Nr. 180.
Unterhaltungsblatt ües Vorwärts
Sonntag, 6. Juni.
letzte Schlacht am Merkanal. Von einem Lübecker Parteigenossen wird unserem Lübecker Parteiorgan der folgende Feldpostbrief zur Ver- fügung gestellt. Aus den schweren Kämpfen der letzten Wochen bin ■ich noch einmal wie durch Wunder heil davongekommen. Wie viele meiner lieben Kameraden dahin sind, weiß ich nicht, da unser Bataillon noch vorn liegt. Sonntag abend b Uhr lnesi es, fertigmachen zum Abmarsch. Wir hatten bis zur Front noch einen Marsch von etwa drei Stunden. Den Kanonendonner hatten wir schon den ganzen Tag über gehört. An zerstörten Häu- fern und Ortschaften gings vorbei und bald hörten wir auch das .Knattern des Gewehrfeuers. Das Aufblitzen der Kanonen und !oie emporgeschleuderten Leuchtkugeln erhellten die Nacht. Jedes- mal, wenn eine der feurigen Kugeln hochstieg, mußten wir still- stehen, uns niederlegen oder knien. So kamen wir nach und nach an den alten Schützengräben vorbei und an die Brücke über den Vserkanal. Ihr wißt wohl, daß die Franzosen vor einiger Zeit durch einen Sturm der Deutschen über die User zurückgeworfen wurden. Jenseits des Kanals ist nun unsere erste Stellung, oder vielmehr war sie, denn wir haben sie inzwischen wieder räumen müssen; doch davon nachher. Wir kamen ohne Verluste hinüber— auf drei lange Tage. Die Nacht und der Montag war ziemlich ruhig, aber Montag nacht und vor allem am Dienstag ging der Tanz los. � Dienstag nachmittag bekamen wir ein starkes Artillerie- ffeuew Die Franzosen schießen gut! Der Dienstag wird mir un- ivergeßlich bleiben. Nach zwei durchwachten Nächten schlief ich mit noch zwei Kameraden; einer wollte uns wecken(wir lvaren aber schon munter), wie er schon dicht bei uns war, ging über seinem Kopfe hinweg eine Granate und schlug dicht hinter dem Graben ein. Herabgerissene Sandsäcke, Erde und Pulverdampf verdunkcl- res auf Minuten alles, aber keiner von uns wurde verletzt. Dutzende Granaten schlugen rechts und links, vor und hinter uns ein. Am Mittwoch nachmittag tvars noch eimnal so, nur daß die Granate vor dem Graben einschlug. In der Nacht zu Himmelfahrt wurden wir dann abgelöst. An Essen hatten wir in den drei Tagen außer Brot und Speck Nur abends etwas gekochtes Essen bekommen, das aber natürlich ganz kalt war, da es von weit her geholt werden mußte. Zwei Mann aus jeder Gruppe(die Gruppe zu acht Mann) gingen etwa eine istunde bis B., wo die Feldküchen hielten, und holten dort tu Kochgeschirren Essen und in den Feldflaschen Kaffee. Dazu dann fast keinen Schlaf und das schlimmste— das furchtbar entnervende Artillcriefeuer. Wer eS nicht selbst erlebt hat, dem kann man es nicht schildern, und wer es erlebt hat, dem braucht inans nicht zu schildern, welche Wirkung auf die Nerven eine Reihe in nächster Nähe� platzende Granaten hat. Das schlimmste dabei ist, daß man im Schützengraben ruhig liegen bleiben muß; man kann weder aus dem gefährlichen Feuer entweichen, noch kann man sich ver- tcidigen. Die Gegner verwenden jetzt auch Gelvehrkugeln, die beim Aufschlagen explodieren(eine Art Dumdum). Mochte doch das Gute im Menschen so stark werden, daß diese Grausamkeiten auf- hören, daß der Mensch im Menschen den Bruder lieben soll. Als ich mich dann am Donnerstag morgen endlich einmal wieder gewaschen hatte, war mir. als wäre ich neugeboren. Wir bezogen dann am selben Tage, da eS zu regnen anfing, die für das Bataillon errichteten Baracken. Wir waren froh, nicht im Graben zu sein. So egoistisch ist der Mensch! Mußten doch unsere Kameraden auch aushalten da draußen, durchnäßt und durchkältet. Hier sind manche, die den� Winter hier mit durchgemacht haben. Wir hatten nun bis Sonnabend den IS. Ruhe. Wir lvaren nachmittags zum Baden abmarschiert, die ersten waren eben dabei, als es plötzlich hieß, das Regiment sei alarmiert. Wir marschierten eilig zurück und machten uns fertig zum Abmarsch. Es war abends gegen 6 Uhr. Es ging zunächst bis in unseren alten Graben dics- icits des Kanals. Nachts rückten wir dann noch bis dicht an den Kanal, Es war morgens gegen 3 Uhr, als wir hier ein furcht- bares Granatfeuer erhielten. Wir lagen hinter einer Böschung; die Granaten gingen in ganzen Salven über, uns hinweg und schlugen wenige Meter hinter uns ein. Sssssst— büm,— ein« Feuer- garbe und die großen Stücke sprangen nur so. Da schloß ich zum anderen Male mit meinem Leben ab.
