Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 25.

25]

Mittwoch den 5. Februar.

Gefchichte einer Bombe.

Von Andreas Strug.

Ein kleiner Reſt nur war vom Gedächtnis der Ge­storbenen übrig geblieben. Im Halbdunkel stand das Frag­ment des Kreuzes wie ein Sinnbild ewigen, nicht gutgemachten Unrechts. Lief in der Wildnis begraben, fern von Menschen, lag die blutige Kränkung. Sie war geflohen von den Menschen und wollte in ihrer tiefen Versunfenheit nichts mehr als die ewige Einsamkeit der Ruhe. Sie schlief den ewigen Schlaf und schien im Rauschen der Blätter nur um eins zu flehen: Laß uns im Frieden, lebender nachkommender Mensch! Komm nicht hierher, denn wir haben endlich Ruhe gefunden. Der Feind hat uns erschlagen. Unsere Sache ist verspielt, und unsere Brüder haben uns vergessen. So viele Jahre ist es her... Geh fort und vergiß!

Marek erwachte aus seinem wesenlojen letargischen

Sinnen. Er setzte den Hut auf, trat in die Sonne, in das Licht, in die Wärme des Lebens. Die Trauer des Grabes hatte ihn nicht angeſtedt. Er neidete jenen Gefallenen nur die weiten Fluren und den großen, offenen Kampf in großen Haufen. Und dies, daß sie in der Schlacht mit der Waffe in der Hand gefallen waren. Er stand da und sah von der Höhe auf das weite hügelige Land. Alles, was in ihm lebendig und vernünftig war, erwachte. Und noch einmal lächelte ihm die Freude; lächelte ihm das Herz über diesen Bauer Drawiec, der dort auf der Straße ihn erwartete und ihn stets wieder an den Kampf gemahnte. Und er dachte und sprach es aus: Nur das hat Euch gefehlt in Eurem Schicksal! Dieser Bauer. Nichts anderes als er!

Er sprach die Worte, wie ein liebender Sohn zunt Schatten des abgeschiedenen Vaters spricht.

Ein heißer Tag fündigte sich an. Die Farben spielten in der Sonne, die Umrisse entfernter Dinge zitterten in der heißen Luft. Die Grillen schienen außer sich vor Freudigkeit und sprangen ihm in ganzen Haufen vor den Füßen herum. Man hörte das Locken der Wachteln, es lärmten die Elstern, die um etwas zu kämpfen schienen. Schön stand in ihrer üppigen Pracht die Fülle der wilden Blumen.

Und Marek wußte jeßt ein für allemal, daß seine letzte Stunde heiter und ruhig sein wird. Er wußte, daß trotz aller Schönheit des Lebens sein Tod etwas ebenso Einfaches, ebenso Notwendiges war wie dieser bescheidene weiße Schmetterling auf dem Hintergrund des blauen Himmels.

Am frühen Morgen des nächsten Tages begannen sich die eingeweihten Bauern an dem verabredeten Platz zu ver­sammeln. Sie tamen verschiedene Wege; durch Feldrain und verborgene Steige famen sie von weither, und ver­schwanden im Walde.

Auf einer kleinen Lichtung, auf der nur ein Haufen frischgesammelten Heus lag, warteten bereits Marek und Drawiec. Man begrüßte sich. Alle liebten Marek sehr, und ein jeder der Reihe nach sprach ihm, fast mit den gleichen Worten und so gut er es verstand, seine Freude darüber aus, daß der ältere Genosse sich gerettet hatte und lebt Gott gebe noch recht lange!" Marek drückte harte Fäuste und be­grüßte gerührt die alten Bekannten. Man unterhielt sich eine Weile, und als Orawiec verkündigte, daß alle Berufenen beisammen seien, setzten sich die Bauern in den Schatten aufs Gras, und Marek trat heraus und sprach.

1913

wozu ist diese Kampfg nossenschaft da, wenn befohlen wird, still zu sizen, nur zu lernen und zu schweigen- und nichts zu tun, als was jeder gewöhnliche Mensch in der Partei tut? Denn manchem scheint es, er sei etwas Besonderes, wenn er denn in seinem Kopf ist es nicht in Ordnung. In gewöhnlichen der Kampfgenossenschaft beigetreten ist. Der mag sich mäßigen, Zeiten seid Ihr verpflichtet, die ersten bei der alltäglichen ruhigen Arbeit zu sein, sei es beim Streif, sei es, um die Halunken aus der Gemeinde auszuräuchern, sei es in der Versammlung. Und wenn der Befehl kommen wird, zu den schon so viele Male auseinandergesezt, was die Kampf­Waffen zu greifen, dann werdet Ihr gehen. Ich habe Euch genossenschaft ist, wozu und zu welchem 3wed, was und wann fie foll- und Ihr erinnert Euch dessen nicht mehr! Man muß sich schämen, daß man ein und dasselbe immer und mund und um die Zeit! An Stelle dessen, was ich Euch immer wiederholen muß wie vor Kindern. Schade um den Neues zu sagen hätte, muß ich immer die alten Predigten wiederholen..."

