Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Dienstag, den 3. Februar.
Nr. 28.
Das Menschlein Matthias.
28]
Erzählung von Paul Jig.
1914
Hand bewegt, in die Tiefe, alles mit sich reißend, was da im Wege stand.
Frau Angehr saß noch im Freien, einem Guggisauer Bostillion gegenüber, der öfters am späten Abend herunter
Ganz berauscht vom eigenen Elend starrte der Knabe fam, weil die Wirtin zum Gupf so füffigen Birnensaft ins Tal, wo es ihm kürzlich so über die Maßen gut erging, fräfte mitwirken, denn nur einen guten Schluck zulieb war habe." Es mochten indessen wohl noch andere Anziehungsdaß er alle Dankbarkeit vergaß, bis Vater und Mutter sich der Weg reichlich weit und unbequem. Dazu saß der blauwieder kummervoll von ihm abwandten. Es war kaum zu faffen. Dort unten, wo die vielen Lichtlein glommen, hatte blufige Gast meist schwerfällig, wortfarg vor seinem Glas, er wie ein Herrenkind leben dürfen. Die weite Fabrik mit und die Wirtin mußte ihm die paar Worte über sein Tagedem Obstgarten, der Hafen mit den Schiffen und dem Boot werk wie mit dem Schraubenzieher entwinden. Es war ein des Vaters... alles war ihm so gut wie eigen gewesen. Schlächtiger Bursch im Rekrutenalter, groß, blond und blauJeden Mittag und Abend stellte die Mutter, ihn zu gewinnen, äugig, so voll ungelenker Kraft, mit einem Appetit aufs gebratenes Fleisch oder einen fettglänzenden Pfannkuchen Leben, daß es ihn fortwährend lächerte wie ein Schulmädchen, auf den Tisch und sagte:„ Da, mein lieber Schat, is, soviel dem geschmeichelt wird. Wenn die Angehrin seinen Kanonenstiefeltritt hörte, trug sie stets ungefragt den Mostkrug hinDu magst!" Ja, aber das Gute war ihm zu Kopf gestiegen! Die aus, legte einen dürren Landjäger und einen Laib Brot Mutter hatte oft über ihn weinen müssen und ihn zuletzt dazu oder machte schnell einen breiten Eiertätsch, was alles der Gesell ohne viel Federlesens versorgte. gar wieder fortgeschickt. Die Kinder sahen ihn wohl meistens kommen, aber selten „ Nur ein paar kurze Wöchlein... dann hol' ich Dich gehen. Er hatte auch gar keine besondere Freude an ihrer wieder!" sagte sie zwar beim Abschied, doch er wußte es besser. Gegenwart. Wenn ihm die naseweise Frida zutraulich entEs war für immer. Die dort unten mochten ihn nimmer gegensprang, sagte er gewöhnlich: So, Du Frab, ins Bett haben. Vollends der Vater schien keinen Deut mehr von ihm mit Dir,' s ist Zeit!" Am meisten Unbehagen machte ihm der wissen zu wollen. Große in seiner Kurzangebundenheit und unverholenen Alles hast Du verteufelt mit Deinem dummen Geschrei! Feindschaft. Der lungerte und lauerte den ganzen Abend ums Hättest Du den Schnabel gehalten, so könntest Du's besser Haus herum, und die Mutter hatte jedesmal ihre liebe Not, haben. Geschieht Dir aber recht und Deiner Alten, dem hoch bis der Aufsässige in den Federn war. mütigen Pfauenschwanz!" ergrimmte die Basgotte noch oft, Heute saß Konrad nach neune noch bastelnd vor der Hauswenn sie auf jenen Festtag zu reden kam. So gründlich und fleißig Matthias darüber nachdachte, konnte er sein Ver- tür, obwohl er keine Handarbeit mehr sehen konnte. Er gehen nicht recht begreifen, dem Unheil nicht auf den Sprung weigerte sich hartnäckig, von der Stelle zu weichen und machte kommen. Dennoch drückte ihn ein schweres Schuldgefühl. Er böse Augen gegen den Postillion. Die Angehrin knirschte begriff, daß seine jebigen Leiden eine wohlverdiente Strafe or But, noch mehr aber erschrak sie über den tüdischen vorstellten. Dies jedoch nur seiner Mutter wegen. Sie allein Widerstand des Zwölfjährigen, der die eigene Mutter arghatte er gekränkt durch Eigenfinn und Lieblosigkeit. Das wöhnisch bewachte. Was verstand er von ihrem Umgang mit Zerwürfnis mit dem Dessinateur Oberholzer blieb ihm furcht- dem Manne? Es war ja auch nicht denkbar, daß der Bub erregend fremd wie der geharnischte Mann mit dem Gold- ahnen konnte, was diefer mehr als Speis' und Trank von helm und der finsteren Miene: dieser ragte ja viel zu hoch, Eifersucht? Der naheliegende Gedanke beruhigte sie nicht. ihr wollte. Berbarg sich hinter seinem Troß nur findliche um Matthias' Water zu heißen. Es wurde ihr himmelangst und siedendheiß bei Konrads lauernden Blicken.
