Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 80.
19]
Freitag den 25. April.
Die Bauern von Steig.
Roman von Alfred Huggenberger . Der Großvater war als junger Kerl nachts mit einem Kameraden von der Zimmerwalder Kilbi heimkehrend über den Berg gekommen. Als die zwei, vom Tanzen und Schlegeln müde, in halbem Schlaf hinten über die Nachtmeid gingen, auf der man nach damaligem Brauch das Zugvieh nachts frei herumlaufen ließ, wollte es der Zufall, daß der Großvater über einen auf dem Rasen liegenden schwarzen Gaul hinfiel. Bei dem schwarzen Gaul angelangt, kam die Erzählung regelmäßig in einen schnelleren Fluß. Der Klepper, nicht faul, springt auf und davon, mein Großvater kann sich mit Not auf ihm festmachen. Meel bätt! Meel bätt!" ruft ihm der Kamerad nach. Ja, kannst dann lang beten, wenn er Dich schon hat!" gibt ihm der Großvater zurück, denn er glaubt auch nichts anderes, als daß er es mit dem leibhaftigen Gottseibeiuns zu tun habe. Der Gaul läuft derweil in einem Galopp durchs Dorf und nach dem Gräbenriet hinaus, wo er daheim ist und bleibt vor seiner Stalltüre stehen. Wer kommt auf das Getrappel mit der Laterne aus dem Haus, nur halb angezogen? Nicht des Teufels Großmutter: nein, die meinige! Das heißt, damals war sie es noch nicht, damals war sie des Gräbenrieters Anna, ein Maitli, wie man braver und anstelliger, dazu um und um wohlgemachter auf zwanzig Stunden weit kein zweites finden konnte. Wie mein Großvater sie ansieht, geht ihm ein Licht auf, er denkt bei sich: Gaul, jezt hast du weiß Gott dein Gnadenbrot verdient! Während Anneli das Roß anbindet, fragt er fie, ob er nicht, um den Schreck aus den Gliedern zu bekommen, einen Schluck Wein trinken dürfe in der Stube? Das Anneil sagt: Zwei für eines, und damit ist der Handel angesponnen gewesen. Den Wein hat er stehen lassen. aber die Großmutter immer des Gräbenrieters Anneli hat er in die Arme genommen und verfüßt. Sie sind an diesem Abend einig geworden, das Anneli hat ihm bekennt, daß es die halbe Nacht am Fenster gesessen und sich Gedanken gemacht habe, weil einer, der jett neben ihm size, an die Bimmerwalder Kilbi gegangen sei, ohne ihr ein Sterbenswörtlein zu sagen. Stem, nach einem halben Jahr haben die zwei Hochzeit gemacht, und der Großvater hat sich, weil das Anneli jekt richtig meine Großmutter einzige Tochter gewesen, auf dem Gräbenriet eingeweibt. So ist's gegangen und nicht anders. Dem Gaul hat man noch fünf Kinder auf den Rücken seben können, wovon mein Vater das erste gewesen ist. Und darum hat man auch auf dem Gräbenriet immer eine Vorliebe für Rappen gehabt, obschon ein schöner Brauner auch kein Untier ist!"
-
-
1918
Der Schulmeister von Hohenegg, meines Meisters Bruder, war ohne sein Wissen schuld daran, daß ich eines schönen Sonntagabends meine erste Lebensurkunde, die mit Hilfe eines Leinenfadens zu einem schmalen Notizbüchlein vereinigten Schulheftseiten aus der Versenkung meines Kastenverschlages herausnahm und ihr von Stund an den etwas stolzer flingenden Titel gab: Tagebuch für Gideon Reich. Der Vetter Kasper, wie der alte Lehrer im Hause des Zeigerhaniß für gewöhnlich hieß, hatte mir nämlich auf ein Brieflein von Frieda hin neben ein paar anderen Büchern die Geschichte von Robinson gesandt, und die Art und Weise, wie dieser merkwürdige Inselmensch über alle seine Erlebnisse Buch geführt, hatte mir in hohem Maße eingeleuchtet und mich zur Nachahmung angespornt.
Im Anfang schrieb ich fast jeden Abend ein paar Worte in mein Büchlein hinein; kurze Notizen über alles was den Tag über Wichtiges geschehen und geschafft worden war. Es dauerte lange, bis mir das Tagebuch etwas anderes, als ein ziemlich einseitiges Arbeitsverzeichnis bedeutete. So ist zum Beispiel für alle Zeiten darin niedergelegt, daß wir an dem und dem Tag auf der unteren Breite die legten Kartoffeln gesteckt, die eine Hälfte Bodensprenger, die andere Hälfte Rotaugen; daß wir am 3. Mai gleichen Jahres mit dem Umgraben der Reben fertig geworden und daß die Heuernte des schlechten Wetters wegen diesmal bis zum Ulrich tage gedauert habe. Nie vergaß ich abends einzutragen, wie es heute beim Adern gegangen, oder ob meine kleine Sternensense gut oder schlecht gedengelt gewesen sei.
