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Die Expedition ist an Wochen- tagen bi» 7 Uhr abend«, an Sonn- und gesttagen bi» 8 Uhr vormsttag» geossnet. Telegramm-Adresse: SialaliUiMkrat Bwli»". Zentralorgan der fozi aldem ohrati fchen Partei Deutfchlands. Redaktion: 8 Cd. 68, Lindenstraose 69. Fernsprecher: Ami IV, Nr. 1S8Z. Donnerstag, den 29. Jnni 1905. Expedition: SRI. 68, Lindcnetraesc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Der Zar und fein Volk. tVon unserem Korrespondenten.) St. Petersburg , 24. Juni. Der Zar stand bleich und still im Alexandriapalast und hörte schweigsam der Rede des Professors Trubetzkoi zu. Der Professor, ein langer, hagerer Mann mit scharfem Blick und klarer Stimme, beschrieb so deutlich er konnte die Not des Bauerntums, versicherte den Kaiser, daß nur die Anarchie in seinem Kaiserreich herrsche und bat ihn im Namen eines Volkes, das der Verzweiflung nahe, endlich den Trotz des Absolutisnms aufzugeben und durch Einberufung einer Volksvertretung Ordnung im schwer geplagten Lande zu schaffen. Wer keine Verfassung nach Bulyginschen» Rezept wollte dieser Pro fessor aus Moskau . Eine echte Verfassung, als Mittel zur Be- freiung des Volkes von politischer Unterdrückung wäre der einzige Ausweg. Und darauf fing Trubetzkoi an, dem Herrscher aller Reußen einen populären Vortrag über Verfaffungskunde zu halten. Zum erstenmal gewiß in seinem Leben hatte der Zar einen solchen Vortrag gehört und ob der Sinn ihm trotz aller Deutlichkeit der Auslegung doch ganz verständlich war. blieb bis jetzt unbekannt. Aber geantwortet hat er und seine Antwort läßt keine Zweifel in bezug auf seine wahren Absichten übrig. Eine Volksvertretung will er freilich haben. Ihm und seinen Ministern, selbst dem Diktator Trepow, ist es ganz offenbar geworden, daß es un- möglich ist. das Land ohne Hülfe einer Volksvertretung zu beherrschen. Der Bureankratismus ist durch den Krieg endgültig verurteilt worden. Nicht mir um die öffentliche Meinung zn be- ruhigen, nicht nur um die Zweifel ausländischer Geldgeber zu zer- streuen, sondern auch um die administrative Tagesarbeit in einer annähernd befriedigenden Weise auszuführen, muß der ZariSnius tüchtige, vom Volke anerkannte Vertreter heranziehen. Trepow ist Soldat und kümmert fich wenig um politische Prinzipien, aber auch er hat neulich die Meinung ausgesprochen, daß die Staatsgewalt sich nur auf einer Volksvertretung gründen kann. So entwickelt man in Regierungskreisen eine neue Staatstheorie. Seit Peter dem Großen ist die russische StaatsformAbsolutismus plus Bureaukratie" gewesen, von jetzt an soll die Formel lauten: Absolutismus plus Volksvertretung" und die ganze Welt soll dieses originelle Produkt echt russischer Prinzipien bewundern. Dabei wird die Regierung das ihrige bekommen und das Volk das seinige, alle werden zufrieden sein und in nichts wird die Ruhe der Gespenster des alten Rußlands gestört werden. Das war der Sinn der kaiserlichen Rede. Eine Antwort auf Trubetzkois Rede war sie nicht und konnte sie nicht sein, da ihr Text vor dem Empfang schon festgestellt worden war. Aber die Scmstwomänner hatten um eine Audienz gebeten. Aufrührer des Volkes waren sie gewiß, aber doch Edelleute, einige von ihnen mit formell mehr Recht auf den Thron, als der Nikolaus selbst. Von ihnen war keine persönliche Gefahr zu erwarten. Das Volk kannte sie und hatte zu ihnen Vertrauen. Warum denn sie nicht empfangen I Die Audienz würde dem Zaren doch Gelegenheit geben, einige klug gewählte Worte zu sagen, und als Resultat gäbe es vielleicht ein Ende des ewigen Lärms. «Der Zar war zufrieden", sagt der offizielle