Nr. 313. HbonncmentS'Bedingungen: lOorotementä- Preis pränumerando: Pierteljährl. 3.30 Ml., monati. 1.lv Ml. wöchentlich 28 Pfg. frei WS HauS. einzelne Nummer S Pfg. Sonntags» nummer mit Mustrierter Sonntags- Beilage»Die Neue Welt" 10 Pfg. PostAbonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in die Posl-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn S Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. 21. Jahrg. vlchtlil täglich auOtr montags. Devltnev VolksblÄkk. DK TnKrtionS'Gebfllp beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versammlungs.Anzeigen 25 Pfg. „Kleine Hnzelgen". das erste ssett» gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bi! 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben «erden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Delegramm- Adresse: „Ssdaldcaisltnt Rcrllo". Zentralorgan der sozial demokratischen parte» Deutschlands . Redaktion: 831. 68» Lindenstrasse 69. Fferiisprecher: Amt IV. Nr. 1383. Sounabeud, den 10. September 1904. Expedition: 831. 68, tlndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984._ Ein Wendepunkt in der„christlichen Arbeiter- Bewegung" Westdeutschlands. Aus dem Ruhrgebiet wird uns geschrieben: Wenig beachtet von der breiteren Oeffentlichkeit und doch hoch- bedeutsam für die Entwicklungsgeschichte der sogenannten.christlichen' Gewerkschaftsbewegung im westdeutschen Industriegebiete vollzog sich seit einigen Wochen im Ruhrkohlengebiete unter den Bergleuten ein W a h l k a m p f», dessen Abschluß am 10. September eintritt. An diesem Tage finden nämlich in 31v„Sprengeln" des großen B 0 ch um er Knappschafts - Vereins fcirca 290 000 Mitglieder) die Arbeitervertreter« Wahlen statt. Die„Acltesten' sind die gesetzlichen Vertreter der Knappschafts - Mitglieder und bilden mit den in gleicher Zahl gewählten Werks- Vertretern die beschließende Behörde des Vereins. Aus beiden Vertretergruppen werden je lö Personen zum engeren Vor« st a n d delegiert, der die laufenden Vereinsgeschäfte regelt. Nur mit der Einschränkung, daß die Aeltesten einen so minimalen Einfluß auf die Kassenverwaltnng haben, daß sie nicht viel mehr als De- koration darstellen, sobald auch nur ein Aeltester im Vor- stand sich bei entscheidenden Abstimmungen den Werks- besitzern anschließt. Daß mindestens ein solcher Zechen- ältester immer im Vorstand fitzt mid die Arbeiterrechte nieder- stimmt, das haben die Werksbesitzer bisher stets möglich gemacht. Bei den Arbeitervertreterwahlen griffen die Zechenverwaltungen stets mit terroristischer Macht ein, so daß bisher immer so viel Zechen« älteste ffie nennen sich selbst.Mäßige") zum Amte kamen, um bei den Vorstandswahlen über die Opp ositi on(so nennen sich die Zechengegner) zu siegen. Die Aeltestenwahlen finden alle sechs Jahre statt, das Wahlverfahren ist geh eim und direkt, laut Stawt; das Berggesetz stellt den Wahlmodus frei. Auch 1833 gelang es noch einigen 70 bis 80 Zechenältesten zu siegen. Außerdem eroberte der christliche Verband" 80—30, der „alte Verband" 104 Sprengel. Keine der drei Gruppen hatte dennoch die Majorität für sich, da? führte 1399 zu dem be- kannten Bündnis zwischen dem„christlichen" und dem„social- demokratischen" Verband, zwecks Beseitigung der Zechenältesten aus dem Kassenvorstand. Mit Leichtigkeit wurden nun in den drei folgenden Vorstands-Ersatzwahlen die Mäßigen besiegt, eS blieb nur noch ein Zechcnhelfer(Bloch) im Vorstände; ihn sollte 1904 das Schicksal ereilen. Aber da geschah das, was seitdem die Ruhrbergmannschaft in Aufregung hält. Hatte Centrums-Abg. Brust, der Vor- sitzende