Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 93.

82]

Freitag, den 16. Mai.

Die Bauern von Steig.

Roman von Alfred Huggenberger . An diesem Abend hatte Christoffel vor dem Einschlafen ziemlich viel mit seinen lauten Gedanken zu tun. Wenn ich ein Gespräch mit ihm anknüpfen wollte, gab er mir aus­weichend zu verstehen, daß er mich zwar gern habe, aber wenn die Gedanken da seien, fönne er halt nichts dafür. Als Ein­leitung schimpfte er ein wenig auf den unbekannten Freier, der nach dem Abendessen wieder für kurze Zeit im Steinern Platz vorgesprochen, aber bald mit ziemlich langem Gesicht feiner Wege gegangen war. Vor dem seinen Augen könnte man zweihundert arme Seelen aufs Brot streichen, der würde nach wie vor von seinem Prämienvieh daheim erzählen. So

einer ist das."

Unversehens richtete er sich nun halbwegs in seinem Bette auf. Er schüttelte immer wieder den Kopf, lächelte innig vor fich hin und gab seiner zärtlichen Aufwallung endlich mit seinem Lieblingswort Ausdruck: Märkwürdig!..."

11

-

-

1913

Ohr, wobei er sich zur Vorsicht die hohle Hand als einwand­freie Schuhwehr seitlich vor den Mund hielt: Du- fie hat Dich heute beim Morgenessen zweimal angesehen!

Einige Tage darauf wollte er wieder eine noch beweis­fräftigere Beobachtung gemacht haben. Er trat nachts, da ich schon am Einschlafen war, zu mir ans Bett, nicht ohne sich vorher durch zweimaliges behutsames Deffnen der Kammer­tür überzeugt zu haben, daß nicht etwa ein unberufener Lauscher um die Wege sei. Es ist nämlich etwas von ihr," fing er äußerst geheimnisvoll an. Ich könnte nicht schlafen, bevor ich Dir das gesagt habe." Indem er die Lippen dicht bevor ich Dir das gesagt habe." Indem er die Lippen dicht an mein Ohr legte, gab er endlich seine Neuigkeit zögernd in furzen, unzusammenhängenden Säben preis. Du!... Heute nachmittag... wir haben Kartoffelsäcke vom Wagen in den leichten. In der Nebenstube, hinter den zwei großen Ge­Borkeller getragen. Immer Du die schweren und ich die ranienstöcken... ganz sicher! Wenn ich schon kurzsichtig bin, in diesen Sachen hab' ich Augen wie ein Sperber!- Wegen mir hat sie nicht dort gestanden, kann mir feiner angeben. Und wegen den Säcken auch nicht."

-

Ich lachte ihn weidlich aus. In Wirklichkeit aber, ohne daß ich es mir recht eingestand, bereiteten seine Andeutungen meinem Herzen ein kleines Fest.

Denn ich konnte es mir nicht verhehlen: während des

Hierauf traten in kurzen Abfäßen noch einige weitere Gedanken zutage, die sich alle auf seine heutigen Erlebnisse beziehen mochten. Wart Du, Amali! Du hast mich jetzt lang genug mit den Augen zum Narren gehabt, Dir glaub' täglichen, wenn auch kurzen Zusammenseins war es unver­ich schon gar nichts mehr. Und dann die Hofer- Alwine!... Seit wann hast Du denn die Zöpfe so aufgebunden?... Du merkt wieder stärker über mich gekommen, das klare, einfache wenn noch einmal eine Sündflut täme, und wir zwei Wesen Margrittens leuchtete mir zuinnerst ein, so zwar, daß blieben ganz mutterseelenallein auf einer Insel!... Dent fie in meinem Denken neben anderen Mädchen nicht als ihres­einmal!... Aber so schaut doch einander nicht an! Tut gleichen stand. In ihren Augen sah ich etwas eigenes, be­doch nicht so, als ob Ihr alle samt und sonders Engelein sonderes, gleichsam ein ernsthaftes Wissen vom Leben. Ich empfand ihre Nähe und Gegenwart immer wie ein liebes wäret! Ihr wißt ja schon, daß man es weiß!... Mitten im Neden befann er sich auf etwas. Ach jetzt Geschenk. Jedem werdenden Tag sah ich mit heimlicher Neu­hätt' ich bald meine Feuersteinzettelchen vergessen!" Er flaubte deren eine ganze Handvoll aus der Tasche seiner neben dem Bette hängenden Sonntagshose. Ich habe gar nicht ge­wußt, daß es überhaupt so viele gelungene Verse auf der Welt gibt," sagte er. Die kommen alle in die grüne Schachtel hin­ein, fie ist jetzt bald voll." Er sah sich die Zettelchen eins ums andere beim Schein der Kerze näher an, wobei er sie fich, da er etwas Kurzsichtig war, dicht vor die Augen hinhalten mußte. Die winzigen Papierstreifchen sahen in seinen Pratzen ganz hilflos aus, doch behandelte er sie mit so liebevoller Bärtlichkeit, daß feinem etwas geschah. Einige der launigen Sprüche las er mit innigem Behagen vor. Er tat es nicht anders, ich mußte bei jedem einzelnen bestätigen, das sei nun wirklich der gelungensfe, den ich bis jetzt gehört habe. Hier­auf belehrte er mich jeweilen mit Genugtuung, das sei noch gar nichts, das beste komme erst. Es sei nämlich ein Vers dabei, den man ihm nicht um zwei Franken ablaufen könnte. Endlich hatte er diesen Glückszettel herausgefunden und flebte ihn sorgfältig mit Speichel an der Bettlade über seinem Stopfkissen fest. Ganz sicher, er ist extra für mich gemacht," brummelte er vergnüglich dabei. Mich wundert bloß, wer das so genau von mir gewußt bat!" Er las mir das Sprüch Tein, nachdem er es aufgeklebt hatte, mit einem gewissen