Bericht. DaS ist möglich, aber die Semstwomänner waren nicht zufrieden und das Volk ist weit davon entfernt, zufrieden zu sein. Einige Zeitungen, wie dieNowoje Wremja" und dasSlowo ", schrien laut vor Freude. nannten die Audienz ein Ereignis von großer historischer Bedeutung und wollten darin den Anfang der Erneuerung Rußlands sehen. Andere Blätter waren nicht so vorsichtig, deuteten des Zaren Worte in einem konstitutionellen Sinne oder verhielten sich dem ganzen Ereignisse gegenüber kühl und skeptisch.Warum", fragte eines Tages ein Zensor den Redakteur einer Petersburger Zeiwng,warum haben Sie kein einziges warmes Wort über die Rede Sr. Majestät geschrieben?" Skeptisch war man im allgemeinen. Der ganze Vorgang war unverständlich. Zwei Wochen vorher war der Semstwokongreß ver- boten und nach Befehlen aus Petersburg sollten die Versammelten auseinandergetrieben werden. Und jetzt wollte der Zar diese Ver- schwörer in feierlicher Audienz empfangen l Er wollte Petmmkewitsch empfangen und Rodytschew, die er selbst wegen ihres polittschen Freisinns schwer gestraft hatte! Rein! Es muß etwas dahinter stecken. So schnell trennt sich die russische Regierung nicht von ihren lieben Sünden. Und wenn man genauer zusieht, was ist bei der Audienz eigentlich geschehen? Der Zar hat eine gesunde Rede gehört. Aber was hat er selbst gesagt? Er hat sein Versprechen wiederholt, dabei aber hat er betont, daß die Volksvertretung, die da kommen sollte, die nationalen russischen Prinzipien nicht verletzen müßte, in anderen Worten, der AbsoluttsmuS bleibt unangetastet. Und wetter nichts I So fuhren die Semstwomänner mißmutig nach Hause, dieGesellschaft" gähnte in Badeorten und Kurorten vor Langeweile, und das Boll wartete, sehnsuchtsvoll und beinahe ver- zweifelt, auf sein Heil. Am Dienstag verließen die Semstwo -Abgeordneten die Hauptstadt. Am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag las der Zar Zeitungen und war sehr unzufrieden. Das, was die Zeitungen ihm zuschrieben, hätte er gar nicht gemeint. So gab er Befehle au« und seine Diener erfüllten sie. Die ganze Preffe erhielt ein Rundschreiben, welches ausdrücklich erklärte, daß des Kaisers Worte nicht in dem Sinne zu verstehen wären, als ob er eine Konstitution nach wesllichem Muster einführen wollte. Am besten wäre es, dje Rede nicht zu kommen» tieren, wenn aber Kommentare unumwendlich erscheinen sollten, so müsse daran erinnert werden, daß der Kaiser keine Beschränkung des AbsoluttSinuS versprochen hätte. Das zunächst! Aber Rundschreiben kommen nnd gehen, und man vergißt fie. Strengere Maßnahmen worsn nötig. So hat Bulygin die.Ruß" aus einen Monat - suspendiert. Weshalb, weiß eigentlich niemand. Trepow selbst wußte !es nicht, und als er die Nachricht imReichsanzeiger" las hat er einen Boten an die Redaktion desRuß " geschickt, um die Gründe zu erfahren. Aber niemand konnte Auskunft geben Jetzt sagt man, der Grund sei der. daß dieRuß " in einem Lcitarttkel über die Audienz den Plehwe beleidigt habe. Die Ge- spenster wollten doch nicht in Ruhe bleiben! Die Presse, sagte der Zar, hat alle Schranken gesprengt. Und vielleicht war dieRuß " ausgelassener wie andere und verdiente vom Standpunkt der Regierung eine Strafe. AberNafchaschisn" undSyn Otetschestwa"? Die waren fteilich schon lahmgelegt worden Allabendlich wurden ihre Redatteure von den Zensoren an die Grenzen ihrer Befugnisse erinnert, allabendlich mußten sie Arttkel, Bemerkungen, Tageschronik dem Zensor vorlegen, und wenn er Phrasen, Para graphen, schbst ganze Arttkel wegstrich, mußten sie es eben leiden und mit schwerem Herzen die Nummer, sowieso aus minderwertigem Material, aufs