Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Mr. 125.

17]

Jus und Recht.

Donnerstag, den 2. Juli.

Roman von Fred B. Hardt

Dr. Werner sab ihn erstaunt an. Ich glaube, daß die Staatsanwaltschaft auf einen der­artigen Fall gar kein Gewicht gelegt und fein Interesse gezeigt hätte, deswegen gegen einen Anwalt im Disziplinar­wege vorzugehen, wenn dieser Anwalt nicht gerade Sie wären. Glauben Sie mir, der Oberstaatsanwalt hat die Blamage in Ihrer Duellaffäre nicht vergessen. Ich fasse das Vorgehen in dieser Angelegenheit als symptomatisch auf. Lassen Sie sich das gefallen, kommt bald ein neuer Schlag." Meinethalben, ich werde mich schon wehren, wenn ich es für nötig halte. Doch diese Sache ist für mich abgetan. Ich rühre nicht den Finger."

1914

Schweizer - Landhäuser gebaut; das eine größer, das andere fleiner, offensichtlich von demselben Baumeister, aus grauenr Stein mit eingelassenem braunen Holzwerk und einem vor stehenden schützenden Dach. Er ging näher und sah durch das Gitter in die Gärten: Terrasengärten mit einigen schönen alten Nußbäumen, dazwischen wohlgepflegte Koni feren, die silberglänzende kalifornische Edeltanne und Tarus. Das alles sah sehr einladend aus.

Die Wohnung, die für ihn in Betracht kam, war hell und gesund und in gutem Zustand; es waren vier große Räume, die um einen viereckigen Korridor lagen, der das Licht durch ein breites Fenster erhielt, das nach dem runden Platz vor dem Hause ging. Eine Glastüre führte auf einen fleinen Gang, der zu der Küche und den Wirtschaftsräumen führte. Von dem Zimmer, das er schon in Gedanken der Mutter augeteilt hatte, führten vier Stufen zu einem Garten hinab, der gegen den Platz zu durch rundgeschnittene Tarus­bäume abgeschlossen war. Der Blid von hier war noch um­fassender, da man ein beträchtliches Stück in das Bühlautal Und doch schien seine Ansicht die erkennensreichere zu hineinsehen konnte, bis zu der Sägemühle, die lustig klap­fein, denn einige Tage danach fand Dr. Werner unter den perte. Der Nebengarten, der zu dem anderen Schweizerhaus eingegangenen Briefen auch einen mit Maschine geschriebe- gehörte, lag etwas tiefer, da der Erbauer der beiden Häuser nen, der ohne Unterschrift war und folgenden Inhalt hatte: der Unebenheit des Bodens keinen Zwang angetan hatte. Jemand, der Ihnen wohl will, weiß, daß gewiffe Leute So waren die beiden Gärten nur durch den Abhang von­Ihnen ein Bein stellen wollen. Seien Sie vorsichtig. Die einander getrennt, und einige mit Verständnis angepflanzte erste Unbedachtsamkeit wird gegen Sie ausgenügt."

Dr. Render zudte nach seiner Art die Achseln; dem Brausekopf war Nüchternheit zu predigen unmöglich.

Pfui Teufel, ein anonymer Brief!" Und Dr. Werner Berriß den Bogen und warf die Papierschnitzel in den Papier­forb.

Der Prozeß Blinker hatte Dr. Werner während der lezten Wochen so in Atem gehalten und seine ganze Arbeits­kraft erfordert, daß er seine Mutter in Leipzig längere Zeit nicht gesehen hatte, und auch nicht dazu gekommen war, dem Plan, die Mutter in seiner Nähe zu haben, eine klare Ge­staltung zu geben.

Nachdem dieser Prozeß in ein ruhigeres Gleise gekom­men war, drängte es ihn, das Versäumte nachzuholen und er überlegte sich dieses Zusammensein ruhig und wog die die Möglichkeiten fachlich gegeneinander ab.

Jedenfalls mußten der alten Frau Lebensbedingungen geboten werden, die möglichst den alten liebgewordenen ent­sprachen, vor allem Nuhe, ohne daß diese wie Einsamkeit drücken durfte.

Büsche schoben sich wie eine freundliche Kulisse eines Wald­theaters dazwischen. Beide Gärten schienen ein Ganzes und gaben jeder dem anderen neidlos von seiner Schönheit. Unterhalb des Gartens fiel der Abhang in Terrassen, die mit Obstbäumen bestanden waren, nach dem Tal zu ab und verlor sich in die Baumkronen einer Allee von alten Rüstern und Ulmen, die den schmalen Talweg beschatteten.

