Verlag: Karlsbad , Haus„Graphia">— Preise und Bezugsbedingungen siebe Beiblatt letzte Seite Der BurjFrieden der Betrogenen Geschieht wirklich nichts während der Olympiade? Nr, 163 SONNTAG, 26. Juli 1996 Aus dem Inhalt: Flüditlingssorgen imd Fliichtlingshilfe Die Gleichschaltung Österreichs Das totale Strafrecht Schachts Kopfschmerzen In einer Kammerrede vom 15. Juli 1923 fragte Mussolini :»Was ist denn der Staat?«— und er antwortete selbst darauf:»Der Staat— das ist der Polizist.« Wenn ein Diktator Polizei sagt, dann meint er nicht eine Einrichtung zum Schutze der Sicherheit und der staatsbürgerlichen Freiheit, sondern eine Unterdrückungsmaschine. Der Polizist ist in den faschistischen Ländern gleichbedeutend mit Terrorist. Der faschistische Staat— das ist der Terror. Was ist das Dritte Reich? Der Terror gegen alle, die nicht Knechte der Diktatur sein wollen. Der Staat Hitlers tritt den Untertanen gegenüber verkörpert in der Geheimen Staatspolizei Das ist für sie der Staat, das ist die eigentliche Staatsgewalt. Wenn Hitler kürzlich den Chef der Geheimen Staatspolizei Himmler zum»Reichssicherheitsminister« ernannt hat, so hat er nur formal unterstrichen, daß das Dritte Reich ein Polizeistaat ist Die Polizei ist die letzte entscheidende Instanz. Sie droht dem Verwaltungsbeamten wie dem Richter, sie mahnt ihn durch ihre Existenz daran, daß er nur ein Knecht ist, der Befehle auszuführen hat, daß er sich völlig der Willkür der Miichtig»n unterzuordnen habe, zu denen er nicht gehört. Soeben hat sich in D a n z i g der Ueber- gang von den Resten eines Rechtsstaates zum reinen Polizeistaat vollzogen. Auch der Danziger Bürger kann heute sagen: der Staat— däs ist der Polizist. Es gibt keine Instanz mehr, die Polizeianordnungen nachprüfen dürfte. Die Polizei ist allmächtig. Sie setzt selbst Recht. Wer aber befiehlt der Polizei? Der Reichssicherheitsminister Himmler. Der nationalsozialistische Parteistaat greift um sich. Er begnügt sich nicht damit, daß in Deutschland eine Welle brutalster Verfolgung der anderen folgt, daß Terroristen im Richtertalar Tausende von Jahren Zuchthausstrafe auf die Opfer des Terrors herabsausen lassen, daß auf Befehl Todesurteile gegen Oppositionelle gefällt und vollstreckt werden. Er will die Umwelt seiner Segnungen teilhaftig werden lassen. Er dringt in Oesterreich ein, er setzt sich in D a n z i g fest, er erwägt, welches die nächsten Opfer sein sollen. Er fürchtet keine Hemmnisse auf diesem Wege! Die Welt will betrogen sein. Sie spricht vom Frieden, wenn die nationalsozialistische Diktatur neue Gewaltakte durchführt, sie steckt den Kopf um so tiefer in den Sand, je dreister die Expansion des deutschen Faschismus vorgenommen wird. Gerade jetzt wird offiziell und offiziös wieder ein Zweckoptimismus vertreten, der der nationalsozialistischen Diktatur das Spiel erleichtert. Große englische Blätter, die»Times« an der Spitze, gaukeln der Welt vor, daß das Dritte Reich ein geordnetes Regime darstelle. Sie reden vom Sieg des gemäßigten Flügels des Regimes, der sich unter Führung von Schacht und Papen gegen die wilden Männer, ja gegen Hitler selbst durchgesetzt hätte. Sie bedecken die schauerlichen Schandtaten und Verbrechen des Systems mit dem Schleier des Verschweigens. Es könnte das gute Gewissen der Olympiafahrer notleiden, wenn ihnen ihre Presse wahrheitsgetreu berichten würde, welche Hölle sich hinter den glänzenden Fassaden verbirgt, die zur Olympiade in Deutschland aufgebaut worden sind! Hinter diesen Behauptungen von einer Konsolidierung der gemäßigten Kräfte im Dritten Reich soll die Gleichschaltung Oesterreichs , soll der freche Raub der Danziger Verfassung verschwinden. Der Völkerbund — und im Völkerbund vor allem die führende englische Regierung— werden auf diese Weise aus Opfern des Hitlersystems allmählich zu seinen Mitschuldigen. Weil sie den Völkern nicht den schauerlichen politischen und moralischen Zusammenbruch eingestehen wollen, den sie erlitten haben, lügen sie sie über die wahre Bedeutung der neuen Aktivität des Hitlersystems hinweg. Wahrlich, der Weg ist nicht mehr