Nr. 75.
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Vorwärts
Berliner Volksblatt.
20. Jahrg.
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Telegramm- Adresse: ,, Socialdemokrat Berlin".
Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Mr. 1983.
TH
Sonntag, den 29. März 1903.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69.
Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
Hinein in die politifchen Organifationen!
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Parteigen offen! Der Reichstags- Wahlkampf, der bereits unmittelbar bevorsteht, steilt den zweiten Berliner Wahlkreis, der erst bei der Nachwahl dem freisinnigen Gegner entrissen an die agitatorische Thätigkeit der Partei ganz besondere Anforderungen. Unfre Gegner, die sonst nur werden konnte. im Stillen arbeiten, raffen sich während der Wahlcampagne zu den gewaltigsten Kraftanstrengungen auf. Ebenso erbittert wie in diesen Berliner Wahlfreifen selbst wird der Kampf in einer ganzen Das Hauptgewicht ihrer Thätigkeit verlegen sie nicht auf öffentliche Versammlungen, bei denen sie Anzahl benachbarter Wahlkreise entbrennen. Gilt es doch z. B. in Ober- Barnim, in PotsdamGefahr liefen, ihren socialdemokratischen Gegnern Rede und Antwort stehen zu müssen, um so mehr Osthavelland , in Westhavelland , in Zauch Belzig- Jüterbog- 2udenwalbe aber auf Agitation durch die Presse und durch Massenverbreitung von Broschüren die Gegner zu werfen, obendrein die konservativen Gegner, die Mitväter des standalösen Zollwucherund Flugblättern. Da nun die bürgerliche Bresse eine noch weit größere Verbreitung hat als Tarifs. In all diesen Wahlkreisen errang die Socialdemokratie, die ja bereits Westhavelland 1896 die socialdemokratische, da ferner bei der Verbreitung der Wahlflugschriften von unsern Gegnern mit erobert hatte, so starke Minoritäten, daß bei Anspannung all unsrer Kräfte der Sieg unbedingt unser dem Gelde nicht geknaufert wird, ist die umfassendste socialdemokratische Gegenagitation dringend sein muß! In weiten Landbezirken dieser Wahlkreise stehen der Socialdemokratie entweder gar keine geboten. Zu einer solchen Agitation aber gehören zahlreiche und zuverlässige Mannschaften, gehören oder doch nur ungenügende Lokale zur Verfügung, die Agitation durch Flugschriften, die Aufklärung Genossen, die eine gründliche politische Schulung durchlaufen haben. Der gute Wille allein, der Partei von Mund zu Mund ist also hier das einzige Mittel, mit dem der gegnerischen Propaganda entgegenwährend des Wahlkampfes Dienste zu leisten, genügt nicht; die Wahlagitation erfordert auch Wiffen getreten werden kann. Um diese Agitation gründlich durchzuführen und am Wahltage den Wahlakt und Talt, Eigenschaften, die die Genossen sich nur in den politischen Organisationen der Partei erwerben allerorts überwachen zu können, find tausende intelligenter und charaktervoller Genossen erforderlich.
fönnen.
Gerade an die Genossen Berlins und der Vororte treten ganz besonders hohe Anforderungen heran. Berlin und die umliegenden Wahlkreise sind zur Hochburg der Socialdemokratie geworden. Dies stolze Befigtum der Partei muß nicht nur allen Anstürmen der Gegner gegenüber behauptet werden, es muß auch noch ausgebaut und mit unzerstörbaren Wällen umgeben werden.
Aber auch in Berlin selbst darf neben der großen allgemeinen Agitation die agitatorische Kleinarbeit nicht vernachlässigt werden. Es genügt nicht, daß die socialdemokratischen Flugschriften bis in die letzte Dach- und Kellerwohnung hineingelangen, es ist die Pflicht der Genossen, auch persönlich auf die Kollegen und Mitarbeiter, auf alle dem Proletariat angehörenden Bevölkerungselemente einzuwirken. Um aber andre belehren zu können, ist es nötig, erst selbst gründlichste Belehrung zu empfangen. Dazu bietet sich aber in den politischen Organisationen die beste Gelegenheit. Sollte es auch sonst schon jeder Genofie für seine Pflicht halten, der Partei- Organisation anzugehören, um dadurch an dem Leben und der Entwicklung der Partei innigeren Anteil zu nehmen, so wird diese Pflicht angesichts des in den nächsten Wochen und Monaten entbrennenden Wahlkampfes völlig unabweisbar und ein Berabsäumen derselben zur unentschuldbaren Pflichtverletzung.
