Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 244.

Dienstag, den 16. Dezember.

48] Helge Bendels Luftfchlöffer.

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Ein Chikago- Roman von Henning Berger. Ich fürchte, Bendel, sagte er im Vorbeigehen jest hat's geschnappt mit Reuter! Und lächelnd biß er mit seinen weißen Zähnen die Spiße von einer üppigen, schwarzen, did­bauchigen Havanna ab.

Alles im Verlauf dieses Nachmittags nahm eine sonnige Stimmung an. Mr. Fay ging umher wie ein schmunzelnder Priester, der stillschweigend seine Gemeinde segnet. Friede schien zu herrschen in dem großen Kontor, und die Arbeit glitt still bahin. Sein Zuschlagen von Buchdeckeln und Pult­schlössern, kein zorniges Kraßen von spißen Federn. Der Wind kam kühlend von Norden und reinigte die Luft, die Augustsonne schien herein auf die Schiffsmodelle, die mit ihren polierten Flanken und gefirnißten Decks auf fröhliche Reisende zu warten schienen. Bei Geschäftsschluß nickten alle einander heiter zu, scherzten mit den Mädchen und gaben sich wie Mitglieder einer großen, glücklichen Familie, deren Kreis sich niemals würde lösen können.

Unter dem Eindruck dieser Sonntagsruhe und im Ge­danken an das bevorstehende angenehme Mittagessen beging Helge Extravaganzen. Er ließ sich im Lurusfrisiersalon des Hotels rasieren, die Haare schneiden und schamponieren, als wäre das die natürlichste Sache von der Welt und er einer der täglichen Kunden. Er genoß die frischen Duschen, die Massage, die Essenzen, und in dem großen Seffel ausge­strect empfand er in einem Halbdämmern ein neues Wohl­behagen, das ihn mit köstlicher Müdigkeit erfüllte. Er hätte einschlafen mögen unter den vibrierenden Fingerspitzen und bei dem sachten, schwebenden Sausen der großen Ventilatoren, das dem leisen Rauschen zwischen fühlen Zweigen glich.

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Im Sherman House faßen halbschlummernde, alte Herren in den Lehnsesseln des Vestibüls, und dicker Tabaks­rauch schwamm wolfengleich über ihren kahlen Köpfen, während sie von Zeit zu Zeit einen raschelnden Zeitungs­drachen beiseite schoben, um bequemer ausspucken zu können. Jeder braune Seffel hatte seinen bräunlichen Herrn, und aus dem Mund dieses Herrn- der braun war statt rot schoß in bestimmten Zwischenräumen ein brauner Strahl Speichel abwärts in einen großen, braunen Spucknapf. der vor jedem Stuhl stand. Alle diese rauchenden, kauenden, spuckenden und zeitungslesenden Männer waren Politifer, die scheinbar quer über der Straße in der City Hall angestellt waren, aber ihre Bureaustunden auf diese Weise zubrachten. Mitten in diesem Schwindlerhausen hob sich Herr Björd ab wie eine Nelke in einer Schnupftabaksdose. Er flog aus dem ganzen eingeräucherten Nest, in dem selbst die Zeitungen die Farbe alten Meerschaums annahmen, auf und eilte Helge entgegen. - Um Gotteswillen, rief er, nur hier heraus! Ich komme mir vor wie eine übel zugerichtete Prieme Tabak; aber ich wagte nicht, die Halle zu verlassen, eh' Sie famen. Was sind das hier für Tiere?

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1913

Lateinklasse besucht hatte. Jedenfalls brachte es sie zu­sammen und sie tranfen Brüderschaft auf ihre nationale Weise. Komm' blog heim aus diesem fürchterlichen Land, sagte Björd und erhob sein Rheineinglas: Du wirst schon sehen, wie alles anders geworden ist. Und darauf wollen wir anstoßen Brost!

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Und sie begannen von einzelnen Typen der Vaterstadt, der Schule, der Heimat zu sprechen.

Während all diesen weißt Du noch?" und erinnerst Du Dich?" ging Helge sozusagen zwischen den Zeilen ein ganz neuer Blick, eine neue Uebersicht über seine alte Stadt auf. Manches war überaschend, geradezu unfaßbar. Vor allem schien es, als wehe durch das ganze schwedische Geschäfts­leben ein völlig neuer Atem, eine soweit er es zu verstehen vermochte ziemlich fühne und amerikanische Wiedergeburt. Einige Fachausdrücke, Titel und Bennenungen mußte Björck ihm buchstäblich erklären; aber zuleßt glaubte Bendel doch einigermaßen die Bedeutung gewisser Attienpapiere, Börsen­makler und Stommanditgeschäfte zu begreifen und unterein­ander verbinden zu können. Unleugbar es war inter­

essant.