des„Christlichen Gewerkvereins", schon 1301 den Zoll- wucher-Tarif(für den Brust agitierte) zum Anlaß des Bruches mit dem. alten Verbau de" genommen, so gelang es ihm doch noch nicht, auch den Keil zwischen die Alte sie n der beiden Verbände zu treiben, welche redliche Mühe sich auch Brust im Verein mit der Centrums- und Zechenprcsse gab. Noch im Vorjahre tagten die Aeltesten gemeinsam und stellten Anträge zur Re° form des KnappschastSwesenS, die der Regierung zur Ergänzung ihres AbändenmgsentwurfeS zum Berggesetz zugestellt wurden. DaS war noch im August 1903— zum Pfingst- tag 1304 waren 83 Gewerkvcreinsältesten von Brust nach Alten- essen zusammenberufen und dort gelang eS dem«christ- lichen"Gewerkvereins«Führer auch dieAeltesten zum Bruch mit ihren Kollegen aus dem„alten Wer- bände" zu bestimmen! Dafür ging die Gewcrksvcrcinöleitung ein Bündnis mit den Zechenältesten ein, infolgedessen am 11. Juni dieses JahreS bei der Vorstands-Ersatzwahl die ZechengewerkvereinSliste siegte über die Verbandsliste. Gegen das 1899 vereinbarte Reformprogramm wählten die Zechen-Gewerkvereinler zwei Grubenbeamten(einer ist zwar pensioniert, aber rechnet zu denBeamten) in den Kassenvorstand als „Arbeitervertreter". Das hatte die sofortige Folge, daß der bc- kannteste Reformgegner, Herr Werksbesitzer Dr. W e i d t- mann zum zweiten Vorsitzenden gewählt wurde mit 17 von 30 Stimmen; zwei Zechen- Gewerkvcreinler wühlten den Reform- gegner. Wenn nun auch der eine Bloch auS dem Borstand war, so sorgte doch Herr Brust für genügenden Ersatz; außerdem wurde der allzu kompromittierte Zechenfreund Bloch ent- schädigt, indem ihm zechengewerkvereinSseitig ein andrer wichtiger Vertrauensposten übertragen wurde, und dann wurde Bloch Mit- glied des Gewerkvereinsl Dieser selbe Herr„Arbeiter- Vertreter" hat am 14. November 1903 in der Berliner Konferenz der Knappschoftsvereine mit den Werksherren sogar gegen Reformvorschläge der Regierung, z. B. gegen daS gesetzliche geheime Wahlrecht der Kaffenmitglieder. gestimmt! Daraus erkennt man schon zur Genüge, welche totale Schwenkung die .christliche Bergarbeiterführung" machte, daß sie diesem Wahl- rechts feinde zum Mitgliede erkor. Aber man ging noch weiter: Bloch ist jetzt in Essen auch der offizielle Aeltestenkandidat des„christlichen" Gewerk- Vereins III Nun einmal A gesagt, mußte auch das ganze kapitalistenfreund- liche Alphabet durchbuchstabiert werden. Für die am 10. September stattfindenden allgemeinen Aeltestenwahlen hat der Gewerkvrrciu ein formelles Bündnis mit den Zechenherren geschloffen!!! DaS geht schon daraus hervor, daß heute die Gewerkvereinsleitung daS 1883 geschaffene, jetzt noch gültige Kassen statut ganz im Sinne der Werksbesitzer lobt, während bis voriges Jahr Herr Brust sich in den gröbsten Ausfällen gegen das Statut erging. Früher schrieb der„Bergknappe", das neue Statut enthalte Verschlechterungen, Rückschritte, die Wünsche der Mit- gtieder seien„nicht i-m entfernte st en" befriedigt. Damals gab der.Bergknappe' den„Mäßigen"(Zechenältesten) die alleinige Schuld an der schlechten Statutfassung. Als die W e r k s b e s i tz e r in der Generalversammlung des Vereins nochmals alle Refonnanträge der Oppositton ablehnten, schrieb der„Berg- knappe": „Man merkte bei einzelnen Werks besitzern geradezu höhnische Grimasssen(III). Als fie gegen die Gleich- stellung der alten Invaliden von vor 1892 stimmten, erschollen aus den Reihen der Arbeitervertreter die Rufe:„ P f u i I" „Haben kein Herz!"