Mnterhaltuttgsblatl des Horwärls Nr. 215. Dienstag, den 4. November. 1813 141 r>elge Bendels Lufcrd�löffer. Ein Chikago-Roman von Henning Berger. Heute Morgen, als Bendel Ecke Chestnut Street vom Kabelzug absprang, um zur Abwechselung bei Frau Brant- ström einen Teller Hafergrütze zu essen, an Stelle der kleistrigen Hafergriitze, die in den Frühstücksböhlen des Ge- schäftsviertels serviert ward, hatte die erste Frühstücksabtei- lung schon ihre Mahlzeit beendet und der feinere Teil der Gäste sich versammelt. Da saß die sinnische Dame aus guter Familie, die Mann und Mndern davongelaufen war mit einem jungen Zahntechniker, der jetzt vergebens nach Arbeit suchte, während sie selbst in einem Omnibusvariets mit dem stolzen Namen„Der Biking" Volkslieder sang. Ein vergrämtes Ge- ficht und graue Haare in den ehemals butterblumengelben Locken. Da war die alte schwedische Schauspielerin, die zusammen mit ihrem Liebhaber(der ihr Enkel hätte sein können) auf eine Tournee gelockt worden war und jetzt, den Tod im Herzen, die„Hochzeit auf Ulfasa" zu spielen versuchte— vor einein skandinavischen Bauernpublikum in Turner Hall:„Billette zu fünfundzwanzig Cent, Damen frei, Bier und Whisky wird i nährend der ganzen Vorstellung serviert, nach Schluß der Vor- stellung großer Ball mit fünf Mann hohem Orchester.— Rauchen jederzeit gestattet.— Programm gratis._ Hunde dürfen mitgebracht lverden.— Ende des Balls vier Uhr morgens." Und da saß Sandstedt , der Bauunternehmer, so Whisky- nervös, daß er mit der linken Hand die rechte halten mußte, ivenn er ein Glas nehmen wollte, damit er es nicht fallen ließ: die Hälfte des Inhalts verschüttete er aber trotzdem.— Der alte Aoungberg, den eine amerikanische Bank vor Jahren entlassen hatte, weil er zu ehrlich war, und der jetzt schwedische Romane an Dienstmädchen auf den nördlichen Boulevards verkaufte.— Weiter vorn der alte Haudegen und Lebemann aus Göteborg , der Konkurs gemacht hatte und geflohen war und nun„Jönköping-tändstickor" verkaufte— die schwedischen, blaugclben Schachteln, die kein Mensch in Amerika wollte, weil sie besser waren als das einheimische Fabrikat. Und die ganze Reihe anderer Existenzen. Schatten und Neu- anfänger durcheinander, einzelne, die sich zum Erfolg durch- schinden oder-schwindeln wollten, andere, deren eiserner Fleiß augenblicklich bescheidene Früchte trug, und wieder andere, die aus der Tasche ihrer Väter oder Verwandten lebten, wäh- rend sie allabendlich als eine Art Nachtgebet in der Hoffnung auf eine Erbschaft auf ihre Wohltäter einen barmherzigen Tod herabflehten.— Chevelli z. B., ein halbverrückter Rou4, der sich einbildete, er sei ein Marquis, der der derartig log, daß er selbst an seine Lügen glaubte oder Göransson, der Er- finder, der drei Ewigkeitsmaschinen, zwei Flugapparate, einen neuen Patentkragenknopf und einen Propeller, der in ent- gegengesetzter Richtung mit dem Kurs des Fahrzeugs arbeitete und dadurch(wie Göransson behauptete) dessen Geschwindig- keit verdoppelte, vollständig fertig hatte— �— im Kopf!— Dann war da ein verrückter Bildhauer, Bergenvall, der Christus und die zwölf Apostel in Marmor darstellen wollte —„aber nicht wie dieser Pfuscher von Thorwaldsen , kaum mehr als natürliche Größe, sondern doppelt so groß wie Fogel- bergs Odin und Tor im Nationalmuseum". Mittlerweile, während er auf eine Marmor-Baisse wartete, mußte der arme schwedische Michel-Angelo als Gipsstukkateur arbeiten. Auch einige Deutsche waren da, und sogar, ein paar Amerikaner, die gleich den meisten anderen die große Weltausstellung angelockt hatte; und als dann der Riesenkrach kam, als gewaltiger Schluß dieses Trumpfbluffs der Stadt, setzte er auch den Punkt hinter die erträumten Hoffnungen dieser Individuen — einen Punkt, der sich eine Zeitlang zu einem Gedankenstrich entwickelte, um zuletzt, nachdem er vielleicht noch eine Weile als Fragezeichen dagestanden hatte, mit dem Ausrufungs- zeichen des Revolvers zu enden. Der kleine Schotte. Mc Kenzie, war darin typisch. Mit der Entrücktheit des Mor- phinisten starrte er gläsern in seine Teetasie, ohne zu hören oder zu sehen. Und die Frauen! Ach, sie hatten alle dasselbe Aussehen: überarbeftet, ausgemergelt, in Seide und Schmuck, mit zer- stochenen