Noch sind nicht alle Wahlkreise erobert. In Berlin sind noch zwei Wahlkreise den Händen der Gegner zu entringen: der erste und der fünfte Wahlkreis. Einer davon, der fünfte Wahlkreis, war schon einmal Besiz der Socialdemokratie. In der Nachwahl 1893 eroberte die Partei diesen Kreis mit 11 245 Stimmen, während die freisinnige Volkspartei nur 9272 Stimmen erhielt. In der Stichwahl 1898 brachten es die freifinnigen Geguer dagegen auf 10 975 Stimmen, während unser Kandidat mit 10 853 Stimmen in der Minderheit blieb. Diese Thatsache beweist, mit welcher Energie der Wahlkampf Parteigenossen! Bei den bevorstehenden Wahlen find die Blicke der ganzen deutschen Socialin einzelnen Kreisen geführt werden muß! Aber auch in andern Wahlkreisen könnte jede unangebrachte demokratie auf die Reichshauptstadt, auf die Berliner Genossen gerichtet. Zeigt Euch des ehrenden Siegeszuversicht sich bitter rächen, so im dritten Wahlkreise, wo der Gegner mit 11 415 Stimmen hinter Vertrauens der deutschen Genossen draußen würdig! Gebt ihnen ein Vorbild treuer mannhafter Pflichtden 12 766 socialdemokratischen Stimmen nicht allzu beträchtlich zurückblieb. Nicht anders steht es um erfüllung! Füllt die Cadres mit jungen Mannschaften! Beherzigt den Mahnruf:
Hinein in die politifchen Organisationen! Difile
Aufnahme von Mitgliedern nehmen jederzeit|
entgegen:
1. Wahlkreis:
Georg Weihnacht, Grünstr. 21.
Emil Günther, Bischofstr. 12.
Gustav Radtke, Flensburgerstr. 24.
2. Wahlkreis:
Süden: Ferdinand Ewald, Schönleinstr. 6.
Südwest: Paul Scholz, Barutherstr. 22, Ece Boffenerstraße.
Westen: Oskar Kumke, Bülowstr. 59.
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3. Wahlkreis:
Wilhelm Börner, Ritterstr. 15.
Martin Mescha, Adalbertstr. 24, Eingang Engel- Ufer.
Ernst Lier, Alte Jakobstr. 119.
4. Wahlkreis:
Südost: Paul Böhm, Laufiger Play 14/15.
G. Schulz, Admiralstr. 40a( Rottbuser Thor). W. Erbe, Cubrystr. 25.
Often: Fr. Thielte, Pallisadenstr. 52.
5. Wahlkreis:
Leo Liepmann, Linienstr. 242, I.
6. Wahlkreis: Ramlow, Schönhauser Allee 185. Bachgänger, Swinemünderstr. 34. Abendroth, Badstr . 42/43.
Tauschel, Wiesenstr. 29. Fahrow, Ravenéstr. 6.
Kaiser, Pflugftr. 6.
Fischer, Waldstr. 8.
Johann Pfarr, Putligstr. 10.
In den Vororten Berlins ersuchen wir die Genossen, sich an den in dem betreffenden Orte bestehenden Wahlverein zu wenden.
Arbeiterschutz.
Zum zweiten deutschen Bauarbeiterschuh- Kongresse. Der Zustand des Arbeiterschutzes ist ein guter Maßstab für den Stand der Kultur, für die Schäßung, deren sich der Arbeiter in der Gesellschaft erfreut, für die Macht, die sich die Arbeiterklasse im Staate errungen hat.
