Nr. 98.
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19. Jahrg.
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Telegramm Adresse: " Socialdemokrat Berlin"
Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Fernsprecher: Amt I, Nr. 1508.
Sonntag, den 27. April 1902.
Arbeiter, Parteigenossen!
Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.
1100
Fernsprecher: Amt I, Nr. 5121.
Am 1. Mat, dem internationalen Feiertag des Proletariats, demonstriert machtvoll für den Schuh und die Befreiung der Arbeit! In dem Jahr der durch die kapitalistische Anarchie erzeugten wirtschaftlichen Krisis ist unser Fest ein besonders eindrucksvolles Kampfzeichen wider die Verwüstungen dieser gesellschaftlichen Ordnung, die die Männer dem Hunger oder der Zerrüttung ausliefert, die Frauen frühzeitig verkümmern läßt, und selbst die sonnige Jugend der Kinder in dem erbarmungslosen Zwang der Erwerbsarbeit zerstört!
Erhebt gegenüber dem volksausplündernden Junker aufruhr für ungeheuerliche Zölle das Recht der Armen auf ihr täglich Brot! Inmitten des blutigen Konkurrenzkrieges der Nationen, der Militarismus und Marinismus als Waffen führt, verkündet den Weltfrieden der nach gleichen Bielen strebenden Völker! Im stolzen Klassenkampf des um die höchsten Güter der Menschheit ringenden Proletariats bekennt den unbeugsamen Willen zur socialeu Erlösung! Gedenket aller Brüder, die für die Freiheit streiten und leiden, insonderheit der russischen Helden und Märtyrer! Am ersten Mai rüstet die Maien- Zukunft!
Kritische Nachlese zur belgischen Wahlrechtscampagne.
III.
Wir veröffentlichen hiermit den Schlußartikel unsres ständigen Brüsseler Korrespondenten: Unfrem legten Artikel möchten wir als Leitmotiv gleich als Motto voransehen:„ Die Liberalen haben auf die ganze Bewegung einen eminenten Einfluß aus geübt."
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stützten, weil sie, wie sie erklärten, Freunde der Ordnung" übertragen. Am 19. April erschien der Brief des socialistischen seien, desto weniger glaubten die Socialisten sie entbehren zu können. Abgeordneten Delporte an den König und ein Artikel im Vandervelde, beschwor" die Liberalen unzählige Male, die Peuple " mit der gleichen Tendenz. Da dieser trotzdem feine Miene Socialisten im Kampfe gegen die staatsstreichlüſterne Regierung machte, die auf ihn gesetzten Hoffnungen zu erfüllen, schlug endlich nicht allein zu lassen, und erklärte sich schließlich, jählings der Optimismus in sein Gegenteil um. Am Sonnabend als alles nichts fruchtete, selbst mit einer gewöhn den 19. April proklamierte man die Beendigung des Streiks, den lichen Auflösung der Kammer zufrieden 2c. man 24 Stunden vorher bis ans Ende fortzusetzen angeraten hatte. So oft die Liberalen den Socialisten mit Auffündigung der So endigte diese eigenartige Bewegung. Es ist wahr: die Alliance drohten, gaben die letzteren nach. So geschah es hunter Partei ist aus allen Kämpfen, auch aus diesem, stärker anderm bei der Feststellung der Tagesordnung die hervorgegangen. Die gewaltige einmütige Erhebung und der Revision betreffend, bei der Bertagung derselben Opfermit für ihre Sache hat auch die Indifferenten mit Sympathie Sie beeinflußten nicht nur die Stellungnahme unfrer Ab- nach Botierung der Budgets, bei der Bewilligung für unsre Sache erfüllt. Aber es handelt sich bei jedem Kampf geordneten in der Kammer, sondern auch die Beschlüsse des der Kredite und bei der Abstimmung über die Re- darum, zu siegen. Und gefiegt hat unsre Partei diesmal legten Parteitages. Jeder Beschluß wurde daraufhin gevision selbst. Und wer will ihren Einfluß auf die Beendigung nicht. Daß sie diesmal den Sieg nicht davongetragen hat, lag prüft, welchen Eindruck er auf die Liberalen machen könnte. Und des Streiks selbst heute noch bestreiten? nicht an den Soldaten, denn diese standen begeistert zum Rampfe wenn sich warnende Stimmen erhoben, erklärte Vandervelde mit Der Zeitpunkt, wo die Entscheidung getroffen werden konnte bereit, sondern an den Führern. überzeugender Bestimmtheit, die Liberalen seien die ehrlichsten und und mußte, war vom 10.