Nnterhattungsblatt des Torwärls Nr. 103. Freitag den 6. Juni 1913 izz vas entfesselte Schicksal. Roman von Edouard Rod . Ist es nicht Oedipus , Frau Winckelmatten? Ach, lieber Gott, daß eine solche Tragödie heute noch möglich ist!" Die sonst immer vergnügte Advokatin lächelte dieses Mal nicht. Also Sie, die Sie doch zur Zunft gehören, halten ihn für schuldig?" Nein! Aber ich habe Angst um ihn. Was soll man tun, wenn man einen solchen Orkan gegen sich hat?" Sie lehnte Frau de Luseneys Anerbieten, sie nach Paris zu fahren, ab und entfernte sich schnell. Sie hatte eine wunderhübsche Figur und einen graziösen Gang. Proz sah ihr einen Augenblick nach und sagte zu Frau de Luseney: Und wenn man sich vorstellt, daß die vlädiert welche Ernüchterung, finden Sie nicht?" Als der Wagen der alten Dame endlich vorfuhr, schritten Herr und Frau d'Entraque über den Plah. Am Ausgang hatte die Bewegung der Menge sie nebeneinander gebracht. Aber sie sprachen kein Wort und vermieden sogar, sich anzu- sehen. Jeder suchte so schnell wie möglich eine andere Straßen- feite zu gewinnen, um einen weiten Raum zwischen sich zu bringen. Ihr Benehmen überraschte Lavenne. fragend blickte er Proz an und murmelte: Sieh mal an!" Proz verstand und gab ihm Auskunft. Ach, das geht seit langem so, man sprach sogar schon von Scheidung. Aber sie sind noch zusammen." Was ist denn los?" Der Maler antwortete mit ausweichender Bewegung. Wußte er es nicht, der sich doch etwas darauf zugute tat, alles zu wissen, oder war er zufälligerweise einmal diskret? Wie das Publikum gingen auch die Geschworenen ohne viel zu sprechen von dannen. Durant. Butier und Oberst Öllomont, die sich hätten ablehnen lassen können, bedauerten jetzt, Geschworene zu sein, so schrecklich erschien ihnen ihr Amt bei diesem Prozesse. Alle überlegten sich, was sie zu Hause ihren Kindern von diesem Drama erzählen könnten, was sie auf die Fragen ihrer Frauen, ihrer Freunde antworten sollten. Was sollte man ihnen sagen? Spe wußten selbst nicht, was sie glauben sollten! Wie ungünstig sie diesen genialen Speku- kanten, diesen Spieler und Verschwender auch anfangs beur- teilt hatten, jetzt begannen sie von Zweifeln gequält zu werden. Es ist unbegreiflich," sagte Glary zu Mouchebise. Vielleicht drückte er so die unklare Auffassung aus, die alle sein« Kollegen diesem erbarmungslosen Schicksal gegen- über empfanden. Welches Verhängnis hatte gerade sie zwischen Schicksal und Opfer gedrängt? Weshalb war es ihnen auferlegt, das Opfer aus den rächenden Klsuen zu be­freien oder es dem Verderben preiszugeben? Es gab keinen unter ihnen, der vor dieser Verantwortung nicht geschauert hätte, vielleicht Condemine ausgenommen, der stolz darauf war, mit seiner Anficht schon fertig zu sein. Contbey und Souzier konnten den Zug 6 Uhr 23 be­nutzen. Während sie die hübsche Fahrt durch das hügelige Land machten, besprachen sie das eben Gehörte und gingen zu Fuß die gerade, lange Allee herauf, die vom Bahnhof in die alte Stadt führt. Ihre Diskussionen hatten eine andere Fär- bung angenommen. Sie hatten ihr Wissen aus den Zeitun- gen geschöpft, hatten unzählige Entstellungen und Unrichtig- leiten in sich aufgenommen und waren vollkommen davon überzeugt gewesen, daß ihre Meinung die allein richtige sein konnte. Jetzt begannen sie, unsicher zu werden. Jeder von ihnen kam dem anderen entgegen. Souzier meinte, das Orakel Chausiy könne sich-getäuscht haben, Contbey, daß es vielleicht recht gehabt habe. Souzier gab zu, daß seine Zeitungen ihm eine bestimmte Richtung gegeben und sein Urteil vielleicht falsch beeinflußt hatten. Conthey hatte zu den seinen jeden Glauben verloren. Wenn sie wenigstens mit dielen irrigen Informationen hätten aufräumen können, mit diesen vcr- frühten Kommentaren, diesem Wortschwall, der sich um die Untersuchung gehäuft hatte. Aber sie konnten es nicht. Die Presse hatte einen Schleier