Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 182.
Ein Mann.
42]
Donnerstag, den 18. September.
( Schluß.)
Er ließ sich auf einen von hohen Gräsern überwucherten Maulwurfshügel fallen. Er war mit seinen Kräften zu Ende; keinen Schritt konnte er weiter. Seine Wunde, durch den raschen Lauf gereizt, brannte wie eine Verägung. Die Kugel mußte das Schlüsselbein zerschmettert und sich in der Nähe des Halsmuskels ins Gewebe gebohrt haben.
Da das Blut noch immer floß, befahl er der Kleinen sein Wams mit dem Messer aufzuschlißen. Sie gehorchte. Hier auf zerfetzte er den Stoff mit den Zähnen und gebot der Kleinen, die Lappen in einer unweit aus dem Boden sprudelnden Quelle anzufeuchten. So stillte die Kleine, zwischen dem Verwundeten und der Quelle hin und wieder eilend, langsam die Blutung, bis er entschlummerte.
Der Morgen sank auf den Wald herab.
1913
Auf die Stunden vernichtender Glut folgten dann lindere. Stunden. Langsam schienen die Schatten von den Wurzeln der Bäume emporzusteigen. Die goldenen Sonnenstäubchen sprühten in gedämpfterem Glanz, und feierlich schickte die Sonne sich an, sich mit der Pracht ihres Unterganges zu schmücken. Von diesem Momente an wurden die Worte zwischen ihm und der Kleinen immer spärlicher. Sein Stöhnen, das ihm die Brust zerriß, mehrte sich, ie weiter der Abend vorrückte. Und sie hielt unentwegt ihre starre Wacht, Effen und Trinken vergessend, sie, die sonst heißhungrig wie eine Wölfin war. Aber ob ihre Eingeweide sich auch bäumten und um Nahrung schrien, sie harrte mit der Treue eines Hundes bei ihm aus, ohne ihres Hungers zu achten. Der Ernst des Abends senkte sich über dieses düstere Paar. Zuweilen fuhr er auf und flehte um den Tod.
Die Schurken! Sie hätten mir den Nest geben sollen! Bin ich ein Heide, daß ich so unmenschlich leiden muß?" Dann sank sein Haupt wieder bleischwer auf den Nasen zurück. In dem Wahne, von feindlichen Gestalten umringt Sie hatte sich zwei Schritte von ihm ins Gras geworfen. zu sein, machte er kämpfende Bewegungen, und seine Gesten Shre braunen Augen sogen sich gierig an den Rundungen hatten noch immer etwas Schreckenerregendes. Oder er sprach seiner Schultern fest. Die herrliche Gestalt des Mannes be- Germainens Namen aus, langsam, innig, ihn wollüftig wie gann fie nach und nach in Unruhe zu versetzen. Heiße Wellen eine faftige Frucht einschlürfend, mit der ganzen Zärtlichkeit jagten durch ihre Adern, über ihre Lippen lief ein Beben. seines Herzens ihn wohl hundermal wiederholend, bis er in Da richtete er sich jählings empor und begehrte zu trinken. der fanften Melancholie eines Gestammels erstarb. Dann Seine Gesten waren ein wenig irre, er öffnete und schloß ein fühlte sich die Kleine von Zorn gepackt und schmiedete in ihrem paarmal in rascher Aufeinanderfolge die Lider, wie bemüht, leinen Sirn die abenteuerlichsten Rachepläne gegen jenes mit aller Gewalt einen Gedanken zu fassen. Und seinen reiche Mädchen, das ihn hier so elend zugrunde gehen ließ. Lippen entrangen sich verzweifelte Schmerzenslaute, Mechzen, einzelne Worte, das schauerliche Gebrüll eines gefolterten Menschen.
In ihren fest zusammengepreßten Händchen brachte ihm die Kleine Wasser. Einen Moment tat ihm die Kühlung wohl, aber fast augenblicklich begann er sie wieder zu rufen, und immer wieder um Wasser zu flehen, bis seine heisere Stimme in Mechzen überging. Unermüdlich lief sie zur Quelle und preßte ihm ihre feuchten Finger an die Lippen. In den Pausen stellte sie sich mit verschränkten Armen vor ihm auf oder kauerte sich auf den Boden, die Finger in ihrem krausen Gelock vergraben.
