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Nr. 175.

Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Viertel­jährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 mt, wöchentlich 28 Pfg. frei in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage Neue Welt" 10 Pfg. Poft- Abonnement: 3,30 Mt.pro Quartal. Unter Kreuz­ band : Deutschland u. Desterreich­Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3 Mr.pr.Monat. Gingetr. in der Post- Zeitungs- Preisliste für 1892 unter Nr. 6652.

Vorwärts

9. Jahrg.

Infertions- Gebühr beträgt für die. fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Bersammlungs- Anzeigen 20 fg Inserate für die nächste Nummer müffen bis 4 Uhr Nachmittags in ber Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen­tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn­und Fefttagen bis 9 Uhr Vor­mittags geöffnet.

fern sprem- Anschluß: Amt I, Nr. 4186.

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.

Die Lage der polnischen Arbeiter in Schlesien und Posen.

Aus Preußisch- Polen wird uns geschrieben: Ju keinem von den vielen preußischen Arbeiterbezirken herrscht ein solcher Nothstand, wie in der Provinz Posen

und in Oberschlesien .

Freitag, den 29. Juli 1892.

Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.

bei dem fortwährend Leeren Magen so schnell und so leicht schlimmer ist. Sie legt sich mit bicker Schicht auf die Lunge,

wunderbar?

So leben die Proletarier in Posen und Oberschlesien .

Politische Webersicht.

betrinkt? Der Mann kennt kein Fleisch, er nährt sich von so daß man kaum zu athmen vermag. Kartoffeln und Mehl, der Magen wird infolge dessen sehr geschwächt, die Kräfte kommen niemals zur völligen Ent­wickelung, das Gehirn, als das edelste Organ, wird sehr schnell in Mitleidenschaft gezogen, und er kommt sehr bald zur sittlichen Verlotterung und Verlumpung. Aber ist das Diese elende Lage der Arbeiter wird durch zwei Faktoren In Oberschlesien ist die Noth sprichwörtlich. Der durch mitbestimmt, durch die sehr geringe Entwicklung der schnittliche Lohn eines Grubenarbeiters fibersteigt Industrie und durch die politische Lage, die das Trugbild niemals 60 M. den Monat. Jetzt stellt sich der Lohn in­einer nationalen Einheit schaffte. Unter solchen Verhält- folge Mangels an Arbeit auf 13 und weniger Mark pro nissen konnte sich selbstverständlich eine stärkere Arbeiter Monat. bewegung nicht entfalten. Der polnische Proletarier beugt fich noch zur Stunde unter das Joch der tapitalistischen Ausbeutung, er steht der mächtigen proleta­rischen Bewegung in den Nachbarprovinzen fremd gegen­über, die Kirche übt einen großen Einfluß auf ihn aus, da der Klerus hier wie überall Hand in Hand mit den Aus­beutern des Volkes geht und von der Kanzel herab die Sozialdemokratie aufs ärgfte verleumdet.

Der Arbeiter, bedroht mit dem pfäffischen Bann, und trotz der eifrigen Gegenagitation noch immer im Unklaren über den Nußen einer Organisation, läßt sich ruhig weiter schinden und dieses System der Auspowerung wird so schwunghaft und mit solcher Brutalität betrieben, daß die deutschen Kapitalisten dagegen reine Waisenknaben sind. Der polnische Arbeiter fann mit seinem Lohne bei dem kläg­lichsten Lebensmaßstab nicht nur nicht ausreichen, sondern er operirt fortwährend mit stets wachsendem Defizit.

Ein Tischler z. B. bekommt in Posen einen durch­schnittlichen Lohn volt 11 M. wöchentlich; ein Bigarrenarbeiter 13 M. Die Familie besteht zum mindesten aus 5 Personen. Meist haben die polnischen Familien viele Kinder, so daß 8 Kinder durchaus feine Seltenheit sind. Die ganze Familie haust in einer elenden Stube, gewöhnlich Dach oder Kellerranur, die das Schlaf, Eßzimmer, Küche und alles Mögliche zugleich dar­stellt. Ich kenne eine Arbeiterfamilie von 8 Personen, die in einer Stube von 6 Meter Breite, 8 Meter 69 Bentimeter Länge wohnt.

