Nr. 303.
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Vorwärts
Berliner Volksblatt.
21. Jahrg.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.
Fernbrecher: Amt IV. Nr. 1983.
Sonntag, den 25. Dezember 1904.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69.
friede auf Erden!
Da die Dirten ihre Derde Ließen und des Engels Worte Crugen durch die enge Pforte Zu der Mutter und dem Kind, fubr das himmlische Gefind' fort im Sternenraum zu fingen, fuhr der Dimmel fort zu klingen: " friede, friede! auf der Erde!"
Seit die Engel fo geraten, O wie viele blut'ge Caten
Dat der Streit auf wildem Pferde, Der geharnischte, vollbracht! Jn wie mancher heil'ger Nacht Sang der Chor der Geifter zagend, Dringend flebend leis verklagend: friede, friede auf der Erdel"
Lichte Nacht!
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Spärlich und trib ist der Tag, lange Nacht bedeckt das winter liche Land. Aber der immergrüne Nadelbaum ist hereingebracht, seine Lichter brechen das Dunkel und fünden das neue Werden lichter Tage.
Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984.
Doch es ist ein ew'ger Glaube,
Daß der Schwache nicht zum Raube Jeder frechen Mordgebärde
fallen werde allezeit:
Etwas wie Gerechtigkeit
Webt und wirkt in Mord und Grauen,
Und ein Reich will fich erbauen,
Das den frieden fucht der Erde.
Mäblich wird es fich geftalten, Seines beil'gen Amtes walten, Waffen Schmieden ohne fährde, Flammenfchwerter für das Recht, Und ein königlich Gefchlecht Wird erblüb'n mit ftarken Söhnen, Deffen helle Cuben dröhnen: " friede, friede auf der Erde!"
Der Arbeitsmann ist nicht unter den Frommen und Betern, aber unter dem Licht des Weihnachtsbaumes sinnt er von alter Legende und neuer Wahrheit, von holden Verheißungen und furchtbaren Wirklichkeiten.
Sie feiern, so sinnt er, die Geburt des Heilands, der nicht hatte, wohin er sein Haupt legen sollte, dem die Mächtigen die Krone von Dornen in das Haupt drückten und der am Kreuze den Märtyrertod erlitt. Aber sie selbst leben in Brunt und lassen zu, daß Bahllose nicht wissen, wo sie ihr Haupt hinlegen sollen; fie selbst verfolgen und ächten die Verkünder neuer Lehre und das Kreuz haben sie in das blutige Schwert verwandelt.
Neben der Kirche aber ragt Gefängnis und Zuchthaus. Wehe dem Entgleisenden, der die heilige Ordnung des Besizes nicht ehrt, wehe dem in trostloser Jugend Vertvahrloften. In tausend Formeln geübte Richter sprechen ihm das Recht, daß er im Kerker büße, was die Zerrüttung des Gesellschaftslebens versündigt. Zehn tausende modern, aber Staat und Kirche gedeihen in ihrer bor trefflichen Ordnung.
Und mit der Arbeit entwürdigt ist das Weib. Um der Mutterschaft willen, der die höchste Ehrfurcht gebührt, ist es vom ganzen Menschentum verstoßen und den niedersten Dienstleistungen untertworfen. Die Herrschaftsordnung des Befizzes hat die Heiligkeit ber Gebärerin entheiligt und die Mädchen der Armut dem Verkauf der edelsten Empfindungen preisgegeben.
Not und Tod, Laster und Verkommnis, das sind die Früchte einer Zeit des gepriesenen Aufschwunges, unendlicher Reichtumsentfaltung, maßlosen Herrscherpomps...
