Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 143.

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Jus und Recht.

Roman von Fred B. Sardt.

Dienstag, den 28. Juli.

In der offenen Türe stand ein Wärter und neben ihm ein Mann in grauem Drillichanzug, der aus einem Blecheimer mit einer Schöpffelle etwas in eine Blechschüssel goß, die der

Wärter ihm abnahm.

,, Wollen Sie die Mehlsuppe haben?"

Dr. Werner sah den Mann verständnislos an was wollte der Mensch?

Na, da nicht!" und der Wärter schlug dröhnend die

Türe zu.

-

Er

Mehlsuppe Mehlsuppe dachte Dr. Werner. schüttelte den Kopf. Es war ihm, als ob sein Schädel in etwas Schweres eingezwängt sei. Er wollte aufwachen und griff mit den Armen in die Luft, wie um sich an etwas fest­zuhalten. Doch die Erschöpfung drückte ihn in einen schweren Stumpfen Schlaf auriid, daß er eine Stunde später durch das Deffnen der Türe nicht aufgewedt wurde, bis der Oberauf­feber an seinem Bett stand und ein Wärter ein Brett auf den Stuhl stellte, das klirrte. Guten Morgen, Herr Rechtsanwalt. Sie haben wenigstens geschlafen. Das war das beste, was sie tun fonnten.'

ich habe ganz bleiern geschlafen."

Trinken Sie mal erst den Kaffee, dann wird es schon beiler werden. Der Direktor hat die Selbstbeföstigung er­laubt, aber vergessen Sie bitte nicht, noch schriftlich darum einzukommen. S'ist wegen der Ordnung, sonst bleibt's an mir hängen, denn ich habe dem Direktor gesagt, Sie hätten den Rettel schon ausgefüllt."

1914

Taghemd geschlafen hatte. Die Manschetten waren zerknittert und schmutzig. Ein widerlicher Schweißgeruch haftete an ihm. Er riß sich das Hemd und die feuchte Unterjacke vom Leibe und suchte nach seinen Waschsachen. Die sorgliche Frau Dieze hatte nichts vergessen und auch sein Tub und Frottiertücher Gummiwanne auf dem Boden aus und goß das falte Waffer in eine zweite Tasche gepackt. Umständlich breitete er die ein. Er wusch sich und trocknete sich mit den rauben Tüchern ab, daß das Blut nach der Haut drängte und sich sein ganzer Störper rötete. Dann wusch er sich noch den Kopf mit Eau de Chinin, das das Gefühl des Dumpfen ihm nahm und Sauberkeit war ihm von jeher Bedürfnis gewesen, hier aber suchte frische Wäsche aus dem Schlaffad. Diese peinliche im Gefängnis empfand er dabei noch einen heilvollen Gegen­fab zu der jammervollen Beschränktheit. Daß er wenigstens dies tun konnte, däuchte ihm wie etwas unermeßlich Wert­

bolles.

das

innerns dachte er an Oskar Wilde und an das grauenhafte Mit einem seltsamen Sprung aus ganz fernen Er­innerns dachte er an Oskar Wilde und an das grauenhafte Bad, in das er als legter nach sechs schmußigen Sträflingen hatte steigen müssen. Er, der Leuchtende, der Raffinierteste. Wie barbarisch war man mit ihm umgegangen, um ihn lang­sam zu brechen und aus dem Strahlenden einen Krüppel zu machen. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit Entsegen, aber audi mit neuer Straft: er mußte sich wehren.

Wie er reinlich angekleidet war, suchte er aus der Hand­tasche seine Schreibmappe und Füllfederhalter. Beim Zu­schlagen des Bügels fielen seine Augen auf die farbigen Better, die auf den gelben Ledertaschen aufgeklebt waren: Grand Hotel- Wien und Bristol- Berlin , daneben ein kleines rotes Dreied Danielie Benize, und dann noch ein weißer breitee Streifen, Angleterre Kopenhagen und jetzt- Zelle Nr. 2171 Er wollte sich über das Gegenwärtige hinweg Wollen Sie den Barbier haben? Der fommit jeden Tag seben. Doch bei jeder Bewegung stieß er an etwas Neues, nach elf Uhr.". das ihn schmerzte und ihn zurückdrängte in die schnachvolle Ir die Engigkeit.

Ich danke Ihnen." sort o

,, Nein, danke, ich rafiere mich selbst." Der Oberaufseher schüttelte den Kopf. Das geht nicht, Herr Rechtsanwalt. Das ist gegen die Hausordnung. Die Meffer mußte ich aus ihrem Bested wegnehmen. Das ist nun mal fo." ted

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Wegnehmen? Hausordnung? Er verstand. Er war Gefangener!

