Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Mittwoch, den 11. Juni.

Nr. 111.

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Das entfelfelte Schickfal.

Roman von Edouard Rod .

1913

Geld aus geheimen Fonds bezieht; wenn seine Lügen noch nicht erstickt sind, verdankt er es verdächtigen Emissionen, die fein Handelsblatt lanciert. Und der falsche Zeuge d'Entraque? Erinnert Ihr Euch noch der schmierigen Geschichte von dem

Voller Troh betrachtete er seine Schwester und seinen Bruder, wie um sie herauszufordern, ihm zu widersprechen. aber ihr Schweigen war feine Billigung. Von neuem ging er aufgeregt durch das Zimmer und schalt weiter:

Diese Lumpen flagen ihn an! Sie wissen, daß er an dem Verbrechen unschuldig ist! So gut, wie wir es wissen, wie es die ganze Welt weiß! Ihr sagt beide nichts, ich hoffe, Ihr zweifelt nicht daran!"

Baul erwiderte nichts. Doch sein Born war verflogen. borgeschobenen Pferd? Wer hat ihm wieder aufgeholfen? Schweigend nahm er die Hand seiner Schwester. Roland Vater, den er auf den Knien gebeten hat. Und die Richter? hatte aufgehört zu schluchzen. Eng aneinandergeschmiegt ver- Habt Ihr die Frauen gesehen, die im Saale saßen? Ich harrten sie vor diesem Geheimnis. So fand sich ihr Bater, fenne die Geschworenen nicht, aber es sind Menschen wie die wo er seine Kräfte gegen die fürchterlichste der Anklagen anderen. Sie sollten nur selbst bei sich Einkehr halten. Hört brauchte, entwaffnet durch die plögliche Entdeckung einer mir auf! Wir leben in einer Zeit, wo der eine so viel wert ist Wahrheit, die so lange in der Tiefe einer fernen Bergangen- wie der andere! Das wissen sie auch, die ihm jetzt alles an­heit geschlummert hatte. Der Ehebruch hatte, bevor seine hängen. Sie sollen nur vor ihrer eigenen Tür fegen. Bater Augen fich öffneten, die Lüge zu seinem Schicksal gestempelt. hat es so wie sie gemacht. Das ist alles, was man ihm vor­Berrat und Perfidie hatten an seiner Wiege gestanden, schänd- werfen kann. Darum schäme ich mich durchaus nicht für ihn." liche List führte ihn mit einem falschen Namen ins Leben. Eine ungetreue Mutter wachte an seinem Bett. Er liebte, ehrte und beweinte einen Vater, der nicht der seine war, und empfing wie von einem Fremden die Wohltaten und Zu­neigung des Mannes, dessen Blut durch seine Adern rann. War er nicht von Beginn an ein Spielzeug seiner Herkunft gewesen? Zweifellos hatte sich ihr Gift in sein Blut und in die Muttermilch gemischt. Sie hatte aus ihm den gemacht, den man eben geschildert hat. Er betrog ihre Mutter, wie die seine den Großvater, der auf dem Felde der Ehre gefallen war, betrogen hatte und der nicht wußte, welche Flecken seinen Heldennamen beschmutzten. Lügen und Komödie! Was sollte man von den Tränen halten, die er ihrer Mutter nachgeweint hatte? Vielleicht war es ein neuer Trug, weil er den Trug in sich weiterschleppte. Und bis wohin hatte ihn die Erblüge gebracht, bis zu welchem Abgrund, in den sie nicht ihre Blicke zu senken wagten? Warum sollten nicht seine Ge­schäfte davon durchfeucht sein, wenn seine Vergnügungen es waren? Also Lügen waren diese Unternehmungen, die mit so viel Tam- Tam entstanden waren, der Bluff ihrer Prospekte, die Zahlen ihrer Inventarien waren durch Un­wahrheit vergrößert, das leichtsinnige Spiel mit fremdem Kapital, das Aufbauen von Häfen, Leuchttürmen, elektrischen Bahnen, Hochbahnen, Schwebebahnen. Es waren Lügen wie ihr Familienname, wie ihr Stammbaum, die Quelle ihres Seins, ihres Lurus, ihrer Ehrenhaftigkeit. Wo endete die Lüge?..

,, Also das ist das Leben!" murmelte Renée.

Das ist es!" erwiderte Baul bitter. Aber schließlich rief er in neuer Auflehnung:" ft es unseres Vaters Schuld? Diese Sache!? Seder ist nur für seine Handlungen verant­wortlich!"

Man kann tödlich durch diejenigen anderer leiden!" sagte Roland leiſe.

Ein Starter macht sich frei. Ein wenig Energie ge­nügt, um zu widerstehen. Man verteidigt sich und setzt sich durch."