Jm gleichen Fest erscheinen alle geeint, die sonst wider einander ringen im Lebenstampfe. In den pruntenden Palästen des Frieden auf Erden tönt es durch die stille Nacht, aber Reichtums, in den Salons der Staatsmänner und Diplomaten, im Seriegsmord und Menschenbedrüdung verheert die Welt. Wieder zehn Wohnhaus der Bürger, im fargen Heim der Arbeiter, selbst im tausend Soldaten mehr, neue Gewehre, neue Kanonen, hundertKellerwinkel und in der Mansardenkammer der Wermsten das fältig tobbringend. Unsere Jugend wird der Stulturarbeit auf Jahre basfältig felbe Fest, das Fest des Friedens. Von den Türmen der entrissen, in Kasernen gepfercht und zu fnechtischer Unterwürfigkeit Dome und Kirchen läuten die Glocken milde und feierlich: Frieden gezwungen. So soll Frieden gesichert werden, aber immer Diese Bilder fieht der Proletarier vorübergleiten, ba er bor auf Erden 1" ungeheuerlicher schwellen bei allen christlichen Nationen die Armeen dem Lichterbaum finnt. Er sieht in eine Zeit, durch deren Dunkel Doch die Gleichheit des Friedens ist äußerer Schein. Die und die Waffenrüstungen auf, immer furchtbarer wird die Drohung Flammen von Blut lodern. Nun wird der Sinnende endlich durch Gefühle, die Gedanken der Menschen flingen nicht friedensvoll des Weltkrieges, der über der Menschheit hängt. In fremde liebliche Kinderstimmen erweckt, nun sieht er das Licht des ineinander. Wie an den Alltagen des haftenden Erwerbes der Bonen ist man gefahren, fernen Menschenstämmen nahm man Land Weihnachtsbaumes, das Auge wird hell und er spricht zu Weib und Mensch dem Menschen ein Fremdling gewesen, Fremblinge sind sie und Gut. Nun müssen in öben Sandwüsten Afritas deutsche Soldaten Kind: Ich sah in düstere, blutige Nacht, aber es glimmt das Licht, einander unter dem Lichterbaum, Fremdlinge werden sie einander durch Seuche und im Gefecht zugrunde gehen. Immer neue das die Sonnenwende kündet, die Geburt des neuen Tages, ber bleiben vom nächsten Tage, der den Schein des Friedens ablegt und Soldatentransporte, immer neue Berlustlisten, aber in der Reichs- neuen Zeit. den alten Streit aller gegen alle erneuert. hauptstadt feiert man rauschende Feste! Und im fernen Osten ein Neues Hoffen entfacht das Weihnachtslicht im Kämpferheer der Die da in den Palästen und stattlichen Häusern Weihnacht entsegensvolles Ringen zweier Völker, deren eines sich auch ein arbeitenden Menschheit. Alte Festgedanken vom Wiederaufstieg des feiern, heißen sich Christen, aber wie wenige unter ihnen sind„ chriftliches" nennt und dessen Herrscher die Einleitung des Welt- Sonnenballs, von der Geburt des erlösungsmächtigen Gottessohnes bemüht, sich in die Lehre, der sie in Worten huldigen, einzudenken. friedens verkündigte, das aber räuberisch Land um Land an sich riß sind wiedergeboren im Geiste der Gegenwart, in den Jdealen des Den meisten ist das Weihnachtsfest das Fest der Geschenke und der und statt der Rüstungsverminderung ungeheure Rüstungsvermehrung Sozialismus. reichlichen Mahlzeit. Es ist auch ein Fest für die Kinder, die mit herbeiführte. Zehntausende Menschen fallen in einer Stunde vor Aus der Krippe wieder kommt der Menschheit neue Botschaft. übermäßigen Gaben überschüttet und zu eben der Gedankenlosigkeit den Feuerschlünden der Kanonen, Minen explodieren Menschenleiber Die Armen und Bedrückten sind wieder die Wegweiser der Menschaufgezogen werden, in der die älteren behaglich genießen. Kein zerreißend, Panzerschiffe, deren Erz der Bergmann mühselig aus dem heit, doch sie bauen nicht auf Legende und Dogma, sie bauen auf hoher Gedanke bewegt dies Feiern! Schoß der Erde geschürft, finten im Augenblick in die Flut und die Errungenschaften der Wissenschaft und Vernunft, sie bauen auf Mancher freilich folgt der Kirchenglocke und läßt sich vom Geist menschliche Arbeit liegt wertlos auf dem Grunde der See. Blutiger das unauslöschbare Streben nach der menschlichen Vervollkommnung. lichen ein erbaulich Wort erzählen von der Geburt des Erlösers und Schrecken raft durch die Menschheit, da die Glocken ertönen: Frieden mittel der Gewalt find aufgeboten, um die Zukunft zu erschlagen, Wohl wehrt sich das Dunkel gegen das neue Licht. Tausend von der Verkündigung des Engels: Siehe, ich verkündige Euch auf Erden! große Freude, die allem Volle widerfahren wird." So hat der che fie zum Leben erivedt wird, tausendfache Lift und Tüde ift fromme Bürgersmann seine Pflicht getan und beruhigten Gewissens darf er zurückkehren zu seinem weltlichen Treiben, das nimmer allem entfeffelt und die Witzigsten der Pharifäer mühen sich, mit Bolte Freude gebracht. geringen Späßen das Wachsen einer neuen Menschheit zu hemmen. Aber das gewaltige Wollen, das im Arbeitervolle lebt, ist nicht zu erbrüden, ist nicht zu überlisten und nicht vom Lachen ungläubiger Toren zu entweihen. Hunderttausende, Millionen kämpfen Menschlichkeit. Es soll eine Zeit gewonnen werden, da nicht ber mensch den Menschen auszehrt und vernichtet, da jeglicher des anderen Recht achtet und in freudiger Eintracht alle an der Arbeit der Menschheit wirken.