- 12. April. Hier war noch nichts verloren, begeistertsten Leute der Welt, oder um wörtlich zu citieren: Die die Situation war klar und die Liberalen hatten bereits genügende BeIn unsrer nächsten Nummer werden wir einen Artikel aus der Bourgeoisie im Frad ist fest entschlossen, mit den tohlengeschwärzten weise ihrer Feigheit gegeben. Die Budgets waren noch nicht bewilligt, Feder Vanderveldes über die belgischen Ereignisse veröffent Bergarbeitern Arm in Arm für die Erringung des allgemeinen die Regierung war zur Zurückhaltung noch gezwungen, und die lichen. Ned. d.„ Vorwärts". Wahlrechts bis ans Ende zu marschieren." Die Delegierten ordneten sich ganze Arbeiterschaft stand bereit, das Signal zum Stampf erwartend. dann nach etlichem Zögern den Anträgen ihres gewandten Führers unter. Mit einer noch nie gesehenen Begeisterung war das belgische Sie ließen sich dazu bestimmen, weil die leitenden Kreise Proletariat bereit, alles in die Schanze zu schlagen. Und es hätte Berlin , den 26. April. der Bewegung den angeblichen Einfluß der seltsam zugehen müssen, mit einer 300 000 föpfigen, von gewaltigster Liberalen bei jeder Gelegenheit aufzubauschen Begeisterung getragenen Armee nicht zu siegen! Der Reichstag verstanden. In diesen für die Entscheidung so wichtigen Tagen wurden, an- erledigte Sonnabend die dritte Lesung der SeemannsDie Liberalen sahen erst durch Erringung des Pluralsystems statt energisch zu handeln, große schöne Reden gehalten von der ordnung und ihrer Nebengeseze. Die Vornahme der Gesamtihren Einfluß, der bis dahin fast auf den Nullpunkt gesunken war, Einigkeit der Bourgeoisie und des Proletariats, von der bevor- abstimmung mußte aber verschoben werden, weil Singer wieder steigen. Bei der lezten Wahl gelang es ihnen mit Hilfe der stehenden Intervention des Königs usw. Von dem Maison du Widerspruch erhob. Unfre Fraftion will an der Hand der proportionellen Vertretung, auch einer Errungenschaft des Proletariats, Peuple ertönten aus tausenden Proletarierkehlen die Rufe:„ Assez Busammenstellung der Beschlüsse der dritten Lesung erst zu ihre Kammerfige auf zwei und ein halbes Dutzend zu erhöhen. de discours, il faut maintenant agir, nous sommes prêts."( Genug, einer Entscheidung darüber kommen, ob sie zu dem Gesetz Ja Den Socialisten wie den Klerikalen der Kammer erschien deshalb des Nedens, jezt gilt es zu handeln, wir sind bereit.") Die oder Nein sagt. Die Verbesserungen, die sich in der Sonndie Freundschaft der Liberalen in diesem Stampfe ungemein wertvoll. Redner mahnten, ruhig heimwärts zu gehen, die Revision sei abend- Sizung für die Seeleute noch herausschlagen ließen, Wie die Klerikalen durch kluge, taktische Winkelzüge die Unterstützung nahe usw. hielten sich in mehr als bescheidenen Grenzen und ihnen stehen der Liberalen zu erreichen suchten, so versuchten die Socialisten das nicht unbedeutende Verschlechterungen gegenüber. selbe durch Fallenlassen wichtiger Forderungen.
So kam der Sonnabend, der 12. April, heran. Alle Welt fühlte, daß auf dem parlamentarischen Boden der Kampf ver loren war, daß etwas Außerordentliches geschehen müsse, um die entscheidende Abstimmung über die Revision selbst zu be einflussen. Die Proletarier umstanden zu Taufenden das Boltshaus, einer Parole harrend. Es geschah nichts. Sie wurden von einem Tag auf den andren vertröstet. Die kostbaren Stunden gingen nuglos vorüber.
