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Neuer Vorwärts

Sozialdemokratisches Wochenblatt

EN AVANT! Hebdomadaire en langue allemande Redaktion und Verlag: 30, Rue des Écoles, Paris - 5. Téléphone: Odéon 42-58

Widerstand im

Himmler gesteht- Pogrom

Nr. 284 SONNTAG, 27. November 1938

Aus dem Inhalt:

Der Konflikt mit dem Westen

Das neue Gottesgnadentum Wirtschaft und Staat

Prix Fr. 1,50

Volke

Pogrom gegen die anständigen Menschen?

Alle Berichte aus Deutschland zei- Es gibt nur eine Erklärung: alles, schen zu beurteilen. Und wenn einer ras- die Hosen, sondern auch die Köpfe voll gen, dass der Vernichtungskampf des was in Deutschlan zu den anständi- senmässig auch kein Jude ist, so werden stinkenden Unrats hatte." Systems gegen die Juden Entsetzen gen Menschen gehört und noch nicht wenn er uns die geistige Verkommenheit und Ablehnung in der Bevölkerung auf das Niveau der Pogrombanden und Niedertracht dieser Verbrecherrasse ganz besonders zahlreich gewesen zu hervorgerufen hat. Man hat Hunderte herabgesunken ist, muss vernehmlich offenbart."

von

wir ihn doch wie einen Juden behandeln,

Diese Art von Juden scheint also

sein, und nach allem, was man weiss,

Nichtjuden verhaftet, weil sie seine Ablehnung gezeigt haben. Man Wieviele Millionen ,, geistiger Juden" ist auch der Generalstab geistig ver­laut ihre Missbilligung gegen den Po- muss vermuten: Industrielle, Profes- gibt es also in Deutschland ? Gilt die judet gewesen und hat die Köpfe voll grom geäusert haben. Es sind Fälle soren, Schriftsteller, höhere Beamte, Parole: Wer nicht für den Pogrom Wer nicht an den Verbrecherinstinkt stinkenden Unrats gehabt. Kurzum: bekannt geworden, dass selbst SA- Akademiker. So nur ist dieser Hass- und für die

Gemeinheit des Ver­

und SS- Leute sich gegen die Pogro- ausbruch des Gesindels gegen die brechergesindels ist, wird künftig als misten gewandt haben. Angesichts der geistige Oberschicht zu erklären. Er Jude angesehen? Oder wird gleichzei­Massenablehnung ist die Gestapo un- enthüllt, dass die Politik Hitlers kei- tig zu den geistigen Juden" gerech­sicher geworden und hat um Weisun- neswegs allgemein in Deutschland ge- net, wer mit der Politik der brutalen gen ersucht für den Fall, dass aktive billigt wird, und er droht deshalb mit Gewalt nicht einverstanden ist? Denn Nationalsozialisten sich gegen Po- einem Pogrom gegen alle anständigen das Schwarze Korps" verrät weiter:

grombanden wenden.

Die Berichte über die allgemeine

Leute:

des Gesindels appelliert, wer ein an­ständiger Mensch sein will, wer nicht allen politischen Verstand verloren hat, ist künftig in Gefahr, Objekt des nächsten Judenpogroms in Deutsch­ land zu werden..

Die Geständnisse des ,, Schwarzen ,, Und wo noch etwas an dieser wohl- Korps" sind wertvoll. Sie bestätigen, ,, Euch trennt von diesen abgestempelten tuenden Missachtung gefehlt hat, da haben dass es im deutschen Volke inneren Ablehnung werden bestätigt durch Mördern und Hehlern heute in Wahrheit es die Tage und Wochen vor dem Ein­einen Widerstand gegen die Verbrechen des arische Grossmutter hattet, und dass wir gemacht. In dieser Zeit des Einanderprü- Systems gibt. Sie charakterisieren zu­Korps"( Nr. 46) gegen die anständigen gehalten sind, von ihr eure angebliche Zu- fens sind dem letzten anständigen Menschen gleich das System als die Herrschaft Menschen in Deutschland . Die Po- gehörigkeit zum deutschen Volke herzulei- die Augen aufgegangen über den völkischen grombanden heulen auf gegen das ten, Aber wir sind wohl imstande, auch Unwert eines grossmäuligen Bildungspacks, des Pogromgesindels über die anstän­,, Pack", das es wagt, den Pogrom zu missbilligen. Das" Schwarze Korps" gesteht, wie allgemein die Ablehnung

ist:

die geistigen Rassemerkmale eines Men- das in den entscheidenden Tagen nicht nur digen Menschen.

