Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 44.
44]
Dienstag den 4. März
Gefchichte einer Bombe.
Von Andreas Strug.
Durch die riesigen Fenster des Kaffeehauses fah Camille auf das Gewandhaus*), auf die Türme der Kathedrale, auf die Leute, die auf dem Ringplatz gingen, und sah vor sich gleichsam nur eine unermeßliche, mathematisch ebene, weiße Fläche. Stalt, öd... Das, worauf seine Augen blidten, schien ihm etwas längst Erlebtes, Ueberlebtes. Die Erinne rung an irgendeine Vergangenheit irrte in seinem Kopf herum und berhinderte ihn, vernünftig an das zu denken, was ist. Als gäbe es auf der ganzen Welt nichts außer dieser öden, falten Weite. Man konnte sein Leben damit verbringen, um bis an ihre Grenze zu gelangen, diese weiße Welt hatte kein Ende. Nein Weg war auf ihr, nichts, was eine Nichtung zeigte. Keine Spur eines Lebewesens. Alles tot und taub.
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1913
Und aus jener so ganz anders gearteten realen Welt kam jekt auf ihn sein alter Freund und Genosse zu, den er so lange nicht gesehen hatte: Leo. Camille erbebte und in seinen Augen flammten Funken auf. Er sah, wie Leo zwischen den Tischen sich durchdrängte, und wie er Schritt für Schritt sich näherte. Er hatte sich nicht verändert. Camille sah ihn gleichgültig an. Sie reichten sich schweigend die Hände.
Weißt Du, schon aus Höflichkeit gehörte es sich, daß Dut wenigstens ein bißchen sogenannte Höflichkeit zeigst." Camille lächelte bleich.
Diese letzten zehn Monate haben Dich verändert," fuhr Leo fort und fah ihn freundlich an. Ich habe davon gehört, aber ich möchte gern etwas Sicheres wissen. Du mußt mir Ich muß Dir nichts erzählen."
alles von Dir erzählen."
es
„ Es soll ja kein Zwang sein. Aber vielleicht willst Du
selbst.
"
Ich will nicht."
Die stillen Gedanken lösen fich von der Seele ab, wie Nun, dann werde ich von mir anfangen. Bist Du nicht Seufzer. Sie ziehen in die Ferne, um für immer zu verschwinden. Sie huschen über die eisige Ebene wie Wölkchen neugierig zu wissen, was ich fast ein Jahr lang hinter dem von feinem Schneeſtaub. Schon bläst fie der gegenwärtige Gitter machte? Wunderſt Du Dich nicht, daß ich aus diesem Busammenbruch entfam, wie jene kluge Ratte?" Augenblick, der vergeht, auseinander. Eine verzweifelte Mir ist alles gleich. Aber ich mag nicht, daß Du Dich Frage steigt auf. Taub und tot. Sie wartet auf feine Ant- verstellst. Sprich, was Du willst, doch so, wie Du es gewort und verstummt inmitten der weißen Wüste. Unfaßliche Einsamkeit! Ein wahnsinniger Schrecken ergreift die Seele. Breßt sie mit unbarmherzigen Windungen zusammen und hält sie feft. Sieht seinen noten enger und würgt.
Man weiß nicht, wohin zu fliehen. Man weiß, es gibt fein Ziel. Dieser Raum verschlingt jede Anstrengung. Er hat keine Grenzen, ist ewig.
Camille schüttelte mit einer gewöhnlichen menschlichen Bewegung die Fessel der lähmenden Erscheinung von sich. Er überlegte und prüfte fuchend, woher sie wohl entstanden war. Diese weiße, unendliche, kalte, öde Ebene. Wann war sie? Eine eisige Steppe bedeckte den mächtigen wie ein Meer über seine Ufer getretenen Fluß des Nordens. Fern in den Nebeln verbargen sich die fernen Küsten. Wüst, eben, schauerlich. Bedrückend, schrecklich, einsam...
Doch nein.
Es sind die unermeßlichen Schneefelder des Aletschgletschers. Niedrig streichen über ihn die Nebel. In den Wolfen sind nah und fern die Gipfel- ringsum nichts als Schnee ohne Ende. Der Glanz blendet die Augen. Die Dede, die schauerliche Stille schmerzt die Seele...
Doch nein.
wöhnt bist."
