Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 113.
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Freitag, den 13. Juni.
1913
Der Präsident beschleunigte den Angriff. Ihm wurde immer auf dieselbe Art pariert: Der General war, solange Lermantes zurückdenken konnte, stets so rückhaltlos sein bester Freund gewesen, daß keine Wohltat dieses Mannes ihn in Verwunderung jette. Die Enthüllungen der Alten hatten dem Unglücklichen eine Menge Dinge klar gemacht, welche ihm früher nicht eingefallen waren und jezt in seiner Erinnerung einen neuen Sinn annahmen. Vieles, was er einst nicht verzustanden hatte, ward ihm nun klar. Er war blind gewesen. Niemals war der Verdacht in ihm aufgestiegen, daß der General ihm etwas anderes sein konnte als ein sehr wohlwollender, sehr anhänglicher Bate. Aber jetzt, nachdem ihm die Augen geöffnet worden waren, erschien ihm die ganze Vergangenheit wie ein aufgelöstes Rätsel.
„ Der Kurszettel genügt mir. Er bringt alle Neuigkeiten furz zusammengefaßt." Aber er nahm das Blatt doch, sette fich die Brille auf, buchstabierte den Artikel, indem er dabei die Lippen bewegte. Sorgfältig faltete er die Zeitung sammen, gab sie Proz wieder und fragte:
Was hat dieser Chaussy nur gegen Lermantes?" Das war die Frage, die man sich auf jeder Bank stellte. Niemand vermutete, daß des Zeitungsschreibers Zorn auf richtige Entrüstung war oder gar der Tugend entsprang. Eine politische Affäre?... Nein, Lermantes hatte Männer aller Parteien empfangen, auch Chaussys Freunde. Eine Frauengeschichte?... Das hätte man gewußt. Proz erflärte Crebola das Geheimnis.
Lermantes hat nicht so gewollt wie er!"
Als Herr Motiers de Fraisse den Kampf aufgab, sprang Herr Rutor weniger geschickt als heftig für ihn ein:
„ Sie wiederholen, daß der General Sie immer mit Güte überhäuft hat, zu jeder Zeit, in jedem Alter, zu jeder Gelegenheit. Aber sonst galt der General gar nicht für einen be
Der dice Mann spikte die Ohren wie ein Hase, der ein sonders wohlwollenden Mann... verdächtiges Geräusch hört.
Wann... warum... in welcher Sache?"
Broz wußte nichts.
Alles, was ich weiß, ist, daß Chaussy oft gesagt hat: den werde ich noch fassen! Er hat Mort gehalten! Schrecklich ist dieser Chaussy! Wenn man die Furcht sieht, die er einflößt, weiß man, daß nur der Gnade vor ihm findet, der vor ihm zittert."
Broz hatte in dem friedlichen Zon eines vorsichtigen Mannes gesprochen, der zu viel Dinge weiß, um sich über die einzelnen zu entrüsten. Aber Crevola wechselte die Farbe. Ebenso Cormoret . Beide hatten Gründe, diesen Mann, der alles Böse ans Licht zog, zu fürchten.
,, Gegen mich war er es immer."
,, Gegen Sie, gegen Sie allein. Er hatte also zwei Arten sich zu geben. Die eine gegen Sie, die andere gegen alle übrigen. Das hat keinen Berdacht bei Ihnen erregt, keine Ueberraschung bei Ihnen hervorgerufen... Sie fragten sich nie: weshalb überhäuft mich der General mit Wohltaten?...
,, Nein, niemals." ,, Unbegreiflich!
