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Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 34.
2
Gyldholm.
Mittwoch, den 18. Februar.
Eine Landarbeitergeschichte von Johan Stioldborg. Die Fallinghöfe dagegen beginnen auszuwandern und den äußersten Felsrand einzunehmen. Zwei davon erheben sich schon auf dem Abhang; sie sind neu, aus roten Steinen erbaut und gleichen einander völlig dieselbe Bauart, die selben Pappdächer. Und ganz oben steht noch ein im Werden begriffener Hof, dessen Nichtkranz im Sparriverk lustig hin und her pendelt.
Die Höfe in Derum aber haben völlig die alten Plätze verlassen und dehnen sich breit und luftig aus um die als Mittelpunkt dienenden, ansehnlichen Hochschulgebäude herum. Von der höchsten Spitze der Gyldholmer Felder erblickt man auch weiße Kirchtürme; die Spitze des Baronats Lövenborg und das Dach des Klosters in Sörig schimmern in der Ferne; im übrigen ist hier die Aussicht von allen Seiten durch Häuser, Höfe, Pappelalleen, Gärten und lebende Hecken gesperrt.
-
Doch vorbei an den dunklen Gyldholmer Wäldern, durch den Einschnitt zwischen zwei mächtigen Erdhügeln hindurch blickt ein fleines Dreied des Kattegats mit einem einsamen Segler.
Und dieses Stückchen Wasser wirkt in der eingeschlossenen Landschaft wie eine Fensterscheibe.
Die Sonne scheint nicht; es sieht aus, als stecke alles in einem grauwollenen Ueberzug, und alles ist ohne Glanz. Die rauchfarbenen Wolfen ziehen über die Gyldholmer Wälder dahin und sammeln sich draußen über dem Meer, dessen Wasser sich dunkler und dunkler färbt.
Allmählich schwindet das Tageslicht.
Doch die vierzehn pflügenden Gespanne friechen immer noch in dem klebrigen Lehmboden hin und her gleich riesigen Käfern.
Erst als die Dämmerung heringebrochen, machte sich der Verwalter mit seinen Untergebenen auf den Heimweg, Tammes voran und alle anderen in der gehörigen Reihenfolge Hinterdrein.
Wie sie aussahen, sowohl Menschen wie Tiere! Als wären sie direkt aus der Erde hervorgekrochen und hätten sich noch nicht ganz davon losgelöst, wie ein Zug Lebender, denen noch der letzte Hauch des Schöpfers fehlt.
Da reiten sie zurück: der rote Jens, Jakobus Palle, die beiden Lasse, Per Holt, Krän Sotos, der große Paul, Niels Nön... die ganze Reihe der für Gyldholm arbeitenden Häusler.
Die Nähe und Ferne liegt in graue Dämmerung gehüllt, und undeutlich, verschwommen nur, tauchen die feuchten Aecker längs des aufgeweichten Weges auf, den die Tiere mühsam durchwaten.
In einiger Entfernung sieht das Feld aus, als wäre es lebendig, ohne daß man entdecken kann, was hierfür der Grund sein mag. Als aber der Zug nahe genug herangekommen ist, rauscht es wie von tausend Flügeln, und sausend erhebt sich eine Schar Krähen hoch in die Luft.
Und während die Atmosphäre über ihnen erfüllt ist mit lautem, schreiendem Gefrächze, verschwinden die vierzehn Gespanne in der Deffnung zwischen den beiden Giebeln.
II.
Der Gyldholmer Pferdestall ist hochgewölbt wie eine Dorffirche. Von der Decke herab hängen zwei große Laternen, die in ihren Ketten hin und her pendeln, als seien sie eben erst angesteckt worden, und das schwache Laternenlicht liegt wie Mondschein auf den Holzstangen der langen Reihe der Stände und auf dem breiten gepflasterten Gang.
Die Holzschuhe des Stallknechts Anders sind mit schweren Eisenringen beschlagen. Wenn er mit seinen X- Beinen und seinem hin und her schwingenden Oberkörper auf dem Pflaster vor und zurückwatschelt, hallt es von den Wänden wider. Regelmäßig, in klingendem Taft, folgt ein Schritt dem anderen, gleich dem lauten Ticken einer alten Standuhr in einer leeren Stube.