Er sprach lange. Er sprach klar, kraftvoll, einfach, unt aufzuffären und zu belehren. So oft schon hatte er das gleiche gesprochen, hier und anderswo, daß es ihn langweilte, wenn er begann. Da er aber einen Haufen aufmerksam und ge­sammelt horchender, tapferer, bereiter Reute vor sich hatte, wurde er lebhaft und warm.

Meine Sache ist es nicht, Euch von der Duma zu er­zählen, von der Politik und von den ländlichen Streifs. Thr habt die Zeitung left sie; dazu sind auch die Genossen bon der ländlichen Organisation da. Diese fragt. Meine Sache ist, daß Ihr schießen lernt, eine Mine legen, rasch zur Stelle sein, wo man Euer bedarf, das nötige tun und verschwinden, leise wie die Katzen. Und gegebenenfalls den Kopf zu ris­fieren, ohne Bedauern und ohne Angst. Also, Genossen, jetzt werde ich Euch eine große und wichtige Neuigkeit mitteilen. und aus dem, was ich von Euch und von Drawiec hörte, schließe ich, daß sie Euch angenehm sein wird.

Eine große Arbeit wartet Eurer hier. Eine nicht ge­wöhnliche und sehr wichtige Arbeit. Man kann sagen, daß unsere Kampfgruppe dergleichen noch nicht unternommen hat, weil es ihr an Kräften fehlte. Jetzt kann man es, also wird es geschehen.

Ich werde Euch nicht sagen, wo, was, wie und wann. Denn das ist nicht unsere Art. Es genüge Euch zu wissen, daß jeden Tag, vielleicht schon in einer Woche, jemand von den Unserigen oder ich selbst oder ein anderer, wenn ich nicht mehr sein sollte, mit dem Befehl hierherkommen wird; dann müßt hr, ohne auch nur eine Stunde zu verlieren, beginnen. Alle, bis zum legten, haben in Bereitschaft sich zu halten. Es wird vielleicht nötig sein, weit zu fahren, vielleicht einen Haufen von Menschen hier unterzubringen, zu unterstüßen­bielleicht ergibt es sich auch, daß man Gefangene befreien wird müssen...

Es kann mißlingen. Und dann werdet Ihr es alle mit dem Leben bezahlen. Es kann, wenn Ihr Euch brav haltet, gelingen. Und dann wird es nur Freude geben und gar keine Trauer. Ich bin nicht der liebe Gott, um das voraus­zuwissen. Aber was ich wissen muß, ist: daß Ihr mit Ueber­legung auf die Frage antwortet: werdet Ihr bereit sein? Werdet Ihr blind gehorchen, wie es gerade kommt?- Wer nicht bereit ist, mag heute die Waffe abliefern, und er soll fein böses Wort hören." ,, Wir sind bereit."

11

Wollt Ihr alle gehen?"

Uns braucht man nicht zu fragen. Nur zu befehlen.-

Ich freue mich, Euch alle lebendig, gesund und zur Arbeit bereit zu sehen. Ich freue mich, daß hier bei Euch alles in Ordnung ist, daß feine Lumperei und kein Eigen- Dazu sind wir da." wille vorgekommen ist. Die erste soldatische Tugend ist, dem Anführer zu gehorchen. Nicht mir und auch nicht dem Ge­nossen Orawiec habt Ihr gehorcht, sondern der ganzen Re­volution und dem arbeitenden Volk, das uns zu Euch geschickt hat. Das ist gut.

Ihr seid unzufrieden, daß es für die Kampforuppe zu­nächst keine Arbeit gibt. Auch das ist gut, daß der Soldat den Kampf will. Anders, wenn es ihm einfallen sollte, auf eigene Faust etwas zu unternehmen. Da aber dergleichen nicht geschah, so ist es gut. Mancher von Euch frägt sich:

Wir haben genug von dem Warten." Drawiec erhob sich vom Grase und sprach:

Du, älterer Genosse, und auch Ihr, Genossen! Ich will jetzt wegen der Aufnahme neuer Leute in den Bund etwas fagen. Wir sind hier achtundzwanzig von den Helteren, und nicht weit von hier am Walde warten noch dreizehn, die zu uns wollen. Es ist nötig, daß hier von allen gesagt wird, was einer irgend von ihnen weiß. Sie sind ausgesucht und ge­wählt, durchgefiebt wie das Korn in der Mühle. Alles wohl­geraten. Denn Verdorbenes brauchen wir nicht. Aber