Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 192.

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Donnerstag, den 2. Oktober.

Rittmeister Brand.

Erzählung von Marie von Ebner Eschenbach . Mit großer Raschheit eilte Frau von Müller vorwärts und wäre beinahe an einen großen, breiten, nach der neuesten Mode gekleideten Herrn angeprallt, der plößlich und eben­falls sehr rasch aus der Tür der gegenüberliegenden Treppe getreten war. Brand erkannte in ihm das Urbild der vielen Porträts, die das Zimmer seiner Gattin schmückten, den Chef des Hauses, Herrn Eduard Weiß. Das waren seine im­pertinent blauen, vorstehenden Augen, seine üppigen Backen­bärte, die schwellenden Lippen, die um mit Amélie zu sprechen unter dem blonden Schmurrbart hervorblinkten, wie roter Mohn aus dem Weizenfelde.

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Er lachte laut auf über den Schrecken, mit dem Sophie bor ihm zurückgefahren war, und sprach, ohne den Hut zu rücken: Sehn Sie, da haben Sie's. Zur Strafe, daß Sie immer vor mir davonlaufen, wirft Sie der Zufall in meine Arme."

Sie wendete sich und eilte dem Ausgang zu; Eduard vertrat ihr den Weg:

Nein, nein, Sie bleiben! Warum so scheu? Hab ich Sie beleidigt, oder fürchten Sie, daß ich Ihnen gefährlich werden könnte? Wenn das wäre, schöne Frau, wenn ich das hoffen dürfte".

Bärtlich, mit elegischer Gebärde, streckte er die fein be­handschuhte Rechte aus, um ihren Arm zu fassen; aber im felben Augenblic legte sich eine nervige Faust auf den seinen, und eine gebieterische Stimme befahl:

Plaz da, Herr!"

Betroffen fah Eduard sich um und maß den kleinen, unscheinbaren Mann, der ihn angerufen hatte, mit einem häßlichen verächtlichen Blicke. Dieser Mann lüftete jetzt vor Frau von Müller den Hut wie vor einer Königin und fragte ehrfurchtsvoll:

Darf ein alter Bekannter Ihnen sein Geleit anbieten, gnädige Frau?"

Sie war zurückgewichen. Ein leises Beben durchrieselte ihren ganzen Körper, mit groß geöffneten Augen starrte fie ihn an, ihre Oberlippe zog sich ein wenig in die Höhe, man fah, wie ihre weißen Zähne sich fest aufeinander klemmten. Herr Rittmeister Brand," sprach sie zagend, fast un­hörbar.

Brand?" wiederholte Herr Eduard eingeschüchtert. Ritt­meister Brand, von dem Amélie in den letzten Tagen so oft und mit so herausforderndem Entzücken sprach? Der selbe Brand, von dem man wußte, daß er den Dienst aufgegeben hatte, um sich mit seinem Obersten duellieren zu können. War er's? war er's nicht? Für alle Fälle fand Herr Weiß es geraten, die Augen zu senken.

Sophie hatte ihre Fassung bald wieder gewonnen. Ruhig, höflich, aber unwiderruflich entschieden sprach sie, als Brand seinen Antrag wiederholte: Ich danke Ihnen, Herr Nitt­meister, nein, nein."

Dietrich trat schweigend zur Seite, und sie schritt an ihm borbei und hinaus in den strömenden Regen, in den Sturm, der sich erhoben batte und die Straßen durchfegte.

Eduard machte einen zaghaften Versuch, ihr zu folgen. Aber Brand sah zu ihm hinauf( er reichte ihm genau bis zum Ohrläppchen) und sprach:

Ich bitte Sie um eine kurze Unterredung. Ich begleite Sie auf Ihr Kontor."

" Ich komme von dort," versetzte der schöne Mann und wußte nicht recht, ob er mehr Grund zur Entrüstung oder zur Bestürzung habe. Ich gehe jetzt aus. Ich habe zu tun." Auch ich habe zu tun, und zwar mit Ihnen," sagte Dietrich bestimmt, aber gar nicht aggressiv. Dem Chef lief es troydem eiskalt über den Rücken, und er fragte sich, ob das vielleicht die Art der Herren vom Militär sei, einen Zivilisten zum Duell herauszufordern. Zum Duell! Diesem Unsinn, diesem Verbrechen, das jeder vernünftige und rechtgläubige Mensch verabscheut. Aber Gottlob, beschwichtigte er sich, wir haben ein Gesetz, und dieses hat einen Paragraphen, der Schutz gewährt gegen Bedrohung am Leben. Diese Erwägung gab ihm einige Sicherheit und den Mut zu sagen:

1913

ogs, Eigentlich weiß ich nicht... Mit wem hab ich denn eigentlich die Ehre?"