neue zusammenstellen, damit die Abonnenten am folgenden Morgen für ihr Geld einige Brocken Wahrheit bekommen konnten. Wenn der Zensor gutmütig war, konnte man mit ihm verhandeln, aber ans dem Zensor lastete stets ein Druck von oben und was er selbst oft verzeihen wollte, konnte er seiner Stellung wegen nicht ver- zeihen. Unter solch' schweren Bedingungen erschienen diese kühnsten von den Petersburger Blättern, nachdem fie je auf drei Monate verboten worden waren. Trotz aller Sorgfalt, trotz aller Ver- Handlungen wurde oft genug eine Numnier konfisziert. Ihre Existenz konnte kaum schlimmer sein. Doch am Freitag fing man an, die Folterschraube noch mitleide loser anzuziehen. Es rief zu fich die unglücklichen Herausgeber der Direktor der Behörde für Preßangelegenheiten.Sie müssen sich in Acht nehmen!" sagte er ihnen.Bon jetzt an wird es Ihnen noch schwerer sein, Ihre Blätter in der von Ihnen gewählten Richtung zu leiten. Die Zensoren bekommen jetzt die Vollmacht, wegen eines einzigen Wortes, wegen einer einzigen Phrase eine ganze Nummer zurückzuhalten und Sie, meine Herren, werden nicht mehr die Möglichkeit haben zu verhandeln. So rate ich Ihnen sehr mäßig zu sein und den Zensoren keinen Anlaß zu geben, Ihnen einen materiellen Verlust zu verursachen."Nun", antwortete einer der Herausgeber,wenn dem so ist, dann schließen Sie lieber unsere Zeittmgen gleich zu, denn bei solchen Bedingungen sind wir hülfloS I" Aber der Zensurdirektor, obgleich selbst ein gutmütiger Mensch, war angesichts des kaiserlichen Befehls unerbittlich. GegenNascha schiSn" undSyn Otetschestva" ist das Todesurteil ausgesprochen und ihr tapferer Kampf wahrscheinlich bald zu Ende, Jetzt erwartet man. nicht mit Hoffnung, nur mit einer gewissenlauen Neugierde, die Veröffentlichung der bureaukratischen Scheiukonftitution. Nachdem was wir jetzt von ihr wiflen, Ivird sie nur einen neuen Anlaß zu schweren Unruhen bilden. Denn das russische Volk wacht auf und es läßt nicht mehr mit sich spielen. Die Stillegung des Bergarbeiterschutzes. Fürst Bülow hat nuninehr das Anrecht auf den Herzogtitel. Sieg drängt fich an Sieg. Auch die Bergarbeiternovelle hat er den widerspenstigen Konservattven und dem rebellierenden Herrcnhause abgerungen. Man kann dem Reichskanzler und Ministerpräsidenten das Verdienst nicht abstreiten, daß er es versteht, Siege zu erringen durch Preisgabe der Positionen, Gesetze anzunehmen, die das Gegen teil von dem sind, wa« sie vorstellen sollen. Fürst Bülow hat unleugbare« Talent, Gesetzes schalen zu sammeln, nachdem seine Gegner die Frucht selbst verzehrt haben. Er hat Handels- Verträge gegen den Handel, Kanalvorlagen gegen den Verkehr durch gesetzt und nun ist es ihm auch gelungen, eine Bergarbeiterschutz Novelle zu behaupten, in der zwar nicht die Bergarbeiter, aber die Unternehmer geschützt werden. Nach den eiftigen, persönlich mit Hochdruck betriebenen Unter- Handlungen mit den obstinaten HerrenhäuSlern war es nicht mehr zweifelhaft, daß die Herren die gänzlich ungefährlich gewordene Bergarbeiternovelle um des Grafen Bülow schöner Augen willen schließlich schlucken würden. In einer langen Sitzung hat man am Mittwoch im preußischen Herrenhause, dieser merkwürdigen Zwischen- anstatt zwischen einem menschenähnlichen Parlament und der Herren- stube eines ostelbische» Gutsbezirkes, alle drei in das Gebiet des Bergrechtes schlagenden Novellen auf einmal erledigt, und man ließ sich selbst durch die von: Präsidenten feierlich festgestellte, infolge der Länge der Sitzung herbeigeführte körperliche Schwächung nicht abhalten, die ganze Materie in einem Zuge aufzuarbeiten. DaS Bergarbeitergesetz