Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 184.

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Sonnabend, den 20. September.

Rittmeister Brand.

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Erzählung von Marie von Ebner- Eschenbach . 3.

Nun erfuhr Brand, was heiße Neue ist. Er sagte sich, daß es doch besser gewesen wäre, im Kampfe gegen seine Herzensneigung zu unterliegen als zu fiegen. Schade, schade um diese edle Sophie, die ihm herabgewürdigt schien durch eine nicht aus Liebe geschlossene Verbindung. Die Schuld an dem schweren Unrecht, das damit an ihr begangen wurde, maß er mit gutem Grunde sich selbst zu.

Alles, was Brand damals im stillen litt, trat aber bald in den Hintergrund vor einem anderen wichtigen Ereignis, das über seine Zukunft entscheiden sollte.

Von Kind auf hatte er bedauert, daß er keine Geschwister gehabt, feinen schwachen, kleinen Bruder, den er hätte be­schüßen, leiten, erziehen können. Im Regiment fand er, was die Familie ihm schuldig geblieben war, den jüngeren, etwas unselbständigen Kameraden, auf den er alle Bruderliebe, die in ihm geschlummert hatte, übertragen konnte, und der ihm dafür durch unbedingte Ergebenheit dankte.

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1913

An Wahnsinn grenzte, sich einzubilden, der Wunsch vermöchte die Erfüllung zu erzwingen, es war Aberwit, kühne Hoffnun­gen zu nähren. Er wollte sie austilgen, sich befreien, dem entnervenden Kampfe ein Ende machen, und zählte dabei auf die Hilfe seiner Schwester.

Als er sie verließ, blieb sie, im Innersten erschüttert zu­rück. Erhört oder zurückgewiesen werden, fragte sie verwirrt und ratlos: Was ist das größere Unheil in dieser sündhaften Liebe? Aus ihrem Gleichgewicht gebracht, in unsäglicher Angst um ihn, hätte sie sich an seine Fersen heften, nicht mehr von ihm weichen mögen. Sie hatte so lange geduldig gelitten und gewartet; die zwanzig Tage, die sie noch von dem Zu­sammenleben mit ihm trennten, glaubte sie nicht überdauern zu können. Sie schrieb ihm täglich; er beschäftigte sich mit den Vorbereitungen zu ihrem Empfang, und Rittmeister Brand, der sonst zu zetern und zu wettern pflegte, wenn die Ankunft einer Frau in der Station bevorstand, erwartete die Schwester des Freundes mit fast ebenso großer Ungeduld wie dieser selbst. Ehe noch ein Auge sie erblickt hatte, tat sie Wunder: Brand sehnte ihr Erscheinen herbei, Wildenstein brachte es in der Selbstbeherrschung so weit, vierzehn Tage lang den Anblick der geliebten Frau zu meiden. Das war mehr, als er sich zugetraut hatte, und es gewährte ihm eine stolze, schmerzvolle Freude, der Schwester schreiben zu können: Wieder ein Tag, an dem ich sie nicht gesehen habe. Sei Du nur einmal da, und was mir jetzt als etwas ungeheures er­scheint, wird mir leicht werden."

Die Oberstin zeigte sich verstimmt; sie wollte Wildenstein nicht verlieren. Es verdroß sie nicht nur, es kränkte sie, daß er vermochte, den Gleichgültigen zu spielen, zu tun, als ob sie ihre Macht über ihn eingebüßt hätte.

Es war ein schöner, etwas zur Melancholie geneigter Mensch, dem das Leben mehr Bitternisse zu kosten gegeben hatte als gut ist für eine feine, scheue Natur. Früh verwaist, arm, die ganze Kindheit hindurch auf das Gnadenbrot an­gewiesen, das wohlhabende Verwandte ihm und seiner Schwester widerwillig reichten, schlug für ihn die erste glück­liche Stunde, als seine Angehörigen seinem Drängen nach gaben und ihm erlaubten, in eine Militärerziehungsanstalt einzutreten. Er wird die harte Schule bald satt haben," Gräfin Erny war mehr als schön, sie war bildhübsch, meinten sie, und ungestümer herausstreben, als er hinein- lebenslustig, emotionsbedürftig und hatte Anwandlungen von gestrebt hat." Sie irrten. Er bestand die harte Schule zum Sentimentalität. Als fünfte Tochter eines unbegüterten un­Verdruß der Onkel und Tanten, denen seine Ausdauer als garischen Edelmannes geboren, bei reichen Verwandten auf­eine weitgetriebene und ziemlich respektlose Rechthaberei er- gewachsen, fehrte sie nach deren Tod in das väterliche Haus schien. Sobald die lange- oft endlos scheinende Lehrzeit zurück. Die kühle Aufnahme, die sie dort fand, tat ihr weh, vorbei und er Offizier geworden war, hatte er seine Schwester die kleinlichen Verhältnisse beengten sie. Nur fort, wieder zu sich nehmen wollen. Darüber lachte man nur. Einem fortkommen, heiraten, gleichviel wen, wenn er sie nur erlöst zwanzigjährigen Leutnant, wenn er auch ein Muster von aus der Familie, in der sie das fünfte Rad am Wagen ist, Solidität ist, pflegt man nicht ein achtzehnjähriges Mädchen war fortan ihr heißer Wunsch. Als ihr Vater ihr lachend zur Vollendung ihrer Erziehung zu übergeben. Ihr müßt mitteilte, der alte Oberst Graf Prach habe bei ihm um sie ge­warten," sagten der Onkel- Vormund und seine Frau, denen worben, dachte sie einen Augenblick nach und rief dann ent­es sehr angenehm war, eine unbesoldete Bonne im Hause zu schlossen: Hol's der Kuckuck, ich nehm ihn!" haben, auf die man sich jederzeit verlassen konnte.

