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Nr. 161.

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Vorwärts

Berliner Volksblatt.

19. Jahrg.

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Telegramm: Adresse: Socialdemokrat Berlin"

Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Fernsprecher: Amt I, Nr. 1508.

Moderner Katholicismus.

1.

Sonntag, den 13. Juli 1902.

"

Expedition: SW. 19, Beutl- Straße 3. Fernsprecher: Amt I, Nr. 5121.

Socialpolitische Lichtschen Thielens.

Eine soeben erschienene Publikation des ,, Vereins für

Werkes das öffentliche Interesse.

wirkungen seit Karls des des Großen Sachsenbekehrung, den Wie die Freifinnigen thatsächlich sich entschieden haben, läßt sich Albigenserkriegen, der Inquisition und der Gegenreformation ohne Kenntnis der Einzelziffern nicht feststellen; die Reserven gewesen sind, ist, wie wir gesehen haben, dem Klugen historiker haben den Ausschlag gegeben, und es ist ebenso gut möglich, daß in Ehrhard nicht ganz unbekannt geblieben! Daß auch der Pro- dem nationalliberalen Zuwachs der Freisinu steckt wie in dem Seit ein paar Monaten sind die Theologen der katholischen testantismus das materielle Schwert" zu handhaben wußte und socialdemokratischen. Thatsache ist jedenfalls, daß der Kirche in heller Aufregung. Ein Buch trägt daran schuld, das im seine Fürsten bis zu den Knien ins warme Menschenblut hinein Freisinn weder durch seine offiziellen Organe November des vorigen Jahres erschienen ist, und in den seither stiegen, kann die Praxis, die die alleinfeligmachende Kirche schon noch durch einen Wahlaufruf seine Wähler auf= verflossenen acht Monaten nicht bloß zwölf Auflagen crlebt, 3uvor geübt hatte, unmöglich rechtfertigen. gefordert hat, für den Socialdemokraten ein sondern auch eine ganze Litteratur von Angriffs- und Die Auffassung nun, die Professor Ehrhard von dem Wesen und den zutreten. Man hat im Gegenteil gegen ihn Stimmung Verteidigungsschriften hervorgerufen hat. Zu einer Beit, Aufgaben des Katholicismus in unsrer wenn auch nicht freien, so doch gemacht! da katholisch Trumpf ist, und flösterliche Schwärmer hoffen, freieren Zeit theoretisch vertritt, entspricht vollkommen der Stellung, Die Stimmung der Bevölkerung über den Zollwucher bringt die der Kaifer werde mit ,, mit starker Hand" ganz Deutschland welche die Socialdemokratie der religiösen Frage gegenüber Stichwahl noch schärfer zum Ausdruck, als als die Hauptwahl. wieder in die verlangenden Arme der Mutterkirche zurückführen, einnimmt. Die Socialdemokratie betrachtet die Religion als Privat- 1900 hatte der nationalliberale Kandidat 9159, der Socialdemokrat lohnt es sich wohl auch für uns Weltkinder, einen Blick auf das fache, d. H. als Gegenteil einer politischen Sache, sie tritt für die 4737 Stimmen erhalten. Der bürgerliche Kandidat hat also seit Getümmel der gottesgelahrten Streiter zu werfen und auf das Wert, vollkommenste Freiheit der Diskussion ein und schafft so dem 1900 689 Stimmen verloren, der Socialdemokrat 2850 Stimmen wodurch jenes entfacht ward. überzeugten Katholiken die denkbar beste Gelegenheit, der gewonnen! Und dies in einem Wahlkreis, in dem es 10 000 land­In seinem Buche Der Statholicismus und das zwanzigste Jahr- Meinung, die er für die richtige hält, die größte Verbreitung wirtschaftliche Betriebe meist mittel- und großbäuerlichen Charakters hundert im Lichte der kirchlichen Entwicklung der Neuzeit"*) hat der zu gewähren. Wenn sie wünscht, daß das materielle Schivert" giebt! ehemalige Professor der Theologie an der Universität Wien , Prälat die Eltern nicht zwingen solle, ihre Kinder der kirchlich­Dr. Albert Ehrhard , offenbar das Ergebnis einer außer religiösen Erziehung zu überliefern, wenn sie die vollkommenste ordentlich fleißigen und gedankenvollen Arbeit niedergelegt, die Freiheit auch für die Meinungsäußerung der Antitheisten" verlangt, naturgemäß auf den Ruhin voraussetzungsloser" Forschung so wird der allen Gewaltthätigkeiten abholde Professor Ehrhard nichts Socialpolitik", Untersuchungen über die Lage der Angestellten verzichtet und durch das Dogma der katholischen Kirche Ernstliches dawider haben dürfen. Um so beklagenswerter ist es, in den Verkehrsgewerben" wirft auf die socialpolitische Auf­in ihrer Freiheit beschränkt wird. Ehrhard aber möchte daß er über die