Aber es war inzwischen erkundet, daß unsere Brücke über den Kanal, die angeblich vom Feinde gesprengt sein sollte, noch stand, und wir kamen denn auch nach einer Stunde glücklich hinüber— wunderbarerweise ohne große Verluste. Freilich— wäre es hell gewesen, dann wäre es uns wohl schlimmer ergangen. Im Graben hatten wir doch wenigstens die Gewehrkugeln, die uns draußen fortwährend um die Ohren sausten, nicht mehr allzusehr zu fürchten. Nun hieß es denn auch gleich: die 4. Kompagnie nach vorn, den neuen Graben ausheben. Durch knietiefen Lehm gingS nach vorn und nun wurde gegraben, was das Zeug hielt, bis nachmittags gegen zwei Uhr, bis endlich die Verbindung da war. Das war nötig, denn tags vorher hatten die Schwarzen(die uns hier etwa auf lbl) Meter gegenüberlagen) einen von unseren Gräben gestürmt. Rührende Bilder von echter Kameradschaft sah ich hier, gleich- zeitig Bekundung hohen Mutes. Verschiedentlich sah ich, wie unsere Kameraden schwer Verwundete, die nicht durch den Graben gc- schafft werden konnten, über das freie, von den Kugeln bestrichene Feld nach der Verbandstelle sckwfften, notgedrungen aufrecht gehend und so selbst dem beinahe sicheren Tode ausgesetzt. Und der letzte Schluck in der Feldflasche, der letzte Bissen Brot wurde geteilt, da wollte keiner etwas voraus haben vor dem anderen. Als wir hier fertig waren, mußte unsere und die 5. Kompagnie einen anderen Graben besetzen, von dem aus sie später einen Gegensturm unter- nahmen. Ich batte mich in dem Wirrwarr der Gräben verlaufen und war plötzlich bei der ö. Kompagnie. Das war vielleicht meine Rettung. Es war zwar die am weitesten vorgeschobene Stellung, denn wir bekamen von drei Seiten Feuer, aber wir hatten wenig- sten nicht zu stürmen. So kam die Sonntagnacht heran. Unsere Tornister hatten wir im umgebauten Graben liegen lassen. Ihr könnt Euch wohl denken, wie uns zumute war: Die ganze Nacht mit dem Affen auf dem Rücken umhergezogen, dann gute acht Stunden ge- graben, ständig die feindlichen Geschosse um die Ohren, nicht ge- gejsen und getrunken— und nun noch eine lange Nacht vor uns in ständiger Erwartung eines feindlichen Angriffs. Wir wollten in der Abenddämmerung noch unsere Tornister holen, aber es ging nicht mehr; so war die„eiserne Portion" auch noch flöten— und keine Aussicht, vor der anderen Nacht wieder etloas zu essen zu bekommen. Inzwischen schoß unsere schwere Artillerie über uns hinlvcg in die französischen Gräben. So wurde es nachts gegen zwei Uhr, als ich mit noch einem Kameraden Horchposten bezog. Man liegt dabei einige Meter vor dem Graben und späht und horcht mit allen