und das Mutungsgesetz wurde un- verändert gemäß den Beschlüssen deS Abgeordnetenhauses an- genommen, das einzige inhaltlich etwas bedeutende Gesetz aber, die Zechen st illegungsvorlage wurde von der tapfere» Re- gierung in einer kläglichen Erklärung des Herrn Möller zurück- gezogen; er soll seine Rache fürHibernia" nicht haben. DaS Kohlensyndikat kann nach Herzenslust weiter die Zechen und den Arbeiterschutz stillegen. Mit diesen Beschlüssen ist in der Tat die ganze Reform des Bergrechtes und insbesondere auch der Bergarbeiterschutz für ab- sehbare Zeit stillgelegt. Ein gut Teil der vornehmen Gesellschaft der Hoskonservativen war aufgeboten, um die nur noch deS Scheines halber redende Opposition der Herrenhäuslerniederzuwerfen". Fürst Bülow selbst verteidigte noch einmal den Entwurf, nachdem Botho v. Eulenburg schon in einer ganz angenehm an- zuhörenden, eleganten, wenn auch durchaus inhaltsarmen Rede die Argumente und die Betrachtungsweise des Reichskanzlers und wohl auch die Stimmungen, die gegenwärtig in den maßgebenden Kreisen herrschen, im voraus wiedergegeben hatte. In der ganzen Debatte wurde kaum irgend einmal die Berg- arbeitervorlage aus sozialpolitischen Rücksichten verteidigt. Alle waren einig darin, daß die Regierung einen schweren Fehler gemacht habe, weil fie die Vorlage überhaupt eingebracht habe, alle schalten die Tendenz dieser Gesetzgebung, aber die große Mehrheit stimmte dennoch zu, aus der gemütlichen Erwägung: Der Bülow hat nun mal die Dummheit gemacht und da die Vorlage, wie ein Redner bemerkte, dieöffentlichen Interessen" d. h. die Interessen deS Unternehmertums nicht verletze, so mag man sie annehmen. Man berief sich auf die Autorität der Regierung, die nicht erschüttert werden dürfe; man hoffte, die christlichen Arbeiter, deren neuer- liche Gemeinschaft mit dem politisch anders gesinnten Proletariat man väterlich mißbilligend vermahnte, durch das Gesetz zuftieden- stellen zu können; und schließlich wollte man der Sozialdeniokratie das Wasser abgraben. Es beweist die ganze Unerfahrenheit der Regierung und des Herrenhauses nttt den Sttmmungen des Proletariats, daß man glaubt, durch die Durchsetzung eines für die Arbeiter wertlosen Gesetzes, die Massen irgend wie täuschen zu können. In Wirklich- keit hätte die Regierung sowohl wie das in erster Linie schuldige Zentrum sich aus S agitatorischen Gründen nichts Besseres wünschen können, als daß die Herrenhäuslerstark" geblieben wären und die Vorlage abgelehnt hätten. Dann würde man wenigstens den r ü ck st ä n d i g e n Arbeitern haben erzählen können, wie gut es die Regierung und wie edel eS das Zentrum gemeint habe; leider sei man nur an dem Widerstand deS Herrenhauses gescheitert. Dann wäre wenn auch nur für die nicht voll aufgeklärten Arbeiter, auf die man aber doch gerade rechnet nur die Mehrheit deS Herren- Hauses schuldig erschienen, während jetzt mit dem Herrenhaus auch die Regierung und das Zentrum vor allen Arbeitern auf der An- klagebank sitzen, die von dem Gesetz betroffen Iverden; denn die Wirkung der in Kraft gesetzten Novelle läßt sich nicht durch Redens- arten über den Inhalt weglügen, fie spürt jeder Arbeiter un- mittelbar und jeden Tag und jede Stunde wird er durch die Tat- fache des Gesetzes daran erinnert, welches Frevelspiel Negierung, preußischer Landtag und das arbeitersreundliche Zentrum mit ihm getrieben haben. Es ist eine schwer verständliche Einst chtslosigkeit die Schlauhett der Diplomaten ist in eutscheidenden Augenblicken immer dumm, daß man geglaubt hat, der Sozialdemokratie einen Schabernack zu spielen, indem man die Vorlage durchsetzte. Es ist der