J
Politische Webersicht.
Der nationalliberale Abgeordnete Sem Ier verdächtigte die Aerzte, daß sie ihre materiellen Interessen über die sachlichen Gründe stellen könnten und suchte so hinter dem Strauch nach, hinter dem ganz andre Leute fizzen. Eine bedenkliche Verschlechterung war weiter der Beschluß, daß die Angehörigen eines erkrankten Seemanns ein Viertel der Heuer nur dann erhalten sollen, wenn sie bisher überwiegend von ihm ernährt worden sind. Hier holte sich Genosse Wolkenbuhr, als er vom christlichen Gemüt des Wortführers der Mehrheit, des Konsistorialrats Stockmann, sprach, einen halben Ordnungsruf.
Von dem kleinlichen Geist, der die Mehrheit beseelte, Die Liberalen sind auch in Belgien eine sehr zweifelhafte Gelegte gleich die erste Abstimmung Zeugnis ab. Den Komsellschaft. In rein politischen Fragen stellten sie die Fraktion Drehpromißlern erschien es eine ungeheure Belastung für den scheibe dar, und in ökonomischen Fragen schlugen sie sich vielfach, Reeder, daß er gezwungen sein soll, bei der Abmusterung auf ihrem Bourgeois- Instinkt folgend, zu den Klerikalen. Für eine Partei Wunsch des Seemannes feine Heuer an seine Angehörigen wie die socialdemokratische, deren hauptsächlichsten Forderungen auf oder an eine Sparkasse zu übersenden und die Portokosten ökonomischem Gebiete liegen, war es gefährlich, mit dieser Bourgeoisiedafür aus der eignen Tasche zu bezahlen. Sie bewirkten, daß Vertretung irgendwelche Kompromisse einzugehen. Es hat auch an Keine Organisation war getroffen, die Arbeiter auf diese ungeheuren Wohlthaten nur den deutschen Seeleuten zu Kaffandrarufen, meistens aus den Arbeiterfreisen selbst bestimmte Plätze zu weisen. Ueberall begegnete man bei den teil werden sollten und die ausländischen ausgeschlossen tommend, nicht gefehlt. In den Gewerkschafts- und Partei- Arbeitern der Frage: Was thun? Da teine Parole gegeben bleiben. Ebenso weigerte sich die Mehrheit, auf unfren AnVersammlungen wurde oft, leider ohne Erfolg, das unmoralische wurde, blieben sie wartend im Voltshaus tonzentriert und boten trag einzugehen, der dem Seemann ein besonderes Heuerbuch Kompromiß" herb kritisiert. der Regierung die beste Gelegenheit, im Handum- zur Abrechnung unter allen Umständen und nicht erst auf Ein Kompromiß in der Wahlrechtsfrage war zudem überflüssig. drehen die Elite der Kämpfer zu vernichten. Die fein Verlangen hin verschaffen wollte. Auch bei der Frage Die Wahlrechtsbewegung konnte den Liberalen nur Vorteil bringen. Arbeiter, des langen Wartens müde, wurden ungeduldig. Sie der Heilbehandlung für den in der Fremde erkrankten SeeNur das allgemeine Wahlrecht konnte die Linte stärken und ihre fühlten: etwas mußte doch geschehen. So fand der Generalftreit mann in einem deutschen Krankenhause zeigte sich die rückFührer in die Ministersessel heben. Denn nur die Liberalen konnten allgemeine begeisterte Zustimmung. ständige Auffassung der Anhänger des Kompromisses. für die Bildung einer neuen Regierung hauptsächlich in Betracht kommen. Wer nicht mit Blindheit geschlagen war, mußte wissen, daß der Zur ministeriellen Partei geworden, hätten sie nicht nur das Regierungsruder, sondern auch die Socialisten in der Hand gehabt. Zum mindesten hätte diese neue Konstellation auf die socialistische Zaftil einen gewaltigen Einfluß ausüben tönnen. Die Socialisten konnten in Anbetracht ihrer Minorität in der Kammer an die alleinige Besignahme der Regierung nicht denken. Die Liberalen hätten also die Ministersessel besetzt und sie mit vielleicht einem oder zwei Socia liften geteilt. Letztere wären, um des lieben Friedens willen, ge3tvungen gewesen, viele von ihren