Sinnen, ob sich etwa ein Feind vorschleicht. Als wir kurz vor der Ablösung waren, ertönte plötzlich etwa 100 Meter rechts von uns der Ruf„Halt, wer da?" von einer hellen, scharfen Stimme, ich höre sie noch jetzt. Und schon krachten auch Schüsse. Wir krochen nun eilig zurück. Als wir kaum am Graben angelangt waren, platzte schon dicht hinter uns die erste Handgranate. Feind- liche Pioniere hatten sich herangeschlichen und bowarfen uns damit. Es ging nun Schlag auf Schlag über eine halbe Stunde lang. Wir toaren kopfüber in den Graben gesprungen, und ich erwischte auch glücklich einen Unterstand. Trotzdem aber hätte ich nie geglaubt, aus diesem Feuer lebend und unverletzt wieder herauszukommen — mit meinem Leben hatte ich zum drittenmal in den beiden Tagen abgeschlossen.... Ich höre, Italien wolle ebenfalls uns den Krieg erklären. Nun, ich möchte alle die Kriegshetzer nur einen Tag in den Schützen- graben steckenl Dann würden sie wohl anders reden. — Doch nun hört weiter: Als sich das feindliche Feuer etwas gelegt hatte, hieß es plötzlich: Alles folgen. die Stellung wird aufgegeben! Nun ging's zurück. Was noch mit- zunehmen ging an Gewehren, Patronen, Tornistern, Spaten usw., das wurde mitgenommen. In dem Laufgraben wateten wir bis zu den Hüften in aufgeweichtem Lehme. Mir wurden die Stiefel ab- gezogen, ich nahm sie in die Hand und lief barfuß weiter. Endlich waren wir an der Brücke angelangt. Wir waren fast die letzten, die hinüberkamen, drei Maschinengewehre deckten den Rückzug. Es mochte zwischen 4 und 5 Uhr sei». Bald nach uns wurde die Brücke gesprengt. Die Berlvundeteu waren soweit irgend möglich weg- geschafft. Ich war über und über mit Kot besudelt, die Stiefel voller Schmutz und Wasser, die ganze Kleidung durchnäßt, todmüde, hungrig und durstig; aber Gewehr und sonstiges Gerät hatte ich noch; mein Tornister mit allen Sachen, Mantel usw. war zwar ver.
loren, ich hatte aber einen anderen, wenn auch ohne Mantel. So wankte ich denn mehr tot als lebendig zurück nach den Baracken; wie ich den Weg geschafft habe, ist mir ein wahres Rätsel. Unser Bataillon war schon vorher in unfern alten Graben diesseits des Kanals eingeschwärmt. Ich habe mit mehreren andern Kameraden die Erlaubnis vom Arzt erhalten, vorläufig hier im Walde zu bleiben, da ich völlig marode bin und ziemlich Rückenschmerzen von den Sandsäcken habe, die im Graben auf mich fielen. Durch die mehrtägige Ruhe geht'o aber schon wieder leidlich. Wir sind jetzt beim Brücken- und Ba- rackenbauen.... Wenn die Blüten zu Früchten werden, sind wir hoffentlich alle wieder in der schönen Heimat!
Theater.
