Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 248.

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Sonnabend, den 20. Dezember.

uchst du aus deiner Kindheit Märchen vor, Wie spigt der Junge jedem Wort das Dhr!- Und gibt er sie uns wieder, blickt im Strauß Ein eignes Snösplein jedesmal heraus. Was ich von Tieren und von Pflanzen weiß, Erzähl ich's ihm, macht's ihm die Backen heiß, Dann stellt er's mühlos im Vorübergehn Dem andern zu, das er schon selbst gefehn. Und reichen wir einmal nur Drabtgeflecht, aft felber das der Kindesseele recht,

Um Neg auf Neg aus eignem Werdegrün Mit Blumenzweigen froh zu überblüh'n. So schenken wir, so werden wir beschenkt An jedem Tag, der sich herniederfenkt.

F. Avenarius.

47 Helge Bendels Luftfchlöffer.

1913

sechsten und siebenten Fensterscheibe abgehauen, und die Ge­stalten auf den Trottoiren glichen Wolfenkobolden. Das Börsengebäude im Hintergrunde schien zu schmelzen oder aus schmußigem Schnee aufgeführt zu sein, der Schein der Bogen­lampen durch die hohen Fenster brachte eine Wirkung wie von einem illuminierten Pappdeckelhaus hervor, so wie er sie auf dem Weihnachtsmarkt daheim auf dem Stortorg gesehen hatte. Der Nebel dämpfte die Geräusche wie Watte, und die Tram­bahnsignale flangen wie die Läutbojen im Kattegatt. Es war, als hätte die Seereise schon begonnen.

Aber als er von hinten das Grand Bacific Sotel betrat, verschwand alle Traumillufion. Die Salle schwamm in einem Meer von Havannarauch, die Palmen sahen in dieser Atmo­sphäre aus wie Algen, und die Glaswölbung der Kuppel gab in Hallendem Echo das Nasseln der Kassen, die Geräusche der Klingeln und Billardkugeln und die tausendstimmigen Laute von Stimmen, Schritten und Kontorgetriebe wieder. Un­willkürlich fiel ihm der Schneesturmtag vom vorigen Jahr mit seiner Stimmung von eingehegtem Egoismus ein. Da war Reuter.

Ein Chikago- Roman von Henning Berger. Eben erst von einer Erholungsreise im Süden zurückge­- Bendel! lallte Anderson, Bendel- heut siehst Du den Fehrt, erschien er auf der weißen Treppe der Luxusbar in Agenten der Kennyonlinie zum legtenmal. Berstehst Du da, glänzendem Zylinder, autfißendem Gebrock und tadellosen Junge? Einhunderttausend. Ich sage dir; Schweden - ja Nafiermefferbeinkleidern. Mit seiner frischen Athletenfarbe ia mehr als hunderttausend Landsleute und Skandinavier und dem gutmütigen, vierkantigen Lächeln geleitete er ein hab ich der Linie verfchafft, und mehr als das Baffagiere paar Damen in Straußenfedern und Schneeboas hinüber zum und Einwanderer. Dreißig Jahre lang, dent! Und was Rokokocafé. Die Musit spielte liebenswürdig den ihm ge­widmeten Twostep: Der Kluge König, und in den Ecken der Büffellederdiwane flüsterte man sich zu, daß Joe schon wieder mit dem Plan zu einem neuen Corner umgehe- Eier­und Buttermarkt.

ist der Dank?

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Er stolperte über seine eigenen Beine, und Helge lah jezt, daß er trotz der frühen Morgenstunde todbetrunken war. Siehst Du das? fuhr Andersson fort und zog die Be­lohnungsuhr aus der Tasche. Du kennst es: dreißig Jabre im Dienst meiner Company.... Ja, Bendet, jezt werd ich Dir was erzählen..

Er brachte sein aufgedunfenes, schnapsstinkendes Gesicht dicht an das Bendels und flüsterte heiser:

- Heut nacht schieß ich mir eine Kugel vor den Kopf. Baß auf, was ich Dir fage: Du kriegst hundert Dollar, wenn Du mit mir in den Jackson Bark gehst und nachher, wenn ich es getan habe, den Revolver fortnimmst.

Helge fuhr zuriid.

Still doch, Herr Andersson! Was ist das für ein un­finniges Geschwät!

