Unterhaltungsblatt des vorwärts-»«wch u«,
Reue. Skizze aus Flandern von Chriel Buhsse. Es ist eine sehr trübe und traurige Erinnerung... Ein kurzes, schmutziges Seitengätzchen am äußersten Ende des Dorfes. Zur Rechten nichts als die hohe, weiße, blinde Mauer eines großen Herrenhauses. Links vier kleine, niedrige, zu- sammengebaute Arbeiterhütten aus schmutzigrauem Stein, mit dumpfgrünen Fensterläden.— Da ist es finster, kühl, öde, muffig. Fast niemals glänzt ein Sonnenstrahl in diesem schmutzigen, immer feuchten Winkel.— Aber nur ein Stückchen weiter von der blinden Mauer und den kleinen Hütten entfaltet sich in seiner breiten Herrlichkeit das freie Feld; und dort ist plötzlich alles voll gesunder Lebenslust und sonniger Freude! Dort schaukeln und wogen, von der linden FrühlingSluft be- wegt, die frischen grünen Kornfelder; dort schlängelt sich gelb der breite Sandweg nach dem bläulichen Horizont unter dem hohen, sonnigblauen Himmel mit seinen blendend weißen Wölkchen. Dort singen die Vöglein und duften die Blumen; dort strahlen die Augen und röten sich die Wangen; dort gehen die beengten Lungen in einem breiten, gesunden Rhythmus auf... Vier kleine, niedrige, graugrüne traurige Hütten. An dreien sind Tür und Fensterläden geöffnet, am vierten beide dicht ge- schloffen. Zu beiden Seiten des verschloffenen Türchens lehnt eine verwaschene, länglich- viereckige schwarze Fahne mit filbernem Totenkopf in der Mitte und silbernen Fransen an den Rändern. Auf der Schwelle des Hüttchens liegt ein gelbes, mit einem roten Ziegelstein beschwertes Strohkreuz. In diesem Häuschen liegt ein Toter. .* * Es war ein langer, magerer, blaffer Bursche. Ich Hab ihn gut gekannt. Er hieß JuleS. Er war von seltsamem, ungünstigem Aus- sehen, mit einem falschen und schleichenden Ausdruck in den Augen; und er hatte auch einen sehr schlechten Ruf: den Ruf eines Faul- Pelzes, eines Diebe», eines Trunkenbolds, eines Rauffüchtigen und beinahe eines Mörders. Dieser üble Ruf war verdient. Er war faul, er stahl, er trank, er raufte,«ein Vater— ein Zimmermann— bei dem er an- geblich arbeitete, mit dem er aber nicht auskommen konnte, warf ihn schließlich auS dem Hause. Er kam noch weiter herunter. Jetzt mutzte er wohl oder übel von Raub und Diebstahl leben, denn nirgends hätte er, selbst wenn er es ernstlich gewollt hätte, Arbeit bekommen. Wiederholt wurde er in Gesellschaft einer berüch- tigten Landstreicher- und Diebesbande gesehen, und im Dorfe wurde kein Schurkenstreich verübt, bei dem es nicht hieh, dah er beteiligt sei. So hietz es, aber es war doch nicht bewiesen, da er niemals auf frischer Tat ertappt wurde und niemand belastende Tatsachen gegen ihn bezeugen konnte. Feldwächtern, Jagdhütern und Gen- darmen war es noch niemals gelungen, ihn gerichtlich verurteilen zu lassen. Er war schlau und verschlagen; immer wieder entschlüpfte er, wie ein Aal durch die Maschen eines Netzes. Er hatte noch keinen Heller Geldstrafe, war noch keine Stunde im Gefängnis gewesen. Da geschah der berüchtigte Anschlag auf einen reichen Bauern- söhn, der, als er abends aus der Stadt vom Markt heimkehrte, von drei Kerlen überfallen, ausgeraubt und halb totgeschlagen wurde. Der Mann genas wieder und beschuldigte ausdrücklich Jules als den einen seiner Angreifer. Mit unverhohlener Freude kamen die Gendarmen, um ihn zu holen, und das ganze Dorf atmete auf und jubelte: „Ha, endlich hat man den Schelm doch gepackt!" Aber der Schelm verteidigte sich I Er sei nicht dabei gewesen, behauptete er. Er sei an dem fraglichen Abend bis tief in die Nacht hinein bei seiner Liebsten ge- blieben