Socialdemokratie, deren religiöses Programm er fassung des verflossenen Eisenbahnministers v. Thielen, wie auf diese Grenzen so weit wie möglich ziehen, und nicht selten streifen eigentlich zu dem seinigen machen müßte, so abgrundfalsche Vor- die preußische Socialpolitik ein überaus bezeichnendes Licht. Auf die Flügelschläge seines Geistes die Gitter feines Dogmentäfigs. Er stellungen hat. Nach seiner Meinung sollen nämlich die Ansichten das Material der Publikation wird noch zurückzukommen sein, für ist von der göttlichen Mission seiner Kirche überzeugt und möchte, der Materialisten Moleschott , Vogt, Büchner und Häckel den" Be heute beansprucht eine Enthüllung über die Vorgeschichte des daß die ganze Welt ihrer Segnungen teilhaftig würde. Ja, wenn gründern des deutschen Socialismus F. Engels und K. Mary" vei anders nicht seine geheimnisvollen Redewendungen von der inneren der Entwicklung ihres wirtschaftlichen Systems als Grundlage gedient Die Untersuchungen füllen zivar einen stattlichen Band, bleiben Herrlichkeit und Seligkeit des katholischen Christentums" als Bierrat haben, während doch die Ideen, denen der Socialismus seine eigent aber doch weit hinter jener umfassenden Ausdehnung zurück, die einer auch sonst überaus formvollendeten Darstellung zu betrachten sind, liche Kraft verdanke, dem Echazze des Christentums ent- ursprünglich geplant war. Der Grund liegt zum Teil wesentlich wird man ihn zu den ehrlichen religiösen Elstatifern( Schwärmern) nonumen feien. Einem so gebildeten Manne und Professor in dem Mangel an Entgegenkommen, auf den der rechnen müssen, denen die Stunden ihrer frommen Verzüdtheit alle sollte es doch nicht unbekannt sein, daß die Socialdemokratie sich auf Verein bei seinen Bemühungen um Gewinnung zuverlässigen Genüsse gewähren, die die Mönche des Berges Athos jemals zu fein philantropisches System festgelegt hat und die Kirche nur wegen Materials an amtlichen Stellen stieß. Da das für die empfinden vermochten. Seit den Tagen der Nomantit hat sich ihrer altüberlieferten Vorliebe für die Anwendung des materiellen preußischen Eisenbahnen gedruckt vorliegende Material, weil es in der schwerlich je so viel Geist und so viel Pietismus in brüderlicher Ge- Schwertes", ihrer geringen theoretischen Wertschätzung alles irdischen Hauptsache nur Durchschnittsziffern enthält, den Ver­meinschaft zusammengefunden. Wohles und ihrer einseitigen Stellungnahme im Klaffenkampfe Für die Schwächen und Mängel, die der alleinfeligmachenden fehdet, wegen Erscheinungen also, die nach ihrer Ueberzeugung frei- anstaltern der Untersuchung nicht als ausreichend gelten konnte, wandte sich der Vorsitzende des Vereins, Profeffor Schmoller, und Kirche samt ihrem unfehlbaren Oberhaupte anhaften und in historischer lich mit dem Wesen und dem geschichtlichen Werdegang der Kirche der Vorsitzende des Sonderausschusses, der frühere Handelsminister Beit angehaftet haben, ist Ehrhard deswegen durchaus nicht blind. auf das Engste verwachsen sind. Freiherr v. Berlepsch, in einer gemeinsamen Eingabe an Herrn Ja, er weiß mehr darüber zu sagen, als er der Oeffentlichkeit Es ist bedauerlich, daß Professor Ehrhard selbst einen solchen v. Thielen, den damaligen Eisenbahnminister, in der sie ihn verraten will. Daß das fromme Mittelalter mit seiner Betveis von der Süd ständigkeit des katholischen geistigen Lebens darauf aufmierksam machten, daß im Jntereffe wissenschaftlicher Ge­unbeschränkten Kirchenherrschaft das Ideal aller Zeiten ge- liefern mußte, dessen Vorhandensein er so bereitwillig eingesteht. nauigkeit die Ermittelung der individuellen Verhältnisse einer wesen und alles, was seit dem und darüber hinaus Wer so viele Wahrheiten zu sagen weiß, wie er, dem sollte es doch größeren Anzahl von Arbeitern durch Ausfüllung von Fragebogen entstanden sei, die Ausgeburt des Gottseibeinns wäre, auf eine Wahrheit mehr nicht mehr ankommen. erforderlich sei, wofür sie hierfür die minisferielle Unterstügung erbaten. diese unter seinen Amtsbrüdern verbreitete und von den Kanzeln Aber je mehr sich unser Reformator des Katholicismus der Sie wiesen darauf hin, daß der kaiserlich östreichische gelehrte Meinung vermag der Wiener Prälat nicht zu teilen. Ihn Gegenwart nähert, desto mehr verläßt ihn das Wissen, und der Eisenbahnminister dem Wiener Ausschußmitgliede, Professor