Schiller-Theater Charlotten bürg:„Wohltäter der Menschheit", Schauspiel von Felix P h i l i p p i. Dies ältere Schauspiel Philippis ist offenbar durch jenen Aerzte- streil, der sich seinerzeU über die Behandlung von Kaiser Friedrichs tödlicher Krankheit entsponnen hatte, angeregt. Der Autor Ion- struiert den Fall, daß ein in einer kleinen Residenz von Hofgunst rasch emporgetragener Mediziner im Lauf der Jahre durch Eitelkeil und ständige Karriererücksichlen innerlich verkommen, die Diagnose, die er über seines Fürsten Leiden anfstellt, auch dann, nachdem er seinen Irrtum eingesehen, mit blindem Eigensinn, um seinen Ruf zu wahren, festhält. Sein freisinniger Schwiegersohn, gleichfalls ein Arzt und voller Ehrgeiz, aber eine ehrliche, von sachlichen Jmer- essen geleitete Natur, in dem der Alte einen überlegenen Rivalen wittert, ist durch ihn seit jeher von allen einflußreichen Posten ferngehalten worden. Da setzt der Erbprinz, argwöhnisch geworden durch den Verlauf der Krankheit seines Vaters, es durch, daß diese junge Kraft zur Konsultation herangezogen wird. Doktor Martius entdeckt sofort den Sachverhalt, daß der Patient, da die Zeil zum operativen Eingriffe verpaßt wurde, verloren ist. In einem schriftlichen Gutachten begründet er seine Ueberzeugung und kennzeichnet den begangenen Fehler niit rücksichtsloser Schärfe. Der Geheimrat beschivort ihn, den Entwurf nicht abzusenden. Seine eigene Jämmerlichkeit hat das Urteil über Menschen bei ihm derart verwirrt, daß er sich zu einem kläglichen Bestechungsversuche fort- reißen läßt. Wenn MartiuS widerrufe, verspricht er ihm wohl- wallendste Protektion in allen Dingen. Natürlich wird das schmäh- liche Ansinnen mit dem gebührenden Eklat zurückgewiesen. In der Vorbereitung und im Aufbau dieser Hauptszene, in welcher der von seinen Kindern und aller Welt verehrte hohe Herr zum ersten Male sein wahres Antlitz zeigt, bewährt sich des Verfassers bühnenkundige Hand. Der Effekt wird durch die Möglichkeit getragen. Der Rest indes ist reine hier und da in geradezu peinliche Unwahrheiten ver- fallende Theatermawe. Um den Frieden zwischen dem Schwieger- söhne und seiner die Partei des Vaters ergreifenden Frau wieder herzustellen, muß der Geheinrrat vor seinen drei Kindern seine Schuld bekennen und dann, nach einem Selbstmordversuch, durch die ärztliche Kunst des gesürchleten Konkurrenten gerettet werden. In der mit starkem Beifall aufgenommenen Aufführung standsn Georg Paeschke, der die dürftigen Umrisse der Ärzlsigur mit überraschend warmem Leben erfüllte, und Else W a f a s junge Frau an erster Stelle. Karl N o a ck spielte den Geheimrar ui diskret gedämpfter Tönung, nur in der Gesichtsmaske schien er mir zu greisenhaft verfallen. Die Herren A ch t e r b e r g und S e n g e r und Fräulein Stiebitz machten sich in Nebenrollen um den Erfolg verdient.______ du Kleines Feuilleton. Warum wir nicht über öie Große Serliner Kunstausstellung berichten. Unfern Lesern wird aufgefallen sein, daß wir bisher kein Wort über die neu eröffnete Große Berliner Kunstausstellung, die diesmal nicht im Moabiter Glaspalast, sondern in den Räumen der Königlichen Akademie stattfindet, berichtet haben. Wir hätten über den Vorfall, der uns daran hinderte, gern geschwiegen; wir hofften, daß die Ausstellungsleitung die Ursache unseres Schioeigens
Die Crweckung öer Nlaria Carmen.
21j
Von Ludwig Brinkmann.
