Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 58.
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Mittwoch, den 26. März.
Das gelobte Land.
Eine Erzählung aus dem Bornholmer Nordland von Martin Andersen Negö.
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Ein Arbeiter hängt mit blauschwarzem Gesicht über dem Spill des Krans und stemmt den Bauch mit aller Kraft gegen das Schwungrad, um einen Felsblock in der Schwebe zu halten, während die anderen Arbeiter den Stein auf den Wagen hinüberschwenken. Zwei Leute gehen auf und ab und hämmern geduldig auf mehrere kleine eile, die in einer Reihe aus dem nackten Rücken des Gesteins hervorstarren. Es sieht idiotisch aus, aber sie fahren fort, und von Zeit zu Zeit horchen sie am Felsen. Und schließlich, nach langer Zeit hört man einen langgezogenen Laut wie von Zuch, das zerrissen wird, und ein Granitbarren löst sich von der Klippe. Oben an der jüdlichen Kante des Steinbruchs arbeiten Hans Kämpe und Janus Köller. Ihre Aufgabe ist es, Erde und Pflanzen vom Felsen wegzuräumen und die mehrere Fuß dicke Steinschicht abzuschälen, die von Sonne und Wetter zermürbt ist, so daß der frische Kern bloßliegt. Janus sitt mit gespreizten Beinen da und dreht den großen Stahlbohrer, während Hans Kämpe den großen Hammer in gleichmäßigem Zafte führt, ein Schlag bei jeder kleinen Drehung. Janus ist ein redjeliges Männchen, dem der Mund nicht still steht; Hans Kämpe schweigt und starrt in die Ferne.
Du bist heut so schweigiam," jagt Janus in einer Bause, während er das Bohrloch ausspült.„ Viel redst Du ja nie, aber heute bist Du wieder mal furchtbar wortfarg. Steht's etwa schlecht bei Dir zu Haus?"
Hans Kämpe antwortete nicht. Eine Weile bohrten sie schweigend weiter, dann hielt Janus mit warnender Handbewegung in seiner Arbeit inne.
" Es geht heut jo träge," sagte er mißvergnügt, der Stein will den Bohrer nicht loslassen; es ist, als ob man in Teer arbeitete. Er muß wetterkrant jein."
Hans Kämpe schlug einen Splitter von der Klippe ab und zerbröckelte ihn zwischen den Fingern. Ja, frank ist er, vir bekommen einen Umschlag im Wetter."
Er ergriff den Hammer und tat wieder seine Schläge. „ Es ist auch bald an der Zeit," rief anus, während er den Bohrer hin und her wand, es belebte ihn ordentlich, eine Antwort von seinem Gefährten zu bekommen.„ Der Winter war schver genug für uns und Ihr wart wohl nicht besser dran?"
,, Nun haben wir auch noch Marie und ihr Kind zu verforgen," fuhr er fort, als er merfte, daß Hans ihm nicht antwortete. Die Last wird durch das alles immer größer, und es ist nur ein Versorger da. Du hast ja auch Dein Päckchen zu tragen! Der Tod hätte Dir die Sorge um Deinen Alten recht gut abnehmen fönnen, wo er jetzt sowieso hier war. Viel Sinn hat das Ganze nicht soweit wir armen Leute es beurteilen fönnen."
Hans Kämpe hörte plöglich auf zu hämmern und jah den Gefährten bedrückt an. Ist hier denn jemand gestorben?" fragte er still.
" Ja, der kleine Junge des armen Jakob. Jakob stand heut morgen, als ich vorbeiging, in der Tür. Hier ist feine Trauer, sagte er, hier ist keine Trauer! Da, wo er nun hingegangen ist, hat er genug zu essen. Für einen Toten, erwiderte ich, ist wohl überall zu essen, wo er auch hinfommt. Keine Trauer... nein! Und dann stand er da mit seinen rotgeweinten Augen, und im Hause hörte ich die Frau klagen." Hans Kämpe schwieg und tat seine regelmäßigen Schläge. Sein Blid schweifte nicht mehr suchend hinaus in die, ungewisse Ferne übers Meer; er hatte ihn jetzt ganz nach innen gefehrt;, eine dumpfe Ruhe war über ihn gekommen. Seine Gedanken beschrieben feine Streise, sondern blieben hängen an dem, was er sah; in diesem Augenblic tat ihm der brave Janus leid, der zu nichts anderem taugte, als den Bohrer zu drehen und zu schwatzen. Seit zehn Jahren waren sie nun Arbeitsgefährten und waren immer gut miteinander ausgekommen.
" Du solltest versuchen, mit Lars zusammenzuarbeiten,"
T
1918
jagte Hans Kämpe plöglich. Ohne seinen Willen wurden die Bedanken zu Worten.