M

Das typische wöchentliche Haushalts Budget für eine Familie von 4 Personen stellt sich folgendermaßen: 2,00 M. Miethe,

2,10" täglich ein Maß Kartoffeln à 30 Pf., 3,50 Brot, täglich für 50 Pf., 1,05" Zucker,

"

0,35

"

0,20

"

Kaffee, Zichorien,

9,20 M. zusammen.

Es bleiben somit bei 11 M. Wochenverdienst für Steuern, Krankengeld, Anzug u. f. m. nur 1,80 M.

Ist es dann zu verwundern, daß der polnische Arbeiter seine großen Sorgen mit Schnaps vertreibt und daß er sich

Feuillefont.

Nachbruc verboten.]

Das schlagende Wetter.

Roman von Maurice Talmeyer. Uebersetzt von B. und A. G.

[ 25

Ein Bergarbeiter in Königshütte bekam:

davon sind abgezogen an Büchsengeld, Invalidens u. Alters­versicherungs-, sowie Musikbeitrag 2c. 3,10 m. 3,22 3,07

Berlin , den 28. Juli. Amtliche Erklärung in Sachen der Choleragefahr. In der Beilage der heutigen Nummer veröffentlichen wir eine amtliche Bekanntmachung des preußischen Kultus­ministeriums, auf die wir unsere Leser ausdrücklich hin­weisen.

-

Die Kehrseite der ,, günstigen" Reichsfinanzen. Das Reich ist nach den offiziellen Zahlen immer in einer günstigen Lage; es verschlingt folossale Anleihen und die stets steigen­den Einnahmen aus den Zöllen und Lebensmittelsteuern. Die ungeheuren Einnahmen, die man dem Reiche gewährte, hat man dadurch beschönigt, daß durch dieselben die einzelnen " Staaten von den Matrikularbeiträgen nicht nur befreit, " sondern sogar noch von den Ueberschüssen des Reiches über­" schüttet werden würden. Da die Zölle die nothwendigsten im April 59,37 m. Lebensmittel betreffen, so ist deren Steigerung durchaus

3,17 3,00

"

"

im Oktober 1891 November Januar 1892

"

..

April

72,84 M., 74,78 53,80 62,45

"

"

"

3,08

"

"

07

Mai Juni

45,50

"

"

"

. 13,20

"

im Oktober 69,74 M.

"

Novbr. 71,56 " Januar 51,75

" "

e

"

Mai 42,33 Juni 10,20

" "

Es blieben somit:

M.

noch kein Zeichen zunehmenden Wohlstandes, kann doch beispielsweise eine Mißernte durch die Nothwendigkeit ver Dem

Der durchschnittliche monatliche Lohn beträgt somit 53 mehrter Einfuhr die Zolleinnahmen steigern. refp. 49,62 M.

Nun sehen wir uns das monatliche Budget an: Wohnung 5,00 M. Bichorien Knappschaftsbeitrag 6,00

·

0,80 m.

"

Brot Zucker Kaffee Milch Galz

20,00

"

2,40

"

1,60

"

31 12

Seife Petroleum 0,60 Kartoffeln. 6,20 Spect 2,40 4,00 fleine Ausgaben 4,00 0,40

. 1,20

"

#

"

"

"

Summa 54,60 M. Somit hat der Arbeiter einen monatlichen Fehlbetrag von 4,98 Mark! Woher soll nun der Arbeiter Kleidung, Stiefel und dergleichen nehmen? Zu bemerken ist noch, daß dies der Höchstlohn ist, den ein Berg- oder Hütten­arbeiter in Oberschlesien bekommt.