,, Vater hat sich lange durchgesezt. Augenblicklich ist er schwach wie ein Kind."

,, Er ist noch nicht verurteilt. Er fann es nicht werden. Weshab sollte er bestraft werden für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat.

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Nein," sagte Renée, aber wer weiß..." Sie unter­brach sich und fügte mit ihrer schönen, tiefen Stimme hinzu: Die Schuld seiner Vergangenheit!"

"

Was fagit Du da? Man verurteilt einen Menschen nicht wegen der Schuld seiner Mutter und auch nicht un­flarer Dinge wegen, die jenseits des Gesetzes stehen. Man richtet ihn nach seinen eigenen Handlungen. Nun, Vater hat nichts Schlimmres als so viele andere getan; er hat gelebt, wie man in unserer Welt lebt, wie unsere Freunde leben und wie wir eines Tages auch leben werden."

Er hätte hinzufügen müssen: wie ich schon jett lebe, denn tatsächlich erfand er Geschichten, um Geld zu erhalten, er verlor. beim Rennen Summen, die Lermantes lachend be­zahlte; er hatte Frauenzimmer gehabt, selbst die Frau eines Weltmannes war sein Verhältnis gewesen, und er hatte sich über ihren Gatten luftig gemacht. Aber aus Rücksicht für Renée schwieg er davon.

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Die ihn jekt quälen," fuhr er fort, die ihn verfolgen und richten, sind sie besser als er? Durchaus nicht. Von Chaussy und seinen gemeinen Artikeln weiß jeder, daß er

Nein, gewiß nicht," versicherte Renée.

,, Nun, das ist die einzige Frage, die in Betracht kommt. Eine andere gibt es nicht. Und da sie entscheidend ist, be­haupte ich, daß die Richter, die sich dagegen wehren, sie zu stellen, Schurken sind."

Wieder schüttelte er drohend seine Faust ins Leere. Eine ohnmächtige Bewegung, deren Kinderei er als erster fühlte. Was konnte er gegen diese Menschen ausrichten, ob sie ehrlich oder Schurken, anständig oder ehrlos, loyal oder falsch waren. Sie hatten ihren Bater in der Hand. Sie hielten ihn in ihren Gefängnissen, um ihn vielleicht in das Zuchthaus oder auf das Schafott zu schicken. Sie handelten nicht durch sich und nach ihren individuellen Instinkten. Aber wie das Näder­werk einer Maschine handelten sie, von dem jedes Nad ins Leere schlug, wenn die anderen nicht gemeinsam funktionierten. Schließlich üben die Richter ihren Beruf aus," ber­befferte er sich brummend. Vielleicht sind sie ehrlich. Aber die anderen, diese Räuber, diese Schmaroher! Glücklicher­weise gibt es eine Vergeltung in dieser Welt. Der Tag kommt, wo ich sie fasse, wie sie uns fassen. Ich werde sie ohne Gnade zertreten."

,, Sprich doch nicht von Rache," sagte Roland. Jetzt ist nicht der geeignete Moment dazu. Beschränken wir uns darauf, uns zu verteidigen. Diese Aufgabe genügt unseren Kräften."

Renée fügte hinzu:

Nicht der Gedanke an Rache soll uns aufrecht erhalten. Sei sicher, daß der Vater auch nicht daran denkt, sich zu rächen. Er ist allein, er denkt an sein Leben, an alles, was er getan hat, was er nicht hätte tun sollen an uns uns besonders.

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an

Paul befand sich in diesem Augenblick vor dem Schreib­tisch. Während seine Schwester sprach, wandte er eine Kleine filberne Sanduhr um, die neben dem Schreibzeug stand und betrachtete die kleinen Körnchen, welche die Flucht dieser schmerzlichen Minuten zeigten. Wenn sie gefallen waren, bildeten sie kleine Häuschen, die sich erhoben, dann plötzlich wieder zusammenfielen und von neuem stiegen, um noch ein­mal zusammenzustürzen. Auch seine Gefühle wechselten jetzt wie so häufig.

Wenn Bater Böses getan hat," sagte er mit düsterer Miene, geschah es, weil er nicht an uns dachte, an uns, die wir für ihn bezahlen müssen."

Dieses Mal unterbrach ihn Roland mit gebieterischer Miene.

,, Schweige Paul! Wir wollen nicht über ihn urteilen. Wenn man so viel erlebt, ist es schwer zu handeln, ohne zu irren. Wenn sich der geringste rrtum gegen ihn wendet, ist es ein Unglück, über das wir keine Abrechnung von ihm ber­langen können."

Wir können ihn nur beklagen," sagte Renée. Sie fügte leiser hinzu: Und ihn noch mehr lieben."

Wir wollen unseren Feinden verzeihen," rief Roland. Unser einziger Wunsch ist, daß man ihn uns wiedergibt. In