überfällt ein schmerzliches Zucken", wenn er sich an die mittelalter- Glaube übernimmt die Führung. Er ist davon überzeugt, v. Philippovich, die Bereitwilligkeit dazu bereits liche Inquisition erinnert und an das ungeheuere Elend, das dieses daß sich eine Annäherung zwischen der eine Annäherung zwischen der katholischen Kirche ausgesprochen habe, und schlossen mit der Be­Wort in sich verkörpert". Wie wir sehen werden, ist das kein Wunder; und der modernen Kultur wohl anbahnen lassen werde; merkung, daß sie auf die Zustimmung zu ihrem An­denn der hochwürdige Herr hätte ohne den Schutz der so heftig be- der Kirche fällt dabei mur als Aufgabe zu die trage auch mit Rücksicht darauf zu hoffen wagen, daß die fehdeten Aufklärung längst mit den Daumschrauben, den glühenden Abstreifung alles dessen, was in der konkreten Verwirklichung der eingehende Darstellung der Verhältnisse der königlich preußischen Bangen, den ungehöffelten Stachelbrettern, furz, mit dem ganzen katholischen Lebensideale nur innerhalb des Mittelalters eine relative Staatseisenbahnen die Vorteile des Staatsbahn- Systems Requisit, mit dem ehedem seine Brüder in Christo ihre Berechtigung besaß, im Lichte der wesentlichen Ziele der katholischen auch für diese in ein helles Licht stellen wird." Der Nächstenliebe bethätigten, die intimste Bekanntschaft gemacht. Kirche aber betrachtet, sich als eine Unvollkommenheit darstellt." Eisenbahnminister v. Thielen lehnte das Gesuch ohne An­So ist es nämlich damals allen gegangen, die etwa wie Ehrhard Man dürfe nicht vergessen, daß die moderne Kultur auf ihrem Kleide gabe von Gründen ab. Seinem Beispiel folgten Bayern , heute zu behaupten wagten, daß die berufensten Vertreter der auch echte Perlen trage, daß die Fortschritte des menschlichen Wissens Sachsen , Baden, teils mit, teils ohne Begründung. Während Kirche damals ihre hohe Aufgaben aus dem Auge verloren hätten thatsächlich ungeheuer seien. Andrerseits stehe die moderne Kultur in Desterreich die Arbeiten unter stets zunehmender Unterstützung und unter die Herrschaft der Sinnlichkeit und der Habsucht gefallen mit nichts von alldem im Widerspruche, was der katholischen der Staatsverwaltung fortschritten, mußten sie für Preußen und wären oder die sich gar von Giftblüten des Aberglaubens" zu reden Kirche wesentlich sei. Die katholische Kirche müßte sich in Deutschland überhaupt vollständig eingestellt werden. unterstanden, die am Baume der Kirche gewachsen seien. manchem ändern, worüber er nur unter Ausschluß der Oeffent- Die Enquete kam dann schließlich nur dadurch zu stande, daß Professor Ehrhard ist denn auch sehr vergnügt darüber, nicht in lichkeit verhandeln möchte. Sie müßte die lateinische Liturgie der Bearbeiter der Materie, Waldemar Zimmermann, zum Zwede der katholischen Idealzeit zu leben. Belehrungen zum Katholicismus aufgeben und die Pflicht zu Andachtsübungen müßte eingeschränkt mit Hilfe des materiellen Schwertes, wie sie im Mittelalter öfter werden. Andrerseits müßten die Katholiken an dem geistigen und eigner Beobachtung im Osten und Westen der Monarchie für längere Beit als Arbeiter in den Bahndienſt trat und hier Be­vortamen, sind glücklicherweise heute nicht mehr möglich." künstlerischen Leben der Nation thatkräftigen Anteil nehmen und die obachtungen anstellte und die andrer zu sammeln Gelegenheit Die Beseitigung der Herenprozesse( die letzte Hegenhinrichtung in Ungläubigen von der Richtigkeit ihres alleinfeligmachenden Glaubens obachtungen anstellte und die andrer zu sammeln Gelegenheit Deutschland hat bekanntlich erst im Jahre 1749 stattgefunden, und zu überzeugen versuchen. Jesuiten führten die siebzigjährige" Here" zum Blutgericht) erkennt Ehrhard weist damit der katholischen Kirche eine Rolle zu, die er im wesentlichen als ein Verdienst der Aufklärung. Wer der neuen fie schon einmal gespielt hat, nämlich im Altertum, die Rolle einer Zeit soviel zu verdanken hat, sollte eigentlich auch den bürgerlichen fämpfenden und leidenden Gemeinde. Es ist ein ehrenvolles Zeugnis Revolutionen historische Gerechtigkeit widerfahren lassen. Gleichwohl seiner idealen Sinnesart, daß er seine Kirche so sehen will, wie sie wird die große französische Revolution von Ehrhard verdammt; aber am größten gewesen ist. vom Revolutionsjahr 1848 heißt es bei ihm, die katholische Kirche

