Anterhaltungsblalt vorwärts Nr. 189. Sonnabend, den 27. September. 1913 7, Rittmciftcr Brand. Erzählung von Marie von Ebner - Esche nbach. 8. Das war ein Schmuckkästchen. Die Wände mit hell- blauem Seidenstoff verkleidet, die Möbel ebenso überzogen, Tische, Tischchen, Etageren von den verschiedensten Formen, mit teils sehr kostbaren Nippesgegenständen besetzt, ein großer Ankleidespiegel in vergoldetem Gestell, und mitten in all der Pracht die berühmte, geniale, viel umworbene Madame Amalie. Sie war schön und geschmackvoll angetan in einem spitzenbesetzten Schlafrock aus Atlas, der wie die Abendröte schimmerte und eine zwei Meter lange Schleppe hatte. Der Anzug war ein Kunstwerk und machte so schlank als möglich� aber auch den höchsten Toilettekünsten sind die Wege gewiesen; Anmut konnten sie der vierschrötigen Gestalt nicht verleihen, die sich beim Eintreten Brands von dem Ruhebette erhob. Der Kopf Madame Amalies saß auf kräf­tigem Nacken und trug eine Fülle stark angegrauter Haare. Die gewellte, gelockte Frisur erinnerte in ihrem künstlichen architektonischen Aufbau an die der römischen Kaiserinnen. Das Gesicht hatte einen ausgesprochenen Negertypus, aber die Augen waren schön und intelligent. Leider befanden sie und auch die Nase sich eben in einem Zustande, der nicht gleich erraten ließ, ob die Dame geweint hatte oder an Schnupfen litt. Als Dietrich eintrat, rieb sie sich eben die Schläfen mit weißer Matteischer Elektrizität. Auf einem Tischchen neben ihr befanden sich allerlei Riechmittel: in einer mit heißem Wasser gefüllten Achatschale verdampften einige Tropfen Fichtennadclextrakt. Brand dankte in seiner ritterlichen Weise für die Gunst, die Madame Vernon ihm erwies, ihn trotz ihres Unwohlseins zu empfangen. Er wollte ihre Güte nicht mißbrauchen, sie nicht lang in Anspruch nehmen: er kam nur, um sich von ihr Auskunft zu erbitten über die beiden Kinder, die eben bei ihr gewesen waren. Nicht Neugier leite ihn, sondern ein ernstes Interesse, dessen Grund er ihr, wenn sie es gestatte, ein nächstes Mal darlegen werde. Madame Amälie versicherte ihn, daß sie bei einem Mannecke sa trernpe" nur die edelsten Absichten voraus- setze, zögerte aber doch mit der Antwort, als er nach dem Familiennamen der Kleinen fragte. Fürchten Sie nicht, ein Geheimnis zu verraten," sagte er und faßte sie scharf ins Auge.Es sind die Kinder des Majors von Müller." Sie widersprach nicht. Eines meiner besten Freunde und einstigen Kameraden," fuhr er fort,der vor drei Jahren in seiner Vaterstadt .Klausenburg gestorben ist. Ein nur zu edler und großmütiger Mensch." Certainemeat," fiel die Französin ein, so großmütig für andere, daß die Seinen in der g6ue zurllckblieben." G6ne?" wiederholte Brand mit qualvoll gepreßter Stimme. Was ich eben gesehen habe, ist schlimmer als gSae. Diese Kinder sind schlecht genährt, schlecht gekleidet, sie darben." Nun, jetzt eigentlich nicht mehr," meinte Madame Vernon und widerstand nicht länger der Versuchung, Monsieur Brand, der ein sonoble eoeur">var und so tiefe Teilnahme für die Hinterbliebenen seines Freundes hatte, die ganze Wahrheit zu sagen, und bei dieser Gelegenheit sich selbst in schönen: Lichte zu zeigen. Dietrich erfuhr nun alles. In der langen Krankheit des Majors waren die Neste des Vermögens aufgebraucht und leider sogar einige Schul- den gemacht worden. Sophie mußte ihre Pension auf Jahre hinaus verpfänden, um die dringendsten Gläubiger zu be- friedigen. Sic wäre dem Elend preisgegeben gewesen ohne ihr außergeivöhnliches, dem der großen Wiener Modistin kongeniales Talent. Mit ihrenckoigts de f6e" gewann sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder. Kärglich, tvie sich von