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Es ist gar fein unsinniges Geschwät! Und der Blick hinter den dicken, runden Gläsern starrte verzweifelt nüchtern hervor. Es ist mir- Tod und Hölle- blutiger Ernst, Bendel! Ich habe Frau und Kinder; und ich bin in einer Lebensversicherung, für die ich noch vorige Woche die Brämie bezahlt habe. Wer mir den Dienst erweist und den Revolver fortnimmt heute nacht, bekommt meine Uhr: sie ist über hundert Dollar wert. Es soll aussehen wie ein Mord, verstehst Du; dann wird die Versicherung ausbezahlt. Na, Bendel, willst Du Deinem alten Chef den Dienst erweisen, was? Ich habe schon alles genau überlegt, die Stelle und alles übrige; es ist feinerlei Risiko dabei. Heute nacht, in Nebel- ist- still- fag nichts...

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Mr. Andersson, sagte Helge, indem er fich losmachte, ich will Ihre Worte nicht hören; ich habe sie nicht gehört. Aber ich reise heute abend aus diefer verfluchten Stadt ab und bin also heut nacht nicht mehr hier.... Leben Sie wohl! Aber den Agenten hielt schon wieder der Rausch um nebelt. Er lächelte unsicher und murmelte etwas in feinen Bocksbart. Er hielt sich immer noch amt Geländer und tastete mit der Hand in dem grauen Dunst umher. Helge hörte ihn mit sich selbst reden:

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Ich weiß einen ich glaub, ich weiß einen Freund, der mir hilft.. er kriegt die Uhr dafür..

Noch als er um die Ecke der Randolph Street bog, fab er den winkenden Schattenumriz Anderssons, eine Nebeige­stalt im Nebel.

Helge sprang auf das Erittbrett des ersten vorübergleiten­den Stabelwagens, und von hier aus fab er, an eine Dachstange festgeflammert, zum legtenmal die La Salle Street.

Es war eine feltsame, fast unwirkliche Wiedergabe der wichtigen Pulsader. Die Wolfenfrager waren schon bei der

So konnte man spielen, wenn man einen Goldpapa batte. Und aus dem Rasiersalon, wo die Kunden auf die ein­gelegten Silber- und Goldmünzen des Bußbodens traten, fam der Portier, Mr. Stevens. Er hatte sich eben Stien­haare und Schnurrbart brennen lassen. -Ha! sagte er, der junge Mann von der Kennyon­linie! Wie gehts, wie stehts?

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Ausgezeichnet! erwiderte Bendel.

Hören Sie mal, sagte Mr. Stevens und fübite mit dem Zeigefinger nach, ob Haar und Schmurrbartipiken er­faltet waren, hören Sie mal, Herr Bendel, Sie haben fich manchmal mit dem alten Morlen unterhalten- was?

Ja

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Ja. Na also heut Nacht haben wir ihn tot aufge­funden. Trinken und ein Herzleiden. Und das Alter, natir­lich. Aber was ich eigentlich sagen wollte feltiam, weshalb der alte Narr überhaupt hier angestellt war; er tat doch feinen Nußen! Ja, was ich sagen wollte bei der Unter­fuchung stellte sich heraus, daß er gar nicht Morley hieß, son­dern Simpson, und Offizier in der Armee der Südstaaten gewesen ist denken Sie sich! Guten Morgen, Herr Bendel! Das Dachecho warf das Türknallen, die Orchesterklänge und das Gesurre zurück wie ein Walzwerf. In dieser Be­leuchtung und diesem Wirrwarr des Ohrs fonnte man nicht wissen, ob die Uhr über dem vergoldeten Gitterwerk des Non­tors die zehnte Stunde des Tages oder der Nacht wies. Mr. Roth saß an seinem Schreibtisch, die Füße gegen die Bultfante gestemt, eine ausgehende Zigarre im linken Mund­winkel und ein Telegramm in der schlaff berniederhängenden Rechten. Oben in der Passagierabteilung klapperten die Schreibmaschinen, und vor den Fensterscheiben nach der Clark Street hinaus schien der Nebelvorhang wie durch eine Dampf­maschine angepreßt und festgeklebt zu werden. Die lekten Trümmerrefte des alten Postgebäudes hoben sich aus der Dunstmasse wie Walfischgräten in einem gigantischen Gelee. Helge hustete.

-Oh ja! sagte Mr. Roth. Es war ein kurzer Abschied.

Er hatte am Tage zuvor die verschiedenen Freibillette erhalten und sich dafür bedankt. Die Nedensarten, die noch übrig blieben, waren überflüssig. Immerhin sagte Mr. Roth:

verliere.

Viel Glüd, Bendel. Es tut mir leid, daß ich Sie