Nnterhaltirngsblatt des Vorwürls Nr. 121. Mittwoch, den 25. Juni 1913 26] Das entfesselte SdricksaU Roman von Edouard Rod . Die wiederholte Bemerkuna Frau d'Entraques gab Br6> vine plötzlich eine sehr plausible Erklärung für den Haß ihres Mannes. Vielleicht spielte auch Frau d'Entraque eine Rolle in dem Drama. Tann war alles zu verstehen: Der Starr- sinn einer fürchterlichen Rache. Lermantes' Schweigen, das hohe Opfer dieser Ehrenpflicht, dem der schuldige und doch großmütige Liebhaber sein eigenes Leben opfert. Woher würde ein Blitz kommen, um diese Finsternis zu erleuchten? Sie hatten ihr Geheimnis so gut zu hüten gewußt, daß selbst die sorgfältige gerichtliche Untersuchung es nicht entdeckt hatte. Also hatten sie keine Vertrauten, keine gekannten Mitschuldigem Wo sie suchen? Wie dieses Schweigen lösen? Kam hier nicht ein fast unmöglicher Zufall zu Hilfe, würde das Werk der Rache, Lüge und Ungerechtigkeit seinen Weg bis zu Ende gehen. Sorgenvoll übergab der Rechtsanwalt die jungen Leute ihrem Onkel, der mit Charreire vor der Präfektur auf- und abging. Wie am Tage vorher nahm Herr Marner sie mit sich. Als Brävine noch der traurigen Gruppe nachblickte, ergriff Charreire seinen Arm und fragte ihn: Nun, Herr Rechtsanwalt?" Offen gestanden, nimmt der Prozeß eine sehr ungünstige Wendung," antwortete dieser brüsk.Alles erklärt sich gegen ihn, selbstverständlich Ihre Aussage ausgenomnien." Das ist nicht viel!" Das wäre viel, wenn er sich nicht selbst zugrunde richten würde. Was kann ein Neufundländer tun. wenn ein Er- trinkender sich sträubt, sich von ihm retten zu lassen. Daß. d'Entraques Aussage der Knotenpunkt des Prozesses ist. haben Sie verstanden. Entweder sagt d'Entraque die Wahrheit und Lermantes ist schuldig, oder d'Entraque lügt, und dann ist es unsere Sache, ihn zu entlarven. Könnten wir jetzt fest- stellen, daß er Lermantes absichtlich Schaden zufügt, so ist das Lügengewebe seiner Aussage zerrissen. Tie erste Version zer- stört die zweite, sie wird wieder die richtige, und die Frei- fprechung ist sicher. Nun will Lermantes aber nicht sagen. was sich zwischen ihm und jenem Menschen zugetragen hat. Er schont ihn. Alles würde gut werden, wenn er darin ein- willigte, ihn Lügen zu strafem Verstehen Sie?" Charreire antwortete: Ich dachte stets, daß sie sehr befreundet seien." Das waren sie. Und Sie wissen auch, daß es keine schlimmeren Feinde gibt als ehemalige Freunde. Daß Sie Lermantes bester Freund sind sein letzter haben Sie gezeigt. Und Sie vermuten nicht, was sie trennte?" Nein?" Es bleiben uns nur noch einige Stunden, um es zu entdecken. Also hat sich niemals etwas ereignet zwischen Lermantes und Frau d'Entraque?" Diese Frage schien Charreire sehr zu überraschen. Ich habe keinen Grund, es zu vermuten," sagte er. Und doch.... Wir wollen noch einmal zusammen über- legen. Ein Mann in Lermantes' Alter, mit seiner Kraft und seinem Temperament, den religiöse und moralische Zweifel nicht plagen, ein nicht spröder, gesunder Pariser, Donner- Wetter, der wird doch nicht wie ein Klausner leben. Er poussiert, er har eine oder mehrere Geliebte. Nun hat man all derartigen Beziehungen nachgespürt, aber nur alte Ge- schichten entdeckt. Zweifellos wurde nicht der richtige Weg eingeschlagen. Die Untersuchung ist nicht gerade sehr auf der Höhe. Ihr System, von dem sie nicht abgeht, lautet: die Wahrheit muß sich, so gut sie kann, allein ihren Weg bahnen. Hat Ihnen Lermantes nichts erzählt, was uns auf die richtige Jährte bringen könnte?" Er hat mir manchmal von einer Frau gesprochen, die einen großen Einfluß auf sein Leben hatte, der er alles vcr- dankt. Natürlich hat er nie ihren