Nr. 191.
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Vorwärts
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Berliner Volksblatt.
17. Jahrg.
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Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Fernsprecher: Amt I, Nr. 1508.
Parteigenossen!
Sonnabend, den 18. August 1900.
Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3. Fernsprecher: Amt I, Nr. 5121.
Die Selbstausschaltung des Reichstags.it barauf nehmen zu müſſen, daß nach einer ungewöhnlich langen
Dringlicher denn je ist der Zusammentritt des deut schen Reichstags. Die chinesische Angelegenheit ist durch freiung der Gesandten in ein neues Stadium gelangt. Die deutsche Politik steht vor wichtigsten Entscheidungen.
Laut Beschluß des vorjährigen Parteitags findet der diesjährige den Einmarsch der verbündeten Truppen in Beling und die Be in Mainz statt.
Auf Grund der Bestimmungen der§§ 7, 8 und 9 der ParteiOrganisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf
Montag, den 17. September, morgens 9 Uhr, nach Mainz in die Stadthalle Mainz " ein.
"
Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Montag, den 17. September, und die folgenden Tage: 1. Konstituierung des Parteitags. Wahl des Bureaus. Festsetzung der Geschäfts- und Tagesordnung. Wahl einer Kommission zur Prüfung der Mandate.
2. Geschäftsbericht des Vorstands.
Berichterstatter: W. Pfannkuch und A. Gerisch.
3. Bericht der Controleure.
Berichterstatter: H. Meister.
4. Bericht über die parlamentarische Thätigkeit. Berichterstatter: B. Singer.
5. Die Organisation der Partei.
Berichterstatter: J. Auer.
6. Maifeier.
7. Die Weltpolitit.
Berichterstatter: Th. Megner.
Berichterstatter: Paul Singer.
8. Die Verkehrs- und Handelspolitik.
Berichterstatter: N. Calwer.
Die militärische Aufgabe, die sich die europäischen Mächte in Tschili gestellt hatten, ist in der Hauptsache beendet. Besteht jetzt die deutsche Regierung auf Entsendung weiteren Truppennachschubs, so bekundet sie, daß sie Absichten verfolgt, die weit über das im Bülowschen Rundschreiben nieder gelegte Programm hinausgehen.
Feldmarschall Graf Waldersee rüstet soeben zur Abreise und laute Abschiedsfeierlichkeiten werden ihm bereitet. Gs mag nicht nur für ihn schmerzlich sein, daß er das Los des Prinzen Heinrich teilen und des blutigen Kriegslorbeers entbehren soll. Aber seine Abreise nach China hat jezt je den
Sinn verloren.
Es ist schon deutlich gewesen, daß die auswärtigen Mächte sich die impulsive Einsegung des deutschen Oberkommandeurs gern haben gefallen lassen in der Ueberzeugung, er werde bei seiner Ankunft in China nichts mehr zu thun vorfinden. Das Oberkommando ist darum auch auf die Operationen in der Provinz Tschili beschränkt
worden.
Das stürmische Vorgehen Deutschlands hat uns schon jetzt dem Spott des Auslands preisgegeben. Nichts könnte grotesfer wirken, als wenn der deutsche Heeresführer nach 1/2 Monaten in Peking eintrifft, wo alles längst entschieden ist. Desgleichen ist die beab fichtigte Entsendung einer dritten Brigade völlig zwecklos geworden. Diese Rüstungen fortsezen wollen, hieße mit dem Geld der Steuerzahler selbst für deutsche Verhältnisse allzu tollen Mißbrauch treiben. Bestätigen sich die neues Nachrichten über die Situation in Beting, so hat nun die Diplomatie das erste Wort. Ein weiteres militärisches Draufgehen Deutschlands würde die Ab
9. Die Tattit der Partei bei den Landtagswicklung der diplomatischen Schwierigkeiten außerordentlich er
wahlen.
Berichterstatter: A. Bebet.
