Zlnterhaltungsblatt des Horwärts
Nr. 18.
Sonnabend den 25. Januar
1913
18]
Gefcbicbte einer Bombe» Von Andreas©trug.
Langsam, angestrengt, schnaufend schleppte sich der ge- mischte Zug durch die Nacht. Er kroch förmlich von Station zu Station und machte den Eindruck, als käme er nicht vom Fleck oder müßte jeden Augenblick stehen bleiben. Obwohl man glauben mußte, daß eine Lokomotive vorgespannt war, schien es doch, als wären es ein Paar Ochsen. Schließlich erreichte er irgendeine kleine, in Dunkel getaucht« Station, und es begann ein verzweifelter Aufenthalt. Man schob die Waggons hin und her, koppelte sie ab, koppelte wieder an, schob die unseligen Passagiere vorwärts, rückwärts, rangierte, stieß, schüttelte, knarrte, ließ Dampf ausströmen, klingelte und pfiff. Endlich bewegte sich der Zug weiter in die dunkle Nacht, ganz langsam, Schritt für Schritt, bis zur nächsten Haltestelle. Der Genosse Marek konnte nicht schlafen und wand sich vor Langeweile. Er sah durchs Fenster hinaus und zählte die Sterne, rauchte eine Zigarette nach der andern, wälzte sich auf der harten Bank von einer Seite auf die andere, unterhielt sich mit zwei Juden, die im Eoup6 saßen, versuchte zu schlafen und bildete sich ein, einzuschlafen, obwohl er wußte, daß es nicht möglich war. Er hatte nichts, womit er dieses große Loch der Zeit hätte stopfen können. Er hatte nichts, woran er denken konnte. Er war übermüdet. Vor nicht langer Zeit war es ihm durch einen Glückszufall gelungen, aus dem Gefängnis zu entkommen, oder vielmehr, er wurde durch ein Wunder aus dem Gefängnis entführt, wo er seit langen Monaten ruhig auf den Tod gewartet hatte. Dies war vor einigen Wochen geschehen, und jetzt noch konnte er sich in seinem neuen Leben nicht zurechtfinden. Er wußte sich ja freuen, als sei er wiedergeboren worden! So freute er sich auch, ober nur er allein wußte, wie diese Freude beschaffen war. Er war den Freunden, die ihn ge- rettet hatten, dankbar. Aber auch diese Dankbarkeit sah in ihrem Wesen dem Haß verflucht ähnlich. Ihm schien, als wäre ihm bitteres Unrecht widerfahren, als hätte sich ein sehr braver, sehr vertrauter, prachtvoller Mensch brutal in seine intinisten Angelegenheiten eingedrängt und sich so mit seinen guten Absichten eingedrängt und sich so mit seinen guten Ab- sichten zwischen ihn und etwas sehr Wichtiges, Unaussprech- liches gestellt, das einen Teil seines schrecklichen Antlitzes be- reits vor ihm enthüllt hatte. Man hatte ihm alles und für immer verdorben. Er fühlte sich schlecht. Hätte man jetzt die Tür zu feiner Zelle wieder geöffnet und ihm gesagt: ziehr zurück,— es bleibe, wie es war, es geschehe, was geschehen soll,— so würde er sich mit Wider- willen abgewandt haben. Doch zur Freiheit, zum Leben zu- rückgekehrt, wußte er nichts dannt anzufangen. Er gehörte nicht her und gehörte nicht hin. Er stand wie auf der Schwelle. Schon wenige Tage nach seiner Befreiung verschwand die erste eingebildete Freude, und es überfielen ihn Gedanken, die rein unbegreiflich waren. Das konnte man immerhin noch als Nervosität bezeichnen. Man gab ihm Pulver, empfahl ihm, sich ins Ausland außer Gefahr zu begeben und auszuruhen. Die Pulver nahm er, aber gegen die Reise wehrte er sich mit allen Kräften. Allmählich nahm er wahr, daß er aus dem Gefängnis eine gewisse befestigte Art zu denken mitgenomnien hatte, eine seelische Verfassung, welche ihm im Leben alles vergiftete: während er dort eingeschlossen und in Erwartung der bekannten Lösung sich durchaus an seinem Platze gefühlt hatte. Er schämte sich dieser Pein und verbarg sie. Er verstand sich selbst nicht. Er konnte nicht erfassen, worauf es da eigentlich ankam. Er wollte leben und konnte nicht. Er sehnte sich nach etwas. Er wartete auf ettvas und konnte es nirgends in der Welt finden. Die ganze Wirklichkeit war verändert. Er wunderte sich über die einfachsten Dinge. Aus allem gähnte ihn Langeweile an. Es war alles klein geworden, unnütz. Und er selbst verniochte nichts richtig zu wollen, weder in persönlichen noch in allgemeinen Dingen. ES gab eine Frau, die er sehr liebte, und die Liebe zu ihr