Volk gegen Pogrom gegenüberstand. Ich erinnere mich hier be-] Diese Frage, so heisst es weiter, gab Zeug­sonders einer Frau, die offen ihr Entsetzen nis von der inneren Anteilnahme an den Ein schwedischer Gelehrter darüber ausdrückte, dass 16 bis 17jährige Geschehnissen des Vaterlandes, von dem berichtet aus Berlin Burschen an dem Vernichtungstreiben teil. Verantwortungsbewusstsein ,, einer auf Ein bekannter schwedischer Gelehrter, nahmen. Während der ganzen Zeit nahm Gedeih und Verderb verschworenen Volks­Der Leser, zufrieden end­

Jeder von uns hatte in den letzten Ta­gen wohl mit einem solchen treuherzigen Vertreter urchristlicher und beinahe schon vorderasiatischer Nächstenliebe mehr oder Universitätsprofessor Ake Holmbäck( Up- der Strassenverkehr seinen normalen Lauf, gemeinschaft".

stand und an

Germaniens ."

beinahe unpolitische histo­an dem Tage also, an dem die neuen Andere Polizisten waren nicht zugegen, ob- rische Betrachtung entdeckt zu haben, fährt Polizeipräsidium ruhigen Gemütes in der Lektüre fort und jedem Kaffeehaustisch unge- bestialischen Ausschreitungen der Nazis wohl erschrickt erst beim dritten Absatz:

jedem Fleischerladen, an jedem Zeitungs- lin,- rufen auftauchten, wie weiland die from- gegen die deutschen Juden einsetzten. Er nur etwa 400 Meter entfernt liegt... men Missionare in der ungastlichen Wildnis wurde Augenzeuge all der viehischen Un­

Die Vertreter der urchristlichen

Berlins

Ich ging in eine der Nebenstrassen. dasselbe Bild: taten, die auf Goebbelsgeheiss vom braunen Ueberall zertrümmerte Mob begangen wurden und werden. Scheiben, zerstörte Läden. Als ich schliess­dass ich mich im Strassen­In der Stockholmer Tageszeitung ,, Da- lich merkte,

weise einen sehr erheblichen Prozent- einen

Nächstenliebe müssen erfreulicher- gens Nyheter" hat Prof. Hombäck nunmehr gewirr verirrt hatte, zog ich meinen Reise

ausführlichen Bericht erstattet, in führer hervor, um mich zu orientieren. So­selbst mit eigenen Augen und Ohren in Ber - fragte:

satz des deutschen Volkes ausmachen dem er lediglich das wiedergibt, was er fort kam ein Arbeiter auf mich zu und

wenn sie so zahlreich aufgetreten lin sah und hörte. Wir wollen die tiefstes

sind. Man kann ruhig behaupten, dass Grauen erregenden, eingehenden Schilde­mit solcher Allgemeinheit nur eine rungen, die er von den organisierten ,, Wut­Mehrheit des Volkes in Erscheinung gibt, hier nicht im einzelnen anführen.

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ausbrüchen" nazistischen Lumpengesindels

,, Sind Sie fremd in Berlin ?" ,, Ja, ich bin Schwede."

,, Nun, und was sagen Sie als Unpartei­ischer zu alledem?"

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, Was ich sage? Ich kann es nur für einen Ueber diese jüngsten ,, Heldentaten" des Ausbruch von Wahnsinn halten." ,, Ja, das sagen die meisten. Aber die Po­auch im Ausland bereits genau im

-

Das" Schwarze Korps" gesteht ein deutschen Gangster- Regimes ist man ja weiteres. Mit dem ganzen Hass des Bilde. Prof. Holmbäck betont ausdrücklich, lizei lässt es geschehen. Die kleine Syna­antisemitischen Pogrompöbels gegen dass die in der Auslandspresse erschiene- goge steht in Brand. So etwas wird nicht

die anständigen Leute tobt es gegen

zen Korps" lassen es erkennen:

nen Schilderungen keinerlei Uebertreibun- ungestraft bleiben. gen enthielten.

Was seiner

Amerika wird sicher Gegenmassnahmen treffen." Wir gingen ein Stück Weges zusammen und sprachen davon, welch eine Schande

die geistige Oberschicht". Wer ist ge­meint? Einige Stichworte des..Schwar- authentischen Tatsachenbericht eines profür Deutschland diese Geschehnisse seien.

Die Wirtschaft

geistige Oberschicht"

uns eindringlich Masseninstinkte"

Arbeit"

95

.

minenten ausländischen Augenzeugen je­doch ein ganz besonderes Gewicht verleiht,

Das war nicht das einzige Mal, dass ich

die Kultur ist die darin immer wieder klar hervortre- von Menschen angesprochen wurde, denen

Sie warnten tende Feststellung, dass die breiten Massen es ein Bedürfnis war, einem Ausländer ver­vor dem Appell an die des deutschen Volkes mit der ganzen anti- stehen zu geben, dass sie nicht auf seiten ,, Ihre wächsernen jüdischen Barbarei nichts zu schaffen ha- der Antisemiten stehen."

fahrigen Hände verraten keine zupackende ben. Die Zerstörungen und Plünderungen lichen Habitus, die Titel und Würden, so scharen vorgenommen. Die Massen der Be­sie welche haben, die Opportunitätsabzei- völkerung nahmen an ihnen nicht teil, ja chen und Ordensbändchen, die sie sich viele Menschen wagten es, ihren Abscheu Volke nicht. ansteckten, und setzt sie in ein stickiges offen kundzutun.