Die Schulter schwoll an. Das Fleisch rings um das Klaffende Loch war zu einem violetten Wulst aufgequollen. Die Strahlen der Mittagsonne fielen wie ein Feuerregen auf diese schmerzhafte Stelle hernieder. Da ließ er sich an ein schattiges Pläßchen schleppen, bei jeder Erschütterung aufbrüllend vor Schmerz, obwohl die Kleine ihn sehr behutsam 30g. Als er endlich die Kühlung der Blätter auf seiner entzündeten Wunde fühlte, ergriff er ihre Hand und sah sie warm und innig an:
Wer hätte geglaubt, Keine, daß Du in meiner legten Stunde bei mir sein wirst? Ach! weh! Ich sterb', ich fühl' es, es geht zu Ende mit mir. Du mußt der alten Häsin erzählen, was die Gendarmen mir angetan haben, und fie soll es den anderen erzählen. Ach! weh! Und auch im Pachthof erzähle es, bring' meinem Schat meinen letzten Gruß. Heiliger Himmel! Ach! sage ihr..."
Die unbarmherzige Sonne wanderte unentwegt ihre Bahn über den Himmelsbogen, das Erdreich zerwühlend und das Laub schwarz wie die Verzweiflung färbend. Die Dornen in den Büschen knisterten, die schwankenden Sträucher neigten ihr Haupt, und Folterqualen stiegen vom Boden zu dem liegenden Manne empor.
Cachaprès stöhnte unter der Wucht der Feuerbrände, die feine Wunde wie ein gefräßiges Tier zerwühlten. Er fühlte sein Fleisch bei lebendigem Leibe in die allgemeine Zersetzung übergehen. Ein fürchterlicher Durst dörrte seinen Schlund. Die Kleine war ohne Unterlaß genötigt, zur Quelle zu laufen und Wasser zu holen; doch siderte mehr als die Hälfte des kostbaren Nasses zwischen ihren Fingern durch; da deutete er auf sein Bulberhorn. Das leerte sie aus und benügte es als Becher, den sie ihm selbst an die Lippen führte. Wie linder Balsam rieselte das Wasser in seine Kehle, ihm für
eine Gefunda Grleichterung ichoffand
In den unendlichen Weiten flutete jetzt eine milde Heiterfeit; der Friede, die Güte der Schöpfung selbst schienen über den majestätischen Stämmen in den Lüften zu schweben. Ein kosender Wind strich über den untersten Saum des Himmelsgewölbes und zitterte geheimnisvoll in dem Gesträuch, das ihm seine Arme sehnsüchtig entgegenstreckte. Ein Schauer funkelnder Bünktchen rieselte über das Buschwerk hernieder; die murmelnde Quelle schluchzte laut auf vor Liebe; es kribbelte und wogte hinter den finstern Gebüschen, die sich mit schimmernden Tieren belebten; briinstiges Stöhnen feuchte ringsum; und über die hochzeitlichen Paare, die sich heimlich in ihren Falten bargen, breitete die gütige Nacht ihren funkelnden Sternenmantel aus.
Der Todeskampf währte bis zum nächsten Morgen. In seiner Raserei hatte er sich die Kleider vom Leibe gerissen; seine zottige Brust lag nadt vor ihr; und in dem dämmernden Tageslicht sah die Kleine seine fahlrote Mannheit leuchten. Dann stiegen ihre Blicke höher bis zu dem Gesichte des Vagabunden empor. Ein grimmiges Lächeln lag auf seinen Lippen und verlieh ihm den Ausdruck eines lauernden Feindes; sein verzerrter Mund gab die Zähne frei, die beißen zu wollen schienen, und plötzlich riß er die Augen weit auf. Wohin sah er? Gewahrte er über den Gipfeln der Bäume den aufsteigenden Tag, den er so oft anbrechen gesehen? Oder winkte ihm ein ewiges Morgenrot hinter jenem anderen eines Sommertages? Seine Pupillen füllten sich mit den grünen Refleren des Laubes. Er richtete sich empor, breitete die Arme weit aus, immerdar nach dem geheimnisbollen Etwas starrend, das er allein nur sah. Und als der erste Sonnenstrahl sich hinter dem Saume der rosigen Wölfhen hervorstahl und wie ein Pfeil durch die Zweige glitt, sank sein Körper leblos zurück.
Die Aeste der Bäume wiegten sich in langsam rhythmischen Schwingungen; die Vögel sangen im tiefen Hain . Und unendliches Naunen lief durch Busch und Strauch wie ein lagegefang.
Die Kleine fah und begriff nicht.
Sie sah seine Züge erstarren und den Blick seiner weit geöffneten Augen sich in unendlichen Weiten verlieren; dann bekam sein eben noch so verzerrter Mund wieder sein früheres, natürliches Aussehen; und eine stumme, innere Heiterkeit verklärte langsam seine Stirn.
Sie wähnte, daß er eingeschlafen sei, und rief ihn an; er regte sich nicht. Da strich sie mit der Hand leicht über
feine Sant schon mar diese in fchouerlicher Fälte erftarrt.