,, Eine ganz berechtigte Trage, Herr Eduard Weiß. Ich habe versäumt, mich Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Dietrich Brand."

gnügen gehabt, Herr Nittmeister Also Also wirklich... Meine Frau hat schon öfter das Ver­..."

Nicht mehr. Ich habe meinen Militärcharakter ab­

gelegt."

sa so, also richtig, also bitte."

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Wenn du nur nicht so verflucht martialisch aussähest, alte Tugendpolizei, dachte Eduard.

du eingerichtete Kontor geführt, wies ihm dort einen bequemen Er hatte den Gast in das ebenso elegant wie gediegen Da hatte er die Taster der elektrischen Glocken in der Nähe. Fauteuil an und setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. Ihr Anblick und der des Telephons an der Wand war ihm erfreulich. Es berührte ihn auch angenehm, als er aus dem zweiten Zimmer die süße Stimme Fräulein Juliens, die mit dem Zuschneider konferierte, herüberflöten hörte.

Brand nahm von dem ihm angebotenen Plaz nur so viel in Anspruch, als seine schmächtige Gestalt durchaus brauchte. Er saß ferzengerade, mit fest geschlossenen Beinen, und als Eduard ihm den Hut, den er in der Hand behalten hatte, ab­nehmen wollte, lehnte er furz ab: Nicht nötig. Ich habe Ihnen nur mitzuteilen, daß der verstorbene Major von Müller ein Kamerad von mir gewesen ist. Erst neulich habe ich erfahren, daß seine Witwe hier lebt. In wie traurigen Ver­hältnissen, teilte Ihre Frau Gemahlin mir mit. Ich bin nun entschlossen, Frau von Müller und ihre Kinder in meine Ob­but zu nehmen. Soeben war ich Zeuge des Benehmens, das Sie sich gegen diese Dame erlauben; wohl nur, weil sie von Ihnen für schutzlos gehalten wird. Sie ist es nicht mehr. er sie beleidigt mit einem einzigen Wort, einem einzigen Blick, beleidigt mich. Ich aber versichere Ihnen, daß ich Beleidigungen nicht dulde. Das lassen Sie sich gesagt sein." Er stand auf, und Eduard folgte seinem Beispiel. Er sprach nicht, er verbeugte sich nur, über sein wohlgenährtes Geficht flog ein Ausdruck... alles zugleich, zynisch, frech, feige.

Brand nahm sich zusammen; er wollte seinen Zorn nicht überwallen lassen. Das kostete ihn einen schweren Kampf. Unbegreiflich! Seinen Soldaten gegenüber war seine Ruhe unerschütterlich, seine Geduld unerschöpflich gewesen. Wie kam dieser Bengel zu der Ehre, ihn dergestalt in Aufregung zu bringen?

11.

Diese Frage war nicht die einzige, die ihn bedrängte. Das erste Wiedersehen zwischen Sophie und ihm war für sie ein mit Schrecken verbundenes, für ihn ein glückliches gewesen, denn er hatte ihr einen Dienst leisten dürfen. Was aber nun? Ihr gleich, ihr heute noch einen Besuch abstatten, ginge nicht an. Es sähe gar zu hungrig aus nach Lob und Dank, und wahrlich dadurch, daß man einen Budringlichen fern gehalten hat, erwirbt man doch zu allerlegt das Recht, selbst zudringlich zu sein. Andererseits wieder verfluchtes Dilemma! möchte er doch um keinen Preis gleichgültig und teilnahmslos erscheinen.

Vierundzwanzig Stunden lang ertrug Brand die Zweifels­qualen. Länger nicht.

Am nächsten Tage war das Wetter schön, er hatte Klein­Beterl im Park besucht und wie gewöhnlich unter der fröhlich­spielenden Jugend lehr- und segensreich gewaltet. Als es elf schlug, als die Zeit wiederkehrte, zu der die tapfere Frau gestern ausgewandert war, um den Ertrag ihrer Arbeit heim­zuholen, als sie vor seinem Geiste stand, wie er sie mit Augen gesehen hatte, in ihrer lieblichen Verwirrung beim un­erwarteten Wiedersehen da war's beschlossen: Um drei bin ich bei ihr."

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Die Stunde schien ihm die passendste für einen ersten Besuch. Es ist eine so hübsche Stunde, diese dritte- nach der Mittagshöhe. Sie lastet nicht mehr drückend schwül und ist doch kräftig von Sonnenlicht durchtränkt. Die dritte Nachmittagsstunde hat manche Analogie mit gewissen gesetzten Jahren im Leben....