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hältnis umgekehrt und die Arbeit wird eingerichtet nach den Hamburger Kommission den Auftrag als Centralkommission Bedürfnissen des Arbeiters; alle technisch möglichen Sicher für Bauarbeiterschuß und bestimmte Direktiven für ihre heitsvorkehrungen, die die Arbeit ihrer Gefahren und Schäd- Thätigkeit. Es sind demnach kaum acht Jahre her, daß die lichkeiten entkleiden, sind selbstverständlich in einer Ordnung, Bauarbeiter diesen ihre hohe socialpolitische Einsicht ehrenden wo die Arbeit ihrem natürlichen Zwecke, Gebrauchsgegenstände Kompf begonnen haben. Geführt haben sie ihn bisher in zur Befriedigung unsrer Bedürfnisse zu schaffen, unmittelbar geradezu vorbildlicher Weise, und wenn einem einzelnen an dient. So lange aber die Arbeit der Warenerzeugung und solcher Arbeit überhaupt ein Verdienst zuerkannt werden kann, Die Delegierten der Hunderttausende baugewerblicher Profitschöpfung dient, so lange wird der Arbeiterschutz immer so ist es der Sekretär der Centralkommission, der Töpfer Arbeiter Deutschlands , die heute in Berlin zusammentreten, nur ein Kompromiß sein zwischen dem Profitinteresse und der G. Heinke, dem ein solches Verdienst gebührt. Er war werden über äußerlich recht nüchterne Dinge verhandeln, die Macht der Arbeiterklasse; sein Zustand wird bestimmt von dem von Anfang an in Dresden die Seele der Bewegung, kam dann manchem nicht direkt Beteiligten als sehr uninteressante Fach- jeweiligen Stärkeverhältnis dieser beiden Faktoren, die Grenze bald in die Hamburger Kommission und ist seitdem ununterfragen erscheinen mögen. Fensterfrage, Coatsforbfrage, Bau- des technisch Möglichen wird er niemals erreichen. brochen und raftlos thätig gewesen für das Ziel, den Baubuden, Aborte, Gerüstaufstellung, Bretterbelag, Schußbord Im Baugewerbe ist der Arbeiterschutz trotz guter Organi- arbeitern menschliche Arbeitsverhältnisse zu erringen. Die und allerlei sonstige hölzerne Dinge; dazu dann allerdings sation der Arbeiter und trotz lebhafter und energischer Thätig Arbeit der Kommission begann mit der planmäßigen Ereinige Tausend Tote, einige Zehntausend Krüppel und einige feit der organisierten Arbeiter gerade nach dieser Richtung noch forschung der Zustände auf den Bauten, dann folgte ein gründHunderttausend Verunglückte. Fachfragen allerdings, die von besonders mangelhaft. Die Eigentümlichkeiten des Bau- liches Studium der bestehenden gesetzlichen oder polizeilichen Fachleuten mit Sachkenntnis behandelt werden müssen, die betriebes mögen dabei eine Rolle spielen ein Bau ist keine Vorschriften, die gewonnenen Resultate wurden der Presse zuam Ende noch einiges Geldinteresse beanspruchen und von den feste Produktionsstätte, andrerseits auch die Beschaffenheit gänglich gemacht, in Broschüren und Flugblättern verarbeitet, Unternehmern in der That auch nur vom Geldstandpunkte des Arbeitermaterials, das sich wenigstens bei den eigentlichen in zahllosen Versammlungen wurden sie besprochen und die aus behandelt werden. Was kostet die Geschichte, wie schneidet Rohbau- Arbeitern zum Teil aus sehr rückständigen Arbeiter Arbeiter für die richtige Wertung der Schußeinrichtungen der Profit dabei ab? Man redet zwar gelegentlich, wenn man schichten rekrutiert, denen erst eine lange Erziehung Kultur- bearbeitet. in Festtagsstimmung ist oder einen Schamfeßen braucht, von bedürfnisse beibringen kann. Deshalb umfassen auch die Es folgte ein Bombardement von Petitionen und DenkChristenpflicht im christlichen Staate, christlicher Sittlichkeit Organisationen dieser Arbeiter, obwohl sie sich wenigstens in schriften an Behörden, mit reichem