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Es ist viel zu machen zu Hause. Viel, sehr viel! sagte der Zahnarzt. Bendel war nachdenklich. Ein paar Namen von der Schule her hatten ihn mit Staunen erfüllt. Also ver hältnismäßig ganz Junge spielten daheim die Rolle von Finanzmännern? Jawohl. Und wie es schien in großem Stil? Na, und ob, Du! Man müßte heimreisen.

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Die reichliche Mahlzeit hatte ein Gefühl der Schlappheit mit sich gebracht. Mit demselben Wohlbehagen, mit dem er im Sessel im Rasiersalon hingedämmert hatte, ließ Bendel sich vom charakteristischen Geräusch des Cafés einlullen. Zwischen Halbgeschlossenen Augenlidern durch sah er in einem feinen, blauen Rauchnebel das reine, gepflegte Profil seines neuen Bekannten. Er gleicht den Malern der achtziger Jahre, dachte er, so wie sie aussahen, nachdem sie Barijer ge­worden waren. Und er sah vor sich Hugo Birgers Vernissage­Frühstück bei Ledoyen, das er einmal in irgendeiner Zeit­schrift abgebildet gesehen hatte und nie vergessen konnte.

Björck blies langsam kleine Rauchpuffe aus seiner Zigarre und zwirbelte geistesabwesend an seinem Spitbart. | Seine Augen blickten zufrieden und voll milder Sattheit ins Leere.

-Wenn ich ihn um zweihundert Dollar bäte- gegen Unterschrift! dachte Helge ganz plöglich, so plöglich, daß er unwillkürlich errötete, als hätte sein Gedanke laute Form angenommen und wäre dem anderen vernehmbar gewesen.

Tabletts und Gläser klirrten am Büfett. Einen Augen­blick lag Helge die Frage auf der Zunge: dann verschluckte er sie. Niemals! gelobte er sich stumm. Aber wenn er es mir von selbst anböte

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Und er malte sich alles aus. Sämtliche Schulden be. - Die Väter der Stadt, antwortete Bendel; die berüchtig- zahlt, eine neue Ausrüstung, Kleider und die notwendigen ten, sogenannten Aldermen von Chikago. Die waren es, die Kleinigkeiten, und dann heim, mit einem Freibillett. Mit vor ungefähr einem Jahr, als der Vorschlag erging, einige der neuen Zeitströmung schien ja auch daheim eine neue Aera zwanzig benezianische Gondeln in die Kanäle von Lincoln emporzuſteigen, in der er sich vielleicht geltend machen Bark zu stiften, dafür stimmten, aus Sparsamkeitsrücksichten könnte bloß zwei kommen zu lassen- eine Er- und eine Sie- Gondel, die sich dann vermehren könnten

Sie standen auf und gingen. Björd wollte gern ein paar der berüchtigten Bars sehen, die Akerblom ihm beschrieben hatte, und sie trieben sich freuz und quer in allerhand Seiten­Straßen der Clark Street herum, rauchend und leise plaudernd. Es war spät, als sie um die starren Steinmauern des wolfen­hohen Monadnock bogen und auf den nachtdunklen Custom House Place gelangten, die schmale Unglücksgasse zwischen dem Neger- und Chinesenviertel, wo in unabsehbarer Reihe, Haus an Haus, wie Raubtieraugen Lichter leuchteten hinter roten Gardinen.

Das Restaurant Bismarck lag bloß eine Viertelstunde weiter westlich, in der Randolph Street, und bald saßen die beiden Schweden an einem der großen, massiven, grünen Pfeiler, die den getäfelten Plafond der deutschen Bierstube trugen. Es war ein fröhliches Mahl, und Herr Björck er­klärte, man könne fast glauben, man sei in Berlin . Rund um sie her wurde deutsch gesprochen, und die großen Stein­gutseidel, eiskalt, schäumend, waren mit den besten bayerischen Biersorten gefüllt. Der Zahnarzt hatte einen schwedischen Das ist die Straße, sagte Helge, die der Ellenreiter Butterbrottisch mit Geneverbranntwein zusammengestellt, in Sensationsfitsch, Mr. William T. Stead, in allen Einzel­und nach kurzer Zeit plauderten sie so gemütlich miteinander, heiten in seinem Buch während des Ausstellungssommers be­wote alte Schulfameraden. Sie waren es ja auch von der schrieben hat. Wie Chriftus nach Chikago kam". Und nicht alten Schule von Oestermalm her; bloß daß Herr Björck die zufrieden mit Worten, fügte er einen Plan sämtlicher Stadt­

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