Nr. 45.
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Vorwärts
9. Jahrg.
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Redaktion: Beuth- Straße 2.
Dienstag, den 23. Februar 1892.
Expedition: Beuth- Straße 3.
Sonderbare Heilige.
Raiser ausgebracht wurden, ja, die fortschrittlichen Gesinnungs- Franzosen und der Unsicherheit der französischen Zustände. helden überboten in Loyalitätsbezeugungen selbst die konser Gedankenloser Schway! Warum ist das Ministerium
Zu liberalen Heiligen werden jetzt in allen liberalen vativen Parteien. Und was haben sie damit erreicht? Constans- Freycinet zurückgetreten? Weil es bei einer rein und freisinnigen Blättern, in unzähligen Bersammlungen Weiter nichts, als daß sie dem liberalen Philister den zufälligen, nicht erwarteten Abstimmung durch eine Zufalls und in massenhaften Flugblättern, in Prosa wie in Versen Glauben beibrachten, es sei wirklich ein Verbrechen oder majorität in die Minderheit gebracht wurde. Das die Mühler, Puttkamer und Goßler erklärt. doch ein moralischer Defekt, Republikaner zu sein, ganz so Ministerium hätte dieser Abstimmung gar kein Gewicht beiDer Volksschulgesetz- Entwurf wird zwar zweifellos fast un- wie sie es gegenwärtig betreffs des Atheismus bewirken. zulegen brauchen. Allein in demokratischen Ländern ist es verändert angenommen werden, aber selbst wenn er ab- Jm Uebrigen bewirkten und bewirken fte ge- nun einmal Sitte, daß die Regierung sich nach der Boltsgelehnt würde, so hätte doch die Reaktion einen gewaltigen radezu das Gegentheil von dem, was ste in vertretung zu richten hat und nicht mehr im Amt bleiben Sieg erfochten. Denn die ganze liberale Opposition be- ihrer Schlauheit und Feigheit beabsichtigten. Die Krone fann, wenn sich die Majorität der Volksvertretung gegen schränkt sich nicht blos auf die Vertheidigung der bisherigen und speziell die Hohenzollern werden sich wohl hüten in sie erklärt hat. Das ist freilich bei uns anders. Zustände, sondern verherrlicht sie geradezu. Die Mühler, Eugen Richter und Max Hirsch ihre festesten Stüßen zu Wir haben sogenannte starke" Regierungen, die sich um die Buttkamer und Goßler konnten noch nicht wagen, ein Bolts- sehen; da verläßt sie sich doch eher, und zwar mit gutem Boltsvertretung nicht fümmern. Wäre dem nicht so, dann schulgeset wie das gegenwärtige vorzulegen und be- Recht, auf die Caprivi, Kleist- Regom und Manteuffel. Und würde Herr von Caprivi am vorigen Freitag, wo er in gnügten sich daher, die Grundsäge desselben in der Praxis ein- so mögen denn immerhin die Freifinnigen sich ihrer Reli- einer Frage von höchster politischer und prinzipieller Wichtig zubürgern. Jezt, nachdem dieses geschehen, kann die Reaktion giofität rühmen, die Landeskirchen werden immer noch eher feit eine schwere Niederlage erlitt, seine Demission ruhig dazu schreiten, ihr auch die formelle gesetzliche Grund- die Stüßen der Religion unter den Stöcker und Genossen haben einreichen müssen. Das ist ihm jedoch nicht ein lage zu geben. An der Praxis ändert das Gesez faft nichts. als unter den Knörcke und Hermes suchen. Was den gefallen. Denn der starken Regierung" steht ein entsprechend Auch bisher wäre kein Lehrer an einer Volksschule geduldet Letteren betrifft, so werden wir wahrscheinlich demnächst schwacher Reichstag gegenüber, der keine Mittel hat, seinem worden, der wie Dr. Hermes erklärt hätte, er halte die ein Heldenstück des Freisinns" im„ Rothen Hause" erleben. Willen Geltung zu verschaffen. Wenn wir jetzt keine übernatürliche Geburt Jesu für ein Märchen. Die Ab- Die fortschrittliche Stadtverordneten- Versammlung wird Minister- und Regierungskrise haben, so ist dies der einzige hängigkeit des Lehrers von der Kirche, ob sie direkt oder einsehen, daß sie es ihrem guten Rufe schuldig ist, einen indirekt zur Geltung fam, bestand auch bisher in gleichem Mann wie den Dr. Hermes, der sich damit, daß sein UnMaße. Eine gewisse Freiheit, oder vielmehr nur den Schein glaube an die übernatürliche Geburt Jesu in die Deffentlich einer solchen, fand man noch für konnivent, den größeren feit gelangt ist, so ungeheuer kompromittirt hat, nicht ferner Stadtverwaltungen nachzulassen. Damit wird es aber jetzt in ihrer Schuldeputation zu dulden. Im Aquarium) mag auch ein Ende haben, gleichviel ob der Gesezentwurf an- er immerhin auch in Zukunft den fortschrittlichen Freisinn genommen wird oder nicht. Die Reaktion kennt jetzt die den Fischen predigen, die es nicht ausplaudern werden. ganze Schwäche der liberalen Opposition. Sie hat jetzt das Zugeständniß der ganzen liberalen und freisinnigen Partei