habe au seinen guten Folgen" teilgenommen.

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Aber die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen!

Politische Mebericht.

Berlin , den 12. Juli.

Wer so historisch zu denken versteht, kann sich darüber nicht täuschen, daß für den heutigen geschichtlich überkommenen Aus­dehnungskreis der katholischen Kirche unglücklicherweise" das ,, materielle Schwert" von entscheidender Bedeutung gewesen ist. Nichts sei falscher, als daß die Reformation das Princip der Gewissensfreiheit proklamiert habe. Die Unterthanen mußten viel Bayreuth . mehr den Religionswechsel der Fürsten vom Katholicismus zum Luthertum, vom Luthertum zum Calvinismus und umgekehrt ge­Die Reichstags Stichwahl im Kreise Bahrenth hat das treulich mitmachen... Die territorialen Grenzen der Fürstentümer Ergebnis der Hauptwahl bestätigt und verschärft. Zwar hat der und reichsstädtischen Gebiete jener Zeit sind jetzt noch an der That Nationalliberale mit knapper Mehrheit gefiegt, aber die Social­sache erkennbar, daß von zwei nebeneinander liegenden Gemeinden demokratie hat einen großen Erfolg erzielt. Es erhielten Hagen ( ul.) die eine katholisch, die andre protestantisch ist. Das ist nicht die 8470 und ugel( Soc.) 7587 Stimmen. Hagen ist somit Folge davon, daß die eine sich nach gründlicher Ueberlegung für die gewählt.