Fingerspitzen, zerrissenen Lungen und dem unHeim- lichen Unterleibsleiden des Landes glichen sie Puppen aus dem Journal einer Schneiderin— ohne das stereotyp schöne Ge- ficht der Puppe. Ein paar hatten noch die echte Farbe der Heimat auf runden Wangen, aber die übrigen stanken nach Puder und Schminke. Eine war verheiratet und im letzten Stadiun? der Schwangerschaft, saß aber noch immer mit am Tisch; sie mußte bis zum letzten arbeiten für ein Atelier, um nicht entlassen zu werden. Ihre amerikanische Kollegin riet ihr denn auch, das nächstemal der Sitte des Landes zu folgen: Operation um jeden Preis— es gab keinen Arzt, der da niZ)t behilflich sein würde. Am oberen Tischende saßen zwei Herren in einsilbigem Gespräch. Der eine war Doktor Hannover , der mit einem glänzenden Abgangszeugnis vom Zentralinstitut und einem Vibrationsapparat versehen sich die mühsame Aufgabe gestellt hatte, wirkliche Kranken-Heilgymnastik und-Massage unter den Quacksalbern und Pfuschern in seinem Beruf einzuführen. Er hatte ein breites, mürrisches und abweisendes Gesicht, das aussah, als hätte ein Vulkan es verheert: aber in den braunen Lavakrusten, die das ursprüngliche Modell umgeformt hatten, blinkten ein paar freundliche Augen, deren plötzliches gütiges Aufglänzen der Widerschein eines prächtigen schwedischen Her- zens war. Ohne allen Zweifel mußte die starke, breitschultrige, ein bißchen stiernackige Gestalt dereinst Stellung und Auer- kennung gewinnen, allen Freibeutern zum Trotz, und dos ein- zige, was zu befürchten stand, war, daß mit der Zeit auch das Innere, das Herz, unter der Lava erstarren würde. Denn das ist der Lauf der Natur in diesem Land. Der andere war sein gerader Gegensatz. Es war Griff, aus der bekannten Göteborger Familie, klein, geschmeidig und fein, mit Künstleraugen und einem weichen,»vehmüttgen Zug um einen empfindsamen Mund. Er war ebenso alt wie die übrigen, konnte aber in einer gewissen Beleuchtung aussehen wie ein Kind. Die nächste Minute enthüllte eine gefurchte Stirn, und über das gute und reine Oval des Gesichtes glitt es düster und bitter, wie der Schatten einer Wolke über ein schönes Wiesenrund. Er hatte sich eine musikalische Zukunft geträumt und war Joachims Lieblingsschüler gewesen, aber der Lohn seines Fleißes war eine Lähmung in der linken Hand. Jetzt war er ein vortrefflicher Bankbeamter und auf dem Weg, eine Berühmtheit in seinem Fach zu werden. So kann die Resignation manchmal— manchmal!— selbst in Amerika eine Vergeltung finden. Bei diesen beiden war für Bendel ein Stuhl umgelegt, und hier ließ er sich nieder. Seit bald einem Jahrzehnt bildeten sie ein Trio, und die beiden waren die einzigen Landslcute, an denen er fest- gehalten hatte oder vielleicht auch die an ihm festgehalten hatten. Seit Jahren hatten sie untereinander über alles gesprochen. Sie kannten einer des anderen Vorgeschichte, einer des anderen Hoffnungen und Träume, einer des anderen Stärke und Schwächen, Spannweita und Begrenzung, Eigen- heiten, Fehler und Laster. Aber sie vergaßen auch nickst in dunkeln Augenblicken, wie das sonst so oft der Fall ist, einer des anderen gute Seiten und Verdienste. Uebrigens hatten sie selten etwas Neues zu berichten. Nach der ersten freundlichen Begrüßung trat eine Pause ein. Sämtliche Frühstücksgäste aßen mit einer wahnsinnigen Hast, die schon an sich, ohne jeden weiteren schädlichen Ein- fluß, die Grundlage zu Dyspepsie und Magenkatarrh legte. Sie verschlangen alles, lvas ihnen vorgesetzt wurde, mit ängst- lichen Seitenblicken nach der Uhr ailf dem Kaminsims, als gälte es ein Preisessen, bei dem jede Sekunde ausschlaggebend war für den Gewinn. Jeder war natürlich bis zur letzten Minute in seinem Bette geblieben, und jetzt hieß es sich be- eilen, um mit dem Glockenschlag zur Stelle zu sein, immer voll Todesangst vor der über dem Haupt schwebenden Ent- lassung. Gleichzeitig aber durfte man sich doch auch keinen Bissen entgehen lassen: hatte man nicht Geld dafür bezahlt? Alles beides ließ sich nicht vereinigen: darum wählte mau den Mittelweg und ließ das Kauen aus. Da die Mahlzeit ans Obst, Hafergrütze, gebratenem Speck
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30 (4.11.1913) 215
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