weit bis zu dem Punkte, an dem die englische Regierung vertrauensvoll Hitler die Aufgabe der Pa- zifizierung Mittel- und Osteuropas überlassen wird, so wie einst die Regierung Mac Donalds Mussolini zu mächtiger Stellung in Europa verhelfen hat. Je schwächer die englische Regierung innerpolitisch wird, um so stärker wird ihre Affinität zum Hitlersystem. Es sind ja in der Masse die Linken, die Radikalen, die Nichtbesitzenden, die Arbeiter, die die Opfer des faschistischen Terrors sind— und nicht jene Klassen, die in der gegenwärtigen engli schen Regierung immer stärker den Ton angeben. Für die Hitlerpolitik existiert der Völker bund praktisch nicht mehr. Sie pfeift auf die Garantie der Danziger Verfassung durch den Völkerbund. Mit einer einzigen Verordnung sind alle verfassungs- mäßigen Garantien der Rechte der Danziger Bürger außer Kraft gesetzt worden. Die Polizei ist für allmächtig erklärt worden. Ihre Anordnungen auf dem Gebiet der Vereinsrechte, des Versammlungsrechts, des Pressewesens, der Schutzhaft, des Waffentragens sind künftighin aller gerichtlichen Nachprüfung entzogen. Das ist die reine Parteidiktatnr der Nationalsozialisten. Die Lage in Danzig ist heute die gleiche wie in Deutschland Im Sommer 19S3— die Totalität des Naziregimes ist praktisch hergestellt. Diese Verordnung zerreißt mit den Rechten der Danziger Bürger zugleich die Verpflichtungen, die der Völkerbundsrat dem Danziger Senat feierlich auferlegt hatte. Sie ist eine Verhöhnung des Völkerbundskommissar Bester. Der Gauleiter Forster hat diese Kriegserklärung an den Völkerbund noch unterstrichen. Auf einem Kreisparteitag der NSDAP in Sobbowltz bei Danzig sprach er über die Aufgaben und die Stellung der NSDAP in Danzig . Er sagte u. a.:»Hinter der NSDAP steht die ganze Mehrheit der Danziger Bevölkerung. Darum ist sie allein verantwortlich für die innere Entwicklung Danzlgs, nicht aber der Völkerbundskommissar Bester.« Auf die letzten Vorgänge eingehend erklärte der Redner, die Tätigkeit des Völkerbnndskommissars Bester In Danzig sei nur geeignet, aus Danzig einen Herd der Unruhe und des Bolschewismus zu machen. Man werde daher von nun an die notwendigen Maßnahmen zur innenpolitischen Befriedung ohne Herrn Bester durchführen. Die Nationalsozialisten seien nicht gewillt, den Frieden im Osten, insbesondere aber die guten Beziehungen zu dem Nachbarstaat Polen , durc� die Hetze der Daher das Gerede vom Sieg der gemäßigten Richtung im Hitlerregime, daher die Täuschung der Völker über den wahren Charakter der Aktivität dieses Systems, daher der internationale Olym- piadeburgfrieden, der aber, wie die Ereignisse lehren, eine höchst einseitige Angelegenheit ist. Ist es nicht ein empörendes Schauspiel, wenn europäische Regierungen heute einerseits von einer Pa- zifizierung des Hitlersystems reden und ihre ganze Hoffnung in feierlichen Erklärungen auf die Friedensliebe von Hitler und Genossen setzen, und wenn sie andererseits der Sorge öffentlich Ausdruck verleihen, daß sie nach der Olympiade wieder von einer neuen deutschen Emigrationswelle belästigt werden könnten, einer Folge der unveränderten Wildheit und Grausamkeit des Systems die einen schweren Schlag gegen den offiziellen Optimismus bedeuten wird, der jetzt geflissentlich zur Schau getragen wird! Die Zeit der Selbsttäuschungen, der Täuschungen, des offiziellen Optimismus wird bald vorüber sein. Was die deutsche Handauflegung auf Oesterreich und Danzig bedeutet, welche neue terroristische Welle in Deutschland heute schon für die Zeit nach der Olympiade vorbereitet wird, das wird bald ans Tageslicht kommen. Heute schon ist an Sonnabenden jenen europäi schen Staatsmännern nicht wohl zu Mute, die mit besonderem Eifer Hitler zum obersten Garanten des Friedens in Europa machen möchten. Denn die Sonnabende sind jene Tage, an denen der Diktator seine Streiche führt, die den anderen ihre Ohnmacht und ihre Minderwertigkeit zu Ge- müte führen sollen. Rheinlandbesetzung— Pakt mit Oesterreich— Bruch der Danziger Verfassung— alles Sonnabendsüber- raschungen. Mit Sorgen denken sie daran, welche Ueberraschungen