,, Nehmt ihnen den bürger- wurden von herbeikommandierten Nazi­

Literatenkaffee. Dann steht vor uns das

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wurzellosen Intellektuellen, den

Intellektbestie bedachten."

33

,, Auch wir stellen diese Frage täg­lich. Aber Hand aufs Herz! Gibt es nicht in uns, wenn wir wie die alten Athener nach den letzten Neuigkeiten fragen, auch einen Ton, der nicht mehr so ganz in jener ursprünglichen vaterländischen Reinheit erklingt...

Nun, es ist ja so menschlich, wenn un­sere Stimme beim Fragen leise zittert oder wenn sie geschwellt wird vom Brustton überschwenglicher Hoffnungen. Und doch, es ist ja schon ein leises, fast unmerkliches Abweichen von jener ernsten und geschlossenen Geradlinig­keit der eigentlichen politischen Frage". Und nun geht es los:

,, Entartung jedoch liegt in der Frage­stellung, wenn sie der berufsmässige ,.Meckerer" an seinen Partner richtet. Der Unterton, der in den Worten: Na, was gibt es wohl Neues? zum Ausdruck kommt, schliesst gleichsam schon die Antwort ein, besonders wenn jene, alles Hoffen zermalmende Geste der Hand

sie begleitet, die besagt: Es ist doch alles mies, was geschieht. Es lohnt nicht zu fragen, die Behörden machen doch alles falsch. Dieses Fragen ist schon weit we­niger harmlos. Im Grunde offenbart sich im Meckerer kläglichste eigene Minder­wertigkeit".

دو

دو

altvertraute und nur etwas verschüttete hierüber mitzuteilen hat: wir einmal mit dem treffendsten Namen grossen Menge von Zuschauern, von denen gen, teils zwischen den Zeilen, teils, indem men kann, die Frage sei eine entartete Fra­

Nicht fragen! Wer wird nach dieser Warnung noch zu Siegerstimmung herrscht im deutschen , Wie geht es? oder Das bestätigen übereinstim- forschen wagen: Berichterstatter, Was gibt es Neues?" Hat man seine Stim­mend alle ausländischen Hören wir, was der nordische Gelehrte so sehr sie sich sonst in der Beurteilung der me, seine Gesichtsmuskeln, seine Handbe­deutschen Situation widersprechen mögen. wegungen immer so gut im Zaum, dass der ,, In der Münzstrasse stand ich unter der Das bestätigen auch die deutschen Zeitun- Gesprächspartner nicht auf die Idee kom­Unzufriedenen" die meisten sich in einiger Entfernung von sie den ,, ewig heftige ge? Vielleicht tut man besser daran, gar­den angegriffenen Läden hielten. Die Zu Strafpredigten halten. Der Völkische Be- nicht zu fragen, sondern als freier Bürger 11. z. B. beginnt einer verschworenen Gemeinschaft frisch

Würden, die keine Literaten sind und Zerstörern

دو

Wer sind denn die Leute mit dem schauer bildeten durchaus nicht ein wut obachter" bürgerlichen Habitus, den Titeln und entbranntes Menschengewoge, das mit den ein scheinbar harmloses Feuilleton mit den von der Leber weg zu erzählen, was man

zu einer Einheit zusammenge schmolzen wäre. Im Gegenteil: es wurden

künstlich zu Intellektsbestien gemacht von seiten der Bevölkerung keinerlei Kund­werden sollen? Gegen wen wird die gebungen irgendwelcher Sympathie mit den schwielige Faust des Gesindels mobil- Vernichtungstaten laut, dafür hörte man

gemacht?

die

Aeusserungen, die darauf hindeuteten, dass Volksmenge dem Treiben feindlich

Worten:

16. vom

man

,, Die erste Frage, die ein Athener an seine Mittbürger richtete, wenn sich in der Frühe eines jeden Tages auf dem Markt, dem Treffpunkt der freien Bürger einer politischen Gemeinde, be­gegnete, lautete: ,, Was gibt es Neues?"

-

weiss. Aber das sagt der ,, Völkische Be­obachter" wäre ,, noch schlimmer": ,, Der Meckerer weiss zwar alles viel besser, aber der fragt doch noch, er will immerhin wissen. Völlige Entartung of­fenbart sich, wenn der Frager garnicht mehr fragt, um etwas Neues zu erfahren,