zwischen sie und die Wahrheit ge- zogen: die Sicherheit, mit eigenen Augen zu sehen, mit eige­nem Denken zu messen, war dahin. Als sie die Papierhand- lung erreichten, waren die Abendzeitungen gerade einge- troffen. Nun wollten sie noch die Berichterstattung über die ersten Stunden der Sitzung lesen. War das, was sie da lasen, wirklich das, was sie eben im Gerichtssaal gehört hatten? Selbst die wenigen Worte, die einzelne Teile des Verhörs wörtsich wiedergaben, waren kaum wiederzuerkennen. Selbst das genau Wiedergegebene nahm im Berichte einen anderen Sinn an und klang anders. Conthey rief: Wenn das nun mit der Untersuchung ebenso geht, mit den Interviews, mit allem?" Und Souzier meinte: Ach, hätte man bis heute nicht davon sprechen hören! Wir würden frei in unserem Urteil sein. Unser Kopf ist wirr und wir haben eine schwarze Brille vor den Augen..." Die Richter verließen etwas später das Gericht. Herr Rudrit und Herr Perron waren Nachbarn. Der eine wohnte Rue d'Angiviller und der andere Boulevard du Roi. Oft kehrten sie zusammen heim und gingen erst durch den Park. ihr Weg war fast immer derselbe: das nördliche Beet, die Allee des Marmousets oder des Trois-Fontaines. das Neptun- bassin. Sie plauderten dabei gern von beruslichen Angelegen- heiten. Heute sprachen sie zuerst vom Publikum. Herr Ru- drit, der wenig Gesellschaften mitmachte, hatte nur eine Pa- riserin erkannt. Frau Languard, die Frau eines sehr bekann- ten Anwalts. Herr Perron nannte ihm einige Zuhörer und erzählte, was er von ihnen wußte. Dann fragte er: Wer saß denn aus der Tribüne neben Ihrer Frau Ge- mablin? Eine sehr hübsche, blonde, elegante Dame. Sie mußte Ihre Frau kennen, denn sie plauderten miteinander." Ihnen entgeht doch nichts," antwortete lachend Rudrit. Es ist eine Schwedin, Baronin Kharv. Meine Frau lernte sie voriges Jahr in Evian kennen. Sie ist Witwe und viel unterwegs. Wir dachten gar nicht mehr an sie, als sie mir schrieb und um ein Billett bat. Es ist erstaunlich, wie man sich bei solchen Gelegenheiten seiner Freunde erinnert. Sie haben doch so viele Bekanntschaften, wie machen Sie es in diesem Fall?" Ich verspreche alles und halte mein Wort, soweit es mir möglich ist. Aber es würde mir Vergnügen machen, mir eine Freundin wie die Baronin zu verpflichten.' Sie können Sie morgen kennen lernen, wenn Sie mit dem Präsidenten bei mir dinieren wollen. Sie wird entzückt sein, mit Ihnen plaudern zu können, die roten Talare inter - essieren sie sehr. Und mit Vergnügen sehe ich. daß es gegen- seitig ist." Sie kainen auf den Prozeß zurück und diskutierten über die Rechtsbeweisgründe, die sie veranlaßt hatten, die Anträge Br6vines abzulehnen. Tatsächlich, man konnte nicht ander? urteilen. Und doch meinte Herr Rudrit. als sie sich trennten: Welch schrecklicher Vatermord, wenn es kein Zufall war, wenn Lermantes Bescheid gewußt hätte. Und wäre alles nur Zufall, welchem fürchterlichen Spiel des Schicksals sind wir ausgesetzt!" Herr Motiers de Fraisse und Herr N'.uo: gingen nach dem Bahnhof am linken Ufer. Sie hatten verabredet, zu- sammen nach Hause zu fahren. Beide wohnt--n in der Nähe des Invalides. Ohne Talar u»d Barett glichen sie zwei ge- wöhnlichen Spaziergängern. Durch seine hohe Gestalt, sein stattliches Aussehen, seinen langen Bart, den Gehrock und Zylinder bewahrte der Präsident eine gewisse Feierlichkeit. Anders der Staatsanwalt. Der erinnerte in seinem braunen Anzug und mit seinem kleinen Strohhut durchaus nicht mehr an den Beamten, der soeben noch in seinen weiten Aermeln ein Arsenal von Gewissensbissen und Strafen beherbergt hatte. Sie waren beide sehr abgespannt und vermieden zuerst in stillschweigendem Einverständnis, auf die Ereignisse des Tages zurückzukommen. Tie Dinge um sie herrim lenkten sie ab. Beide stellten fest, daß Versailles durch die Menge elek- irischer Bahnen, die dahinsauften, keine tote Stadt mehr wäre,