Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Nr. 41. Freitag, den 27. Februar.:'l4
* Hplöhoim. EineLa nd a rb ettergeschich te von I. S kj o l d b o r g. Er blickt sie ein Weilchen an.„Dann mach die Tür zu, zuin Teufel.„Nolens— nix— pst— fertig!" Sie schreitet wie eine Wachsfigur zur Tür hinaus. „Nolens— nix— pst— fertig!" wiederholt Per »ind lacht. „Ja, ja, einer muß wohl kommandieren, wenn's nicht schief gehen soll!— Prost Du!" Jens setzt sich.„Es ist doch, Gott verdamm' mich, heute Sonntag. Per!" Nachdem die Flasche geleert ist, geht Per— aber nur bis zum gegenüberliegenden Häuschen, wo der große Paul wohnt. Paul sitzt auf einem Stuhl und versucht, seinem Gesicht ein anderes Aussehen zu geben. Maren steht vor ihn: und schilt. Per fragt, was hier los ist.„Ach— er hat drüben beim Noten gesessen und sich vollgesoffen, der Dummkopf!" „Aber Maren— hik— ich bin doch nicht besoffen— so..." „Nein, Du bist nicht besoffen! Stimmt. Du kannst kaum auf Deinen Beinen stehen!" sagte Maren mit einer gewissen derben Gutmütigkeit. „Nolens— nix— pst— fertig!" lacht Per und schlägt mit den Armen um sich. „Na Du bist also auch nicht nüchtern!" Maren kraut sich im Haar und blickt von einem zum andern. Per grinst. „Ja, Du kannst leicht grinsen, aber ich muß sehen, wie ich mit dem großen Menschen da fertig werde!" „Aber Maren— hik..." Paul erhebt sich mühsam. Er ist fast noch einmal so groß wie seine Frau. „Na. Du Klotz! Nu fall nur nickst noch auf den Ofen!" Sie zupft und pickt an ihm herum wie ein Vogel am Baum» stamm. „Aber Maren— ich bin ja gar nicht ganz be— be— be— soffen... bin ich?" „Ob Du bist! Ja, Ihr seid mir nette Brüder!" Sie stößt ihn und zerrt an ihm herum.„Wär' der Klotz doch nur erst ausgezogen." Da steckt Tainmes seinen vornübergcneigten Oberkörper mit dem gedrückten, langnäsigen Kopf zur Tür herein. Er ist blaß und barhäuptig. „Nun hat's Amalie— wieder gepackt!" sagte er atemlos. „Sie sollte Prügel haben!" zischte Maren.„Auf ihren bloßen Hintern, das sollte si'e. Du bist viel zu geduldig, Tammes!" Tammes zuckt die in schwerer Arbeit schief gewordenen Schultern und blinzelt mit den Augen. „Ich habe hier genug mit meinem eigenen zu tun— kannst Dil Wohl sehen!" Sie deutet auf Paul, dessen un- sichere Blicke Tammes Bild aufzufangen suchen. Per tut sehr ernsthaft und sagt:„Ich kenne es vom Kloster her. Da war ein Mädchen, die hatte auch solche Krämpfe. Ich gehe mit!" Er schiebt Tammes halbwegs zur Tür hinaus und wendet sich lächelnd noch einmal um. „Hin!" meint Maren im Selbstgespräch—„das wird Wohl'n schöner Doktor werden, der!" Das Zimmer des Tammes ist gemütlicher als das der anderen. Hier steht sogar eine Kommode mit zwei Porzellan- Hunden und einer amerikanischen llhr mit Schlagwerk. Und an der Wand des kleineil Nebenzimmers, zu dem eine Tür- spalte offensteht, hängen Bilder. Hier sind keine Kinder, das sieht man deutlich. Im Zimmer herrscht eine glühende Hitze. Amalie liegt auf dem Bett und knirscht mit den Zähnen. „Zuallererst frisches Wasser!" sagt Per und knöpft ihr bke Taille auf. „Ja!" anlwortet TammeS und trippelt zwecklos hin Und her. „Aber direkt aus dem Brunnen!" Sobald Tammes draußen ist, faßt Per sie an, wie er Weiber anzufassen pflegt, bei den?» er sich einschmeicheln will. I