10. Anträge zum Programm.
11. Sonstige Anträge.
Beit bereits eine förmliche Etatisierung der Forderungen für China bewirken. Ueberdies glaubte man in Bundesratstreifen Rück= und arbeitsreichen Tagung viele Reichstags- Abgeordnete der Ausspannung dringend bedürfen. Es wurde demgemäß davon Abstand genommen, die Einberufung des Reichstags Sr. Majestät dem Kaiser zu empfehlen, statt dessen aber der Bundesrats- Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten zum Zusammentreten veranlaßt, weil Staatsfetretär Graf Bülow den Wunsch hegte, sich gegen den Vorwurf zu schützen, als ob er irgend einen Schritt und irgend eine Maßregel an allerhöchster Stelle befürworten oder in Uebereinstimmung mit den Intentionen der allerhöchsten Stelle in die Wege zu leiten suche, ohne daß er sich der Uebereinstimmung der in diesem Falle zum Raten und Thaten berufenen Einzelstaaten vergewissert habe. Der Wahrheit gemäß ist damals aus der Sigung des Bundesrats- Ausschusses für auswärtige Angelegen beiten gemeldet worden, daß der Vorsitzende Ministerpräsident Frhr. v. Crailsheim dem Staatssekretär Grafen Bülow seine vollste Anerkennung aussprach, weil er auch in diesem Falle als der richtige Mann an dem Plazze, den er einnehme, sich bewährt habe. Im Rahmen des Programms, das damals seitens des Ansschusses für auswärtige Angelegenheiten vollständige Billigung erfuhr, ist die Chinapolitik der verbündeten Regierungen weiter fortgeführt worden.
Wenn, so fährt die Korrespondenz fort, sich neuerdings Stimmen für die Einberufung des Reichstags erheben, so kann ein solches Verlangen, wie wir aus gut unterrichteten Kreisen er fahren, nach Lage der Dinge, wenn ihm Folge gegeben werden sollte, nichts andres bezwecken, als daß Graf Bülow aus dem von ihm knapp genug bemessenen Urlaub herausgetrieben und der Reichskanzler bezw. der Staatsjefretär des Reichs Schazamts, Frhr. v. Thielmann, gezwungen würden, dem Reichstag die Bewilligung eines Chinakredits zu empfehlen. Eine Etatisierung der Chinaforderungen läßt sich augenblicklich ebenso wenig wie im Anfang Juli herbeiführen." all nig
Die Sicherung der Gesandten.
Schneller als nach dem ersten kräftigen Widerstand der Chinesen erschweren. Nachdem die Mächte das Leben ihrer Gesandten gesichert in den Tatuforts, bei Tientsin und bei Peitfang anzunehmen war, und da irgendwelcher organisterter Widerstand chinesischer Truppen ist der Vormarsch der verbündeten Truppen bis Peking zur Ausfaum zu erwarten ist, werden die Mächte mit möglichster Vorsicht führung gelangt. Die Chinesen haben nicht die Kraft gefunden, vor eine Neuordnung der Verhältnisse in Peking zu schaffen versuchen, ihrer Hauptstadt dem Gegner nochmals zu trogen. Nach den heutigen Will da Deutschland noch einen besonderen Rt ache- und Sühne- Telegrammen, deren Richtigkeit kaum zu bezweifeln ist, sind die Für Sonntag, den 16. September, ist seitens der Parteigenoffenfeldzug führen? Will es bis in das Jnnerste Chinas dem Verbündeten in Peking eingedrungen und die Gesandten gesichert. in Mainz eine Empfangs- und Begrüßungsfeier vorgesehen. Die fliehenden Feind nachjagen? Das wäre ein ungeheuerliches, aus- Die chinesische Regierung soll schon vor acht Tagen die Flucht in das felbe findet abends von 7 Uhr ab in der sichtsloses Unternehmen. Innere des Reichs ergriffen haben.
ſtatt.
,, Stadthalle Mainz"
Die Adresse des Lokalkomitees ist:
Balentin Liebmann, Mainz , Boppstr. 14. Für die Quartierbeschaffung haben die Mainzer Genossen einen besonderen Ausschuß eingesetzt. Delegierte, die in Bezug auf Wohnung 2c. besondere Wünsche haben, wollen sich an folgende Adresse wenden:
Heinrich Zeeh, Schriftfezer, Mainz , Breitenbacherstr. 21. Barteigenossen! Wir fordern Euch nun auf, die erforderlichen Borarbeiten zu treffen, insbesondere die Wahl von Delegierten und die Einreichung der Anträge rechtzeitig zu bewirken.
