Nr. 140.
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boda si 17. Jahrg.
Vorwärts
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Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Fernsprecher: Amt I, Nr. 1508.
Die Landtags- Session.
Mittwoch, den 20. Juni 1900.
Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3. Fernsprecher: Amt I, Nr. 5121.
haben, planmäßig darauf gerichtet, durch künstliche Schluß des Landtags das Bedauern der Regierung darüber Mittel die Machtstellung des Junkertums zu aus, daß das Kanalprojekt, welches einem dringenden Verheben. Es sei in dieser Beziehung nur erinnert an die fehrsbedürfnis entsprochen und den Osten mit dem Westen Kaum jemals ist eine Session des preußischen Landtags vielen Vorlagen, die sich auf Eingemeindungen beziehen und der Monarchie wirtschaftlich noch inniger vereinigen soll, die fo unfruchtbar gelesen, wie die eben geschlossene. An die alle eine künstliche Verschiebung des Zustimmung des Hauses der Abgeordneten nicht gefunden pofitiven Arbeiten ist so gut wie nichts geleistet, und daß Stimmen verhältnisses für die Wahlen zu hat. Sie hält im allgemeinen Interesse der Landeswohlfahrt das wenige, was zu stande gekommen ist, nichts taugt, er- Gunsten der Konservativen zur Folge haben; es an diesem großen Werk unverbrüchlich fest und giebt sich der klärt sich ganz von selbst, wenn man die Zusammensetzung sei ferner erinnert an die Aenderungen von Be sicheren Erwartung hin, daß die Ueberzeugung von dessen Notdes Landtags und den in dieser Körperschaft herrschenden st immungen der Kreisordnung für die Provinzen wendigkeit und Bedeutung im Volk immer mehr Boden fassen Geist bedenkt. Ost- und Westpreußen , Brandenburg , Pommern und Schlesien , und daß es bereits in der nächsten Session gelingen eines der reaktionärsten Gesetze, die jemals in Preußen im wird, eine Verständigung darüber mit dem Landtag der Interesse des Junkertums erlassen sind. Monarchie herbeizuführen."
Daß ein so erzreaktionärer Minister über die mit großer Mehrheit erfolgte Ablehnung des Antrags des Freifinnigen Dr. Barth betreffend Aenderung der Wahl bezirke für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus- übrigens ein gar zu freifinnig" frisierter Antrag- seine helle Frende empfindet, fei nur nebenbei erwähnt.
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Und in der Thronrede, mit der der Landtag im Januar eröffnet wurde, betont die Regierung von neuem, daß sie nach wie vor an der Ueberzeugung festhält, daß die Herstellung eines Schiffahrtskanals vom Rhein bis zur Elbe zur teilweisen Entlastung der Staatseijenbahnen wie zur Hebung des binnenländischen Verkehrs notwendig sei.
bei
Verhältnismäßig die meisten Geseke sind aus dem Ministerium des Innern hervorgegangen. Der neue Minister fann im großen ganzen mit Befriedigung auf seine bisherigen Erfolge zurückblicken. Selbstredend bedeutet das für ihn kein Lob oder gar eine Anerkennung seiner Fähig. feiten. Im Gegenteil, wenn die Vorlagen eines Ministers vom Dreiklassen- Parlantent jo glatt erledigt werden, wie die des Freiherrn b. Rheinbaben, so kann man mit ziem licher Sicherheit darauf schließen, daß sie vor einer höheren Genau so wie die Novelle zum Kommunalwahlgesetz Gewiß, wir zweifeln feinen Augenblick daran, daß die Stritit nicht bestehen können. Ein bißchen Schneid' und bedeutet auch das Gesetz betreffend die Warenhaus Regierung nach wir vor an ihrer Ueberzeugung festhält, aber der Minister hat die Konservativen auf seiner Seite; dazu steuer eine Verbeugung der Regierung bor der sie wagt nicht, aus ihrer Ueberzeugung die notwendige ein bißchen Frömmelei und er hat auch die Klerifalen fonservativ- flerifalen Mehrheit des Hauses; mir mit dem Konsequenz zu ziehen aus Furcht vor dem Junkertum. Deut für sich. Und mit Hilfe diefes konservativ- Klerikalen Unterschied, daß es in diesem Fall nicht Frhr. v. Rheinbaben, lich genug haben ihr ja die Junker zu Beginn der Session Bündnisses kann man in Preußen