Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 122.

Donnerstag, den 26. Juni.

27] Das entfeffelte Schickfal.

Roman von Edouard Rod .

16. Rapitel.

Die Nudrits wohnten in einem alten Hause am Boule­vard du Roi in einer Barterrewohnung, die auf einen Garten hinausging, in dem sie Rosen gepflanzt hatten. In diesem Heim waren sie zusammen alt geworden, während ihre Söhne durch ihren Beruf in die weite Welt hinausgeführt waren. Der eine diente in der Marine, der andere in der Kolonial­magistratur. Das Ehepaar lebte sehr häuslich, selten gingen fie aus und gaben wenig Gesellschaften. Das kleine Diner, zu dem sie acht Gäste geladen hatten, war ein Ereignis in ihrem Leben. Außer dem Präsidenten und seiner Frau, der Baronin Khard und Herrn Perron hatten sie Herrn Treib, zu dem sie in berwandtschaftlichen Beziehungen standen, eingeladen, und Baron Choffart, einen alten Freund. Ein Lohndiener half dem Hausmädchen.

Die Baronin Kharb ließ länger auf sich warten, als man voraussehen konnte. Innerlich fluchte Herr und Frau Mo­tiers de Fraisse, denn sie waren daran gewöhnt, zeitig zu essen und sich früh schlafen zu legen. Besonders der Präsident, ein großer Pedant, fühlte sich durch das anstrengende Verhör äußerst matt.

Die Unterhaltung schleppte sich hin. Man hatte sich vor­genommen, nicht von dem Prozeß zu sprechen, um den Geist von den Anstrengungen ruhen zu laffen. Aber da man an nichts weiter dachte, wußte man nicht, was man sagen sollte. Herr Rudrit sprach sich entzückt über Versailles aus. Obgleich feine Stellung ihm sehr viel Arbeit gab, war sie dazu ange­tan, seine bescheidene und friedliche Karriere angenehm zu beschließen. Herr Perron fand dabei nur die Nähe von Paris angenehm. Dem modernen Geschmack Herrn Treibs ent­sprachen weder die gestuzten Bäume à la française, noch der altmodische Eindruck der Straßen, welche die breiten Avenuen rechtwinklig durchkreuzten. Baron Choffart wiede­rum fand gerade den Stempel der Vergangenheit schön, der den Häusern geblieben schien.

,, Andere haben den Braten gegessen, uns bleibt noch der Duft davon, das ist doch etwas."

Der

Man gähnte und betrachtete Bilder von Ary Scheffer und Paul Delarrive, als endlich eiliges Klingeln ertönte. Die kleine Baronin trat in den Salon und sah entzückend in ihrem lavendelfarbigen Seidenmousselinekleid aus. Kleine Ausschnitt zeigte den prachtvollen Hals, dessen schnee­weiße Haut den Frauen des Nordens oft den Glanz, die Zart­heit und Frische der Kamelien verleihen. Wie ein Windstoß stürmte fie herein und atmete so schnell, als ob sie sechs Treppen emporgestiegen wäre. Sie entschuldigte sich, indem fie eine Fülle kleiner Lügen vorbrachte, die aber so augen­scheinlich waren, daß alles zu lachen begann und sie mit ein­stimmte.

Man ging eilig zu Tisch. Kaum war die Suppe vor­über, als die Baronin, trop des allgemeinen Schweigens über den Prozeß, das gefährliche Thema anschnitt.

Wie bin ich Herrn Rudrit dankbar, daß ich zu den Ver­handlungen gehen konnte... Man reißt sich um die Plätze... Es ist ein großes Glück, wenn man einen bekommt Ganz stolz bin ich mit meiner Karte in der Hand durchge­gangen. Und man muß immer noch an die Verhandlung denten... man ist ergriffen, gepadt... wie von einem Strom wird man fortgerissen."

,, So spannend wie ein gutes Drama, nicht wahr?" meinte Perron, ihr Nachbar zur Rechten.

Sagen Sie eher wie eine Jagd... Ja, ja, wie eine Jagd Der Angeklagte ist der Fuchs oder der Eber. Alles stürzt sich auf ihn, die Reiter, die Pikeure, die Meute, bum, bum, bum. Die Leute schreien, die Hunde bellen, das Tier ist gehebt. Man lacht, man weint, man hat Mitleid, es ist tragisch, komisch, alles durcheinander."

Das gibt Ihnen Lust, mit dabei zu sein?" warf Herr Treib ein.