hatte ihn auch im Gefängnis erfüllt und trunken gemacht. Diese Frau war zurzeit weit fort, aber er wußte, daß sie jeden Augenblick bei ihm eintreffen konnte.. Er wartetS darauf wie ein Verurteilter. Die Geliebte war, wie immer, schön und lieb und ganz ihm hingegeben, doch in ihm war das Unterste zu oberst gekehrt. Wie sollte er leben?„Es gehört Zeit dazu, die Zeit wird es schaffen" wiederholte er sich ständig und wollte daran glauben. Als er sich keinen Rat mehr wußte, gab er seine Muße auf und ging wieder an seine alte Arbeit. Doch wie seltsam hatte sich in seinem Bewußtsein auch diese bekannte, geliebte Tätigkeit verändert! Auch sie, wie alles andere! Doch er dachte: ich werde dabei schon warm werden! Und halb un- bewußt sprach etwas in ihm, daß gerade bei der Arbeit ge- wisse Umstände wiederkehren und dadurch sich vielleicht rascher die seltsamen Mißverständnisse dieses neuen wunderlichen Lebens lösen würden. Er tat dies, tat jenes, jetzt reiste er, wohin er sollte. Auf dem Gepäckbrett standen seine beiden schweren Koffer. Im CoupS war es drückend heiß. Das gelbe, trübe Licht der Lampe und das ununterbrochene Geschwätz der Mit» reisenden reizte ihn. Sein Kopf war aufs äußerste erschöpft. Jetzt wollte er überhaupt nichts mehr. Alles war ihm gleich- gültig,— dennoch konnte er sich von den automatisch arbeiten- den Gedanken nicht losreißen: sie liefen wie eine losgelassene Maschine ihr eigenes Tempo imd ließen sich nicht bändigen, als hätte er alle Herrschaft über sie verloren. Es war, als würde sich ein Fremder über ihn auseinanderfetzen, seine Ver- gangenheit durchwühlen und seine Zukunft erfragen, sich wundern, höhnen und über gewisse Erscheinungen bedeutungs- voll den Kopf schütteln. Er glich einem Arzt, der mit seinem Patienten unzufrieden ist. Der Arzt verdüstert sich, unter- sucht, horcht, tastet, erwägt verschiedene unbedeutende Kleinig- keiten, klassifiziert sie und ist unzufrieden. Der Kranke wartet gleichgültig. Er weiß etwas, wovon der Arzt nicht einmal eine Ahnung hat. Er macht sich innerlich über den Arzt lustig. Er erwartet nichts von dem Arzt. Ter Kranke weiß alles, aber er leidet. Er hatte einen jener Träume, die ganz sinnlos sind und im Gedächtnis weder einen Begriff noch ein Bild zurücklassen. Man erinnert sich an nichts, weiß jedoch, daß sich etwas sehr Wichtiges zugetragen hat, daß im Schlafe eben das sich ge- zeigt, wonach die Seele so lange Zeit vergebens sich abgemüht hatte. Endlich ist das geheimnisvolle Wort ausgesprochen worden, das die Tore des Unbegreiflichen öffnet. Der er- wachte Mensch jagt danach mit feiner Erinnerung, arbeitet, versucht zu erraten, verfolgt die Spur der entschwundenen, formlosen Bilder, von denen nur ein trüber Schein zurück» geblieben ist... Marek erwachte und griff nach dem verflüchtigten Traum. „Wie war das?— Was war es eigentlich?" Er griff hitzig und blindlings zu, wie man im Dunkeln nach einer lästigen, summenden Mücke greift. In der Faust bleibt nichts, und die Mücke summt, droht und ist irgend- wo da. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber es war schon Tag. Marek hing mit dem halben Körper im Fenster und atmete erleichtert die frische, feuchte Luft ein. Er sah in die Welt hinaus. Der Zug schob sich langsam durch den Wald, an der dichten Wand der Tannen vorbei, deren Stännne rot und deren Zweige noch dunkel waren. In der Tiefe des Waldes war es schwarz. Das Auge durchdrang die geheimnisvoll dämmerigen Räume zwischen den Stämmen. Tie Nacht webte dort noch still, etwas veränderte sich und verschwand. Der Wald lockte und gab vor, alles zu wissen— schon lange alles zu wissen. Lichtungen öffneten sich, kleine feuchte Wiesen, auf denen sich die Nebel tief und breit ausdehnten Strecken dichten Heidekrauts zogen sich hin, naß und beschwert vom Tau. Der Wald hörte auf, nnd das Auge blickte weit ins Freie. Felder, Wiesen liefen unendlich hin. Am niedrigen Horizont zog ein Wolkenstrcifon dahin: dunkel, däinmcria war seine Farbe auf dem grauen Himmel. E* schliefen noch ihren letzten kurzen Schlaf die in de? Eben? zerstreuten