alles erreichen, was sondern sein Herr und Meister Dr. v. Miquel ist, der bei der Besprechung der Interpellation über die modernen Anschauungen widerspricht, den einfachsten Gesetzen den Feinden des Fortschritts seine Reverenz erweist. Seit Beamtenmaßregelungen den Text gelesen, deutder Volkswirtschaft ins Gesicht schlägt oder socialpolitisch ver Jahren haben die Mittelstandsretter aller Richtungen im lich genug haben sie ihr noch jüngst bei der' kehrt ist. Abgeordnetenhaufe einen förmlichen Feldzug gegen die Waren- Beratung der Interpellation über den GroßKonservativ fleritalen Geistes voll ist in erster Linie das häufer eröffnet. Au ihrer Spike stand der konservative Abgeordnete schiffahrts Kanal Berlin Stettin und Gefes über die 8 wangserziehung oder wie fein neuer v. Brodhausen, der frühere Landrat des Kreises Dramburg, der Beratung des schlesischen Hochwasser Titel lautet, über die Fürsorge Erziehung für Jugendliche. Die dem das Glück zu teil wurde, wegen seiner Stimmabgabe Gesetzes zu verstehen gegeben, daß die Regierung sich dem Erfahrungen des öffentlichen Lebens lassen, wie es in der gegen den Wittellandkanal gemaßregelt zu werden. Energisch Willen der kleinen, aber mächtigen Bartei zu fügen hat. Und Thronrede heißt, leider eine zunehmende und für die religiöse ist diesem Versuch, einer natürlichen Entwicklung durch Gewalt wenn Fürst Hohenlohe im vorigen Jahre den Konservativen und sittliche Entwicklung des Volfs bedrohliche Verrohung mittel Halt zu gebieten, noch bis in die letzten Jahre hinein zugerufen hat, hat, daß ihr Stampf gegen die Kanalunter der Jugend erkennen. Um dieser Verrohung Herr v. Miquel entgegengetreten. Aber endlich fam er doch vorlage weittragende Folgen in Beziehung auf ihr Einhalt zu gebieten, ist natürlich ein neues Polizeigesetz er zu der Einsicht, daß es nicht möglich ist, in Preußen gegen bisheriges Verhalten zur Regierung haben wverde, forderlich. Flugs beordert der Minister einen seiner Geheim das Junkertum zu regieren; so opferte er denn seine Ueber- so mag der alte Herr in dem Augenblick, als er räte, einige neue Gesetzesparagraphen auszuarbeiten, in denen zeugung die ja bei ihm stets nach Opferung dürftet- und muter diefe Worte sprach, wirklich von ihrer Richtigkeit durchdrungen Gebet und Prügel als das Allheilmittel gegen die Verrohung ftügte die Konservativ- Klerifalen durch Einbringung einer Vorlage, gewesen sein, aber er hat doch die thatsächlichen Verhältnisse empfohlen werden, und Religion und gute Sitten sind dem deren Grundgedanken er noch vor wenigen Monaten bekämpft verkannt. Er hat übersehen, daß preußische Regierung und Volf erhalten; Frhr. v. Rheinbaben kann sich mit dem Glorien hatte. Irgend welche Bedeutung ist dem Gesetz kaum bei- preußisches Junkertum sich wohl auf wenige Tage entzweien, schein eines Retters des Vaterlands umgeben. zumessen, es wird die natürliche Entwicklung des Handels daß sie wie zwei Verliebte eine furze Zeit lang schmollen nicht aufhalten, sondern höchstens für bestimmte Streise ge- tönnen, aber nur um sich nachher desto inniger in den Armen wisse Belästigungen zur Folge haben. Wohl aber fönnen mm zu liegen. die Konservativen bei den nächsten Wahlen dem Mittelstande Regierung und Junkertum sind auf einander angewiesen. allerlei borreden, sie können um die Stimmen der unter Mit Hilfe des Junkertums hofft die Regierung ihre fulturgehenden fleinen Handwerker und Krämer buhlen, sie mit feindlichen Pläne durchzusetzen, mit Hilfe der Regierung hofft Aus einem sehr einfachen Grunde. Freiherr schönen Redensarten betören und hinterher, wenn sie unter sich das Junkertum das Volt weiter ausbeuten und nebeln zu v. Rheinbaben hält vor Eintritt in die Beratung eine wüste find, Herrn v. Miquel preisen, der ihnen die Bauernfängerei fönnen. So wird die Regierung auch im nächsten Jahre, um Hegrede gegen die Umstürzler, er redet dem Landtage vor, so sehr erleichtert hat. es mit den Junkern nicht zu verderben, die Kanalvorlage daß es