Dann möchte ich den Barbier jeden Tag haben." Noch etwas, Herr Rechtsanwalt?"

Nein, danke. Es muß auch so gehen." .Recht so, Herr Rechtsanwalt. Nur nicht unterfriegen laffen. Ihr Effen bekommen Sie um zwölf. Was getan werden kann, wird getan." Der Oberauffeher grüßte und ging. An der Türe blieb er stehen und rief einen Menschen an, der auf dem Korridor stand und einen Befen und einen Wascheimer trug. Sie! hier stellen Sie zwei Krüge Wasser hin."

"

Der Mann folgte dem Befehl ohne ein Wort zu sagen und stellte einen großen Krug und einen kleinen braunen, mit Wasser gefüllt auf den Boden, ohne nach Dr. Werner zu seben.

Kehren Sie die Zelle gleich aus!"

Der Mann machte sich an die Arbeit. Aber Dr. Werner fonnte die Gegenwart dieses Menschen nicht ertragen. Er schämte sich.

,, Vielleicht lassen Sie das heute noch?"

Der Oberaufseher verstand ihn. Er ging und winkte dem Mann ihm zu folgen.

Dr. Werner tranf schnell zwei Tassen von dem heißen Kaffee, der in einer kleinen blauen Blechfanne auf dem Brett stand, deren Deckel mit einem Bindfaden an dem Henkel fest gebunden war. Daneben lag eine gestrichene Semmel und drei Stückchen brödeliger Suder. Der Raffeee war bitter, aber er erwärmte ihn und nahm den widrigen Geschmack aus dem Munde. Er biß gierig in das Brötchen. Die Butter war ranzig und schmeckte nach Fett, doch er hatte fast vier­undzwanzig Stunden nichts gegessen.

Er empfand ein heftiges Bedürfnis, sich zu säubern. Es efelte ihn vor sich selbst; sein ganzer Körper war klebrig und er fröstelte. Er stand guf und bemerkte erst jetzt, daß er im

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Er nahm seine Schreibmappe, setzte sich an den hölzerneit Tisch und schrieb die Beschwerde gegen seine Verhaftung. Ec mußte alles Persönliche weglassen, sich über seine eigene Er­bitterung erheben und wie ein fernstehender Anwalt die Be­schwerde sachlich begründen, und das fiel ihm schwer, denn jeden Satz in dem Haftbefehl empfand er wie eine Beleidi gung. Er atmete auf, als er das Schriftstück fertig gestellt hatte. Er las es durch und fand es flar und begründet. Dann schrieb er weiter: Sustruktionen an feinen Bureauchef, eine Vollmacht für den vertretenden Assessor, eine Liste der ienigen Akten, die man ihm schicken sollte, eine Auswahl vore Büchern und noch einiges, deffen er bedurfte.

Und zwischen all diese wohlerwogenen Worte und sach lichen Einzelheiten drängten sich weinend und janunernd zwet Namen- Ursula und die Mutter, die ihn voller Angst und Sorge immer wieder zu sich ziehen wollten, die er aber mit zitternder Hand noch zurückdrängen mußte.

Da wurde die Türe aufgerissen, und ein Wärter trat eiur. Sinter ihm ein älterer Mann, der ein schwarzes Ledertäschcheir in der Hand trug.

Dr. Werner fab auf.

Es war der Wärter, der mit dem Barbier die Runde machte in den Zellen der Untersuchungsgefangenen, die die Vergünstigung hatten, sich rasieren zu lassen. Den Wärter fannte er nicht.

Da er sigen blieb, sagte dieser barsch in der Türe stehen­bleibend:

,, Nun, ich denke, Sie wollten den Barber? Wenn's Ihntere nicht paßt, dann lassen Sie's bleiben. Viel Zeit habe ich nicht" und schickte sich an, wieder aus der Zelle zu gehen.

Dr. Werner stand ruhig auf, aber innerlich bebte er, und feste sith auf den Schemel. Der Barbier machte seine Tasche auf und entnahm ein verbeultes Seifenbecken, an dent schmieriger Seifenschaum noch klebte.

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Nehmen Sie meine Sachen! dort" Dr. Werner wies auf sein Rasierbested. Es ist alles darin, nur die Meffer fehlen."

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"

Ohne eine Anwort zu geben, bückte sich der Mann und nahm das Necessaire. Wie er das gutgearbeitete, rote Juchten