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Die Geschwister warteten, bis die Ernennung Wilden­steins zum Rittmeister nahe bevorstand und seine Schwester mündig gesprochen werden sollte. Sie hatten in dem kleinen, dunkeln Hofzimmer, das sie bewohnte, das letzte, furze Wiedersehen vor der letzten Trennung gefeiert. In drei Wochen also komme ich und hole dich" hatte er gesagt, und sich erhoben und ihr die Hand gereicht. Aber sie hatte die Hand nicht erfaßt, sie war in unaussprechlichen Jubel aus­gebrochen. Die Schüchternheit, von der sie sonst in der Nähe des abgöttisch verehrten Bruders ergriffen wurde, verschwand. Sie stürzte in seine Arme, und ihre Glückseligkeit verriet ihm, wie viel sie bisher gelitten hatte: So nahe der Augenblick, in dem die Sehnsucht ihres ganzen Lebens sich erfüllen sollte! So nahe die Erlösung! Es war faum zu fassen, es berauschte sie, es stand vor ihr wie das plößlich geöffnete Himmelstor: Ich werde bei dir sein!" Sie lag an seiner Brust, die kleine, stille Dulderin, seine echte Schwester, so schweigsam und tapfer in ihrer Weise, wie er es in der seinen und weinte.

Da verlor er seine gewohnte Selbstbeherrschung, sein Herz floß über. Sie erfuhr, daß er ihrer bedurfte, ihrer tröstenden, heilenden Nähe, der immer wach erhaltenen Ueberzeugung: da ist ein Wesen, für das ich leben muß. Wäre sie nicht, würde er selbst nicht mehr sein: er hätte längst den Qualen einer törichten, verdammenswerten und unüberwindlichen Liebe ein Ende gemacht. Als er seine Schwester in die Tiefen seiner Seele blicken ließ, lernte sie mit Entseßen eine Leidenschaft kennen, von der bis jetzt nicht die leiseste Ahnung in ihr ge­dämmert hatte. Ihr Bruder liebte eine unerreichbare, liebte, wie nur einsame und verschlossene Menschen lieben, die be­zaubernde junge Frau seines Obersten. Gräfin Erny er mutigte ihn nicht er beteuerte, daß sie es nie getan habe.

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Er war freilich nicht verlockend, der unförmig dicke Oberst. Um ein Vierteljahrhundert älter als sie, so plump, wie sie zierlich, so langweilig, wie sie sprühend von guten Einfällen war. Allerdings hatte auch Brach eine kurze Blütezeit gehabt, als er, ein junger Major, mit seinem Regimente die Garnison Wien bezog. Da war er in der Gesellschaft bis in erklusive Kreise vorgedrungen und hatte dort den Spiẞnamen: Le boeuf à la mode" erhalten, denn Anlagen zum Dichwerden zeigte er schon damals und war auch nicht gescheiter als jetzt. Aber er konnte doch vor seiner Braut mit einst errungenen Erfolgen prahlen, und sie fühlte sich befriedigt in ihren An­sprüchen auf Glück, wenn sie die Frau eines Mannes wurde, der eine Stellung in der großen Welt" hatte und Komman­dant eines eleganten Kavallerieregiments war.

Kurz nach ihrer Verheiratung erlebte sie eine bittere Ent­täuschung. Prach, der bisher immer von väterlicher Freund­schaft und von der Unabhängigkeit gesprochen hatte, die Erny als regierende Frau Oberstin genießen sollte, wurde ein ver­liebter, eifersüchtiger Gatte und ein engherziger Haustyrann. Die schönen glänzenden Augen der jungen Frau verschleierten sich allmählich, und die leise Trauer, von der die angeborene Munterfeit und Frische ihres Wesens nun oft gebämpft wurde, gab ihr einen neuen Reiz. Er wirfte auf feinen ihrer zabl reichen Verehrer so ergreifend wie auf Rittmeister Wilden­stein.

Eruy hatte mit ihm gespielt wie mit allen, die ihr huldig­ten. Sie ließ sich gern den Hof machen in allen Ehren. Weiter als bis zu einem Handfuß brachten es bei ihr selbst die Unter­nehmendsten nicht. Seltsam war, daß fast jeder, der in ihren Banden gelegen hatte, ihr Feind wurde von der Stunde an, in der er seine Eroberungspläne aufgab. Sie mußte eine gar unangenehme Manier haben, die Leute abblißen zu lassen.