Herr Nutor sprach das Wort voller Ueberzeugung aus und begleitete es mit einer großen Geste seiner roten Aermel. Die Mehrheit des Publikums dachte sogleich wie er. Unbegreiflich war es, daß ein solches Geheimnis so viele Jahre geGerade kam Chaussy herein. Bevor er auf seinen Play hütet worden war. Unbegreiflich war es, daß dieser Vater ging, blieb er einen Augenblick vor Frau Aurora Windel- sich nie durch eine Herzenswallung verraten hatte und der matten stehen. Sein hochmütiges Gesicht versuchte einen Sohn in seiner Nähe nicht eine jener Offenbarungen gehabt, freundlichen Ausdrud anzunehmen. In diesem, bis zu den die plötzlich die Mysterien unseres Schicksals erhellen. UnbeAugen behaarten Gesicht wirkte ein liebenswürdiges Lächeln greiflich und unmöglich. Die Spuren der ständigen vorunangenehm. Als er vor der jungen Frau stand, erweckten gehaltenen Maske, die Stimme des Blutes, geheimnisvolle seine langen Arme, seine stämmige Figur, seine Wohlbeleibt Ahnungen, unmittelbare Erkenntnis, Rufe, die im Grunde heit den Eindrud, als ob er einer anderen, urweltlichen, tieri- der Seele widerhallen, hätten hier ihre Rechte geltend machen schen Menschheit angehörte. Zurlo ließ sich die amüsante müssen. Die in Massen zusammengedrängten Geister geGruppe nicht entgehen und zeichnete sie schnell. Während horchen einem eigenen Gesetz. Das Außergewöhnliche und seiner Arbeit fündigte man den Gerichtshof an, und er war Besondere nimmt eine trügerische, grauenhafte Seite an. so vertieft, daß er ganz bergaß, aufzustehen. Die Prälimi- Man urteilt nur noch auf allgemeine diktatorische Art oder narien wurden schnell erledigt. Ungeachtet der Ordnungs- nach vorgefaßten Meinungen, nach Phantasiegebilden, denen rufe des Präsidenten war das Publikum sehr laut, und der die Wirklichkeit fremd ist. Ein Sohn muß" seinen Vater Lärm steigerte sich, als Lermantes hereingeführt wurde. erraten. Es ist gleichgültig, wie. Ein Vater muß" sich Was das derselbe Angeklagte vom Tage vorher?... feinem Sohn offenbaren, gleichviel, auf welche Weise. Ein Bleich und verfallen, schien er zu keinem Widerstande mehr wichtiges Geheimnis muß" sich aufklären, ganz gleich wann. fähig. Mit zitternden Knien schritt er vorwärts. Die er- Man hielt diese verneinende Hartnäckigkeit für die Berech loschenen Augen lagen tief in den Höhlen. Er bebte am nung eines Verbrechers, und Lermantes fagte nur einfach die ganzen Körper. Der Schmerz schien sein Gesicht verlängert Wahrheit. und abgemagert zu haben. Um den Mund lag ein Ausdruck von Qual.
Einige sahen in dieser Veränderung ein Geständnis. Nur Gewissensbisse konnten ein menschliches Antlitz verwüsten. Es schien ihnen, als ob Herr Rutor seiner Sache sicherer wäre und die Gesichter der Geschworenen strenger aussahen. Der sehr steife Oberst Ollomont steckte seine Hand in die Klappe feines Rodes und rollte fürchterlich mit den Augen. Condemine wandte sich sehr aufgeregt seinen Nachbarn zu. Selbst das spitze Mäulchen des fleinen Bijour wurde drohend.
Der Zudrang wurde so gewaltig, daß die diensttuenden Soldaten die Menge in die Korridore zurückdrängen mußten. Man hörte sie hinter den geschloffenen Türen wüten.
Herr Motiers de Fraisse stellte zuerst die Frage, die vorläufig die wichtigste in diesem Prozesse war. Bußte der Angeklagte, daß der General de Pellice sein Vater gewesen war? Er stellte sie sofort und direkt, und man glaubte, daß Lermantes durch die Augenscheinlichkeit oder die Gewissensbiffe gestehen würde. Aber nein, er leugnete. Er leugnete mit einem Rest von Energie, die man nicht mehr von diesem menschlichen Brad erwartete, mit einer Ruhe, die in Erstaunen sette, mit jener Art von Majestät, die unseren Gesten und Blicken manchmal durch höchstes. Leid aufgedrückt wird.
Sie leugnen alles," rief Rutor ermüdet, seine Angriffe immer wieder zurückgeschlagen zu sehen. Es wäre doch aber in Ihrem Interesse, die Offenkundigkeit anzuerkennen." Völlig gebrochen machte Lermantes eine jener Bewegungen, die ihm fast die Sympathien zurückgewann.
Ich weiß nicht, was in meinem Interesse ist, und ich denke kaum daran. Ich sage, was wahr ist. Selbst wenn mich das retten könnte, ich wüßte nichts anderes zu sagen."
Die Wahrheit Klang hier durch, aber es war nur ein Aufflackern.
Man rief Luise Donnaz wieder vor. Mit mehr Einzelheiten mußte sie die Erzählung von dem General wiederholen, dessen Gehilfin fie gewesen war. Sie mußte die Leichentücher der Verstorbenen lüften, die Lügen ihres stummen Mundes preisgeben, die Geheimnisse ihrer zerfallenen Körper. Ihre seit langer Zeit begrabenen Erinnerungen mußte sie auferstehen lassen, sie vor diesem Sohn, der seinen Vater gemordet hatte, ausbreiten, vor den entsegten EnkelKindern, der neugierigen und schlüpfrigen Menge, den aufmerksam lauschenden Richtern, während die gebieterische Stimme des Präsidenten befahl:
Lauter, lauter, Frau. Sprechen Sie doch lauter, die Herren verstehen Sie nicht."