und dann, wie eS oft geschah, in einer Bauernscheune schlafen gegangen. Und dann fügte er mit einem wunderlichen, rätselhaften Lächeln, einem Lächeln von beinahe treuherziger Auf- richtigkeit und Schüchternheit, als schämte er sich dieser, in seinem Munde so seltsam und unerwartet klingenden Worte, hinzu: „Ich Hab' mich gebessert, ich arbeite, ich wer' heiraten." Die Gendarmen nahmen eine Untersuchung vor. Sie hörten, datz JuleS am fraglichen Abend wirklich bei einem Mädchen gewesen war, von der es hietz, datz sie seine Liebste sei. Aber daS Mädchen war eine aus dem verrufenen Diebesviertel; ihr Zeugnis erschien etwa» verdächtig, und überdem war ja auch der Ueberfall mitten in der Nacht geschehen. Wo hatte er den Rest der Nacht zu- gebracht, nachdem er seire Liebste verlaffen I
Die Crweckung öer Nana Carmen. sSs Von Ludwig Brinkmann. Bei Tische führte sie die Unterhaltung fast ausschließlich, und ich war außer Dickinson, der nur hier und da einige Be- merkungen in froher Laune dazwischen warf, der einzige, der antwortete. Stuart biß sich schweigend in einer der Enten fest, die Dickinson am Tage zuvor erlegt hatte. Unser Wirt erwähnte die Jagd, auf der er mit seiner Frau am Abend zu- vor an den Weihern von Tlacolula gewesen. „Sie hat natürlich meistens in die Luft geschossen," sagte Dickinson;„der Himmel allein weiß, an was sie dachte! Wenn ich wenigstens nicht besser bei der Sache gewesen wäre, müßten wir heute hungern. Nur einen: armen jungen Ente- rich, der allzu vorwitzig gewesen, machte sie den Garaus— aber es war kein Kunststück; das lebensmüde Tier setzte sich fast absichtlich vor die Mündung ihres Donnerrohres!" „Es ist derselbe Vogel, dem Herr Stuart eben so in- grimmig das Rückgrat zerbricht. HaKeat sua fata avesl" Dieses Zitat war für mich berechnet, denn bei Dickinson und Stuart siel solche Weisheit auf unfruchtbaren Boden. Der letztere aber legte Messer und Gabel nieder und trank seinen Kelch Champagner leer. „Nun, Herr Stuart, schon satt?" fragte ihn Jane er- staunt. „Das auch— und ich habe dazu so etwas wie Mitleid mit der armen Kreatur bekommen!" Dabei wurde Stuart purpurrot. „Ich wußte nicht, datz Sie ein so gutes, gefühlvolles Herz haben, Herr Stuart," bemerkte Jane ironisch,„«ne können keinem Tiere etwas zu leide tun einen Menschen umzubringen, das fällt Ihnen wohl leichter..." „Wie meinen Sie das?" fragte Stuart scharf. „Nun, das bringt Ihr Mannestum wohl so mit sich! Der Bergbau zum Beispiel. Es ist doch sicherlich ein grau- sames Geschäft— wieviel Menschen morden Sie da nicht kalten Blutes, so mit der Zeit!"... Da niemand daraus antwortete, nahm das Gespräch eine andere Wendung.— Nach Tisch versammelte man sich im Salon des Dickinson- schen Hauses. Man denke dabei nicht an einen Salon unserer braven Westeuropäer, mit seidenen Tapeten, Empiremöbeln, Bronzen usw. Soviel Komfort gibt es hier an des Lebens äußerster Front und Vorhut nicht. Ein Tisch, ein paar Rohr- ssffel, ein paar Farbdrucke an den Wänden und zwei elektrische
„Nun, in der Bauernscheune, wo ich geschlafen Hab!' antwortete. JuleS ein wenig schnippisch. Und er nannte auch den Bauer, dem die Scheune gehörte. Das stimmte. Der Bauer bezeugte, datz der Bursche oft in seiner Scheune schlief. Und cS ergab sich weiter, datz er feit einiger Zeit regelmätzig arbeitete und fein Geld sparte und nicht mehr trank. Aber die Gendarmen schüttelten den Kopf und grinsten miß- trauisch. Das hinderte alleS nicht, datz er in der Nacht dennoch aus der Scheune gekommen war. um mit den anderen den Streich auszuführen; und übrigens: dieses Nächtigen in