Janus ließ beide Hände sinken.„ Willst Du denn nicht länger Steinhauer sein? Oder bist Du unzufrieden mit Deinem alten Kameraden?" Aengstlich sah er zu ihm auf wie zu einem Versorger.
" Ich denke, ich ziehe bald ins Ackerland hinunter," erwiderte Hans; es war feine Freude in seinen Worten.
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Dann hast Du also in der Lotterie gewonnen! Und ich muß wohl gratulieren wenn ich auch weiß, daß es mir nicht leicht fallen wird, ohne Dich fertig zu werden!" ,, Man hat mir einen fleinen Flecken Land da unten versprochen," sagte Hans Kämpe leise. Sein Tonfall hatte etwas Abschließendes: nun sollte nicht mehr über die Sache gesprochen werden. Da schwieg Janus und behielt seine Verwunderung für fich; fie fam von Zeit zu Zeit nur darin zum Vorschein, daß er ein wenig mit sich selber schwatzte.
Das Bohrloch hatte seine richtige Tiefe, und die beiden reinigten es und luden die Mine. Sie waren eben fertig, als der Aufseher unten vom Steinbruch her zum Mittagessen pfiff.
Ja, dann wollen wir wohl eisen geben," sagte Janus. Wir fönnen ja dann hinaufsteigen und die Mine anzünden, bevor die anderen die Arbeit beginnen Aber Hans Kämpe hatte keine Lust, zu den andern zu gehen. Geh Du mur," sagte er, und warne die anderen, daß sie sich beiseite halten. Dann schieße ich sie ab, sobald ich gegessen habe."
"
Einen Augenblick stand er da und starrte mit verschleierten Augen vor sich hin; dann tastete er in seiner Westentasche herum und nahm einen Papierfeßen heraus:„ Du fommst ja heut abend beim Kaufmann vorbei. Könntest Du nicht für meine Frau die Sachen da einkaufen dann fann eins von den Kindern sie morgen mittag bei Euch abholen."
Janus jah ihn verwundert an. Es war ungewöhnlich, daß hier jemand die ausgetretenen Wege überschritt.
„ Ich will nämlich hinunter und wegen des Stückchens Land mit dem Manne sprechen," fügte Hans erklärend hinzu.
Und dann jetzte er sich mit dem Rücken gegen den Fels und aß; der Ausdruck seiner Augen glich dem eines Blinden, die Unabwendbarkeit hatte sie mit einem Schleier überzogen. während er faute, wanderten seine Gedanken auf allerlei gleichgültigen Dingen umber, versuchten, sich ernstlich irgendwo festzusetzen, fielen aber wieder ab. Er empfand das als Erleichterung; in seinem Kopf waren qualvolle Spuren, auf denen die Gedanken wie ein angebundenes Pferd herumgetrabt waren, bis alles Frische verschwand und nur noch ein Ring von Morast übrig war.
Als er gegessen und wie gewöhnlich Broviantforb und Bierflasche unter einen Stein gestellt hatte, ließ er den Nuf zum Steinbruch hinabgehen und bekam Antwort:„ Feuer los!"
Sorgfältig sah er alles noch einmal nach, probierte Verpackung und Zündschnur, suchte sich seine Deckung aus und zündete dann an. Ruhig arbeitete er sich nach der überhängenden Klippe hinauf, unter der sie Deckung zu finden pflegten.
Es war Zeit genug vorhanden, aber er nahm längere Schritte als gewöhnlich. In seinem Innern bekämpften einander zweierlei Gefühle: er wußte, daß nichts geschehen konnte, noch tiefer jedoch saß die Ueberzeugung, daß etwas geschehen würde. Ganz nahe vor der Deckungsstelle glitt sein Fuß auf dem Moose aus, das den Felsen schleimig bedeckte. Nun ist schon das Tauvetter da," dachte er, während er sich bückte, um den einen Holzschuh loszubekommen. Der war in einer Spalte stecken geblieben. Und Hans Kämpe wollte ihn nicht gern fahren lassen und auf Socken an seinen Zufluchtsort hüpfen.
Endlich löste sich der Schuh, aber der Widerstand hatte etwas in ihm gelähmt. Er brauchte sich bloß noch auf den Felsen hinaufzuschwingen und sich hinter die Deckung hinuntergleiten zu lassen, aber die Hände griffen schlecht zu und die Knie rutschten auf dem Moose aus. Das bestärkte ihn darin, was er die ganze Zeit über gewußt hatte; still hing er da und wartete auf Sträfte, sich hinüberzuschwingen. tann es nicht mehr lange dauern," dachte er geduldig und wollte den Kopf wenden.
Nun