die weißen Raben sind sehr vereinzelt-, daß die
Schule auf religiöser Grundlage beruhen müsse, und daß
Grund, und wahrhaftig, wir haben keine Ursache, auf die Franzosen hochnäsig herabzusehen, der Vergleich zwischen der französischen Ministerkrise und der deutschen Nicht- Ministerkrise ist im Gegentheil für uns nur be schämend.-
Zur Fronde. Ein Artikel der Nationalliberalen Korrespondenz", der durch die Preßorgane der Mannesseelen jetzt seine Runde macht, verräth in recht ungeschickter Weise den Zweck des liberalen Volksschulgesetz- Spektakels. Es
dieſe nur eine konfeffionelle ſein könne. Das ist ein Erfolg Politische Ueberlicht. heißt da nämlich nach dem üblichen Phraſengerlingel:
Der Realtion, größer als es das Durchdrücken des denkbar reaktionärsten Gesetzes sein könnte. Diesen Erfolg haben
die Livecalen der Regierung aus freien Stücken verschafft. die Frage der Kohlenringe erörtert. Der EisenbahnIm preußischen Abgeordnetenhause wurde heute i: tobten sie, als der Minister sie des Atheismus be minister hütete sich, auf den Gegenstand näher einzugehen, zichtigte! Wäre ihnen der ärgste Schimpf widerfahren, sie erklärte jedoch, daß im Jahre 1891 die Beschaffung der hätten nicht entrüfteter thun tönnen. Wenn die Frei- Kohlen ohne den Kohlenring nur zu viel höheren Preisen finnigen" bereits den Atheismus als Verbrechen ansehen, möglich gewesen wäre. Diese Empfehlung des Kartellwesens was soll man da von der Klerisei, vom Junker- und bedarf keines Kommentars, fie zeigt, was wir von Herrn Musterthum erwarten! Eine ähnlich unwürdige Rolle Thielen in Sachen des Schienenkartells und anderer Verspielten die Freifinnigen bereits vor mehr als zehn Jahren, bände zu erwarten haben. Die lustige Person des Landtags, damals als Bismarck , unterstützt von den jezigen Herr von Eynern, hat plößlich sein ringfreundliches Herz Bundesgenoffen des Freisinns, den Nationalliberalen, ihnen entdeckt: voriges Jahr hatte er noch über die Kohlenringe den Borwurf republikanischer und antimonarchischer Gefinnung machte. Da vergaß Eugen gezetert. Seine tapitalistischen Wähler werden ihn über seine Pflicht belehrt haben. Richter ganz daß die Opposition noch andere wichtigere Aufgaben habe, als fich diesem von Politisches Pharifäerthum. Ein großer Theil schrecklichen Vorwurf zu befreien; er und der unserer deutschen deutschen Presse benutt die gegenwärtige ganze Freifinn trieften förmlich von monarchischer Gesinnung, Ministertrise in Frankreich zur Aufwärmung in allen freisinnigen Blättern und Versammlungen wurde des alten Phrasenkohls von der Unbeständigkeit der der Nachweis geführt, daß gerade die Freisinnigen die Hauptstüße der Hohenzollern sind. Da verging kaum eine Versammlung, in der nicht ein oder mehrere Hochs auf den
Feuilleton.
Nachbruc verboten.]
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Am Webstuhl der Zeit. Beitgenössischer Roman in 3 Büchern von A. Otto Walster .
" Jetzt wird mir die Sache schon viel klarer; also Sie vermissen die Insassen dieser erhabenen Wohnung?" „ Ja, so ist es."
" Ich nehme daraus an, daß Sie sich vergeblich nach ihnen umgesehen haben und nun von mir Auskunft haben wollen, wohin dieselben wohl gegangen sein könnten?"
"
Jetzt reden Sie wieder vernünftig, Herr Mensch." " Das thue ich stets nach bestem Vermögen, und der Fehler liegt nur darin, daß ich nicht jeder Zeit von Jeder mann verstanden werde."
Nun aljo?"
" Nun also bin ich in der Lage, Ihnen in vollständiger Beantwortung Ihrer Frage mittheilen zu können, daß mir die Herren nicht gesagt haben, wohin sie sich begeben wollten, oder zu wollen vorhatten, und daß ich somit vollständig ebenso in Ungewißheit darüber bin, wie Sie selbst." Aber so sagen Sie nur wenigstens, auf welche Weise sind sie denn hinausgekommen?"
Auch das ist mir nicht möglich, Ihnen mitzutheilen." " Nun, dann muß ich es gleich dem Herrn Wacht meister mittheilen, der wird es schon herausbekommen," rief die Magd und eilte hinaus.
-
Für die Nicht Berlinischen Leser: Hermes ist Leiter des hiesigen Aquariums.