selbst versteht,inou Dieu, en proyincel" bis eine Verwandte Madame Amalies und Gattin eines öfter- reichischen Oberstleutnants nach Klausenburg kam, dort erst die Werke Frau von Müllers, dann sie selbst kennen lernte und eine begeisterte Freundschaft und Beivunderung für sie faßte. Unglück und Talent,(preis titres auf unsere Teil­nahme, Monsieur," sprach die Modistin mit einer pathetischen Gebärde. Die Frau Oberstleutnant brauchte nur einige Proben der Kunstfertigkeit Sophie Müllers an Madame Vernon zu schicken, um ihr Mitgefühl für die arme Witwe zu erwecken. Amölie hatte ihr sogleich geschrieben und sie eingeladen, nach Wien zu kommen. Seit einem halben Jahr war sie ba, stellte ihre Begabung und ihren Fleiß ausschließlich in den Dienst des Hauses Vernon und dürfte keinen Grund haben, es zu bereuen. Sie wurde besoldet wie keine zweite. Ihre Verhältnisse müssen sich jetzt schon gebessert haben. Müssen sich? Sie wissen nichts Genaues darüber?" fragte Brand. Das nicht. Frau von Müller spricht nie von sich. Sie ist sehr stolz, sehr zurückhaltend." Jawohl, sehr stolz." Er beugte sich vor dem niederen Fauteuil, den Madame Am6lie ihm angewiesen hatte, und wieder mußte sie den forschenden Blick seiner ernsten, grund- ehrlichen?lugen eine ganze Weile hindurch aushalten und tat es mit der Unbefangenheit eines vortrefflichen Gewissens. Plötzlich gab sie ihrem Kopfe einen kleinen Ruck, ein mut- williges Lächeln glitt verschönernd über ihr derbes Gesicht, und sie sprach: Ja, ja, Monsieur, ich bin eine gute und brave persvaae, man kann auf mich zählen." Brand verneigte sich:Gut und brav, ich bin überzeugt. Aber außerdem auch Gedankenleserin. Ich bewundere. Eure echte Künstlerin freilich hat immer etwas Divinatorisches." O Monsieur!" Ihre Augen glänzten vor Freude über diese Schmeichelei:Vouk fites aussi aiaiable que cfilfibre." Er lehnte ab; loben Sie mich nicht. Ich habe große Schwächen." Zum Beispiel?" Unter anderen: eine gewisse Schwäche für Dainen- Mode-Artikel," erwiderte er scherzend.Ich wäre zum Bei- spiel neugierig, die Putzgegenstände zu sehen, die Frau Major Sophie von Müller Ihnen eben geschickt hat. Ich möchte diese Putzgegenstände sogar an mich bringen." Amfilie war erstaunt:Sind Sie verheiratet?" Nicht im geringsten. Aber ich habe Cousinen und sogar Nichten"... Die Brand heißen?" Beinahe wäre der Zusatz:Brand taut eourt?" ihr entwischt, doch verschluckte sie ihn noch rechtzeitig. Brand und anders," erwiderte Dietrich. Anders?" Sie war auf einmal merkwürdig kühl ge- ivorden, sie bedauerte, auch nicht über ein Stück im Magazin verfügen zu können, der Bedarf war so groß, der Vorrat so klein, man mußte doch einige Auswahl haben für die älteren, werten Kunden. Ich würde höhere Preise bezahlen als Ihre ältesten, wertesten Kunden," sagte Dietrich langsam, nachdrücklich, aber auffallend sanft und fast liebreich. Bedaure. Ich habe eine große Verehrung für Herrn Rittmeister Brand, aber seine Nichten müssen warten." Da ergriff er ihre kleine, harte, bräunliche Hand und führte sie rasch an seine Lippen:Respekt vor Ihnen, Madame! Ihr Verdacht ist ganz unbegründet Ihre brave Gesinnung steht wie ein Fels. Ich sehe voraus, daß sich eine gute Freundschaft zwischen uns bilden wird." Entzückt über seinen Handkuß, aber doch noch etwas un- sicher, bat Amfilie, ihr zu verzeihen, wenn sie ihm Unrecht getan habe. Ich verzeihe jeder Frau jeden, auch den schnödesten Verdacht gegen jeden Mann in dem einen Punkte," entgegnete er. Wir verdienen es nicht besser im allgemeinen." Seine Worte wirkten wie ein Petrolcumguß in er- sterbendes Feuer. Sie richtete sich auf, sie rückte näher zu ihm und brach flamme� und hochatmend in einen Hymnus