Aber nach und nach fand ich an diesen trockenen Eintragungen doch kein Genügen mehr. Ich hielt es für angezeigt, hier und da eine Glosse zu machen und mich selber über meine Meinung zu fragen, die ich dann bereitwillig, manchmal sogar etwas vorlaut, zum besten gab. Und unversehens tamen mir außer der Arbeit auch andere Dinge wichtig vor. Zum Beispiel, daß Frieda wieder ganze zwei Tage bei Mettauers in den Reben geschafft oder beim Ernten geholfen; daß Frau Esther in der Küche etwas wegen dem Noldi zu Haniß gesagt habe, worüber dieser einen halben Tag lang kleinlaut gewesen sei.
In meinem Tagebuch kann ich es heute lächelnd nach lesen, wie das Merkwürdige gekommen ist damals, wie aus dem kleinen Wohlwollen, das mich gleich vom ersten Tage an heimlich mit Frieda verband, nach und nach eine tiefe, berschwiegene Zuneigung wurde, die ich noch jetzt nicht aus meinem Leben wegwünschen oder wegdenken mag.
Jede Arbeit befam ein anderes Gesicht, wenn Frieda mit auf dem Felde war. Nach wie vor nahm ich die fleinen Nedereien aus ihrem Munde mit einem gewissen Behagen hin. Sogar wenn sie eine Anspielung auf jenes Nach dieser Geschichte kam der Alte, oft unversehens ein Buchzeichengeschichtlein machte und mir vorhielt, ich sehe halt wenig ins Studieren. Ja ja, man sage halt nicht umsonst das Mineli Stürler immer noch ein wenig gern, blieb ich gedie gute alte Beit! Die Bräuche, alles sei viel anders ge- lassen, es war mir gar nicht möglich, ihr etwas ernsthaft übel worden. Manchmal dünke es ihn auch, die Sonne habe ein zu nehmen. Dennoch empfand ich es als eine Art Erleichtewenig von ihrer alten Kraft verloren. Der Hofer- Elias be- rung, als der Nachtwächter Stürler wirklich eines Tages mit haupte sogar, sie scheine ihm nicht mehr ganz so weit in die Kind und Kegel aus der Burdi auszog, um es im SchaffStube hinein wie früher, er habe an der Wandbank extra eine hausischen zu probieren", wie er sagte. Kerbe eingeschnitten. Aber das alles käme vielleicht davon her, weil es mit dem Glauben nicht mehr ganz so gut bestellt sei wie früher.
Während wir dann wieder unter Hüft und Hott weiter ackerten, machte der Zeigerhaniß manchmal noch für sich allein ein paar Betrachtungen.„ Die Welt ist eineweg schon sehr alt", fagte er einmal, und wenn immer alles schlechter und nie besser geworden wäre, könnte man es schon längst nicht
mehr darauf aushalten."
Mein Tagebuch. Das Zweifrankenstück. Nun muß ich ein wenig von meinem Tagebuch berichten, das die vier Lehrjahre beim Zeigerhaniß gleichsam mit mir gelebt hat, ein heimlicher, verschwiegener Freund, zu dem ich mich je und je zurückziehen konnte, um dann erst recht mit meinem Fürchten und Hoffen und mit meiner verwunderten Einfalt allein zu sein. Diese armseligen Blätter erzählen mir noch heute davon, wie viele Dinge es braucht, um ein junges Leben auszufüllen, wie mancherlei Töne oft in einem einzigen Tag anflingen können.
Nichts freute mich so sehr, wie die Gewißheit, daß außer mir niemand um mein angenehmes Geheimnis wissen oder es iemals erfahren konnte. Ich verhehlte dieses Geheimnis sogar vor mir selber mit verständigen und gewählten Bemerkungen in meinem Tagebuch, in denen ich mich unter anderem zu der Behauptung verstieg, es sei ganz unmöglich, im Leben mehr als ein Mädchen gern zu haben, für mich fomme einzig Margritte Stamm in Betracht. Daneben fonnte ich die seltsame Beobachtung machen, daß meine Knabenliebschaft mich bereits mit fremden, beinahe wesen. losen Augen von weitem anblickte, fast wie wenn ich von ienen Festtagen wie von der Malerei nur geträumt hätte. Ich sah Margritte selten, und es schien mir, sie sei noch stolzer und in sich gekehrter geworden. Wenn ich mich heimlich ein wenig darüber freute, daß sie jetzt von Hans Kinsper ger nichts mehr wissen wollte und den Schulweg nach Trüb in eigensinniger Weise immer allein machte, so dachte ich dabei nur an Hans, dem ich diese Zurückseßung sehr gern gönnte. Ja, als mir Jaköbli Stocker einmal nach der