Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 112.

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Jus und Recht.

Sonnabend, den 13. Juni.

Roman von Fred B. Hardt.

Dr. Werner hatte aeitig auf dem Amtsgericht zu tun. Er wollte an einer Beweisaufnahme teilnehmen und dabei einem Zeugen, der eine falsche Darstellung gab, unerbittlich auf den Zahn fühlen. Eine derartige Arbeit übernohm er stets selbst und überließ sie nicht seinem Assessor.

Das Amtsgericht, in dem auch die Räume für die frei willige Gerichtsbarkeit untergebracht waren, lag in der Mar­schallstraße. Es war ein Gebäude aus den fiebziger Jahren, in dem wenigstens für Licht und Luft gesorgt war. Dagegen stamante das Landgerichtsgebäude, in dem sich auch das Ober­landesgericht befand und die Zimmer der Staatsanwaltschaft und der Untersuchungsrichter, aus einer älteren Zeit, mit muffigen Sälen und düsteren Gängen. Diese räumliche Trennung von Amtsgericht und Landgericht war für die An­wälte sehr beschwerlich und zeitroubend, da sie fast täglich auf beiden Gerichten zu tun hatten und durch das Sin- und Herlaufen viel Zeit verloren wurde. Da auch oftmals aur selben Zeit an beiden Gerichten ein Termin augefekt war. fo blieb es eine tägliche Mühe in den Kanzleien, dieje Zer mine zwischen den Auwälten so zu verschieben, daß ein Ab­halten ermöglicht wurde. Oft mußte ein gegenseitiges Warten vereinbart werden, bisweilen aber lick fich eine derartige Vereinbarung nicht mehr ermöglichen und der Termin mußte vertagt werden, was wiederum den Barteien unangenehm war, die den Ausgang der Termine ungeduldig erwarteten. Dieses Hasten, Verschieben und Aendern wor Dr. Berner in höchstem Maße zuwider und das lange Warten ermiidete ibu und machte ihn wegen seiner Swedlosigkeit ungeduldig und umviria). So hatte er schon im zweiten Jahre, als feine Braxis sich vergrößerte, cinen jüngeren tüchtigen Affessor in feine Kanzlei aufgenommen, dem er die Amtsgerichtstermine abzuwarten überließ und der fast ieden Morgen auf dem Amtsgericht zubrachte. Shu erschien diefes Werten als eine notwendige Zugabe zum Anwaltsberuf, dem er sich später felbständig widmen wollte, und das Hin und Herlaufen von Binumer zu Zimmer mit vollbepackter Aftentafdhe besorgte er mit wichtiger Miene, so daß er bei den Klienten, die sich auf dem Gericht einfanden, den Eindruck hinterließ, daß in der Kanzlei seines Chefs furchtbar viel au tuut, und daß er felbst ein äußerst rühriger Vertreter sei. Da er tatsächlich ein liichtiger, zuverlässiger Mensch war, der die Termine nach den Weisungen und Informationen von ihm umsichtig durch führte, so fah Dr. Werner mit nachfichtigem Lächeln über diese Wichtigtuerei hinweg und ließ im in Nahmen seines Sönnens tunlichste Selbständigkeit. Auf diese Weise hielt er sich frisch, und gewann Zeit für die größeren, wichtigeren Brozeffe und vor allem für seine Berteidigungen, die ihm am meisten am Herzen lagen.

Dr. Werner trat aus dem Seitenportal des Mintsgerichts und ging schnell über den Holbeinplan nach dem Landgericht. wo er noch zwei Termiue abzuwarten botte.

Zu dem Komplex des Landgerichts gehörte auch das Untersuchungsgefängnis, das in einem Nebengebäude unterge­bracht ipar. Die hohen Mauern mit den eisenbeschlagenen Türen und der runde Turm, der die eine Ede flantierte, gab dem Ganzen etwas Disteres, erwedte den Eindrnd einer Trußburg.

1914

heraus, blinzelte nach der Sonne, als ob er dieses Licht nicht mehr vertragen könnte, und verlor sich eilig in einer dieser grämlichen Straßen.

Scheußlich, dachte Dr. Werner, wie er über den Plat schritt, einfach widerlich, dies mitten in der bürgerlichen Stadt. Es fehlt nur noch der Galgen und die mittelalter­liche Beschaulichkeit ist da. Sonntag nachmittag drei Uhr wird gehängt mit Volksbelustigung. Efelhaft!