Amalie schlägt die Augen auf; sie sind dunkel und glänzend. Ihr prachtvolles Haar hat sich gelöst. Jin erstes Äugenblick ist sie scheu, aber Per nimmt sie sanft in seine starken Arme. Sie schaut die junge, kräftige Gestalt an, wie sie sich über si'e beugt mit dein dreisten Blick unter den zu« sammengewachscncn Brauen, so grundverschieden von den? furchtsamen, zahmen Ausdruck ihres Mannes— und sie lächelt. Er küßt sie. Das Ganze vollzieht sich mit blitzartiger Geschwindigkeit. Wie Tammes mit dem Wasser erscheint, schließt sie die Augen. Amalie erholt sich gleich. Sie keucht nur noch etwas. während sie umhergeht und Kleinigkeiten im Zimmer ordnet. lieber ihrer Gestalt liegt etwas Feines, als bliebe sie von Arbeit verschont. Per muß dableiben und mit ihnen Kaffee trinken. Beim Fortgehen dankt ihm Tammes herzlich. „Ach nein— ich danke selber. Da? ist ja so ein Zufall. Und sollte es wieder vorkommen, dann... schick nur nach inir!" Als Per um die Hausecke geht, lacht er vor sich hin und tritt mit seinen neuen Stiefeln so derb in den Straßcnschimitz. daß er hoch aufspritzt. Dann pfeift er sein LieblingSlied: „Wer seinem König dienen kann Voll Tüchtigkeit und Mut..." Er komint an JakobuS Wohnung vorüber und auch hier muß er hineinschauen. Singend tritt er zur Tür herein. Jakobns, der anS- gestreckt auf dem Bette liegt, blickt auf. „Du bist wohl in der Stadt gewesen. Per!" „Jatnohl— und nun Hab ich den Kontrakt unter- schrieben!" „Das war vernünftig. Per!" Jakobus erhebt sich und entfernt Daunen und Strohhalme, die in Löchern und Flicken seiner Kleidung hängen geblieben sind. Dann wirft er sich in die Brust.„Ja, man hat sein Gewisses— und Wohnung und Feuerung I" sagt er, als bekleide er ein wichtiges Amt. Und der kleine, runde Kopf wackelt hin und her. Per steht da, als wolle er wieder fort. Es ist eine Un» ruhe über ihn gekommen, als müsse er irgendetwas erleben. Er will überall hinein und hat doch nirgends etwas zu tun. Doch da fängt Bolette an, ihr Mundwerk laufen zu lassen:„Nun hat Sophie wohl endlich den Dreck aus der Wohnung rausgekriegt, nach diesem Saumensch von Weib. das Kutscher Niels hat... Daß so eine drei Jahre auf dem Schlosse gedient hat— na, sie gehört ja zu denen, die schön tun und sich einschmeicheln können, wenn sie wollen. Aber eiee Sau wie die gibt es wohl nicht in den nächsten acht Pastoraten und zehn Gemeinden— ohje!— Gott sei Dank. nun sind wir sie los! Und nun kann sie ja im alten Forst- Hause Herumschweinigeln, so viel sie will: wir andern brauchen es wenigstens nicht mebr mit anzusehen." Wie um ihren eigenen Neinlichkeitstrieb zu veranschau- lichen, ergreift Bolette einen Hühncrflügel und fegt damit die Ofenplatte, daß Staub und Asche sie wie eine Nebelwolke ein- hüllen. Umwallt von dieser Wolke, die Hände in die Seiten gestemmt, fährt sie fort:„Und stehlen. daS konnte sie auch. Du weißt es ja. Wie ein Rabe! Dock dabei hoch heraus... Ihr Mann ist ja Materialkutstl�r. als ob das etwas Be- solideres wäre— ha! Aber unsereiner kann sich kaum neben ihr blicken lassen! Und dann dies Mundwerk! Immer daS letzte Wort— immer die Klügste, und dabei ist cS so bettcl- arm. daS Volk. Und nicht einmal ihre eigenen Strümpfe mochte sie stopfen." „Nolens— nix— pst— fertig!" fällt ihr Per in die Rede und lacht übers ganze Gesicht. Einen Augenblick hält sie iilne. wie wenn ein Wagen in voller Fahrt arif ein Hindernis stößt. Doch sie holt nur tief Atem, während sie ihn anblickt und fährt dann weiter fort: „Armer Mann, der mit so einem Weil'sbild sich rumschleppen muß. Und si'e war es ja auch gar nicht, die er eigentlich haben wollte. Stehlen tut sie und stehlen muß sie. und wäre die Gnädige nicht so gut, wie sie ist. dann säße sie jetzt iiu Znchthause, so wahr ich hier als Sünder vor Gott stehe"