weiterhin in ihr Wochenende fallen könnten. Heute klammern sie sich noch an die Hoffnung: während der Olympiade geschieht nichts. Aber Oesterreich und Danzig — ist das nichts? Lehrt die Ernennung Himmlers , des Mannes der Junischlächterei von 1934, zum Reichssicherheitsminister nicht mehr über das wahre Wesen des Hitlersystems als alle Beschönigungsversuche und Fassaden zusammengenommen? Die Dnnziser Vertan! zerrissen Jagdsdieln für Hitler in Zentraleuropa ? vom Völkerbundkommissar Bester unterstützten Opposition stören zu lassen. Der Völkerbund steht also vor der Tatsache eines neuen Putsche«. Er steht vor der Entscheidung, ob er auch diese Kriegserklärung ruhig hinnehmen und damit praktisch Hitler einen Jagdschein auf Mittel europa geben soll. Die Rolle des V ölkerbundes Die Pflicht der westeuropäischen Demokratien. Ueber die Rolle des Völkerbunds in der Danziger Frage schreibt unser Mitarbeiter Dr. Richard Kern: Die bübische Geste, die der Hitlerjunge Greiser den Journalisten machte, galt in Wirklichkeit dem Völkerbund. Herr Eden, der Vorsitzende des Rats und Außenminister des englischen Weltreichs, fand auf die Verhöhnung ebensowenig eine Antwort wie der Außenminister Frankreichs . Triumphierend verließ Hitlerjunge Quex die Völkerbundsstadt, als Triumphator zog er in Danzig ein. Der Opposition— Sozialdemokraten, Deutschnationalen, Zentrum— droht die Vernichtung. Die Danziger Verfassung, vom Völkerbund garantiert, ist zum Fetzen Papier geworden. Der Völkerbundsrat hat auf Antrag des Herrn Eden, der bis vor kurzem noch eine Hoffnung auch der englischen Linken gewesen ist, Hitlers Bundesgenossen und Spießgesellen, den polnischen Außenminister Beck, mit der Prüfung der Danziger Beschwerden betraut. Eine Dreierkommission wurde eingesetzt, bestehend aus England, Frankreich und Portugal , der Herr Beck einmal— vielleicht, wenn alles gut geht noch vor der nächsten Herbsttagung des Völkerbundes— über seine Verhandlungen Bericht erstatten soll. Herrn Becks Stellung ist klar; der Exponent der polnischen Diktatur und der Bünd- nispolitik mit Hitlerdeutschland hat an der Aufrechterhaltung der Danziger Verfassung nicht das geringste Interesse. Ihn kümmert allein die Aufrechter h'altung der polnischen Machtstellung und des polnischen Wirtschaftseinflusses in der »Freien Stadt«. Da Hitler die polnischen Interessen respektiert, so wird ihm Herr Beck die kleine Gefälligkeit nicht verweigern, die Danziger Opposition, und das ist heute unzweifelhaft die Mehrheit der Deutschen in Danzig , dem nationalsozialistischen Terror auszuliefern. Bis Herr Beck Frankreich, England und Portugal Bericht erstattet haben wird, wird die Danziger Opposition— ao rechnen Hitler und sein Spießgeselle— bereits nicht mehr existieren. Ein neues fait a c c o m p 1 i wird geschaffen sein und bisher haben solche vollzogene Tatsachen, auch wenn sie bedeutungsvoller waren als dih Dannger Angelegenheit, nach einigen Protesten noch immer ihre Anerkennung gefunden. Die englische Labour Party hat mit großer Energie und mit idealem Schwung im abessinischen Krieg die Notwendigkeit der Einhaltung von Verträgen und die Durchsetzung des Rechts gefordert. Wir hätten den bescheidenen Wunsch, daß von dieser Energie und diesem idealen Schwung noch ein Restchen für Danzig übrigblie b e. Es handelt sich freilich nicht um Abessinien, nicht um Krieg mit Tanks und Giftgasen, unter deren Garantie auch die englische Unterschrift steht. Es bandelt sich um keine allzugroße Sache. Zur Vernichtung der Opposition reichen Totschläger und Brownings aus, und zur Niederhaltung der Unterworfenen braucht man nicht Fluggeschwader, es genügen Konzentrationslager. Aber es sind schließlich deutsche Bürger und Arbeiter, die sich bisher im Vertrauen auf den Völkerbund, und das heißt im Vertrauen auf die englische und französische Demokratie, gegen die Unterdrückung wirklich heldenmütig gewehrt haben. Es sind Arbeiter, die der Internationale angeschloeaea
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4 (26.7.1936) 163
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