mit Hilfe dieses Gescßes möglich sei, die Social- Das Junfertum hat somit allen Grund, mit Zufriedenheit ad acta legen, sie wird statt dessen wieder Geseze einbringen, demokraten aus den städtischen Parlamenten zu verdrängen, auf die Landtags- Session zurückzublicken, und fast noch mehr die jedem Fortschritt Hohn sprechen und eines modernen er bringt zunächst die Konservativen in in eine gewisse als über seine positiven Erfolge fann es sich darüber freuen, Staats unwürdig sind. Die Junker werden die von Herrn Hurraſtimmung und verfügt dadurch bereits beinahe daß es die Regierung verhindert hat, von neuem das Kanal- v. Miquel bereits angekündigten agrarischen Geseze, über die Mehrheit. In der Kommission wurden projekt einzubringen. sie werden das Knebelgeset für ländliche dann dem Centrum als Belohnung für seinen im Reichstage Wenn irgend etwas, so beweist das Verhalten der Ne Arbeiter erreichen, kurz die Regierung wird ihnen berübten Volksverrat einige Zugeständnisse gemacht, der Schacher gierung in der Kanalfrage ihre völlige Rapitulation jeden Gefallen erweisen, sie wird ihnen nach wie vor zu wird perfekt, und der Minister kann sich eines neuen„ Erfolgs" vor dem preußischen Junkertum. Erst legt die Diensten sein. rühmen. Regierung der Kanalvorlage einen so hohen Wert bei, daß Die Stoften dieses edlen Bündnisses hat natürlich das Ist der ausgesprochene Zweck des Kommunal- Wahlgefeßes sie unfrer Ansicht nach im Widerspruch zum Geiste der arbeitende Volk zu tragen. Kein Wunder, denn der preußische eine Schwächung des socialdemokratischen Einflusses in den Verfassung diejenigen politischen Beamten, die dagegen Landtag ist keine Volks, sondern eine Interessen Vertretung. Kommunen, fo find zahlreiche kleinere Vorlagen aus dem gestimmt haben, ihres Amts entsetzt. Ende August vorigen Jahrs Und daß dem so ist, hat auch die verflossene Session wieder Ministerium des Innern, die scheinbar nur lofale Bedeutung spricht der Ministerpräsident Fürst zu Hohenlohe beim von neuem bewiesen.-
Genau so leicht hat es sich der Minister des Innern bei der Reform des Kommunal- Wahlgesetes gemadit. Eine mechanischere Regelung des Wahlgefeges, eine rohere Art der Gesetzgebung, läßt sich faum denken. Und doch hat diese Vorlage die Zustimmung der„ Voltsvertretung" gefunden. Warum?
Hepp! Hepp!
Konig, den 18. Juni 1900.
Hepp! Hepp! bildet den Grundaccord. Aber man beschränkt sich nicht auf blasse Allgemeinheiten; man spricht sich in den Juschriften deutlich aus. Ich gebe ein paar Proben. Da liest man:
beuteten Landestinder zu benennen pflegte. Aber erfahrene Männer Konig , wohl aber in dem benachbarten Tuchel sind auch die Schans bemühen sich, dem Mangel abzuhelfen. In Manneshöhe ist an fenster einiger jüdischer Cigarren- und Kurzwarenhändler geeinzelnen Stellen des Zauns in deutlichen schönen lateinischen Buch- plündert worden. In Tuchel, das einen jüdischen Bürgers staben das Wort vorgeschrieben, das ungeschickte Kinderhände dann meister hat und bei 3500 Einwohnern fast ebensoviel Juden unten nachgetrahlt haben. Die öffentliche Erziehung der Jugend zählt, wie Konig, wird der angerichtete Schaden auf etwa 6000 M. wird also nicht vernachlässigt. begiffert. Am schlimmsten sind die jüdischen Proletarier, die Hausierer, daran, die mit dem Päckchen auf dem Rücken über Land ziehen. Die meisten haben ihr Geschäft einstellen müssen. An ein zelnen Gehöften flebt ein Verbot, das jüdischen Hausierern das Bes treten des Grundstücs untersagt. Und das Schicksal eines jüdischen Haufierers, der zwölf Kilometer vor Konig zwischen Görsdorf und Melanenhof bewußtlos und übel zugerichtet aufgefunden wurde, zeigte, daß man auch vor Verbrechen nicht zurückschreckt. Der Mann ist zwar nicht totgeschlagen, wie es zuerst hieß, aber der Arm ist ihm zweimal gebrochen und der Schädel eingehalten worden. Er liegt jetzt im katholischen Krankenhaus, im Borromäusstift zu Ronitz.
„ Die Juden haben den Ernst Winter geschlachtet." " Jud Levy hat's gethan."