1914
Er läßt vier Pferde zu gleicher Zeit zum Wassertrog gehen. Wenn sie fertig sind, stehen sie einen Augenblick ganz still, während ihnen das Wasser vom Maul tropft, prusten und gehen ruhig wieder zurück, jedes in seinen Stand. Immer vier zu gleicher Zeit das Ganze geht so regelmäßig wie ein Uhrwerk.
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Am Wassertrog säubern sich einige Knechte und bespritzen sich mit Wasser unter munterem Gelächter. Und im Schatten der Stalltür versucht ein junger Bursche den Arm des roten Jens zu biegen.
Jens pustet, hält aber unentwegt die geballte Faust straff ausgestreckt und lächelt.
,, Nein, hier ist, Gott verdamm mich, Mark, mein Junge!" fagt er.
Tammes, der Großknecht, und die meisten anderen Häusler sind nach Haus gegangen. Balle steht noch da mit halboffenem Munde, die breiten, schaufelförmigen Hände hängen schlaff herabes ist, als warte er auf einen Stoß, um in Gang zu kommen. Jakobus nimmt verstohlen einen Zug aus der kleinen Pfeife, bevor er sich in die Nässe hinausbegibt. Klein- Lasse aber stützt den Kopf gegen den Viehstand und Hustet unaufhörlich.
Vom Wassertrog her nähert sich schlürfend Ver Holt. Er hebt den Leibriemen etwas in die Höhe und spuckt energisch durch die Zähne hindurch. Im Bewußtsein seiner Stärke wiegt er die kräftigen Schultern, deren Blätter sich unter der Bluse bewegen. Er trocknet seinen derben, nackten, braunen Hals mit dem Rücken seiner Weste und begibt sich hinein in die Knechtekammer.
Jakobus blinzelt mit den Augen und meint auf Per Holt deutend: Ist es wahr, daßäh!- daß er nun Sophie heiraten wird?"
" Ja," antwortet ein blonder Bursche.
„ Die geht wohl auch jetzt mit dem Zweiten von ihm." „ Auf Lövenborg geht meiner Seel' außerdem noch ein Mädchen so!" lacht der Knecht.
Ja, es ist ein verdammter Kerl, dieser Ber!" Jakobus lacht bergnügt.
,, Und dann all die vielen, die er vorher hatte!" fügt der rote ens hinzu. Jaha, er ist, hol's der Teufel, ein strammer Bursch, he, he, he!" Jens wirft durch die Türspalte einen bewundernden Seitenblick auf Per, der, eine Spiegelscherbe in der Hand, seine dicke, schwarze Mähne kämmt und dabei das Lied pfeift:„ Wer seinem König dienen kann...
Im Stall herrscht jetzt nach vollbrachtem Tagewerk friedliche Stille. Die Pferde prusten in den Häcksel hinein.
Da ertönen schwere Schritte und das Aufschlagen eines eisenbeschlagenen Stocks, der hart auf die Pflastersteine gestoßen wird.
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Im selben Moment nehmen die Gesichter einen gespannt horchenden Ausdruck an auch das Palles, als hätten alle ein und denselben Gedanken! Jakobus läßt sofort seine Pfeife in die Tasche gleiten, und selbst Klein- Lasse hustet nicht mehr.
Von draußen herein dringt ein lauter Wortschwall, als wenn gescholten würde. Deutlich vernimmt man den letzten Say: Hier bin ich meiner Seel' Nummer eins!"
,, Das ist der Verwalter, der' was auf den Kopf friegt!" flüstert der junge Blonde.
" Ja, wenn der Inspektor davon redet, wer Nummer eins ist, dann weiß man, was die Glocke geschlagen hat," bemerkt Jakobus.
Die kräftige, graugekleidete Gestalt des Inspektors erscheint in der Türöffnung. Alle grüßen ehrerbietig. Er trägt eine Laterne in der Hand, und ein gelber, kriechender Hund folgt ihm auf den Fersen. Sein Bart hängt voller Tropfen und ein feuchter Schimmer liegt auf den rotglühenden Wan gen . Er bleibt stehen, und sein alkoholduftender Atem steigt den Leuten direkt in die Nase. Doch spricht er kein Wort, sondern läßt nur die starren, weitoffenen Augen von einem zum anderen wandern.
Die Leute werden unruhig. Mit seiner sommersprossigen, brutalen Hand, die vom Laternenschein hell beleuchtet ist, fährt der rote Jens sich an den Bart und meint väterlich fromm mit einem Seufzer: Na- dann muß man wohl heimgehen zu Weib und Kindern!"