Anterhaltungsblatl des Horwürts Nr 40. Mittwoch� den 26. Februar. 1913 Gefchichtc einer Sombe. Von Andreas Strug. Herr Kasimir stand noch lange hinter dem Ladentisch, don gerechtem Zorn durchbebt. Wegen dieses dummen länd- lichen Unterbureaus hatte der Laden drei und die Wohnung vier Revisionen überstehen müssen. Zweimal hatte man ihn aufs Rathaus gebracht, und jedesmal kostete ihn die Be- freiung fünfzig Rubel in bar und ebensoviel in Waren. Noch lange nach der Krisis, nach dem Auseinanderbruch der Partei, wurde er nach beiden Seiten gezerrt, daß ihm der Kopf platzte. Seit einem halben Jahr waren fast alle Parteikunden wie die Schatten in all« Winde zerstoben, ohne die Schulden in seinem Laden zu bezahlen. Immer öfter und frecher meldeten sich die Spitzel, und jetzt erscheint diese ehrliche Haut aus der Provinz und weist nicht einmal, dast derAusschust" noch im Januar verhaftet worden ist, und dast durch die Krisis in der Partei und durch die Dezi- nrierung alles kopfheister gegangen ist! Seitdem waren drei neueUnterbureaus" ausgehoben, und der kommt nun daher mit seiner Frau Wojdalinska, als hätte sich nichts ver- ändert! Angenehmer Mitbürger! Etwas verspätet mit seinem wichtigen Geschäft! Was konnte es denn jetzt noch für wichtige Angelegenheiten geben? Mihgeschick! Unglück! Schlich! Könnte man nur rasch vergessen, dast etwas war! Herr Kasimir vertiefte sich in die Erwägung, ob dieser verspätete Genosse am Ende nicht etwa gar ein Spitzel war. Er sah zwar anständig aus, aber auch die Spione sahen an- ständig aus. Fräulein Sophie," rief er seiner Gehilfin zu, die sich im Hinterziminer befand,was denken Sie über den Mann, der eben hier war?" Das war sicher einer der Unserigen... Man hätte ihm beistehen müssen." Was kann ich ihm helfen? Seit sechs Wochen war kein Mensch mehr bei uns. Ich weist nichts und will von nichts wissen." Man hätte ihn vielleicht hu Stepkowski schicken sollen!" Ja, weist ich denn, wohin er gehört? Weist ich, ob Stepkowskis nicht schon verhaftet sind? Entweder sie werfen ihn zur Türe hinaus, wenn er nicht zu ihnen gehört, oder ich reite sie hinein, wenn es ein Spitzel ist, oder endlich, ich ver- derbe ihn selbst, wenn jene verhaftet sind und in der WoH- nung eine Fall« ist. Der Teufel soll's holen! Was kann ich dafür, dast er sich verspätet hat?" Wenn er klug ist, wird er sich selber helfen!" Er sagt, er kennt niemand. Es tut mir ja leid, aber ich habe meine Pflicht getan. Wenn jeder so vorsichtig wäre wie ich, würden nicht so viele hereinfallen..." Der Eintritt eines Herrn mit einem kleinen Mädchen unterbrach das Gespräch. Herr Kasimir legte ihm Waren vor, redete ihm zu und unterhielt ihn. Nach einer Weile trat wieder ein Mann ein und wurde von Fräulein Sophie be- dient. Nach kurzer Zeit bezahlten die Kunden und gingen. Nun, was sagen Sie? Schöne Zeiten, was? Es scheint, dast man mich bald wieder einstecken wird. Haben Sie sich die beiden genau angesehen?" Ganz gewöhnliche Leute." Spitzel, der eine und der andere!" Was fällt Ihnen ein?" Der bei mir gab vor, kaufen zu wollen, während das Töchterchen immerzu in das Zimmer hineinsah. Sie ging sogar hinter den Ladenttsch. um bequemer hineinzublicken." Das ist doch nicht auffallend. Wie eben ein Kind im Geschäft!" Ja, wie das Kind eines Spitzels! Jetzt fangen sie gar an, die Kinder mitzubringen, um noch unbefangener und bequemer spionieren zu können. Das erregt ja gar keinen Verdacht. Sie selbst lachen und sagen: ein Spitzel mit einem Kind! Und dahinter steckt eine verfluchte List!" Fräulein Sophie lachte. Den, den Sie bedient haben," fuhr er fort,kenne ich bestimmt. Er war schon einmal hier und fragte nach dem Bureau ich erinnere mich genau, es war im November.. ES war ein Provokateur, der nur zum Schein gekauft hat, Er wustte selbst