Der verwüsteten Synagoge gegenüber liegt die Loge. Ich weiß nicht, wie sie heißt; vielleicht: humanitas. Das Logengebäude ist ein kleines Landhäuschen, das sich in einem tiefen, grünen Garten versteckt. Dort versammeln sich die Brüder; es sind fiebzig, achtzig Mann, Kaufleute, Beamte, Rechtsanwälte, ein paar Großgrundbefizer aus der Umgegend, ein paar Handwerker. Juden werden zwar nicht aufgenommen, drei haben sich aber doch Zutritt verschafft: sie find in andern Städten Logenmitglieder geworden und werden nun auch hier als Brüder geduldet. Die Loge ist der vornehmste Vergnügungsberein der Stadt. An schönen Nachmittagen spazieren die Frauen und Töchter der Mitglieder im Garten umher, und die Kinder ist vortrefflich. spielen auf dem Spielplag. Von sonstigen Thaten der Loge weiß ich nichts zu vermelden, sie interessierte mich auch weniger, als der Zaun, der ihren Garten von der Straße absperrt.
Hepp, hepp, es ist bekannt gemacht, Die Juden haben ein' Christ geschlacht."
Der Vers ist nicht sehr schön, aber die antisemitische Gesinnung Gin andrer Dichter wagt folgende Konjettur, die merkwürdiger weise noch nicht in der Staatsbürger Zeitung" gestanden hat:
Der Juden- Doktor ist ein guter Mann, Weil er die Christen schlachten kann." Unter den sechs Aerzten, die Koniz hat, befindet sich allerdings tein Jude. Nur ein jüdischer Zahnarzt ift vorhanden, der natürlich auch einmal der That befchuldigt worden ist. Dagegen figen vier jüdische Juristen in der Stadt: zwei Rechtsanwälte unter acht christlichen Kollegen und zwei Landrichter.
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Solche Vorgänge sind nur aus der tiefen Umvissenheit und der niedrigen Kulturstufe der Bevölkerung erklärlich. Eine große Rolle spielt der naive Glaube an die Wahrheit des gedruckten Worts. Die Zeitung schriewt es doch", heißt es. Und die Zeitung, die Staatsbürger- Zeitung", die ihre eifrigen Apostel hat in Konig stehen sie unter der Leitung des bekannten Agitators Werner aus Landsberg a. d. W.- schreibt ja sehr viel. Neben ihr ist das Stonizer Tageblatt" thätig, das mit dem amtlichen Kreisblatt in Der Geldgeber soll ein Baron demselben Berlag erscheint.
Dieser Zaun ist sozusagen ein historisches Dokument. Auf ihm hat sich die Kinderfeele von Konig und auch die Seele vieler Erwachsener in zahllosen Inschriften niedergelegt, die zur Beurteilung der Geistes- und Gemütsverfassung des Städtchens nicht wertlos sind. Auch aus den Inschriften ist noch die Zeit zu erkennen, wo Sonitz friedlich und harmlos dahinlebte. Die Buchstaben und Zeichnungen der Vergangenheit sind freilich schon arg verwischt und überschrieben, aber noch tann man lesen, daß„ Stafimir verridt ist". daß„ Bruno" eine Vorliebe für Rahmtäje an den Tag legt, daß " Anna" dies und jenes gethan hat. Die Beschäftigung mit folchen Nichtigkeiten ist nun vorbei. vorbei. Die Konizer Die Konizer Stinder haben heute etwas andres habe die au schreiben. Ich habe „ Die Juden müssen lebendig begraben werden." Hepp! Hepp!", die an den Bretterzaun geschrieben sind, nicht Es ist ja nicht nur bei der Bestialität in Worten geblieben. gezählt, aber einige fünfzigmal kehrt das Wort wieder. Noch Die Zerstörung von Fensterscheiben ist noch das harmloseste. Böser Von der geistigen Dürftigkeit des Konizer Wurstblatts, das sich jchwantt die Orthographie diefes Schlachtgeheuls der westpreußischen ist schon der offenbare Versuch, die Synagoge in Brand zu steden in feiner legten Abonnements- Einladung ein ferudeutsches Blatt " Frotesen", wie Friedrich II. in seinen Privatbriefen die frisch er- und die Demolierung ihrer inneren Einrichtung. Zwar nicht in am Baum der deutschen Journalistik" nennt, kann man sich schwer
Die Inschriftenschreiber ziehen mutig auch die notwendigen Folgerungen aus ihrem Wissen. Das Juden raus 1" tritt auch specialisiert in dem Wunsche auf: Die Juden müssen nach Palästina." Am besten aber hat den Sinn der antisemitischen Bes wegung folgende Inschrift zusammengefaßt:
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