„Haben ein Herz von Stein!" Der Vorsitzende bezeichnete dieses als nicht parlamentarisch, doch sind uns diese Rufe leicht erklärlich. Wie es den armen alten Invaliden zu Mute ist, davon haben ja Herr Bergrat Ludwig und die Werksvertreter kein Verständnis oder wollen es nicht haben.(!!!) Hoffentlich wird das beinahe protzige Verhalten der Werksvertreter vollständig ernüchternd auf die Bergleute wirken.(III) Sie sehen, daß von der Seite nicht der gering st e Fortschritt im Knappschaftswesen auf gütlichem Wege zu erreichen ist. Hier müssen andre Mittel in Anwendung kommen." Das gerade Gegenteil schreibt die Gewerkvereinsleitung jetzt von dieser Aeltestenwahl. Jetzt sollen die„Socialdemokraten" gegen das Statut gestimmt haben, welches„thatsächlich nur Vor- teile" brachte. Jetzt sollen die oppositionellen Aeltesten— darunter auch ehrliche Gewerkvereinsvertreter!—„Stock- prügel"(!) verdient haben, weil sie gegen das Stawt stimmten. DaS Statut ist 1898 angenommen worden gegen die Stimmen der oppositionellen Aeltesten beider Verbände; jetzt sind diese Oppositionellen flugS zu„Socialdemokraten" gestempelt, die„alles oder nichts" haben wollen; echte Centrumsdemagogie, wieman sieht. Die Werksbesitzer werden jetzt als wohlwollende Herren an- gekatzbuckelt, ohne die„man nichts machen kann". Reinste Harmonielehre! Man erkennt die ehedem mit g e w a l t- samen Mitteln gegen die Werksbesitzer drohende Gewerkvereinsleitung nicht mehr wieder. Der Eintritt Brusts in die C e n t r u m S f r a k t i 0 n hat Wunder gewirkt, er empfiehlt jetzt, den.Arbeitgebern mit Liebe entgegenzukommen". Die Zechen- ältesten sind heute Gewerkvereins-Mitglieder und-Kandidaten, die Wahlparole lautet jetzt:„Jagd nur auf Rotwild!" Das ist eine Wendung, die zu einem S e d a n der„christlichen Arbeiterbewegung" führen mutz. Denn im Kuappschaftswesen kulminiert das Jntereffe der Bergarbeiter, handelt eS sich doch um ihre Versicherung gegen Folgen von Krankheit und In- Validität und um die Hinterbliebenenrente. Wie unter dem Einfluß der Werksbesitzer„thaffächlich nur Vorteile" geschaffen sind, dafür genügen schon folgende Zahlen als Beweis: Es betrugen im Durchschnitt: Arbeiter- Pension Witwen- Waisen- beitrage pro Invalide geld geld 1875 23,06 M. 261,36 M. 192.74 M. 45,07 M. 1885 25,69, 261,21. 162,62. 55,23„ 1902 52.55„ 236,71„ 156,00„ 35,83„ Kommentar überflüssig. Auch für die Bergleute, denen eS gar nicht einleuchten will, daß sie nun als„Christen" verpflichtet seien, die von der ZechengewerkvereinS-Leiwng präsentierten Zechen- kandidaten zu wählen. In einer Reihe Sprengel rebellierten die „christlichen Bergleute" gegen das Bündnis Brusts mit den Zechen- Verwaltungen. Schon ist es zu christlichen Rebellenkandidaten ge- kommen, man hat die Mitglieder zu tief eingeschätzt. Hunderte Gewerkvereinler traten zum Verband über, der großartige Fortschritte macht. Zu alledem stellt sich heraus, daß der angebliche„paritätische" Gewerkverein keinen einzigen evan- gelischen, nur katholische Beamte besitzt I Darum inter- pellicrt, höhnte CentrumSabg. Brust: eS müssen erst evangelische Schlauköpfe gebacken werden!!! Die Centrumsmache der „neutralen christlichen' Operationen ist damit allen Bergleuten offen- bar. Verschiedentlich sind daraufhin„evangelische Aeltesten" auf- gestellt worden. Rkit dem Abschwenken ins Zechenlager ging dem Gewerkverein der Nimbus einer mit radikalen Tiraden operierenden Arbeiterorganisation verloren, die Vereinigung wird nur noch Zechen- gewerkverein genannt. Das ist ihr Sedan. Krampfhaft versucht man immer noch den radikalen Schern zu retten, besinnungslos werden beispiellose Schmutz- flugblätter, in denen sogar tote Verbandsführer infam insultiert