Habs ich wieder eine glückliche Hand gehabt? Auf jeden Fall ging alles gut: der Ofen erzeugte Gas, die Maschine lief, der Generator kani auf Spannung, die Kabelleitung hatte trotz der Ungeschicklichkeit meiner Gehilfen keinen Erdschluß, der Motor kam auf Touren, und die Pumpe schöpfte Wasser. Nun, das war ein großes Fest für den Jmparcial; alles atinete erleichtert auf; die Arbeiten, die fast sechs Wochen ge- ruht hatten, konnten wieder aufgenommen werden. Es war ein eigenartiges Gefühl, als ich zum ersten Male mit Stuart bei meiner Pumpe stand; es war mir nicht ge- lungen ihn zu überraschen, da seine Ungeduld ihn doch ein paar Tage früher zurückgebracht hatte, als wir permutcten. Wir standen stundenlang am Rande des Wassers und ver- folgten, wie es langsam aber unaufhaltsam zurückwich: ein Fußbreit Bodens nach dem anderen wurde freigelegt, Schritt für Schritt konnten wir dem ersehnten Ziele näherrücken. Etwas Geheimnisvolles arbeitet hier für uns: da draußen, anderthalb Kilometer von hier, wälzt die Maschine den Generator im Kreise herum; wie die Energie aber hierher gelangt, kann man sich kaum vorstellen. Durch das dünne Kabel etwa? Wir wissen gar nichts; die Gelehrten, die von einem Strome materieller Korpuskeln träumen, können ihre Theorien doch allerhöchstens auf elektrotechnische Erscheinun- gen gründen. Hat man aber jemals festgestellt, daß ein Generator, sein Eisen und Kupfer ermüdeten? Und sie müßten es doch, wenn die Maschine einen unaufhörlichen materiellen Strom ausgäbe! Die Theorie wäre nur dann haltbar, wenn auch die mechanische Arbeit des Sauggas- motors als eine Wanderung von Materie definiert werden könnte! Doch fort mit all den atomistischen Hirngespinsten; wir. wenigstens wir praktischen Männer, können uns in dieser Welt nur zurechtfinden, wenn wir sie als ein Wechselspiel von Energien auffassen und definieren; an unserer Pumpe wirkt keine Materie, sondern allein die Kraft. Stuart hat iu Cananca einige trübe Erfahrungen mit Dampfpumpen gemacht; es ist dies hier seine erste praktische Berührung init der Elektrizität, und er konnnt aus dem Staunen nicht heraus, daß sich fetzt alles so einfach, so bequem gestaltet, mit einer so kleinen Maschine so Großes bewältigt werden kitnn, obne daß beiße Leitungen und ausströmender Dampf den Aufenthalt im gedrängten Räume zur Höllen- qual machen. Genug, die Bahn wird allmählich frei, und morgen kann das Herausschaffen des Gerölles, das Abstützen der Wände wieder beginnen. Weihnachten in der Wüste. Draußen vor dem Minen- hause brennt die Sonne wie an jedem anderen Tage glühend.
auf das Tal und seine kahlen Felswände, und unser Gärtchen grünt und blüht.— Gar nicht weihnachtlich. Aber innerhalb der schweren Steinwände unseres Heimes weht doch der Hauch von der fröhlichen, seligen Stimmung, die das so weit entfernte Vaterhaus vor vielen Jahren er- füllte. Nur mischt sich eine Wehmut darunter, von der man damals nichts wußte. Es ist doch alles so anders geworden, als wir es uns geträumt haben. Ich habe den Freunden und inir einen Weihnachtsbaum geschmückt. Ich hatte schon vor ein paar Tagen den alten Tobar in die Sierra Madre geschickt, um aus unserem Walde— denn nichts anderes war eines so schönen Zweckes würdig— ein Pinienbäumchen zu holen. Das habe ich nun mit ein wenig Watte recht heimatlich belegt, und am heiligen Abend brannten ein Dutzend Glühlampen von allen Zweigen — gleichzeitig zum Weihcfeste unserer elektrischen Kraft- zentrale. So mischte sich das Andenken unserer jüngsten Er- folge sinnig mit Erinnerungen aus uralter Zeit. Auch Geschenke haben wir gegenseitig ausgetauscht. Natur- lich waren wir alle drei auf den gleichen Gedanken gekommen, wie man bei so langer, bei so unmeßbar enger Gemeinschaft sich immer mehr geistig assimiliert. Aber es erhöhte nur die festliche Stimmung, als ieder sein Päckchen mit Tabak und seine Flaschen starken geistigen Gebräues aus den papiernen Hüllen herausschälte. Und nach dem reichen Mahle sprach man in Gemeinschaft den Gütern des einzelnen tapfer zu. Wie flogen die Stunden dahin; wie heimisch war es in unserem Gemache, das durch den Qualm des Tabaks und den kräftigen Dampf des Punsches gefüllt war! Stuart und ich, als die lebhafteren, wußten unaufhörlich zu erzählen, und der schweigsame Ward hörte mit glänzenden Augen zu. Natürlich konnten wir auch in diesen frohen Stunden unsere Riaria Carmen nicht vergessen; ganz im Gegenteil: der Geist der unbekannten kastilianischen Schönen, nach der die Mine benannt worden, schien unter uns zu schweben und unsere Huldigungen mit anniutigem Lächeln in Empfang zu nehmen. „Wen einmal die Leidenschaft zum Berge ergriffen hat, den läßt sie nicht mehr frei," meinte Stuart.