Scheunen gehört zu einem ungebundenen Landstreicherleben und keineswegs zu den anständigen Lebensgewohnheiten eines Menschen, der ehrlich sein Brot verdienen will. Warum er wie ein Vagabund in den Scheunen schliefe? fragten die Gendarmen. „Um die Miete zu sparen,' antwortete Jules. Die Gendarmen lachten spöttisch. Haha, das war eine eigen- tümliche Manier zu sparen! Wohin käme man in der Welt, wenn jeder so dächte! „Und es is doch so! ES iS die reine Wahrheit!" bestätigte Jules nachdrücklich. „Sie haben also etwas Geld?' fragten die Gendarmen. „Ja,' sagte JuleS. „Wo ist es?� „Mein Mädchen hebt eS auf, um Möbel davon zu kaufen und ein Häuschen zu mieten." Sie hielten Haussuchung bei dem Mädchen und fanden das Geld: ein paar hundert Frank in schönen Silberstücken. Das dem reichen Bauernsohn gestohlene Geld bestand au§ Banknoten. Aber das bewies gar nicht«; sie konnten eS umgewechselt haben. Jules wurde mit dem Bauernsohn konfrontiert. „Er is eS! Er is es!' versicherte dieser.„Sie waren ihrer dreie, zwei kleine und'n großer. Er i« der große!' „Du lügst!" schrie JuleS blaß und zitternd vor Wut. „Er is es! Er is eS!* wiederholte der Bauernbursche mit un< erschütterlicher Ueberzeugung. „Und ich sag', Du lügst, Du Schuft I' poltert« JuleS. Die Gendarmen forschten nicht weiter. Sie ließen JuleS laufen, aber ihre Ueberzeugung stand unumstößlich fest. JuleS war einer der Täter, und die Untersuchung wurde gegen ihn eingeleitet. *• * Einige Wochen vergingen. JuleS, stark durch seine Unschuld. arbeitete ruhig und regelmäßig weiter, sparte sein Geld, brachte jeden Abend bei seinem Mädchen zu und schlief dort, wo er Platz finden konnte: in den Bauernscheunen, um das Logisgeld zu sparen. Als sie genügend hatten, um zu beginnen, mieteten sie eines der vier kleinen Hüttchen in der Seitengasse und heirateten. Sie waren erst vierzehn Tage verheiratet, als Jules vor Ge- richt gefordert wurde. Man hatte ihm angeraten,«inen Advokaten zu nehmen, aber er tat es nicht. Warum sollte er unnötig sein Geld verschwenden, da« er gerade jetzt so notwendig brauchte? Vor Gericht wiederholte der Bauernsohn seine formelle Be- schuldigung und JuleS mit mühsam verhaltenem Zorn und mit starkem Nachdruck seine noch formellere Verneinung. ES traten Zeugen auf, die übereinstimmend JuleS' schlechte Führung be- stätigten, wenn sie auch gesteh«» mutzten, datz er bereut zu haben schien und seit seiner Verheiratung ein untadeliges Leben führte. „Halten Sie ihn für fähig, ein solches Verbrechen zu begehen?' fragte der Vorsitzende alle der Reihe nach. Und alle bekundeten, ohne einen Augenblick zu zaudern, datz sie ihn dazu für vollkommen fähig erachteten. Diese Zeugenaussagen, in Verbindung mit der nochmals aus- drücklich wiederholten Beschuldigung deS Anklägers, waren durch- schlagend. JuleS wurde zu einem Jahre Gefängnis verurteilt und sofort verhaftet. Jedermann im Dorfe hielt die» für ein« wohlverdiente Strafe. «» * Ich weiß nicht— und eigentlich hat es niemand je erfahren— was seit diesem Augenblick an JuleS genagt hat. Nach sieben- monatiger untadelhafter Führung wurde er auS dem Gefängnis ent- lassen, und eines Abends kehrte er in daS Dörflein zurück. In der ärmlichen Hütte mit den grauen Mauern und den dumpfgrünen Fensterläden fand er seine junge Frau mit einem kleinen Kindchen, daS in seiner Abwesenheit geboren war. „Da bin ich!" sagt« er mit einem wunderlich trockenen Lächeln. Und er gab seinem Weibchen, daS so bitterlich weinte, da» bitzchen Geld, daS er im Gefängnis verdient hatte, und nahm daS Kindchen auf seinen Schoß, um es lange entzückt anzustarren.