Namen genannt." Hat er nichts gesagt, was Sic auf die Spur dieser Per- son führen könnte?" Ich habe nie darüber nachgedacht, er äußerte nur all- gemeine Dinge, die sich aus viele Frauen anwenden ließen." Also welche?" Was weiß ich.... Daß sie schlecht verheiratet und un»! glücklich wäre...." Wenn das alles ist!" Ich erinnere mich, daß er mir vor ziemlich kurzer Zeit sagte, daß er sie heiraten würde, wenn sie sich scheiden lassen könne. Er fügte hinzu, daß es auch noch einmal so enden würde, aber augenblicklich ertrüge sie alles ihrer leidenden, alten Mutter wegen. Ach." rief Brävine,das ist dach schon etwas Genaueres. Denn, lieber Herr Charreire, Sie haben mir zwei Dinge mit- geteilt: erstens, daß die in Frage kommende Person eine Mutter hat und zweitens, daß sie kinderlos ist, denn sonst wären die Kinder immer ein Hindernis gewesen. Kennen Sie d'Entraques?" Ich habe sie bei Lermantes kennen gelernt und war drei- oder viermal bei ihnen zum Diner geladen." Hat Frau d'Entraque Kinder?" Nein." Wissen Sie, ob ihre Mutter noch lebt?" Ja. Zufällig traf ich sie eines Tages bei Freunden. Sie ist eine alte Dame, älter, als man nach dem Alter ihrer Tochter vermuten kann. Ich glaube mich zu erinnern, daß sie über ein Herzleiden klagte." Na, sagen Sie mal, das stimmt doch alles vorzüglich. Finden Sie nicht? Wissen Sie etwas von den Beziehungen d'Entraques zu seiner Frau?" Ich hörte, daß sie sehr schlecht sein sollen." Vor Lermantes Verhaftung?" Nein, es ist mir vor einigen Tagen erzählt worden. Wer wie eben Klatschgeschichten über viele Leute verbreitet werden: unglücklicherweise habe ich gar nicht ordentlich zuge* hört." An jedem Gerücht ist etwas Wahres, würde der Staats- anwalt sagen.... Ein schrecklicher Mensch! Ich frage mich, wenn man ihm so nachspüren würde, was wohl da zum Vor- schein käme? Sie wissen also weiter nichts von dieser Un- bekannten?" Ich glaube kaum." Hat Ihnen Lenuantes vielleicht ihren Vornamen ge- nannt?" Nein. Er nannte sie nie anders als meineFreundin'- Doch habe ich bemerkt, daß ihm besonders der Name Juliette" gefiel." Komischer Geschmack. Dieser Name sagt mir gar nichts. Und Ihnen?" Auch nicht." Man liebt die Namen nur der Leute wegen, die sie tragen. Das habe ich immer bemerkt. Heißt vielleicht Frau! d'Entraque Juliette?" Ach, das kann ich Ihnen nicht sagen." Brävine dachte einen Augenblick nach, dann nahm ee aus seiner Aktenmappe das kleine Adreßbuch der Pariser Ge- sellschaft und blätterte darin. D'Entraque." las er.Graf Joseph Maria. Das ist er, und Frau Julie, geborene de Ravenne." Julie ist nicht Juliette." Aber eins ist das Diminutivum des andern/ Das sind sehr schwache Anhaltspunkte." Erlauben Sic, es wären vielleicht nur schwache Anhalts- punkte, wenn nicht d'Entraque, um Lermantes zugrunde zu richten, so lügen würde, daß er sogar einen Meineid leistet. Das ist keine Bagatelle... Es wären schwache Anhalts» punkte, wenn nicht Frau d'Entraque den Sitzungen sehr eitrig folgen würde, und da die Eheleute schlecht miteinander stehen, ihr Interesse nicht unmöglich ihrem Manne gelten könnte... wenn Paul Lermantes sie nicht diese eigentümlichen Worte hätte sagen hören... wenn nicht alle diese kleinen Um- stände mir schon eine Spur gezeigt hätten, die Sie durch Ihre letzten Mitteilungen noch vertieften. Ich gebe zu, daß wir nichts Positives wissen. Aber wir haben einen Verdacht, und von zehnmal kann man neunmal glauben, daß er begründet' ist. Er genügt, um der Spur zu folgen, um so mehr, da wir nichts anderes haben und unseren letzten Trumpf ausspielen. Könnten Sie noch heute Frau d'Entraque aufsuchen?" Ich weiß nicht, an welchem Tage sie empfängt."