Die beiden ersten Termine wurden schnell erledigt. Es war ein Vergnügen, vor der vierten Zivilkammer zu verhandeln. Der Vorsitzende war ein noch jüngerer Herr, der mit unverbrauchter Kraft sich seinem Amte widmete. Er be­herrichte die Aften vollständig und gab selbst furz und doch erschöpfend ein Stesümee und erbat nur die Erklärungen der Anwälte. Seine sichere Ruhe und das Bertrauen, das man in feine Tätigkeit feßte, ließ auch diejenigen Anwälte sich furz und bündig fassen, die sonst dazu neigten, vor den Richtern noch dozieren zu wollen, aus Frende, sich sprechen zu hören, befonders dann, wenn Klienten anwesend waren, da sie wähn­ten, durch viele Worte das Vertrauen zu ihrem Wissen bei diesen zu stärken.

Nach den beiden Terminen blieb Dr. Werner eine Stunde Geit, die er nicht ausfült fonte. Er mußte warten. Er ging nach; dem Anwaltszimmer, um zu ranchen.

Für die Anwälte war in jedem Stocwerf ein großes Zimmer reserviert, wo sie in ihren Talar schlüpfen und sich die Zeit zwischen den einzelnen Terminen aufhalten fonnten. Als Dr. Werner eintrat. faßen einige Anwälte in Sim­mer. Die einen arbeiteten in den Aften, andere talen Bei­tungen, andere wieder unterhielten sich, oder besprachen irgendeinen Fall, in dent fie tätig waren.

Dr. Werner fühlte sich unter seinen Kollegen fremd.und wie zu ihnen nicht gehörig. Und sein Weien und sein Auf­treten waren nicht geeignet, icine Rollegen aufguntern. igm nabezukommen. Er war töflich und zu jeder Gefälligkeit bereit, aber das war auch alles. Er fam außerhalb des Ge­richts mit ihnen nicht zusammen, war nicht Mitglied der beiden juristischen Geselligfeitsvereine, verkehrte an feinem Stammtisch, fegelte nicht und spielte nicht Stat. Zu den Familien, in denen er zu Suufe war, traf er niemals mit einem anderen Anwalt zusammen. Diese verschiedenen nebensächlichen gemeinsamen Erlebnisse, die so viele Menschen miteinander verbinden, daß fie räbnen. fich gut aut fenneit und sich befreundet fühlen, das Gefühl der Gemeinsamkeit, das fid aus einer ähnlichen Lebensfitbring ergibt, die nach gleichen Zielen strebt, fehlte arisen ihm und feinen Kollegen vollständig.

Ein träges Gespräch troddelte zwischen den Anwälten hin und her, das durch den Stuf des Scafoieners unterbrochen wurde, der Justizrat Bemmrich obrief.

Der fann lochen," meinte der dicte Rechtsanwalt Thimäns, der hat den fetten Stoufurs brens bekommen. Las bringt fünfzig bis sechzig Mille ein."

Ja, der Kollege versteht's," medterte Dr. Revi, der immer wie nicht fattgegessen aussah. Sch glaube, es ist schon der dritte Konkurs in diesem Jahre, den der Rollege befontmt." Stellen Sie sich doch auch gut mit dem Huntsgerichts­präsidenten. Sie haben's ja so leicht." varf ein anderer ein. Bicio?"

Sie sind Junggegeselle und der Präsident hat reizende Tödterchen. Also los! Auf der nächsten Refsource ran an die Konfursmädels!"

Die Anwälte lachten und Dr. Levi lachte füß- fäuerlich mit. Er wußte, daß der Amtsgerichtepräsident ein wütender Antisemit war.

Es ist doch ein Standal, dak die Stonkurie immer an die­felben Anwälte vergeben werden," meinte er, verbissen in feinen Merger, daß er fonfursios blieb, eigentlich sollte sich die Anwaltskammer darum timmern, daß dies imparteiischer geschicht."

Die vielen Fenster, alle iu gleichen Abständen, mit Eisen­gittern bewehrt und mit Solzverschlägen gegen das Licht ab­geblendet, verstärkten noch das Eistere, und drohten nach dem Heinen Blau hin, der von nüchternen Säufern umftanden war und desseit einziger Schand ein unschöner Brunnen fein follte, der einen dünnen Wasserstrahl ausfpie. Das Drobende des Gefängnisses breitete. sich wie eine uneingestandene Bangigkeit über den dürftigen Blat mit dem unschönen Brunnen und froch bis zu den Häusern der einlaufenden Straße bin. Nie spielten Kinder auf diefem Blak, und das Leben auf den Straßen war wie niedergehalten durch die Furcht, daß dort diese schweren Zore für jeden offen stonden. Die Schlaffammer wird den Diavolo tun," meinte eint Bisweilen öffneten sich auch diese Tore und ein bleicher Mensch Anwalt, der abseits faß und mit einem Federmesser sich die mit einem Bündel in der Hand schlich schen aus dem Hofe Nägel pußte. Dort igen ja gerade die meisten Konkurs

Ein älterer Anwalt beugte sich über seine Aften und schrieb eifrig. Er war auch einer von denen Bräsidentenguaden. Die jüngeren Anwälte blirzelten fich zu und lächelten.