Gut. Also es sind schreckliche Beiten für uns gekommen. Die Beute, die entkommen sind, sind ganz verwüstet. Ich habe mich umgesehen und weiß es. Doch habe ich dies in meiner Einsamkeit schon vorausgefühlt. Rechtzeitig habe ich ein Mittel auch für diese Zeiten überlegt, und jetzt habe ich es. Mit diesem Plan müssen sich die Leute, die noch übrig geblieben sind, einverstanden erklären, denn er ist das einzig Bernünftige. Du weißt, daß ich immer Realist war, und daß ich selbst in den romantischen Zeiten vor kurzem ohne Träume ausgekommen bin... Interessiert es Dich nicht?" ,, Nein."
„ Verschiedene zugrunde gerichtete Leute haben es mir schon gesagt: mit Camille ist es aus. Ich mache Dich darauf aufmerksam, dast ich Dir das nicht erlauben werde. Rede Du, mas Du willst, ich werde Dir einen Rat geben. Lächle nicht ironisch, sondern hör zu und gib Dir Mühe, mich zu verstehen. Ich weiß alles über Dich. Ich sehe jeden Deiner Gedanken. Du hast durchaus fein Recht mich zu haffen. Du hast fein Recht, mich für einen Feind za halten. Du bist nicht verrückt, sondern ein vernünftiger Mensch. Ich kenne Dein Leiden. Eine Medizin habe ich nicht dagegen. Aber ich brauche Dich,
Er lächelte seinem Geheimnis zu. Er hatte es schon er- und die Sache braucht Dich. Und darum wirst Du nicht von raten. Es war der Tod. Sein Tod.
Wie mußte man die große weiße Wüste lieben! Wie mußte man die toten Fluren der Ruhe, des Vergessens segnen! Für alle Ewigkeit, für das unendliche, übermenschliche Immer find die blutigen Ereignisse, schrecklichen Bilder, die beschwer lichen Gedanken dahin, und mit ihnen auch das eigene unend liche Leid.
Bon all demt blieb nichts zurück.
„ Nie wird der menschliche Berstand das Nichts zu erfassen vermögen", dachte er. Noch sieht die glückdurstige Seele nicht das Unmaß ihrer Wonne. Doch schon ahnt sie die Wahrheit des Todes und beugt sich anbetend vor ihren Wundern und Gnaden.
Durch den großen Saal schoben sich die Gäste, tönten Stimmen, Lachen, das Alirren von Glas und Geschirr. In einer Ecke saß eine Gruppe von Bekannten in lauter, lebhafter Unterhaltung. Er erkannte die Stimmen, erkannte die Gefichter, er erinnerte sich an alles, was er von diesen Menschen wußte. Aber wenn er auf sie sah, schien es ihm, daß dies ferne Bild erlebter Dinge unnüß aufgestiegen war und ihn daran hinderte, fich mit Inbrunst in dies eine zu vertiefen, was in diesem Augenblid einzig wirklich war: in diese ebene, weiße, unendlich ausgedehnte und ewig einsame Fläche einer anderen Welt.
*) Berühmtes altes Gebäude in Stratou.
mir losfommen. Du wirst hören müssen, was ich sage. Sör mich an und schweig, wenn Du nicht sprechen kannst. Der Augenblick wird schon kommen, daß Du sprichst. Du kannst dabei auch Grimassen schneiden laß Dich nicht im geringsten stören."
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Camille sah sich wieder in seinem weißen Lande inn. Auf seinen Lippen erschien ein leichtes Lächeln und blieb dort. Und Leo sprach mit gedämpfter Stimme, indem er ihm dicht in die Augen sah.
Die einen fetten mir auseinander, daß die Nevolution zu Ende sei. Andere meinen, es sei Berrat, es zuzugeben. Mir ist das gleich). Wenn die Revolution ist, desto besser. Wenn sie aber durch Blutverlust erschlafft ist, und jene, die entkommen sind, vor allem an ihre eigene Rettung denken, so ist es notwendig, alle Kräfte aufzubieten und wenigstens die wenigen in einen Haufen zu sammeln, die nicht die Waffen gestredt haben."
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Die Garde stirbt, aber ergibt sich nicht," murmelte
Camille.
" Ich freue mich, daß Du gesprochen hast. Aber es handelt sich mir hier durchaus nicht um Ehre. Ich schreibe feine Dramen mit Menschenblut. Das wäre nur ein strategisches Manöver, oder, wie man es nennt, den Feind be schäftigen". Mir ist es darum zu tun, zur rechten Zeit die seelische Beschaffenheit der Maffe zu enthüllen. Man muß jene gewaltige tiefe und unschäzbare innere Verwandlung, die in der Masse vorgegangen ist, vor dem Untergang retten. Denn wenn man öffentlich berkünden und dazu noch be