fortgegangen? Das war schon so lange her. daß sie sich kaum noch erinnerte. War es vor einem Jabr oder vor zweien? Dabei wiederholte etwas in ihr beharrlich, daß. es beute abend war. Nun mag es so fein. Trotzdem bleibt die Entfernung in der Zeit gleich groß. Trotzdem bleibt der Abgrund. Wannest Stasiek fortgegangen? Und wer ist er eigent- lich? Wessen ist er? Tie Alte sietzt schon so lange Stunden da und hat noch nicht einmal daran gedacht. Etwas hinderte sie daran. Auf eine schreckliche Weise verlor sich dieser ihr ') Diminutiv für Stanislaw Stanislaus. leiblicher Sohn. Am Ende war er überhaupt nicht! Was war? Verschiedenes war. * Das wilde Kind vom Lande sieht sich in der gewaltigen Stadt um. Der Kopf schwindelte ihm, als es mit Vater und Mutter von dem Schlagbaum in die Stadt wanderte. Dann blickte es aus dem Keller unter der Erde vorsichtig auf den Hof, wo die städtischen Kinder spielten. Zu Hause herrscht Hunger. Der Vater sucht Arbeit und kehrt jeden Abend be- trunken mit leeren Händen zurück. Die Mutter wird krank. Um sie herum sind lauter Fremde, böse, nichtsnutzige Men» scheu. Und die Häuser sind so gewaltig. Und die Stadt so ungeheuer. Und so viele Menschen. Zu viele. Die Kleine fürchtete sich vor allem, und am meisten vor diesen schrecklichen, rauchenden Schornsteinen, die überall herausragten, wohin man blickte, und den Himmel zu tragen schienen. Sie jagten ihr mit ihrer Größe, mit ihrem blutroten Rauch, und durch das Wunder, daß sie nicht ein- stürzten, Angst ein. Wenn sie auf sie sah, kamen ihr die ent- setzlichsten Stellen aus den Märchen in den Sinn, die von bösen Geistern erzählten, und alles, was der geistliche Herr von der Hölle erzählte, um die sündigen Leute auf dem Lande einzuschüchtern. Dann kam der Dienst bei armen Schluckern, die sie quälten und mißhandelten. Böse, stets wütende Meiste- rinnen, häßliche, lästige Kisider. Ein lahmbeiniger Schuster, bei dem es von Kindern wimnielte, ein grausamer Trunken- bold. Sie fürchtete ihn wie das Feuer. Sie tat, was er befahl, aber es wurde darum nicht besser. Er hörte nickt auf, sie zu schlagen. Damals war sie zwölf Jahre. Die Mutter war gestorben, der Vater irgendwo verschollen, sie war allein geblieben, alle fürchtend, jedem gehorchend. Der Faden, ach, dieser Faden... Die Maschinejüiuft kräftig, und die Treibräder sausen wie der Wind. Der Faden spinnt sich fort, läuft durch das Schiffchen, wickelt sich aus der Spule auf. wächst an, immer dicker werden die Walzen: Du kommst nicht mit, Mensch, wenn du dich auch zerreißt! Das geheimnisvolle Gespinst erschöpft sich nicht, aber die mensch- jiche Kraft. Wann wird endlich die Pfeife ertönen? Wann werden die ermüdeten Augen sich vom Werktisch abreißen? Tie Augen können kaum sehen, der Kopf sinkt herab, die Finger erstarren,. Gib acht, halte den Faden. Halte dich aufrecht! Gib dir Mühe, der Herr Meister sieht zu! Ter Herr Meister sieht sie an. Er sieht sie an und winkt. Wer kann dem Meister widerstehen? Die andern beneideten sie. Und sie hatte nur Angst, wie immer. Die Greisin streckt die Hand aus. Greift mit den Fingern. Glättet. Reguliert. Dreht. Gibt scharf acht, wie der Faden läuft. Paßt auf. daß er nicht reißt. Daß er nicht verdirbt. Sie hatte etwas ergriffen und hält es wie im Irr- sinn fest. Sie hält sich an diesem dünnen Faden fest. Viel- leicht reißt er jeden Augenblick ab, und die Alte fällt tot hin bei ihrer Arbeit oder sie wird ihre Werkstätte in Ordnung halten und noch viele Jahre so weiterspinuen, im Kranken- haus der Fabrik, im Irrenhaus, im städtischen Arrest, überall. wohin das Schicksal sie wirft. So wie es sich geziemt für einen verrückt gewordenen Menschen in diesem baumwolleneir Königreich, in dieser Stadt Lodz . » Tausend Formen und tausend Bedeutungen hat das alte Wort Glück. Glücklich, wer auch für einen Augenblick nur einen Schein davon, einen noch so winzigen, lächerlich kleinen Strahl dieser fernen Sonne für sich erhaschen kann. Zluch die alte Cywik hatte ihre Stunde des Glückes gehabt. Wie hatte sie sich dem lieben Gott schon zuwider gemacht mit ihren Dank­sagungen, viel niehr noch als mit ihrem Flehen um Barm- Herzigkeit und Gnade durch ihr langes grausames Leben hin- durch. Ihre Dankbarkeit hatte weder Maß noch Grenze. Die Freude kam nämlich zu ihr am letzten Niedergang einer Existenz, auf der es von Geburt an wie ein Fluch gelastet hatte. Nach höllischen unausgesetzten Plagen, nach gransamen Prüfungen kam im Greisenallcr eine gütige, unglaublich gütige Zeit. Gott prüft und versucht in seiner unerforsch- lichen Güte und belohnt dann rüchlich über alle Erwartung. Aber es ist schwer, sich an das Gute zu gewöhnen. W«u»