Sozialdemokratte selten eine schärfere Waffe in die Hände gespielt worden als die bloße Tatsache dieses Gesetzes; und aus rein agitatorischen Gründen müßten wir diesen Erfolg deS Fürsten Bülow aufrichtig und ehrlich begrüßen. Es ist lediglich das fach- liche Interesse an der getäuschten Arbeiterschaft, das uns zum schneidenden Protest und zu hartnäckigem Kampfe gegen diese unter der Form eines ArbeiterschutzgesetzeS besiegelte Sttllegung des Arbeiterschutzes zwingt. Wir sind aber insbesondere sicher, daß wir nicht falsch prophezeien, wenn wir behaupten, daß mit der Jnkraft- setzung dieses Gesetzes gerade die Aufklärung der christlichen Arbeiter über die brutale junkerlich- kapitalistische Klassenpolitik Preußens und des preußischen Landtages vollendet werden wird. Dkuß es doch allein schon aufreizend wirken, daß bei den ersten Ausschutzwahlen auf zahlreichen Gruben, wo während des StteikS die formelle Löschung der Streikenden aus der Arbeiterliste erfolgt ist, niemand außer den Arbeitswilligen daS aktive und passive Wahl- recht besitzen wird. Auch sonst ist gerade das neue Gesetz. daS keinem nahrhaftes Brot bietet, eine Quelle dauernder Reizung und er- regenden Konfliktes. Das Studium der Herrenhansverhandlungen, die schließlich zur Annahme des Bcrgarbeitergesetzes führten, wird ein übriges tun. Ein fanattscher Haß gegen das demokratische Wahlrecht und den Reichstag durchzog alle Reden. Nicht ein Redner zeigte auch nur die Anfangsgründe sozialer Einsicht. Die Autorität der Regierung, die man angeblich schützen wollte durch die Zustiinmmig zum Gesetz. wurde durch die Reden in der beleidigendsten Form vernichtet. Eine Größe aus der Vergwerkswelt, wie der Herr Vopelius, behandelte den unglückseligen Handelsminister wie einen un- wissenden und unwahrhaftigen Schulbuben. Die intensiv wachsende Abneigung gegen die Arbeiterbewegung der Freiherr v. Manteuffel kennt nur eine Kategorie von guten Arbeitern: die arbeitswilligen Stteikbrecher wurde von den Rednern aller Richtungen in schärffter Form ausgesprochen; was ein paar Professoren schüchtern einwandten, verstärkte nur die Wirkung dieses MaffenaufstandeS der Herren gegen Arbeiterbewegung und Sozial- Politik. Was die gebildeten Herren noch in zivilisierter Form verhüllt aussprachen, das polterte der Graf R von, der wie ein Wanderredner des ReichSverbaudcS gegen die Sozialdemokratte in vorgerückter Stunde schrie, plump und offen heraus. Das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht ist unser Unglück, lärmte er; wir haben uns in eine schmachvolle Defensive von dem Umsturz drängen lassen. zürnte er; jetzt wolle man den Arbeitern neue Konzessionen machen, während man doch die von derUmsturz- und Judenpresse" so genannte Zuchthausvorlage dem alten Hohenlohe vor die Füße geworfen habe. Durch die grobe Offenherzigkeit des Grafen Roon fühlten sich zwar die vorsichtigeren Herren offenbar kompromittiert, aber was er sagte, entsprach durchaus der Volksseele des ganzen Hauses. Ein lustiges Zwischenspiel führte schließlich auch in die fast schon legendär scheinenden Anfänge der christlich-monarchischen Sozial- Politik des Deutschen Reiches zurück. Graf Mirbach wiederholte eine in derKreuz-Zeitung " vor einiger Zeit veröffentlichte Mit- teilung, daß Fürst Bismarck im Grunde gegen das erste Alters- und Jnvaliditätsgesctz gewesen sei, und daS Scheitern, das von 2V Stimmen abhing, gar nicht ungern gesehen hätte. Der vom Schau- platz verschwundene Führer der Hofkonservativen Herr v. Helldorff rmd der alte Mnister Bismarcks Herr v. B ö t t i ch e r protestierten zwar gegen die Erzählung Mirbachs, aber da man keine» Grund hat,