Lampen bildeten die ganze Einrichtung. Doch etwas war bier, schöner als alles, was westeuropäische Salons hervor- bringen können: Frau Dickinson! Trotz lateinischer Zitate, trotz Pariser Roben und Brillanten, trotz all der Kulturtünche war sie doch nichts als ein einfaches Kind der Natur. Ich sann darüber nach, aus welcher Mischung des Blutes, aus welchem Zusammenklange von Umständen dieses seltsame Wesen entstanden wäre. Ja, ich vermag Stuart zu verstehen, ich verstehe auch ane. Es konnte ja nicht anders kommen. Nur daß die aust des Eroberers das Schicksal dreist beim Schöpfe faßte. während der andere, schwäckere, feigere unter der Bürde seiner Skrupel mühsam feines Weges dahinkeuchte, um— ich fühle es nur zu gut— eines Tages den ganzen Ballast in den Graben zu werfen und leichten Fußes dem begehrten Glücke nachzujagen, wenn es nicht unterdessen— der erste geraubt hätte... Die Unterhaltung drehte sich dann nur um das einzige, liebste Thema aller zivilisierten Menschen, die diesen Himnielsstrich bewohnen, um Stadt Mexiko . Frau Jane fing zu schwärmen an; in allerdings recht mystischen Be- inerkiingen ließ sie durchblicken, daß selig schöne Erinnerungen sie mit der reizvollen, üppigen, koketten Stadt verknüpften. „Ich fürchte— so schöne Tage kehren nie wieder," setzte sie mit einem Seufzer hinzu. „Warum nicht?" fragte Dickinson.„Solange wir leben, dürfen wir hoffen. Und ewig werden wir wohl auch nicht hier unten bleiben müssen. Vielleicht kommt einmal eine eit, da wir unsere Geschäfte von der Stadt aus leiten. ann sollst Du es gut haben, Jane; Du wirst am Paseo de la Reforma Dein Schloß besitzen, so schön, wie nur irgend jemand es haben kann. Und bis dahin— nun, Tu hast mich noch niemals karg gefunden; wenn auch schweren Herzens, so gebe ich Dir doch zeitweise Deinen Urlaub. Ihr Frauen könitt ja nicht leben, ohne Kaufläden zu sehen, zu studieren, was die Welt wohl Kostspieliges hervorbringt, unvernünftige Ge- legenheitskäufe zu machen oder euch doch wenigstens in den Schaufenstern zu spiegeln!" „Du bist sehr gut, Richard; aber etwas kannst Tu mir doch nicht geben; die Zeit kannst Du nicht aufhalten. Die alten Freunde werden untreu, und nach neuen habe ich keine Sehnsucht. Ich glailbe, ich könnte jetzt die Stadt hassen. Vielleicht macht sich das Alter fühlbar!" Darauf fingen wir Männer an zu lachen; aber Jane be- stand auf ihrem Bejahrtsein. „Nein, nein, die Stadt überlasse ich jüngeren Leuten, Don Luis und Don Juan ! Sie werden dort schon Unter-
„Wie heißt eS?' fragte er leise, mit vor Rührung heiserer Stimme. „Jules... Julien,' schluchzte sie. „Julien... Julken..." Und er streichelte die Backen des kleinen Wichtes, der ihn mit leuchtendfrohen Augen anlachte. Sein Leben wurde sehr ruhig, sehr still, sehr einsam. Er arbeitete den ganzen Tag, sprach lvenig, saß in seinen spärlichen Mutzestunden irgendwo und starrte sinnend vor sich hin. „Das Einsperren hat ihm gut getan," meinten die Leute.