Material über die Zuund solchen Sachen; doch das ist nur Pose. Dahinter steckt den Großstädten eine bewundernswerte Aktionsfähigkeit erstände auf Bauten, über Unfälle und Erkrankungen der Baunichts. Profit ist das Princip, das auch in der Frage des rungen haben, doch nur einen recht geringen Teil der Berufs- arbeiter und mit detaillierten Borschlägen für SchutzArbeiterschutzes allein entscheidend ist. angehörigen, der Nachschub der rückständigen Elemente ist vorschriften. Nach dem ersten Kongresse wurden aller Orten In der Vernachlässigung des Arbeiterschußes drückt sich dauernd stark und der Kampf der Arbeiter ist deshalb mit Lokalkommissionen für Bauarbeiterschutz gebildet, die wieder die Mißachtung des Menschen im Arbeiter aus; Schutz vor den ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden; es wird noch eine in Provinzial- und Landeskommissionen ihre Zusammenfassung vermeidbaren Gefahren der Berufsarbeit bedeutet einen Schritt erhebliche Kraft verbraucht für den Kampf in den eignen fanden. Alle stehen sie in Verbindung mit der Centralauf dem Wege zur Vermenschlichung der Arbeiter. Wie der Reihen, für die Gewinnung der gleichgültigen Berufsgenossen. fommission. Die Sammlung von Material und die regelUnternehmer in der warenproduzierenden kapitalistischen Ge- Sodann ist es immer nur erst eine furze Spanne Zeit, seitdem mäßige und immer wiederholte Besprechung des Gesammelten sellschaft nicht Häuser baut, um das Wohnungsbedürfnis zu die baugewerblichen Arbeiter ihren nachahmenswerten ziel in der Presse wurde im ganzen Reiche betrieben und nun befriedigen, sondern um ein gewinnbringendes Geschäft damit bewußten Kampf für geseglichen Bauarbeiterschutz aufge- kann die Centralfommission dem zweiten Bauarbeiterschutzzu machen, so ist ihm der Arbeiter kein Subjekt, nur ein nommen haben. Kongresse als Bericht über ihre Thätigkeit seit 1899 eine aberObjekt, ein Produktionsmittel, das ihm Profit erzeugt. Und Die planmäßige Arbeit für einen ordentlichen Bau- malige fleißige Arbeit ihres Sekretärs Heinke vorlegen, die zwar ein Produktionsmittel, das er auf der Straße aufliest, arbeiterschutz ging von Dresden aus, wo im Jahre 1895 eine nicht nur ein schönes Dokument für die Leistungsfähigkeit und das in ununterbrochenem Strome sich selber immer wieder Bauarbeiterschuß- Kommission gebildet wurde, die sofort ihre die kulturfördernde Thätigkeit organisierter Arbeiter darstellt, neu erzeugt und das er deshalb nicht pfleglich zu behandeln Thätigkeit auf ganz Sachsen ausdehnte. Ihr folgte bald auf sondern auf ihren 150 Drudseiten auch ein jedem Socialbraucht wie etwa ein Pferd oder eine Dampfmaschine. Wir Anregung von Dresden aus eine ähnliche Kommission in Ham- politiker wertvolles reichhaltiges Material über den gegenwollen die Produktion aus dem Zustande der Waren- und burg, die das ganze Reich als ihr Thätigkeitsgebiet betrachtete wärtigen Stand dieser Specialfragen bietet. Profiterzeugung in einen Zustand überführen, wo sie lediglich und von dieser Kommission wurde im Jahre 1899 um die Gebrauchsartikel erzeugt und damit den Arbeiter aus einem jezige Jahreszeit der erste Bauarbeiterschutz- Kongreß ein Objekt zu einem Subjekt machen, aus einem Produktions- berufen, den 15 Gewerkschaften mit 304 Delegierten aus allen mittel zum Herrn der Produktion. Dann ist das heutige Ver- Gegenden Deutschlands beschickt hatten. Von ihm erhielt die
Diese eifrige Thätigkeit ist auch nicht erfolglos gewesen. Der intensiven Bearbeitung konnten sich Parlamente und Behörden nicht gänzlich entziehen. Bauarbeiterschutz wurde eine Frage, die in Parlamenten eine Rolle spielte und schließlich