Die Anträge müssen spätestens den 8. September in den Händen bes Vorstands, Adresse:
J. Auer, Berlin SW. 47, Kreuzbergstr. 80 sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen des§ 8 bfaz 2 der Bartei- Organisation im„ Borwärts" veröffentlicht werden und in die gedruckte Borlage für den Parteitag Aufnahme finden sollen.
Anträge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegenzeich nung des Vertrauensmanns oder des Vorstands der örtlichen bezw. Streisorganisation, falls sie zur Veröffentlichung und Beratung gelangen sollen.
Die Barteigenoffen, die zum Parteitag kommen, werden ersucht, von ihrer Delegation dem Vorstand und dem Lokalkomitee rechtzeitig Mitteilung zu machen.
Und doch besteht die Gefahr, daß der weltpolitische Chauvinismus nicht rasten will, bis er ein Stück Gloire und reiche Beute aus China heimbringt.
Schon jetzt aber gilt der Haß der chinesischen Bevölkerung besonders den Deutschen . Wollten wir weiterhin die gepanzerte Faust spielen lassen, so würde uns der verbitterte Haß der chinesischen Bevölkerung in steigendem Maße verfolgen und die Aussichten de s Handels mit China würden völlig vernichtet werden.
Es liegen über die letzten Ereignisse folgende Nachrichten vor: Shanghai , 16. Auguft. Von chinesischer Seite wird aus Tsinaufu anscheinend glaubwürdig gemeldet:
Verbündete Truppen haben nach Einzng in Peking Gesandten entsetzt.
Kaiferin- Witwe aus Peking verschwunden, über Verbleib des Kaisers nichts bekannt.
In dieser Lage der Dinge hat der Reichstag die größte Shanghai , 16. August. ( Meldung des Reuterschen Bureaus".) Verpflichtung vor dem deutschen Volt. Er hat die Aufgabe, jedes Li- Sung- Tichang erhielt eine Depesche, daß die verbündeten Unterfangen ruhmsüchtigen Draufgängertums zu hindern und Truppen am 15. Auguft in Pefing einzogen, ohne auf das chinesische Unternehmen nach 8 wed und Widerstand zu stoßen. Li- Hung- Tschang richtete ein Schreiben Biel genau zu begrenzen. Das ist keine socialdemokratische an die Kaiserin- Witwe, in welchem er sie ersuchte, in Peking zu Forderung an den Reichstag . Das fordert das Interesse selbst der weltpolitischen bürgerlichen Parteien.
bleiben.
London , 17. Auguft. Die Abendblätter veröffentlichen folgende
Shanghai , 17. August, 10 Uhr 15 Min. morgens: Hiefige Mandarine erhielten die Nachricht, daß die Kaiferin- Witwe, Prinz Tuan und der kaiserliche Hofstaat mit dem Hauptteil des Heeres und den Bogern am 7. August Peking verlassen und fich nach sianfu begeben haben. Die verbündeten Truppen begannen ihre Operationen gegen die Mauern von Peting am 15. August. Sie erwarten teinen längeren Widerstand.
Da ist geradezu verbrecherisch das Verhalten des Gen- Telegramme: trums. Die Berliner , Germania " sprach sich zwar vor einigen Tagen für Einberufung des Barlaments aus. Das führende Blatt am Rhein jedoch, die Stölnische Boltszeitung", erflärte, man solle der Regierung die Verantwortung für die chinesische Angelegenheit fi berlassen. Und jetzt jagt die „ Kölnische Volkszeitung":" Viel mehr als die Erfüllung einer Formalität wird die Einberufung des Reichstags kaum bedeuten."
Das ist die freiwillige Abdankung des bürger lichen Parlaments! Das Centrum wälzt in den entscheidenden Fragen der deutschen Politik jede Verantwortlichkeit von fich ab und läßt Regierung und Kaiser uneingeschränkt schalten. Das Centrum läßt die Weltpolitik in den fühnsten Sprüngen gewähren und die Herabwürdigung des Reichstags ist ihm eine Selbstverständ
Mandatsformulare, mit deren Versendung am 27. August be- lichkeit. gonnen wird, find durch das Parteibureau, Adresse:
au beziehen.