werden, zusammengeschmiert, kulturhistorische Dokumente klerikaler Gemütsverrohung. Welchen Eindruck diese unerhörte Kampfesweise macht. ergiebt sich klärlich aus dem werksfreundlichen„Rheinisch-Westfälischen Tageblatt", welches schreibt: „Der Kampf um die Knappschaftswahlen setzt so scharf ein, wie nie zuvor. Leider werden aus christlicher Seite in diesem Kampfe die allerschwerstcn Fehler gemacht. Das Flugblatt, das in diesen Tagen vom Vorsitzenden des christlichen Gewerkvereins, Herrn August Brust in die Welt gesetzt wurde, hat der von ihm vertretenen Sache nicht nur nichts genutzt, sondern im Gegenteil ganz erheblich geschadet. Die darin nicderaclegten wüsten Schimpfereien übersteigen in der That so sehr alles Zu- lässige, daß man sich gar nicht wundern darf, wenn viele Berg- leute sich davon geradezu angewidert fühlen und lieber gar nicht zur Wahl gehen, als sich zum Bundesgcnoffen und� Spieß- gesellen eines solchen Schimpfvirtuosen zu machen." Die« der Wutschrei eines Blattes über die grandiose Un- geschicklichkeit eines Zechenhelfers. Das Schmutzflugblatt hat denn auch sehr niederdrückend und empörend gewirkt aus solche Kreise, deren Hilfe die Zechen sehr nötig haben. Wie der Wahlausfall sein wird, läßt sich natürlich nicht bestimmt voraussagen. Die Arbeiterfeinde machen ungeheure Anstrengungen. Zechenverwalttmgen, Klerisei, Lehrer, Windthorst-Bund. national- liberale Wahlmacher sind gegen den Verband aufgeboten. Mit Kandidatenmaßregelungen suchen die kapitalistischen Scharfmacher die Verbändler einzuschüchtern. Das unsinnigste, verlogenste, gemeinste Zeug publiziert die mit Bolldampf für die Zechenpartei agitierende Centtumspresse gegen den Bergarbeiter-Verband und die Social« demokratie. Ein Spektakel, gerade so lärmend und widerlich wie bei der Reichstagswahl. Unsre Gegner wissen recht gut, daß es sich um einen Entscheidungskampf handelt. Eine Niederlage drückte den Zechengewerkverein sofort zur BedeutungS« losigkeit herab. Aber auch gesetzt der Fall, die klerikale Verhetzung im Bunde mit kapitalistischem Terrorismus würde am Sonn- abend die Majorität der Sprengel erobern, so wäre dies doch nur ein Pyrrhussieg. Alle Wohlgerüche Arabiens können von dem„christlichen Gewerkverein" nicht mehr das Odium nehmen, welche« er in den Augen der Arbeiterschaft durch daS offenkundige Bündnis mit den Kapitalisten auf sich lud. Siegen kann der Zechengewerkverein nur mit Hilfe des kapitalistischen Terrorismus, denn an Mitgliedern ist der Verband der viel Stärkere. Dies weiß jeder Bergmann und damit ist das Schicksal der„christlichen Bergarbeiter- organisation" besiegelt. So oder so: zerschellt die klerikale Sonder« bündelei nicht am 10. September bei der Aeltestenwahl, dann zieht die kompromittierende Kapitalistenhilfe den„siegreichen" Zechengewerk» verein in den Abgrund. Die freie Bergarbeitergewerk» schaft siegt auf alle Fälle. poUtifcbe Gebcrlicht. Berlin , den 9. September. Freisinn und Wahlrecht. Daß die Freisinnige Volkspartei gegen das allgemeine Wahlrecht ist auf den Gebieten, wo sie herrscht, ist bekannt. Ja die Freisinnige Volkspartei ist sogar noch für eine Verschlechterung des preußischen Dreiklassen-Wahlrechts in Staat und Gemeinde zu haben. Der letzte freisinnig-nattoualliberale„Reform'antrag im preußischen Ab- geordnetenhaus läuft darauf hinaus, das Wahlrecht in der Richtung zu Ungunsten des Proletariats zu verbessern, daß statt der Dritte- lung nach UrWahlbezirken die ganze Stadt einen Bezirk bilden soll. So unsinnig natürlich die Drittelung nach UrWahlbezirken ist, so mildert dieser Unsinn doch etwas