„Er hat bereut, er ist brav geworden." »» * Oft habe ich versucht, ihn zun. Reden zu bringen, denn sein Fall interessierte mich, und ich hatte nach und nach eine merkwürdige Sympathie für ihn gewonnen. Aber niemals ist eS mir gelungen. Nach ein paar kurzen Sätzen brach er immer wieder das Gespräch ab und versank in Schweigen, und auf seinen blassen Wangen trat dann eine zarte Röte wie deS Schmerzes oder der Scham. Nicmal- habe ich ihn bittere Worte äußer», klagen, poltern oder Bor- würfe erheben hören. Gegen Weib und Kind war er über alle Matzen sanft und gut. Nach Umgang, mit wem es auch sein mochte, außer seiner Familie, schicu er nicht das geringste Bedürfnis zu haben. Er war nicht scheu, er war nicht bösartig, er war weder falsch noch aufbrausend; ich weiß nicht, wie es mit ihm stand. Nur etwas Seltsames, etwas unheimlich Seltsames war an ihni. Stets hatte er auf dem Dachboden, wo er jetzt ganze Tage zimmerte. einen Sarg auS tveitzem Holz, einen Armeleutsarg stehen. Dort stand er, unter den Dachsparren schräg an� die Waird gelehnt, gespensterhaft bleich in, ungewissen Dämmerlicht der Dachkammer, und dort blieb er stehen, bis er verkauft und von irgend jemandem geholt wurde. Dann machte er sofort wieder einen neuen, um ihn an des anderen Stelle zu setzen. „Ach, schon wieder'n neuer Sarg!" klagte dann seine Frau, der dieser Anblick so unheimlich war. Warum willst«»ich warten, bis sie bestellt wer'n?" Er lächelte seltsam und starrte sprachlos vor sich hin. Drüben im Gefängnis hatte er sieben Monate lang weiter nichts als Särge, weiter nichts als Armeleut-Särge gemacht. ES saß ihm im Blut und in den Händen. Es war eine Manie, eine Einbildung für ihn geworden. Er hatte Särge gemacht, so viele, datz er einen ganzen Kirchhof damit hätte füllen können. Und vielleicht sah er ihn auch in seiner Phantasie, diesen Kirchhof, gefüllt mit solchen langen, schmalen, weißen Kisten unter dem grünen Rasen. „Du siehst doch, daß sie gesucht werden; die werden immer gesucht", kam endlich seine stille, geheimnisvolle Antwort, Und mehr war aus ihm nicht herauszubringen.... »* * Ein kurzes, schmutziges Seitengätzchen, zur Rechten die hohe. bloße Mauer des großen Herrenhauses, links die vier kleinen Arbeiterhüttchen mit den grauen Wänden und den grünen Türchen und grünen Fensterläden, von denen nun das zweite geschlossen ist, mit dem Strohkreuz und dem Ziegelstein auf der Schwelle und mit der verwaschenen schwarzen Fahne, die mit einem silbernen Toten- köpf und silbernen Franzen geschmückt ist... Ganz still, ohne einen Vorwurf und ohne eine Klage, wie eine Kerze, die langsam niederbrennt, ist er dahingegangen. Was er gehabt hat, weiß nieinand, was ihm am Herzen nagte, kennt kein Mensch. Armut... heimlicher Kummer... schleichende Krank- heit... wer kann e« sagen? Reue, meinen dre Dorfbewohner. Aber was wissen die Dörfler! Da liegt er nun in einem jener weißen Armeleut-Särge, die er immer auf Vorrat zimmerte, weil er ihrer schon so viel gezimmert hatte und ihrer noch iinmer mehr zimmern mutzte�... Was tut nun in der Dämmerung des dicht verschlossenen HäuS- chens die junge Frau mit dem kleinen Kindchen? Sitzt sie gebrochen und schluchzend in dem stillen, leeren Kämmerchen, oder irrt sie ziel- loS umher mit verweinten Augen, nicht wissend, waS sie sucht? Liegt daS Kindchen sanft schlummernd in seiner Wieg«? Oder spielt es ruhig in seinem Stühlchen mit dem ärmlichen Spielzeug, das es in der halben Dunkelheit kaum sieht?— ES ist da drinnen alles so still. Kein Ton, kein Seufzer, kein Atemzug dringt heraus. Nur der frische Lenzeswind streicht kosend über die weiten Felder und singt leise sein ewige» Lied. Die grünen Kornähren schaukeln und wogen, der gelbe Sandweg schlängelt sich einsam fort in stille Fernen, und am sonnigblauen Himmel schwimmen so hoch und rein und glänzendweitz phantastische Fetzen von daunenweichen lichten Wölkchen...(Berechtigte Uebertragung von Georg Gärtner.)