Unglaublich ist es mit den Wohnungen der Arbeiter bestellt. Ich kenne eine Familie von acht Personen, welche zusammen eine Stube von 4 Meter 18 Zentimeter Breite, 5 Meter Länge und 2 Meter 55 Zentimeter Höhe bewohnen. Auf jede Person kommen somit kaum 6 Rubikmeter Luft! In derselben Stube wird selbstverständlich gekocht, gewaschen, geplättet, geschlafen. Man kann sich vorstellen, was für eine Luft dort herrschen muß. Ein Mensch, der es nicht gewohnt ist, fällt innerhalb fünf Minuten in Ohn­macht. Die Fenster aufzumachen lohnt sich gar nicht, da die Luft draußen, gesättigt von Kohlenstaub, noch viel

als fie eines Tages Briefe berühmter Männer ordnete, hatte fie zu Jemand, der da war, gesagt:

Mein Schwiegersohn ist zwar in Frankreich , aber er wird sich ewig in der Fremde befinden, da aber, wo ich bin, ist Frankreich .

Seitdem hatte sie nichts dazu bestimmen können, Belgien zu verlassen. Anfangs war sie ihren Grundsätzen zu Liebe hier wohnen geblieben und jetzt blieb sie aus Gewohnheit da. Sie hatte Vorwände mehr als genug, ihren Entschluß zu erklären: ihre Gesundheit verschlechterte sich; das Leben in Brügge war billiger als überall sonst; sie wollte von Nie­mandem etwas annehmen; ein Ortswechsel jagte ihr Schrecken ein; es war ihr am wohlsten, wenn sie unab­

Die

günstigen" Jahresabschlusse der Reichshauptkasse stellen Berliner Politischen Nachrichten" das Defizit im preußischen Staatshaushalt gegenüber. Die offiziöse Korre spondenz stellt hierüber folgende Berechnung an:

Wenn der Finalabschluß der Reichs- Hauptkaffe mit einem Ueberschuß von mehr als 31/2 Millionen im Reiche und Mehr­überweisungen im Betrage von 52 Millionen Mark als ein günstiger auch in sofern zu bezeichnen ist, als das Jstergebnis sich nach beiden Richtungen erheblich besser gestaltet, wie der Schatzfekretär Frhr. v. Malhahn dies bei Vorlegung des laufenden Reichshaushalts- Etats annahm, so liegt die Frage nahe, wie sich der Finalabschluß Preußens für das letzte Rechnungsjahr gestaltet hat. Die betreffenden Zahlen werden zwar für Preußen nicht veröffentlicht, allein man ist in der Lage, sich aus den von dem Finanzminister bei Borlegung des Etats gegebenen Daten und den inzwischen anderweit bekannt gewordenen Zahlen über den Abschluß der Reichskasse, der Eisenbahn- Verwaltung und den Betrag der Ueberweisungen aus der lex Huene ein wenigstens annähernd richtiges Bild zu entwerfen. Der Finanzminister Herr Dr. Miquel gab damals das Mehr von Ueberweisungen aus dem Reiche auf 23,7 Millionen wt., die Mehrüber weisungen an die Kreise auf 10 Millionen Mart, den Minderüberschuß der Eisenbahn Verwaltung auf 42 Millionen Mart, den voraussichtlichen Rechnungsfehlbetrag auf 24,3 Millionen Mark an. Die drei erstgedachten Beträge find erheblich höher ausgefallen, als im Januar geschätzt wurde. Die Ueberweisungen vom Reich fiellen sich um rund 8,5 Millionen, die Ueberweisungen auf Grund der lex Huene

das Jahr 1852 kennen gelernt, furz nach seiner Flucht aus Bout- sur- Sambre. Ohne etwas von ihm zu verlangen, weder Papiere, noch ein Arbeitsbuch, noch Zeugnisse, hatten ihn die Rochefeus angestellt, ihn unterstützt, ihm geholfen und zu dem Wohlbefinden den Grund gelegt, das er so lange behauptet hatte.

Wir werden Sie aufnehmen, hatte die Gräfin zu ihm gesagt, während sie unter einem Scherz ihre Bewegung zu verbergen suchte, welche die verzweifelte Miene Jacquemin's bei ihr hervorrief. Weil Niemand Sie empfiehlt, muß sich wohl Niemand von Ihnen trennen wollen, Sie müssen eine Perle sein.