„Es ist die furchtbarste Passion, schlimmer als die zur Jagd, oder zum Spiele oder sonst eine erdenkbare. Ich selbst habe es init- erleben müssen, wie der Berg einen Freund verlockte und er- schlug— doch davon heute nichts! Maria Carmen soll leben, und wir dazu!" Diese von Stuart hingeworfene Bemerkung hatte uns natürlich neugierig gemacht, und schließlich begann er auf unsere Bitten hin doch zu erzählen: „Ihr beide werdet es nicht so recht verstehen können; denn wenn Ihr auch jetzt Bergleute seid, so lebt Ihr doch nur auf der Oberfläche und wißt nichts von dem, was die Seele dessen erschauern macht, der. in die Tiefe dringt, Aber wie
es um manche Wasser geheimnisvoll lockt, so lockt es viel stärker, viel verführerischer um die Abgründe des Berges; man kann da nicht widerstehen. Wer sich einmal hat hinab- ziehen lassen, der muß sich immer tiefer eingraben; die Hofs- nung, irgendeinen köstlichen Schatz aus den Höhlen des Berges zu brechen, läßt den rechten Bergmann nicht los. Ich arbeitete vor ein paar Jahren als Hauer in einer Kupfergrube Arizonas ; aus irgendeinem Grunde gefiel mir der Handel mit den Cowboys nicht mehr, und ich wollte mein Glück in einer Mine versuchen. Es war ein recht gefährliches Loch; die Decke war aus weichem Gestein und trug nur, wenn sie sorgsam versetzt war. Wir hatten euren Gang ziemlich freigelegt und viel wertvolles Erz herausgeholt, als auf ein- mal wegen der hohen Gefährlichkeit der Strecke das weitere Vordringen an dieser Stelle verboten wurde; wir bekamen andere Arbeitsplätze angewiesen. Meinen Freund und Schlafkameraden indessen, den das Schicksal aus Colorado hierher verschlagen und der mir stets mit seinem gewaltigen Wagemute imponiert hatte, ließ dieses Verbot nicht schlafen. Das Erz in unserer Grube war gold- haltig, und es hieß, daß es mit der Tiefe immer reicher werde. Dazu ist es ein alter Aberglaube unter den Bergleuten, daß die kostbarsten Funde immer an der Stelle gemacht werden, an der alle anderen achtlos oder verachtend vorübergehen; kurz alle Vorzeichen schienen ihm dafür zu sprechen, daß in jener gefährlichen Ritze das Glück verborgen sei. Da er nun allein nicht viel ausrichten konnte, suchte er mich dazu zu überreden, ihni bei seinem Vorhaben behilflich zu sein. Ich wandte ein, daß er doch gar nichts davon hätte, selbst wenn er gediegenes Gold in der tiefen Spalte fände, da alles den Aktionären der Grube geböre; aber ich predigte tauben Ohren: er sagte, er müsse die Erzader bis zur Tiefe verfolgen, er könne sie nicht im Berge ungenutzt schlummern lassen, und es wäre doch ein Jammer, den wertvollen Schatz so zu vergeuden. Er drängte mich so lange, bis ich schließlich mich dazu ver- stand, ibm zu folgen; den Verdacht der Feigheit durfte ich doch nicht erwecken. Wir mutzten bald darauf in Nachtschicht arbeiten, in der man vor allen unliebsamen Ueberraschungen durch die Auf- scher ziemlich sicher ist, und wir stahlen uns daher von unserem Arbeitsplatze fort, drangen in die verhängnisvolle Schlucht ein, wühlten und wühlten und fanden genügend Kupfererz, um einen reichen Lohn bequem zu verdienen. Aber schließlich wurde mir die Heimlichkeit dieses Unternehmens leid, und ich erklärte meinem Freunde, daß er für die Folge ohne mich an dieser Stelle weitcrgraben müsse. Doch er ließ nicht nach. Nur noch eine einzige Nacht sollte ich ihm helfen, dann wäre der Gang ausgegraben, dann wüßte er, wie er endige, was er enthielte— und ich ließ mich Wiederum bereden, ihm wenigstens dieses Mal noch zu folgen, (Forts, folgt.)