Der ferneren Versuchung seines Herzens durch das unvergeßliche Bild jenes Nitters setzte sich die frühreife Vernunft entgegen. Wenn nur die liebe Mutter ihn wieder zu sich nahm... mehr wollte er nicht erflehen.
Auf dem Gupf war's seitdem noch viel trauriger zu leben. Die Basgotte sah ihm nichts mehr nach und verschvor sich, ihm alle Pflänze" von denen da unten" gründlich aus zupauken. Der Große wollte auch keine Gemeinschaft mehr mit dem verstädtelten Zimperlich, der die halbe Zeit heulte; selbst die Mädchen leidwerkten ihm, wo sie nur konnten. Beim Auszug hatten sie ihn heimlich beneidet, jetzt zeigten sie ihm ihre Verachtung, weil er zu seinem Verdruß zuriidgebracht wurde.
" So geh mir jetzt um tausendgottswillen dem Kleinen entgegen. Er wird wohl nicht mehr weitab sein. Am End hockt er irgendwo in der Nähe und getraut sich nicht heim, weil er wieder der„ faule Hund" war und nichts ausgerichtet hat!" forderte sie ihn noch einmal in Güte auf, indem sie vor ihn hintrat und ihm sein Werkzeug zu entreißen suchte. Er wich nur einige Schritte beiseite und knurrte bösartig.
" Ihr tätet allweg besser, einen handlichen Stecken zu nehmen!" höhnte der Roßknecht in seinem Verdruß. Das dauerte ja wieder eine Ewigkeit.
Worauf Konrad sich wie eine Kaze sprungbereit machte und aus Leibeskräften schrie: Ja... für Euch! Und morgen Als Matthias vor den Laden des Mezgers Girtanner fag' ich's dem Vater!" fam, überwältigte der Hunger seine Redlichkeit. Sollte er sich Frau Angehr konnte sich nicht rühren. Es schwefelte nach so großen Strapazen ungegessen hinlegen? Die Bas- ihr um die Nase, sie begriff nur, daß es hellauf eingeschlagen gotte hatte ihm vorgestern nicht umsonst eingeschärft: Komm hatte und sie selbst die Betroffene sei. Der täppische Liebmir noch einmal so vollgepackt heim, so dresch ich Dich gleich haber war zwar stierenmäßig aufgefahren. Aber Konrad vom Fleck weg ins Nest!" Leere Drohungen waren nicht hatte flinkere Beine. Im Hui verschwand der freche Anihre Sache. Das wußte der Knabe nur zu gut. Aber ebenso- kläger im Tobeldunkel.
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wenig konnte er vom leeren Schlucken satt werden. Er ,, Was ist denn das jetzt wieder? Ja, bin ich noch bei wollte essen. Alle Geister, die noch in ihm lebendig waren, Sinnen?" erwachte die Mutter, ganz weiß vor Entsetzen. Sie schrien nach Brot. Was verschlug es, wenn er sich jetzt eine stieß den Postillion, welcher aus der wüsten Szene recht saftige Wurst kaufte? Er brachte ja sowieso zu wenig Geld plump eine gute Gelegenheit machen wollte, erbittert zurüc heim und kam sicher nicht ohne Siebe davon. Das Böse und gebot ihm zornig, nur gleich abzudampfen. Sie habe dieser Handlung trat ihm weniger ins Bewußsein als die genug für heute. Stärkung, der er so sehr bedurfte. Erst nachdem die ver- Danach saß sie ernüchtert, geisterhaft auf der Schwelle botene Frucht hastig genug verschlungen war, fiel ihm des mondbeschienenen Häuschens in einem Grimm, der ohne das Gebot ein, gegen das er gesündigt hatte. Aber dank Gerechtigkeit, wie ein Diebsfeuer wucherte und dann doch feinen Beinigern empfand er keine Neue. Der Strafe ge- vor Sturzwellen der Scham erstickt wurde. Was sollte sie bewärtig, biß er die Zähne zusammen. Seine Knie schlotterten, ginnen? Wo den festen, geraden Blick hernehmen, den hellwie er auf den Staffelweg kam und die Einkehr zum Gupf sichtigen Jungen zu strafen, selbst wenn ihre Kräfte dazu erblickte. Ja, der Felstegel stand noch am alten Blaz! Weder noch ausreichten. Und dann hatte diesen nicht die Achtung Haß noch Verzweiflung konnten ihn von der Stelle rücken. vor dem Vater zum mißtrauischen Hüter der Hausehre geBedrohlich hing er nach wie vor über dem alten Dach und macht?
morgen oder in tausend Jahren stürzte er, von unsichtbarer| Es war eine vernichtende Niederlage; der ärgste Feind