Seitdem hatte Jacquemin niemals aufgehört, die Gräfin wiederzusehen, er war ihr vertrautes, dankbares Geschöpf geblieben.

dem In den Abendstunden desselben Tages, an Jacquemin und Babette abgereist waren, tamen fie in Brügge an. Am nächsten Tag gingen fie frühzeitig nach dem Beguinenkloster. Dort hieß der Vater die Tochter warten und läutete an einem der Häuser des alten flam ländischen Klostergebäudes.

Es wäre nur natürlich erschienen, wenn Madame de Rochefen zu dieser Zeit nach Frankreich zurückgekehrt wäre. Ihr Schwiegersohn und ihre Tochter waren reich. Ihr hängig war. Vermögen rührte von dem des Grafen her, und man dachte Kurz, das Kaiserreich fiel, der Krieg war beendet, die sie rührte sich nicht ganz allgemein, daß die Gräfin zu ihren Kindern zurück- Zeit der Kommune ging vorüber-- kehren und wieder in ihr Vaterland übersiedeln würde. von der Stelle. Aber nichts davon geschah. Im Grunde schätzte die Gräfin Als das Beguinenkloster ganz seinen religiösen Charakter ihren Schwiegerfohn sehr wenig, in politischer Beziehung verloren hatte, war sie in ein kleines Haus, das sie ge­war er in allerlei bornirten Anschauungen befangen und in miethet hatte, gezogen und setzte dort das würdige, aber religiöser Beziehung ein verbissener Katholik, der gewisser ärmliche Leben fort; sie sah Freunde bei sich, las Zeitungen, maßen von Weihwaffer trieste, dabei war er ein heimlicher Wochen- und Monatsschriften sowie Bücher, hielt sich stets Es dauerte lange, ehe die Thür sich öffnete. Jacquemin Freund des Kaiserreichs. Da die Gräfin nun auf ihre Un- in Bezug auf die Tagesereignisse auf dem Laufenden, er- hörte endlich Jemanden kommen, nahm im Voraus seinen abhängigkeit stolz war, hatte sie sich unter ihren Gefährten schien trotz ihres Alters wenig gealtert, ward von vielen Hut ab und stand mit bloßem Kopf vor einer großen alten im Eril an ein einfames, nur geistigen Genüssen gewidmetes Leuten aufgesucht und obgleich sie ruinirt war, bewies sie Dame, die schwarz gekleidet war und auf dem Kopf ein Leben gewöhnt, und ihre Kinder waren ihr Alles sich als eine gutmüthige, geiftvolle Frau von unerschütter- Spihentuch trug, das sie unter dem Kinn zusammengeknüpft in Allem nicht mehr als andere ehrenwerthe Menschen licher Heiterkeit, ungeachtet ihres Asthmas, und komute jeder hatte. auch. Man findet sich nicht leicht in alltägliche zeit überzeugt sein, daß sie etwaigen Schüßlingen durch ein Verhältnisse, wenn man aus den Regionen der Ge- paar Worte von einem Minister eine Stelle oder Hilfe zu lehrsamkeit kommt. Da sie der Ehre für würdig erachtet verschaffen vermochte, aber bei alledem war an ihr nur worden, verbannt zu werden, hatte sie ihre Kinder aus der ein bescheidenes Kokettiven mit ihrem Einfluß zu be­Familie verbannt. Sie fühlte sich zu Hause unter den merken.

kühnen Männern, deren Gedanken die Welt erleuchten, und Jean Jacquemin hatte den Grafen und die Gräfin um

Sie da, mein alter Jacquemin! rief Madam de Rochefeu. Kommen Sie schnell herein. Ich weiß nicht, wo die Gaus, die Barbe hingegangen ist.

Jacquemin folgte der Gräfin und betrat einen engen Hausflur, dessen glänzender dunkler Fußboden mit feinen Arabesken von weißem Sande bedeckt und dessen Luft ges