Haltung finden! Viele bunte Rosen blühen da, und der Herr der Schöpfung liebt es, wie ein Schmetterling von einer zur anderen zu gaukeln I Nicht wahr? Nun, Herr Stuart, er- zählen Sie doch; Sie sind so schweigsan,— erzählen Sie doch von der Stadt! Sie werden doch gewiß viel da erleben. Ich darf Wohl nicht alles hören? Ach! ich bin eine alte Frau und kenne das Leben; und wenn es gar zu schlimm kommt, so geben Sie mir ein Zeichen, ich halte mir die Ohren zu!" Stuart aber warf sehr ernst ein: „Gewiß, ich bin kein Heiliger, und deshalb schweige ich lieber. Es sind für inich überwundene Sachen, das. Ick gehe, wenn ich es vermeiden kann, nicht niehr nach Stadt Mexiko . Nach jedem anderen Orte lieber, als gerade dahin! Denn wenn ich erzählen wollte— es wäre besser, nicht nur isic, sondern alle hielten sich die Ohren zu, das ganze Haus hielte sich die Ohren zu---." Dann brach er plötzlich ab. Frau Jane erbleichte. Ein unbehagliches Gefühl beschlich uns alle. Nur Dickinson, der einzige Arglose unter uns, suchte die alte frohe Laune wieder herzustellen. „Ja, ja, Jane, wilde Gesellen kommen von den Staaten hierher in unsere Wildnis. Da passieren schreckliche Gc- schichten! Es ist schon besser, wenn er nichts sagt. Stadt Mexiko ist ein böses Pflaster! Ich erinnere mich, als icks vor zehn Jahren— ich war damals noch Junggeselle, liebe Jane — zum ersten Male dorthin kam..." Und er packte mit einigen galanten Streichen aus. Es war die seltsame Stunde nach einem üppigen Diner mit reich- lichen und starken Getränken, da die erregten Sinne den Zwang etwas lockern, sich von dem Joche etwas frei machen, das sonst Kultur und Gesittung den Menschen auferlegt, da größere Freiheiten erlaubt scheinen. Und Dickinson hatte sicherlich Ergötzliches genug zu erzählen. Das machte auf mich einen gar seltsamen Eindruck; es eröffnete sich mir eine ganz neue Perspektive, als ich auch den Menschen, den Jüngling in dem sonst so kaltblütigen, reservierten Silbergranden erkannte. Ueber seiner imposanten, würdigen Ersöbeinung hatte ick vergessen, daß der Mann auch einmal jung gewesen, daß einst ein Blutstrom der Romantik auch durch seine Aden, geflossen. Es war mir lpie dem Wanderer ini mexikanischen Hochgebirge, der ganz, ganz tief im Grunde der Schlucht plötzlich ein unter dem sonnendurch- glllhten Steingeröll des Berges verborgenes silbernes Bäch- lein entdeckt, das so köstlich und erquickend ist, wenn es auch gar nicht mit der imposanten Größe der Felsenriesen, all der in ihrer Unendlichkeit erhabenen, trostlosen, wuchtigen, leblosen Steinmassen zusammenpassen will. (Forts, folgt.)