1913

Wie unter einem Strahl kalten Wassers zuckten die nied­lichen Schultern zusammen.

Brrr... brrr

Wie können Sie so etwas sagen, Herr Treib? Und dann ist alles so trefflich eingerichtet... Ueberall die Soldaten in dem Saal.. Wie imposant die roten Talare wirken!"

Sie sah Herrn Motiers de Fraisse ein wenig erschreckt an. Er fing den Blick auf, und er schmeichelte ihm. Sie wandte sich Herrn Perron zu und fragte mit kindlichem Ungestüm: Weshalb haben Sie feinen roten Talar an... Das sieht doch viel besser aus."

Herr Berrron erklärte nicht ohne Zerknirschung, daß er als einfacher Richter kein Recht darauf habe.

,, Aber der andere... der immer so macht." Und sie bewegte ihre hübschen, bis zum Ellenbogen nackten Arme ge­nau so wie Herr Nutor, und zwar so drollig, daß alles darüber lachte. Herr Motiers de Fraisse versuchte ihr die juristische Rangordnung klarzumachen, aber sie unterbrach ihn, bevor er geendet hatte, und rief:

Also Sie, Herr Präsident, leiten das Ganze. Nun sagen Sie, halten Sie ihn für schuldig?"

Durch die schelmische Ungeniertheit außer Fassung ge­bracht, befragten sich die drei Beamten mit Blicken, was sie antworten sollten, Herr Rudrit antwortete:

Wir haben die Frage nicht zu klären, gnädige Frau. Das ist Sache der Geschworenen."

H

Der Geschworenen? Sind das die Herren, die auf den beiden Bänken so aufgereiht sind wie die Hühner auf einer Mauer? Aber sie tragen doch keine roten Talare. Selbst nicht einmal schwarze. Schlecht sind sie angezogen... Sie stehen doch über ihnen."

,, Das dürfen Sie nicht glauben, gnädige Frau," be richtigte Herr Perron. Die Geschworenen sind die Herr­scher. Morgen werden Sie den Staatsanwalt und den Ver­teidiger bis zum Ueberdruß wiederholen hören: Das Gesetz hat Sie so hochgestellt, meine Herren, daß niemand gegen Ihren Spruch appellieren kann... daß... daß... verfehlt nie, ihnen auf diese Weise zu schmeicheln. Ich glaube, sie sind entzückt darüber."

Man

,, Uebrigens sagt man ihnen nur die Wahrheit," fügte Herr Motiers de Fraisse hinzu. Ihr Ja oder Nein ent­scheidet die Straffälligkeit des Angeklagten. Alles ist damit gesagt."

Und Sie?"

,, Wir sprechen die Entscheidung aus."

Dann sind Sie es also, die ihn zu diesem oder jenent verurteilen, selbst zum Tode."

Mein Gott ja," meinte bescheiden Herr Perron. ,, Wie mächtig Sie sind!"

,, Aber, meine gnädige Frau, unsere Verkündung hängt von dem Spruch der Geschworenen ab."

,, Und sie sind oft von einer Nachsicht," fügte Baron Chof­fart hinzu.

,, Besonders, wenn es sich um hübsche Frauen handelt. Das sind dann aus Leidenschaft begangene Verbrechen. Die werden immer freigesprochen!"

,, Also kann es sein, daß sie diesen Lermantes frei­sprechen?"

" Ich sehe nichts von Leidenschaft in seinem Prozeß, trok der netten Rechnungen, die der Herr Präsident uns so kunst voll vortrug."

,, Hier wäre die einzige Leidenschaft, die in Frage käme, Geld. Und die wird, obgleich sie häufig vorkommt, böse auf­gefaßt."

Man betrachtet sie vielmehr als erschwerenden Umstand" fügte Herr Nudrit hinzu.

Die Baronin sah die drei Beamten mit erschreckten Augen an. Es waren herrliche Augen, blau wie das Meer und eben­so tief. Augen, die schnell den Ausdruck wechselten, zärtlich, leidenschaftlich, beredtsam blicken fonnten, und jetzt mitleids­voll und flehend sich auf Herrn Perron richteten.

,, Sie werden ihm doch nicht den Kopf abschlagen!" rief sie und faltete die Hände.

Drohendes Schweigen antwortete ihr. Das nahe Bevor­stehen eines Urteils, das den Tod nach sich zieht, bewegt selbst die, welche die Gewohnheit blasiert gemacht hat, die ihr Amt