Der Philosoph annektirte eine neue Tasse und rieb fich vergnügt die Hände über die neue und seltsame Lage, in die er durch die Flucht seiner Gefährten gerathen. Seine Selbstzufriedenheit konnte sich indessen nicht lange ungestört äußern, denn der Wachtmeister erschien alsbald in fliegendem Schlafrock und rief schon vom Eingange her:
" Ist es wahr, Herr Mensch, was mir die Magd jetzt eben mitgetheilt hat?"
" Ich wünsche einen guten Morgen, Herr Wachtmeister."
"
Der Teufel, Herr Mensch, hole Ihren guten Morgen; ich frage Sie, ob es wahr ist, daß die Leute hier oben durchgebrannt sind?"
Was mich betrifft, so kann ich entschieden das Gegentheil versichern, und was die Anderen betrifft, so werden Sie am besten thun, sich selber nach ihnen umzusehen."
" Ja, das werde ich! I das wäre ja etwas Unerhörtes, noch niemals Dagewesenes; ich habe doch Alles ordentlich eingeschlossen?"
Damit lief er nach den hinteren Zimmern, wo er Alles durchsuchte und durchwühlte, und von wo er dann gänzlich außer Athem und außer Fassung zum Philosophen zurückkehrte.
"
trocken.
mir
"
Es ist hier etwas vorgegangen", schrie er diesen an. Aller Wahrscheinlichkeit nach", erwiderte der Philosoph Und ich fordere Sie von Amtswegen auf, Herr Mensch, wahrheitsgetreu mitzutheilen, was geschehen ist." Von Amtswegen, Herr Wachtmeister?" " Ja, von Amtswegen, Herr Mensch."
" Nun, dann will ich Ihnen auf Ihre Anfrage von Amtswegen" mittheilen, daß hier und allerorts die Leute
Es erübrigt noch, ein Wort über die Stellung zu sagen, die der Ministerpräsident Graf von Caprivi und der Kultusminister Graf von Bedliß- Trüßschler zu dem Boltsschul- Geset einnehmen. Der Letztere ist ein streng firchlich gesinnter, charaktervoller Mann, mit persönlich angenehmen Formen, der es in seiner Eigenschaft als Minister der geistlichen Angelegenheiten als seine Pflicht betrachtet, in erster Reihe Die Rechte der Kirche zu wahren. Ihm kann eigent lich kein Vorwurf daraus gemacht werden, wenn er seinen Gefeßentwurf mit aller Kraft vertheidigt und ihn zur Annahme zu bringen sucht, wenn auch zu wünschen ist, daß sein Temperament nicht allzu stark die Gegner reizen möge. Etwas anders liegt die Sache in Bezug auf den Grafen Caprivi, der in einer Weise mit dem Gefeßentwurf sich verquickt und für denselben sich engagirt hat, daß nun allerdings ein bitters böser Zustand die Gemüther in Erregung hält. Herr von Caprivi hat die Eigenschaften eines wirt. lichen hervorragenden Staatsmannes ver missen lassen, indem er, der doch als Ministerpräsident und Reichskanzler dazu berufen war, ausgleichend und be: ruhigend zu wirken, die Schwierigkeiten von dem Träger der Krone möglichst fernzuhalten, durch sein ganzes Verhalten dazu beigetragen hat, die Gegenfäße zu verschärfen, den Konflikt zus zufpißen nnd dem Ausgleich Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Wenn der Herr Ministerpräsident in der letzten Zeit
meinetwegen machen können, was sie wollen, ohne daß ich mich darum bekümmere; es ist mir dies Alles ausnehmend gleichgiltig."
"
Aber mir kann es nicht gleichgiltig sein, Herr Mensch, denn ich habe die Leute unter meine besondere Aufsicht be kommen und bin für sie verantwortlich."
" In diesem Falle würde es mir auch nicht gleichgiltig sein, Herr Wachtmeister, da haben Sie ganz recht," meinte der Philosoph und ging nach dem Streichholzbehälter, um seine Pfeife von Neuem anzuzünden.
" Sie verweigern mir also jede Auskunft Herr Mensch?" " Ich verweigere sie nicht, Herr Wachtmeister, ich sage nur, daß ich mich nicht darum bekümmert habe."
Nun gut; ich sehe schon, daß Sie böswillig sind; ich werde sofort zum Herrn Assessor schicken."
Zum Herrn Assessor? Das würde ich möglicher Weise an Ihrer Stelle auch thun."
"
"
Dem werden Sie schon Rede stehen!"
Das ist auch möglich; denn welcher Mensch kann mit aller Bestimmtheit im Voraus sagen, was er in der nächsten Biertelstunde oder auch in einer der nächsten Minuten thun wird? Legen Sie sich also um meinetwillen ja keinen Bwang an; ich werde mich schon inzwischen ohne Ihre Gesellschaft zu behelfen wissen."
Mit einigen in dumpfem Tone und wohl mehr zu sich selbst gesprochenen Drohungen entfernte sich jetzt der Wacht meister und ließ den Philosophen allein, welcher zunächst noch eine ziemlich falt gewordene Tasse Kaffee annektirte, feine, Pfeife ausrauchte und dann sich erhob, indem er für sich felber sagte:
" 1
„ Es giebt doch keinen wirklich echten und reinen Genuß hier auf Erden. Wie schön habe ich mir das Stillleben