Klasse hat sich über Klasse erhoben, Millionen find in ben Staub des Elends geworfen, damit Tausende in den heiteren Höhen atmen. Die Arbeit, die Aufgabe der Menschen ist zur Stlaberei um Lohn entwürdigt. In maßlofer Ueberarbeit, in nervenerschütternder Teilarbeit müssen die Menschen sich erschöpfen; in reichender Nahrung, die schmählicher Bucher frevelhaft verteuert, müssen sie den Hunger stillen. Siechtum zerstört die Leiber in der Blüte der Jahre, betrogen um Jahrzehnte des Lebens wird der Proletarier zu Grabe getragen.
Der Frommen Frömmfte aber, am hohen Festtage milde gestimmt, zeichnen Beiträge für den neuen Stirchenbau; eingebent der Mahnung eines begnadeten Gottesmannes zeichnen sie nicht unter fargen Hütten luftlos und lichtlos müssen sie hauſen; von unzu von Tag zu Tag für das Werden einer neuen Epoche, einer höheren
200 Reichsmart, daß sie sauber im goldenen Buch vor den Herrscher des Landes gebracht werden und daß fie fich nicht minder der Gunst ihres himmlischen Herrschers versichern.
Die Arbeit ist vertrieben vom Erbe der Wissenschaft
Das ist die geweihte Nacht der sich Christen Rennenden. Man denkt voll Rührung des Zimmermannsfindes in der Stallkrippe, doch Noch deckt die lange Nacht das winterliche Land. Aber das beffer ist es, in Wohlleben und Schwelgerei den Leib zu pflegen und und Kunft. Die Herrschenden haben die Bildung, um sie zu ver- Licht vom immergrünen Nadelbaum erhellt die Wirren der GegenArmut und Demut, Stall und Krippe anderen zu lassen. fälschen und zur Festigung des Unrechtes auszubeuten. Die wart und leuchtet verheißungsvoll in die Zukunft. Für diefe Bu Die Anderen feiern auch Weihnachtsfest, ein anderes Arbeitenden dürfen nichts ahnen von der befreienden Wahrheit, die funft zu wirken in aller Begeisterungskraft, das ist das weihWeihnachtsfest. Klein ist der Wohnraum, schmächtig der Rabel- Denterweisheit gefchaffen, von den Schönheitswerten göttlicher nachts- Gelübbe der Arbeiterflaffe! baum; oft blaß und überarbeitet die Kinder, denen Vater und Mutter Dichter, die erst dem menschlichen Leben Lebenswert geben. aus mühselig erfparten Mitteln billig erstandene Gaben reichen. Aber Dunkle Gewalt bedroht selbst die dürftige Schule bes Boltes, in jenen weiten hohen Räumen des Wohlstandes ist der Geist uraltes Dogma soll die kindlichen Geister ertöten und das Volk zu unwahr und enge, in diesen engen Wohnftätten der Arbeit ringen geistiger Bedürfnislosigkeit zähmen. Eine Lehre der Liebe soll zur die Herzen nach weitem Fühlen, streben die Geister in hohen Flügen Entfachung fanatischen Hasses mißbraucht werden, auf daß die Macht zu erhabenen Menschheitsgedanken! der Kirchengetvalt gesichert ist.