Die Genoffen, welche Anträge einreichen, werden darauf aufmerksam gemacht, daß etwaige, den Anträgen beigegebene Motive weder im Vorwärts" noch in der dem Parteitag vorzulegenden gedruckten Vorlage Aufnahme finden können. Die Genossen haben das Recht, ihre Anträge auf dem Parteitag entweder persönlich zu vertreten oder durch befreundete Genossen vertreten zu lassen; außerdem empfiehlt es sich, wichtige Anträge vor dem Zusammen tritt des Parteitags in der Presse zu erörtern. Die Motive aber in die Parteitagsvorlage aufzunehmen, verbietet sich aus räumlichen Rücksichten und der damit verknüpften unvermeidlichen Wiederholungen willen.
Der Parteivorstand.
Kein Wunder, daß die cäsaristischen Feinde der Volksvertretung den bürgerlichen Reichstag höhnen, daß er das Wichtigste ver schlafe!
Shanghai , 17. Auguft, 11 Uhr 40 Minuten vormittags. Die verbündeten Truppen zogen am 15. August in Peting ein. Man glaubt, daß die Truppen Quantfchitais nach der Proving Echenfi gegangen find, um die anf der Flucht befindliche Kaiserin zu schüßen.
Saijerin und
Die Ursachen des schnellen Vormarsches. hiẞaris, 17. August. General Frey telegraphiert aus Tientsin . unter dem 9. b. M.:"
Der Marsch auf Beting wurde veranlaßt durch Nachrichten, welche den Russen und Japanern zugingen und nach welchen die Chinesen die Absicht hätten, teinen Wider stand zu leisten, sondern nach einem Scheinwiderstand bei Es ist begreiflich, daß bei der jämmerlichen Auffassung von den Tungtschou Frieden vorzuschlagen. Nach Tientsin zurückgekehrt, Pflichten des Parlaments, wie sie in den letzten Monaten in allen schlug ich den Deutschen , Oestreichern und Italienern, welche augenbürgerlichen Parteien hervortrat, das Offiziösentum das munmehrige blidlich nicht in der Entsazkolonne vertreten waren, vor, die Abdemütige Betteln, ob die Einberufung des Reichstags nicht vielleicht sendung eines Detachements zu ermöglichen, um gegebenen Falls doch angängig sei, mit spöttischem Lächeln abthut. Eine hiesige bei der Einnahme Betings mitzuwirken. Sie nahmen alle mit Dank torrespondenz verbreitet folgende Berhöhnung der bürger an. Die franzöfifchen Streitkräfte, welche in Tientsin verblieben lichen Parteien: waren, eilen mit ihnen der Entsazkolonne nach, indem sie doppelte Als anfangs Juli die Einberufung des Reichstags wegen Tagemärsche machen. der China - Wirren begehrt wurde, verschob der Staatssekretär des Reichsamts des Innern Dr. Graf Posadowsky den Antritt seines Urlaubs. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts Graf Bülow war, wie zuverlässig verlautet, damals durchaus nicht abgeneigt, dem Reichstag gegenüber zu treten und, wenn man es so nennen darf, das chinesische Pro gramm des Auswärtigen Ants darzulegen. Die Beratungen, welche in der ersten Juliwoche zwischen den maßgebenden Persönlichkeiten des Reichsdienstes gepflogen wurden, führten jedoch zu dem Ergebnis, daß es nicht für möglich gehalten wurde, zu jener
"
Japanischer Marschbericht.
Tokio , 15. Auguft. Auszug aus einem Bericht über den Vormarsch auf Beting: Am 4. August hatten die Streitkräfte der Alliierten Tientsin verlassen und Beitsang und Yangtfun am 5. und 6. besetzt.
Eine japanische Abteilung drang am 7. August bis Namtfaio- tfun vor. Während des Gefechts wurde ein General der früheren chinesischen Garnison von Tientsin getötet, während General Ma verschwand.