aktuellen Forderungen zurückzustellen. Hätten sie das nicht gethan, so hätten die Liberalen jedenfalls nicht gezögert, sich den Klerikalen zu nähern und dann mit diesen zu fammen gegen die ungestümen Socialisten vorzugehen. Genug: ihr eignes Interesse hätte eigentlich schon für die Liberalen Grund genug Wie erklärt sich nun das Verhalten der leitenden Personen? unfre Anträge ablehnte, die auf eine weitgehende Sicherung sein müssen, die Bewegung mit allen Kräften zu unterstützen. Erstens hegten sie einen unbegreiflichen Optimismus in allem, des Koalitions- und Versammlungsrechtes der Seeleute hinAllein sie waren eben Liberale! Als die Beweging was die Gegner betraf, und zwar von Anfang bis zu Ende, selbst zielten, braucht ja nicht Wunder zu nehmen, aber das Centrum erust zu werden drohte, bekamen sie es mit der Angst. Die dann noch, als die Revision endgültig abgelehnt war. Dann erließ sogar seine eignen Anträge aus der zweiten Lesung des Seleritalen besorgten dann mit dem Hinweis auf die Zukunft, wo fich warteten sie von der bloßen Einschüchterung wahre lieben Kompromisses wegen im Stich, die ein von uns unterstützter die Bewegung auch gegen die Liberalen selbst richten könne, das übrige. Wunderdinge. Die leitenden Kreise nahmen ferner an, die freifinniger Antrag wieder aufgenommen hatte. Vergebens Das hätte für unsre Abgeordneten, die die Führung der Bewegung Proklamation des Generalstreiks, die Niederlegung von 100 000 war es, daß Molkenbuhr in einer vortrefflichen Rede auf übernommen hatten, Grund genug sein müssen, den Liberalen den( höher hatte man die Zahl der Streitenden nicht veranschlagt) ge- das unbeschränkte Koalitionsrecht der Reeder und die Längst verdienten Fußtritt zu versetzen und den Kampf gegen beide nüge, die Regierung zum Nachgeben zu zivingen. Als dann selbst Trusts der großen Schiffahrtsgesellschaften hinwies. In einer interessanten Geschäftsordnungs de batte, egner gleichzeitig zu führen, einen Stampf, der ja früher trop 300 000 Streifender die Regierung die Ablehnung der rer später naturnotwendig doch tommen muß. Revision am 18. April, am Tage nach Beginn des die das erste Wetterleuchten des parlamentarischen Kampfes und dies ist zum Verständnis der mm rasch aufeinander Streifs, durchsetzte, war ziemlich enttäuscht, aber um den Zolltarif darstellte, kam es bei dem Versuch des folgenden Ereignisse von großer Wichtigkeit je mehr die Liberalen vom Optimismus noch keineswegs geheilt. Die schönen Hoffnungen. Centrums, im§ 111 ein Versehen in der Abstimmung wieder fich nach rechts rüdwärts tonzentrierten und die Regierung unter die von den Klerifalen vernichtet waren, wurden nun auf den König gut zu machen, daß ihm beim§ 4 passiert war. Es handelt
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Generalstreit mit der Parole, Ruhiges Abwarten" auf die Revisionsabstimmung an diesem Zeitpunkt feinen Einfluß mehr ausüben fonnte. Denn die Regierung hatte zur Zurückhaltung feinen Grund mehr und rüstete sich mit allen Kräften, die Bewegung zu unterdrücken. Auch den leitenden Kreisen hätte dies nicht verborgen bleiben dürfen. Trozdem redeten sie dem General. streit das Wort. Die Massen, deren Begeisterung und Kampfesmut größer war als das politische Verständnis, folgten mir zu gern. Unfre Kameraden, denen wir unsre Besorgnis wegen der Zwedlofigfeit des Generalstreits in diesem Moment mitteilten, konnten eben nicht begreifen, daß der Kampf schon, noch ehe er begonnen, verloren sein sollte.
Aufrecht erhalten wurde die Streichung der beiden Paragraphen über das Koalitionsrecht, die den thatsächlichen Zustand gesetzlich festlegen wollten. Daß die Mehrheit