Reform, die andre für den alten Glauben entschied; zwischen beiden Der Bund der Landwirte hatte die Wahlparole ausgegeben, für lagen die Grenzen der Territorien, deren Herren sich so entschieden, den Nationalliberalen einzutreten. Bei der Hauptwahl hatte der und zwar in der Regel ohne gründliche Ueberlegung." Sehr Nationalliberale 3911, der Bündler 3286, zusammen 7197 Stimmen wahr, aber auch sehr weltlich gedacht! Und welch sonderbarer erhalten, sie haben also 1273 Stimmen mehr erhalten, etwas mehr Gedankensprung, wenn Professor Ehrhard sonst behauptet, der als die Freisimmigen in der Hauptwvabl befamen: 1164 Stimmen. dauernde Bestand der fatholischen Kirche sei nur durch Der Stimmenzuwachs der Socialdemokraten ist ganz ein Wunder Welcher Art diese Wunder gewaltig; er ist seit der Hauptwahl um 2089 gestiegen; d. h. selbst wenn die Freifinnigen Mann für Mann für uns gestimmt *) 9.- 12. vermehrte und verbesserte Auflage. Stuttgart und hätten, würden wir aus eigner Kraft noch 925 Stimmen mehr auf­Wien. Jos. Nothsche Verlagsbuchhandlung 1902. gebracht haben.

erklären! zu

nahm.

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Die ohne Angabe von Gründen erfolgte Ablehnung des Ersuchens des Vereins für Socialpolitik" verrät deutlich das böse Gewissen des Eisenbahnministers. Mit Durchschnittsziffern, bei deren Be­rechnung gewöhnlich noch allerhand verwegene Rechenkunststückchen gemacht werden, läßt sich ja noch allerhand socialpolitischer Wind machen, während die nackte Feststellung des individuellen Lohnes die berühmte Thielensche Sparpolitik unbarmherzig entlarvt hätte. Die Bermutung der Herren Schmoller und Berlepsch, daß eine solche individuelle Lohnstatistik die Vorteile des Staatsbahn- Systems auch für diese in helles Licht stellen werde", mutete den Eisenbahn­minister wahrscheinlich direkt als beabsichtigte Fronie an, daß er das Gesuch rundweg und ohne jeglichen Entschuldigungsversuch ablehnte. Das Thielensche Verhalten, das dann in den Bundesstaaten eine bedauerliche Nachahmung fand, erregt in der gesamten Presse mehr oder minder ehrlich gemeintes Befremden, nur die Berl. Neuesten Nachr." erklären voller Genugthung, daß Thielen es glücklich ver­standen habe, der nunmehr vorliegenden Enquete Zimmermanns durch seine Verweigerung offiziellen Materials den Charakter a b= foluter Zuverlässigkeit zu rauben:

" Jeder, der nicht von socialer Schwärmerei zu sehr affiziert ist, wird es dem Minister v. Thielen Dank wissen, daß es seinen energischen Maßnahmen gelungen ist, socialdemokratische Einflüsse unter den Eisenbahnern fern wenigstens im Baum zu halten."

Also die offizielle Feststellung der wirklichen Lohnverhältnisse würde der Socialdemokratie Einfluß unter den Eisenhahnern vers fchafft haben! Diese Auslegung der Thielenschen Motive ist die denkbar schärfste Brandmarkung der Thiclenschen Sparpolitik und der Thielenschen statistischen Lichtschen!

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