Für Frank Werner hatte jedes Haus, jede Wohnung ein bestimmtes Gesicht, und wie er bei einem Menschen viel auf den ersten Eindruck Gewicht legte und schnell zufaßte oder sich abwendete, so war er auch sofort entschlossen, die Woh­nung zu nehmen und wurde schnell mit dem Hausverwalter, der mit der Müze in der Hand zu ihm trat, einig. Bevor er nach seiner Kanzlei ging, suchte er noch bei der soliden Firma Gottschalk in der Neustadt die notwendigen Möbel und das Geschirr aus, denn er wollte zunächst nicht den Haushalt in Leipzig auflösen. Der erste Aufenthalt auf dem Hirsch sollte wie eine verlängerte Sommerreise von der Mutter empfunden werden, und wenn es ihr nicht zusagte, würde sie in Leipzig alles so vorfinden, wie sie es verlassen hatte. Mit einigen Teppichen und Bildern, die er aus seiner Wohnung heraufschicken wollte, konnte er den Räumen auf dem Hirsch die Anheimlichkeit des lange Bewohntseins, eine persönliche Note geben.

-

11

Da kam ihm der Gedanke, wie wäre es, wenn er auf bem Weißen Hirsch Wohnung nehmen würde? Wahrhaftig, das war ein freundlicher Einfall. Da hatte die Mutter Ruhe und gute erquidende Luft, weit besser als in Dresden . Wie er in allem schnell entschlossen war und den Ent­schluß auch schnell ausführte, so fuhr er schon am nächsten Tag über die Mittagsstunden auf den Weißen Hirsch, um Nachdem alles blizsauber gepußt, die Möbel eingestellt sich nach einer geeigneten Wohnung umzusehen. Er ging waren, schrieb er seiner Mutter und bat sie, sobald als möglich schnell und frohgemut durch die Wiesengasse nach der Heinrich zu kommen. Alles ist bereit, Dich willkommen zu heißen. Straße, dort mußte seines Erinnerns nach die Ferdinand- Wenn Wünsche und Hoffnungen Gestalt annehmen können, Straße einmünden, in der ihm eine Wohnung nachgewiesen so wirst Du nur von Liebem und Freundlichem umgeben sein. war. In diesem Teile vom Hirsch standen noch einzelne Komme schnell, das Wie und Womit habe ich dem braven biedere Bauernhäuser, meist nur ein Geschoß zur ebenen Fräulein geschrieben. Aber kümmere Dich selbst um gar nichts, Erde und ein Giebelzimmer; einige hatten noch dichte grau- laffe Dich gut einmummeln, steige in den Wagen und wenn gewordene Schindeldächer, in die sich Moos und grünes Du aussteigst, kommst Du in die offenen Arme Deines Frank." Gottweißwoher- Gewächs eingenistet hatte. Jedes Haus mit einem Garten voll allerlei bunten Blumen und einem Ge müsebeet, so daß der Garten für Stube und Küche seine Gaben verteilte. Die Landhäuser, die in ihrer Nähe sich behaglich sonnten, stammten noch aus der beschaulichen Zeit, die den Gegensatz des Landlebens zum Stadtleben empfand und Ruhe und ländliche Einfachheit genießen fonnte und sich noch nicht mit solch billigen pompösen Villen mit Gipsgir­landen und Bußenscheiben den Geschmack verdorben hatte, mit Gärten, die in mathematisch abgezirkelte Beete verengt, mit armseligen Zementspringbrunnen und blödängigen Terrakottenzwergen verschandelt waren.

Aha, hier war die Ferdinandstraße. Und dort unten, nach dem Bergabhang zu, lief fie in einen zunden Platz aus. Das ganze Nondell war mit einem grün gestrichenen Eisen­gitter umgeben, hinter dem die Gärten blühten uns grünten, die beide Häuser umgaben. Zwei Landhäuser nach Art der

Zwei Tage darauf traf die Antwort der Mutter ein. Freudig ungeduldig öffnete er den Brief und sah mit Rüh­rung auf die schlanken festen Züge, die die Schrift der alten Frau fich bewahrt hatten.

Mein lieber Junge," so lautete der Brief, ja ich komme. Von Herzen gern fomme ich zu Dir. Heute, da ich weiß, daß ich Dich damit erfreue, kann ich es Dir sagen, daß ich mich danach gesehnt habe, diese langen drei lezten Jahre nach Vaters Tod. Sieh, mein Junge, ich habe ja nichts auf der Welt als Dich, und die Jahre sind mir auch schon zugezählt. Aber ich fürchtete, daß mein Alter und meine Gebrechlichkeit Dir im täglichen Zusammensein beschwerlich sein könnten und deshalb schwieg ich. Doch, als Du hier warst, konnte ich es nicht übers Herz bringen und sagte Dir meinen Wunsch, and Deine Freude war so beredt, so ganz wie Du bist, mein Junge, ohne Falsch, daß ich froh bin, daß ich es getan habe. Nun hast Du alles geordnet, und ich weiß, so sorgfam, wie es