gier entgegen, jedem traute ich zu, daß er mir etwas sehr Liebes bringen fönnte. Eine unverfiegbare Freudigkeit, eine Lust zu hartem Schaffen und Streben erfüllte mich, wie noch nie, ich sah die Zukunft wie ein helles Land vor mir liegen. meinem kleinen Bücherschatz Beachtung schenkte und sich einiges Sehr stolz und glücklich war ich darüber, daß Margritte daraus leihen ließ. Ich stöberte auch in der hübschen Biblio­thek, die der neue Lehrer Zimmermann im Schulhause ein­gerichtet hatte, nach mir besonders lieben Sachen, um ihr damit eine Freude zu bereiten, und es kam mir vor, als sei ich dadurch in ein ganz neues Verhältnis zu ihr gerückt. Um diese Zeit fing ich an, einem Plane ernsthaft näher­zutreten, den ich im vergangenen Winter flüchtig gefaßt, nachdem ich in Trüb der Aufführung eines kleinen Bauern­schwankes beigewohnt hatte. Ich wußte mir damals auf dem Heimwege immer wieder einzureden, daß ich so etwas mit einiger Mühe auch zustande bringen könnte. Doch hatte nach­ber die Arbeit des Alltags diesen Gedanken allmählich in den Hintergrund gedrängt. Jetzt flopfte er unversehens wieder an und ließ sich nicht mehr wegweisen. Denn heimlicherweise stand Margritte dahinter, ein bißchen neugierig, ein bißchen ungläubig: das möchte ich jetzt doch gerne sehen! stunden, aus denen ich den Schlaf hartnädig wegbannte, er­Während des Schaffens auf dem Felde, in stillen Nacht­wog ich mir die verschiedensten Einfälle und Möglichkeiten, ich ließ nicht eher nach, als bis ich mir das Spiel im Kopfe sauber ausgedacht und zurechtgelegt hatte. Und an einem Dieses Sprüchlein bleibt da, so lang der Christoffel da- stillen Sonntagnachmittag, während Christoffel den das erste mal glücklich verunglückten Besuch bei seiner Schwester in bleibt," stellte er mit Nachdruck fest. Nachdem er die Kerze Bimmerwald ausführte, nicht ohne mir vor dem Weggehen nach seiner Gewohnheit mit den Fingerspigen ausgelöscht hatte, fagte er noch, indem er sich mit Umständlichkeit zurecht- unter Einschärfung äußerster Vorsicht sein Buch ausgehändigt legte und zum Schlafen anschickte: Es ist mir ganz gleich- au haben, machte ich mich furzerhand an die Arbeit. Nach meinem unumstößlich festgelegten Plan mußte ein junger, gültig, wenn mir einige den Uebernanien, Maitli- Christoffel, etwas schüchterner Bauernsohn, der um die Tochter eines angehängt haben. Ja, ich finde sogar, daß er zu meinem Aussehen paßt. Eines hab' ich jetzt für bestimmt heraus- reichen Betters werben sollte, die hübsche Magd, die ihm den Willkommenstrunk in dem fremden Hause aufstellt, für die gefunden: man weiß auf der Welt gar nicht, was man an ihm zugedachte Braut halten und ihr in einer Anwandlung

Pathos von der Bettlade vor:

Bei Tag und Nacht und immer Lieb' ich die Frauenzimmer!"

den Mädchen hat."

Margritte.

Zu meinem Erstaunen fing Christoffel von heute auf morgen an, auf mich eifersüchtig zu werden, ohne daß dies indes unserem guten Einvernehmen im geringsten Abbruch tat. Eines Morgens, während er mir beim Einspannen half, steckte er mir plötzlich im Flüsterton ein paar Worte ins

von Mut und Verliebtheit einen erfolgreichen Heiratsantrag machen. Nun war natürlich die ganze Sippschaft außer sich und der glückliche Bräutigam hatte die schwere Not, seinen Willen durchzusetzen.

Sowie ich nun aber anfing, meine Leute ihre Sprüche und Meinungen hersagen zu lassen, nicht etwa so, wie sie im täglichen Leben geredet hätten, sondern, was mir unerläßlich