nicht, was er wollte, hat sich immerzu um- gesehen. Erst sollten es Knöpfe sein, und dann kaufte er eine Krawatte. Die Kerle hat mir jetzt dieserBruder aus der Provinz" auf den Hals gehetzt. Ein angenehmer Mitbürger!" Fräulein Sophie zuckte die Achseln und befastte sich schweigend mit ihrer Arbeit. Sie überlegte, wo sie eins Stellung suchen sollte, wenn der Chef völlig verrückt wird. Nach einer Weile trat Herr Kasimir zu ihr und sprach flüsternd: Sehen Sie den, der wie ein Bote aussieht? Er steht schon wieder drüben auf der Straße. Ich habe ihn gleich erkannt! Geben Sie acht, Fräulein Sophie, heute holen Sie mich wieder! Gerade vor Ostern es ist mein Ruin! Aus ist's, fertig! Jetzt kaufe ich mich nimmer los! Sie stecken mich in die Festung, und dort werde ich sterben! Heute nacht werden sie kommen!..." Gehen Sie lieber etwas spazieren, erholen Sie sich.. Spazieren? Wenn mich alle Spitzel kennen? Wenn mich alle Provokateure kennen? Nein, besser ich lasse! nnch hier verhafte». Wenn sie einen von der Straße nehmen, setzt es auch noch Prügel." Vielleicht gehen Sie zur Ochrana und sprechen mit den Leuten! Geben Sie ihnen fiinfzig Rubel, und Sie haben eine Zeitlang Ruhe. Mag der Schuft kommen und sich Waren dafür aussuchen. Dabei verdienen Sie immer noch vierzig vom Hundert." So? Damit ich für einen Spitzel gehalten werde? i Damit mir einer von den Kampfgenossen, die jetzt los- gekoppelt in den Straßen herumlaufen, eine Kugel in den Kopf jagt! Was ist denn jetzt noch sicher auf dieser Welt? Entsetzlich!... Ach, was für Zeiten, was für Zeiten! Ich werde noch ganz verrückt, Fräulein Sophie!" Fräulein Sophie gab ihm betrübt im stillen recht. Indessen ging Weszycki durch die Stadt auf der Suche nach seiner Partei. Er rechnete mit dem Zufall, daß er viel- leicht einen von den wenigen Bekannten, die er hatte, auf der Straße treffen würde. Doch er traf nur an verschiedenen Stellen der Stadt kleine Haufen von Menschen, die unter Bedeckung nach dein Rathaus gebracht wurden. Sah zu, wie die Leute auf der Straße revidiert wurden. Einmal sah er, wie zwei anständig gekleidete Herren einen dritten ebenso an-' ständig gekleideten plötzlich und ohne jeden Anlast unter die Arme nahmen und in eine Drchchke schleppten. Zweimal stellte ihn eine Polizeipatrouillc und Prüfte seinen Paß. End- lich begab er sich ans Ende der Stadt in eine Fabrik, wo er früher während derFreiheitstage"»eine Versammlung be­sucht hatte. Vielleicht erkennt mich dort jemand, dachte er. Doch der Portier liest ihn nicht ein. Weszycki erinnerte sich seiner von jener Versammlung noch ganz genau. Damals hatte er jeden, der wollte, eingelassen und gleichsam die Honneurs des Hauses gemacht. Ich habe ein sehr wichtiges Geschäft! Ich komme von weither gefahren... Ich kenne Sie genau, Genosse, er- inner» Sie sich an die Versammlung, die hier war! Ich selbst habe damals gesprochen. Es waren auch mit uns die Genossen Sokol, Michas, Wojciech, die Genossin Lucia, Lucyna..." Ich bin weder Ihr Genosse, noch kenne ich überhaupt jemand von der Partei. Ja, hier waren viele Versamm- lungen, aber das hat nun längst ein Ende. Gott sei Dank! Hier in der Fabrik werden Sie niemand finden! Hier wird gearbeitet, hier gibt es niemand von der Partei!" Wie denn? Die ganze Fabrik war damals doch unser!" War, war! Was war damals nicht alles!... Es kommandierte, wer gerade wollte. Aber jetzt ist wieder Ord- nung. Ich kann Ihnen nicht helfen..." So zeigen Sie mir doch wenigstens jemand vom Fabrik- komitce. Mehr will ich ja gar nicht. Ich lasse Ihnen hier hundert Rubel als Pfand, zum Beweis, daß ich kein Spitzel bin. So helfen Sie mir doch, Mensch!" Stecken Sie Ihr Geld ein! Wie sagten Sie,> Fabrikkomitoe?" Ja, da? die Fabrik leitet!"> Gehen Sie durch den Hof, gleich hinterm Kesselhaus