den plutokratischen Charakter des preußischen Wahlrechts, indem eS in proletarischen Vierteln auch die Besitzlosen in die zweite und erste Klaffe borrücken läßt. Infolge dessen ist im dritten Berliner Landtags- Wahlkreise bei der letzten Wahl die Socialdemolratie dem Freisinn so nahe ge- kommen, daß bei den nächsten Wahlen aller Voraussicht nach der Freisinn verdrängt werden wird. Um dieses Unglück zu verhüten, hat man mit den Nationallibcralen zusammen jenen Reformantrag ein- gebracht, dessen Verbesserungen— neue Einteilung der Wahlkreise — nicht angenommen werden, deffen Verschlechterung dagegen— Beseitigung der Drittelung nach UrWahlbezirken— zur Annahme ge- langen dürfte. Den ganzen stumpfen Haß der Freisinnigen Volkspartei gegen das Princip des ReichstagS-Wahlrechts offenbart eine Auslassung der„Vossischen Zeitung" gegen den Antrag unsrer Charlottenburger Stadtverordneten auf Einführung des ReichStags-Wahlrechts in den Gemeinden. Vor 40 Jahren war das freisinnige Bürgertum in den Städten im Konflikt mit der Regierung. Noch heute weinen die fteisinnigen Heldengreise vor Stolz und Rührung, wenn sie von jenen Zeiten de? Kampfes gegen Junkertum und Regierung erzählen. Heute schreibt das Organ derselben Heldengreise. eS sei ganz umnöglich, an die Einführung des ReichstagS-Wahlrechts für die Gemeinden zu denken, weil dann die Socialdemolratie ans Ruder kommen würde und damit ein Konflikt zwischen der Stadt und der Regierung entstehen würde. Um solche Ge- fahr zu vermeiden, hat man ja auch schon wiederholt in fteisinnigen Kreisen für das Gemeinde-Wahlrecht eine„Reform" dahin angeregt, daß statt des Dreiklassen-Systems das gleiche Wahl- recht eingeführt würde, aber mit einem C e n s u S, so daß auch die Herrschaft der Socialdemolratie in der dritten Klasse auf diese Weise fortreformiert würde. In dieser Tendenz schreibt denn auch die„Vossische Zeitung": „Wie sich die Charlottenburger Anttagsteller die AuSführmtg der Wahl im einzelnen denken, wissen wir nicht; eS ist auch einerlei. Jedenfalls werden sie der Ueberzeugung sein, daß die Socialdemokratte die erdrückende Mehrheit in der Stadtverordneten- Versammlung haben würde, wie in vielen Großstädten, so zumal in Berlin . Mit kühlem Lächeln ginge der„Massen- tritt der Arbeiterbataillone" über nationasiociale oder social- liberale oder socialfortschrittliche Kandidaten zur Tagesordnung über. Denn finden schon die„Revisionisten " nicht überall Gnade vor den Augen der„Genossen", wie sollten sie sich für bürgerliche Kandidaten erwärmen, die nicht einmal Republikaner sein wollen? Also im„roten Hause" regiert die Partei der Herren Bebel und Singer. Sie übernimmt die Verwaltung der städttschen Betriebe; sie verfügt über die Anstellung der Beamten; sie besetzt die Deputationen, beispielsweise auch die Schul« dcputation, sie ernennt die Stadträte, den Bürgermeister und den Oberbürgermeister. Freilich, einstweilen nimmt die Regierung für eine Anzahl Wahlen das Bestätigungsrecht in Anspruch. Wie mm. wenn die Wahlen des socialdemokratischen Oberbürgermeisters und der übrigen socialdemokratischen Magisttatsmitglieder nicht bestättgt werden? Die„Genossen" mit dem Männerstolz vor Königsthronen werden sich nicht fügen, die Regierung noch weniger, und so wird eine Stelle nach der andren vom StaatSministerium kommissarisch besetzt. Herr Singer kann schon jetzt seine Sehnsucht nach einer Erhöhung des Ein- kommensteuerzuschlags über 100% hinaus nicht zügeln, denn während die Masse der Arbeiter steuerftei bleiben soll, soll die„Bourgeoisie"
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